Das Atlas Mountain Race 2020 – Mein Tagebuch der Erstaustragung (Teil 1 von 2)

I publish my Atlas Mountain Race Journal bi-lingual. Looking for the English version? Head over here.

Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen.

Und Junge, was habe ich für eine Reise hinter mir.

Eine Rennreise natürlich mal wieder. A Race Journey – dieser seinerzeit in einem tollen Video zu einem früheren Transcontinental Race geprägte Begriff, der so gut beschreibt, was die Teilnahme an Selbstversorger-Bikepacking-Rennen im Kern und im übertragenen Sinne ist. Ein Rennen. Na klar. Aber auch eine Reise. A Race Journey.

Eine solche führte mich im Februar diesen Jahres nach Marokko und durch das Atlas-Gebirge. Ich nahm an der Erstausgabe des Atlas Mountain Race teil. Einem Selbstversorger Rad-Rennen über 1145 Kilometer von Marrakesch über den Hohen Atlas und durch die Steinwüsten des Anti-Atlas bis an die Atlantikküste südlich von Agadir.

Anders als die mittlerweile schon vielen anderen Bikepacking-Rennen, an denen ich teilgenommen habe, ging es in Marokko meistens abseits von befestigen Straßen und Zivilisation über Stock und Stein und durch entlegene Gebiete. Teilweise einen ganzen Tag lang, ohne das eine einzige Versorgungsmöglichkeit auf dem Weg lag.

Euch erwarten:

  • Wüsten
  • Drama vor und während des Rennens
  • Berber-Gastfreundschaft
  • Schicksals-Entscheidungen (sagte ich schon Drama?)
  • unfahrbares Terrain
  • unglaubliche Landschaften

und die Geschichte einer Lanterne Rouge.

1. Einleitung:

Marokko! Nord-Afrika! Der Hohe Atlas! Mein erstes Rennen außerhalb Europas. Wow! So waren meine Gedanken und so habe ich es ja schon kurz beschrieben, als ich hier in meinem Blog freudig kund tat, dass ich einen Startplatz für die Erstaustragung des Atlas Mountain Race bekommen hatte.

Ein großer Bestandteil bei Bikepacking Rennen ist ja die Vorbereitung. Da von Vorfreude zu sprechen, tut diesem Aspekt großes Unrecht. Die Vorbereitung ist reale Freude und sie gehört zu einem guten Rennen dazu. Ist also nicht vorgelagertes Geplänkel sondern unmittelbarer Erfolgsfaktor und bereits Teil des Rennens. Ein passendes Sprichwort hier ist das englische „Fail to prepare is to prepare to fail“. Übersetzt in etwa: versagst du es, dich vorzubereiten, bereitest du dich auf dein Versagen vor.

Und mich mit Karten, Topographie, dem zu bereisenden Land und auch der Ausrüstung zu beschäftigen, macht mir einfach riesigen Spaß. Und so stürzte ich mich auch über den Winter in die Vorbereitung. Bikepacking-Erfahrung habe ich ja jetzt. Aber vorrangig auf der Straße und auch durch Europa. Jetzt galt es, ein Offroad-Rennen vorzubereiten. Also völlig anderes Terrain. Nicht nur vom Untergrund her, sondern auch von der Landschaft und deren Herausforderungen. Ein arides Steinwüstengebiet ist nochmal was ganz anderes als Mitteleuropa, wo der nächste Ort, der nächste Supermarkt und die nächste Tanke vielleicht nur 10 Kilometer entfernt ist – auch wenn der Untergrund vielleicht in Teilen genau so steinig und schwer befahrbar ist.

Über Zelt oder Biwaksack und Radauswahl habe ich mich ja schon ausführlich ausgelassen. Hier und hier.

Und ein paar weitere, eher technische Sachen und Besprechung von Ausrüstung werde ich noch in künftigen Beiträgen geben. Hier nur soviel: Rad und Übernachtungsausrüstung haben sich bestens bewährt. Gerade mit meiner Radauswahl, ein XC Racefully mit 100 mm Federweg vorne und hinten, das Rose Thrill Hill, hätte ich nicht glücklicher sein können.

Training? Gehört ja auch zur Vorbereitung. Tja, hier bin ich typischer Rennradfahrer. Als solcher hat man ja nie genug trainiert und es hätte deutlich besser laufen können. Hätte es auch ganz objektiv in der Tat. Konnte ich doch erst Mitte Dezember wieder in das Training einsteigen. Davor war ich von Mitte Oktober an quasi 2 Monate kalt gestellt. Aus einem tollen Trans Pyrenees Race kommend (finde den entsprechenden Beitrag hier, er ist aber nur in Englisch verfügbar) ruhte ich mich erst 2 Wochen aus und wollte dann langsam wieder loslegen, als mich eine ganz veritable Grippe komplett lahm gelegt hatte. Sowas hatte ich noch nie. Weder so heftig noch so lange. Nun ja. Sei es wie es sei.

2. Bibbern bis zur Startlinie und Alternativpläne (die fast hätten herhalten müssen)

Der Startplatz ist ergattert, das Training läuft. Was kann jetzt noch schiefgehen? Oh, meine Güte. Jede Menge! Das ist mir stets bewusst. Zu den üblichen Dingen, die mich schon bei Sommer-Rennen nervös machen – „Geht’s jetzt endlich los?“ „Ich will doch endlich nur an der Startlinie stehen und losfahren können.“ – und immer, bloss kein Infekt kurz vor Start, bitte, bitte. Inklusive einer Abneigung für soziale Kontakte oder große Termine kurz vorher, kam jetzt die Gewissheit: Ein Rennen Mitte Februar. Mitten in der Erkältungssaison. Da kann man nichts für garantiert nehmen. 50:50 Chance, genau da gesund zu sein. Und bei mir ist das nicht wie vielleicht bei manchen von euch, die ihr auch mit Husten oder Schnupfen an den Start solcher Events gehen würdet (denkt an euer Herz!) oder die einfach nur 3 Tage Couch brauchen und dann wieder fit seid. Nope – wenn ich mir einen grippalen Infekt zuziehe, dann habe ich von den ersten Symptomen bis zum völligen Abklingen und damit überhaupt auch der Möglichkeit einer sinnhaften Wiederaufnahme des Trainings (ganz zu Schweigen von einem Wettkampf) 14 Tagen damit zu kämpfen. 

Große Teile der Weltbevölkerung lernte in den vergangenen Wochen erst, was es heisst, wenn ihre eigene Lebensqualität bzw. Gesundheit / Überleben, davon abhängt, einige wenige simple Dinge zu befolgen. Öfters die Hände waschen, sich vor potenziellen Infektionsherden fernhalten (was im Winter bedeutet, möglichst wenig mit größeren Menschengruppen in Kontakt zu kommen, weil da immer irgendwelche Blödmänner dabei sind, die sich krank zu Arbeit oder sonstwohin schleppen), ausreichend Schlaf zu bekommen und sich Gesund zu ernähren. Willkommen in meiner Welt bzw. der Welt von Profi-Radsportlern. Der ich ja beileibe nicht bin. Aber wenn bei euch wie bei mir schon bei normaler Erkältung die komplette Unfähigkeit, das zu tun was ihr liebt, für 1/24tel des Jahres dahin ist (ein halber Monat), dann schaut ihr auch mit etwas mehr als kaum verhohlenem Unmut auf Leute, die schniefend und schneuzend in euer Büro kommen…

Langer Rede, kurzer Sinn: Bei aller Vorfreude war mir nur zu bewusst, dass es immer hätte passieren können, dass ich mir in den letzten zwei Wochen vor dem Rennen noch etwas einfange. Und dann? Flug ist gebucht, Marokko als tolles Sehnsuchtsziel ausgemacht und mit viel Vorfreude aufgeladen. Da kann ich dann nicht einfach zu Hause bleiben. 

Vielleicht wäre es mir dann wenigstens möglich gewesen, kurze Tagesausflüge zu unternehmen. Oder mit einem gemieteten Auto an Brennpunkte des Rennens und zu touristischen Attraktionen zu fahren. Und ich hätte meine Zeit schwerpunktmäßig auf das Fotografieren ausgelegt. Meine zweite große Leidenschaft. 

Fotografieren wollte ich aber auch so oder so. Die Landschaften. Aber auch den Nachthimmel. Vielleicht doch auch mal etwas mit geringer Schärfentiefe? Mit dieser Überlegung legte ich also meine Fotoausrüstung für Marokko noch etwas leistungsfähiger aus, als meine normale Kompaktkamera, die Sony RX100, die mich immer begleitet. So legte ich mir im vergangenen Winter die brandneu vorgestellte Olympus OMD E-M5 mkIII zu. Von mir schon viele Jahre sehnlich als würdiger Nachfolger für meine E-M5 mk I erwartet (und nein, die mk II war nicht interessant) und für das Mitnehmen auf dem Rad vor allem durch die kleinen Objektive viel besser als mein 35mm Vollformat-System, basierend auf der Sony alpha 7 II, geeignet. 

Ich würde in Marokko die Landschaft genießen. Und fotografieren. Komme, was da wolle! Hier war also schon mal ein Grundstein für etwas gebremstes vorankommen gegeben: die überwältigende Landschaft Marokkos, die mich, trotz aller Vorfreude und Vorbereitung auf das Land (und auch dem Race Spirit) vor Ort so dermaßen gebannt hat, dass ich teilweise 5 mal pro Kilometer angehalten und die Kamera gezückt habe, weil ich es so großartig fand… 

Schiefgehgrund Nr. 2: Kein Rad am Start.

So, das war also möglicher Schiefgeh-Grund Nr. 1. Was gibt’s noch? Natürlich muss man auch erst mal überhaupt zur Startlinie kommen. Wichtig: gemeinsam mit seiner Ausrüstung und seinem Rad.

Auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Vor allem nicht, wenn Fliegen involviert ist. Generell ist mir ja am liebsten, ich kann mit daheim fix und fertig aufgebautem Rad an den Start rollen. Kein Aus den Augen lassen. Keine Demontage. Also entweder direkt mit dem Rad zu Start. Oder mit dem Rad im Autokofferraum. Wenn das nicht geht, dann mit der Bahn (was oft nervig und schwierig ist). Und ganz ungern, aber hier nicht zu vermeiden, mit dem Flugzeug.

Da jegliches Umsteigen natürlich Fehlermöglichkeiten erhöht, versuche ich Anfang Januar einen Flug ohne Stop-Over zu buchen. Ob von Düsseldorf, Köln-Bonn oder sogar Frankfurt ist mir egal. Hauptsache Non-Stop. Es war schwierig. Einen ganzen Tag hat es benötigt, aber dann hatte ich endlich meinen Nonstop-Flug. Allerdings von Frankfurt. Leider auch zu einer sehr unchristlichen Zeit. Start um 7:30 Uhr hiess einchecken um 6 Uhr und daher bin ich sicherheitshalber mit meinem Auto schon in der Nacht angereist und verbringe die kurze Restnacht mit dem Schlafsack auf dem Beifahrersitz im Flughafenparkhaus. 

Um 7:30 Uhr am Donnerstag vor dem Rennen sitze ich halbwegs frisch im Flieger. Was anscheinend nicht frisch ist sind dessen Batterien und Triebwerke. Einige Wartezeit und Vorbeiwuseln von Lufthansa-Technikern durch den Passagierraum später heisst es dann: Wieder aussteigen. Der Flug fällt aus. Tja – schnell zum Serviceschalter und geschaut, wo mich die Lufthansa umbuchen kann. Ich bekomme einen Ersatzflug über Madrid nach Marrakesch. Na toll. Jetzt doch Stop-Over und kein frühes Ankommen in Marrakesch am Mittag, sondern Unsicherheit, Stress und nach der kurzen Nacht jetzt noch den ganzen Tag verdödeln und erst Abends ankommen. Und das, wie ich etwa 1 Stunde nach dem Landen in Marokko und nach meinem Geldumtausch lerne, ohne meine Fahrrad-Tasche…

Als ob ich’s geahnt hätte…

3. Willkommen in Marrakesh

Na super! Und jetzt? Anstehen beim Schalter für verloren gegangenes Gepäck. Erste Kontakte mit marokkanischer Bürokratie. Ausfüllen des entsprechenden Formulars und dann das Beste hoffen. Natürlich wird mir versichert, dass ich sofort kontaktiert werde, wenn meine Tasche auftaucht. Nein, es ist im System nicht feststellbar, wo sie ist. Mit dem Formular samt Telefonnummer, die ich dann am Folgetag öfters nutze und der Webadresse des Baggage Claim Service (die ich noch viel öfters nutze) verlasse ich mit meinem Rucksack den Flughafen. Mehr kann ich erst mal nicht tun. Jetzt will ich erst mal in’s Hotel. 

Mogador Kasbah, heisst es und es liegt in der Nouvelle Zone Touristique Agdal, etwas südlich der Medina. Es ist auch Startplatz und Ort der Registrierung. Ich hatte mir dort direkt ein Zimmer gebucht, als es von Nelson Trees, dem Renn-Organisator, an die Teilnehmer als Solches bekannt gegeben wurde. 

Als ich dort abends ankomme, treffe ich in der Lobby schon erste bekannte Gesichter. Wie schön! Das setzt sich dann am nächsten Morgen fort. Jetzt am Abend mache ich allerdings erstmal einen Supermarkt ausfindig. Es ist ein sehr großer Carrefour Markt im Erdgeschoss eines typisch europäischen Einkaufsareals mit Supermarkt, Elektromarkt und diversen Bistros auf drei Etagen. Etwa 10 Minuten fußläufig vom Hotel. 

Am folgenden Tag ist der Tag der Registrierung. Erst mal Frühstück vom schönen Buffet und Small Talk mit alten und neuen Freunden. Ich frühstücke mit Stephane, treffe bald Aleš, sehe Alex, lerne Magnus kennen, finde dann Martin und Tobias, die von ihrem Hotel in der Medina angekommen sind und gehe dann entspannt mit Martin, Tobias, Markus, Robert und Max am frühen Nachmittag in der Einkaufszone essen. Äußerlich. Innerlich muss ich natürlich ständig an mein Rad denken. Auf der Webseite tut sich nichts. Kein Hinweis auf Fund oder Aufenthaltsort meiner Tasche. Per Telefon kann man mir auch keine Auskunft geben. 

Das Racebriefing am Nachmittag kommt, und ich habe immer noch kein Bike. Wenn das Rad nicht rechtzeitig kommt, was bleiben mir für Alternativen? Etwas später starten? Blöd – aber muss wohl. Mir ein Rad leihen? Atlas Sport in Marrakesh schein ein sehr guter Radladen mit modernem Material zu sein. Von dort ein Mountain Bike leihen? Aber – natürlich sind auch alle meine Taschen, meine gesamte Ausrüstung und auch Schuhe, Hosen und Helm ebenfalls in der Rad-Tasche… das würde also so nicht helfen. 

Endlich! Mein nächster Anruf bringt gute Neuigkeiten. Natürlich wurde ich nicht angerufen und ohne Eigeninitiative wäre ich nicht weiter gekommen. Ich erfahre, dass mein Rad mit einem Nachtflug von Madrid aus ankommen würde. Haltet euch fest: voraussichtliche Landezeit um 01:30 Uhr in der Nacht! 

Uff! Aber jetzt habe ich ein Ziel. Ich versuche mehr recht als schlecht, abends schon am 20:00 Uhr vorzuschlafen. Der Verkehr vor dem Hotel ist laut und meine Ohrenstopfen sind natürlich beim Rest meiner Ausrüstung in der Radtasche. Um 1 Uhr fahre ich mit einem Taxi zum Flughafen. Als ich vom Abflugeingang durch den ganzen Flughafen gehend (vorbei an zwei Wachposten) durch die Gepäckankunftshalle marschiere, sehe ich schon am entfernten Ende meine Radtasche, wie sie hineingeschoben wird. Super – das ist meine, sage ich dem Offiziellen, der von der anderen Seite ankommend dort steht. Aber einfach so mitnehmen ist natürlich nicht. Erst mal muss mein Fall offiziell abgeschlossen werden. Dazu muss sein Vorgesetzter kommen. Der das nach 10 Minuten auch endlich tut. Immerhin. Es ist mitten in der Nacht und er erläutert mir, dass er das nur ausnahmsweise für seine Kollegen, die für die ausländischen Fluggesellschaften zuständig – aber nicht vor Ort – sind, macht. Weitere 10 Minuten später kann ich endlich mit meiner Radtasche den Flughafen verlassen. 

Ab mit dem Taxi zurück ins Hotel und sofort mit dem Aufbau beginnen. Stück für stück das Rad zusammensetzen, kniend im Hotelzimmer und mit einem verbogenen Hinterrad-Bremsrotor kämpfend. Wahrhaftig nicht die beste Nachtbeschäftigung unmittelbar vor dem Rennen. In weiser Voraussicht hatte ich mir am Mittag im Carrefour noch eine kleine Kombizange gekauft. Die war jetzt Gold wert. Trotzdem schaffte ich es nur mehr schlecht als recht, die hintere Bremse schleiffrei zu bekommen. Glücklicherweise war sonst alles andere unbeschädigt und um 5 Uhr 30 stand es fix und fertig aufgebaut und mit allen Taschen versehen im Hotelzimmer!

Jetzt waren es allerdings nur noch dreieinhalb Stunden bis zum Start um 9 Uhr! Noch schnell anderthalb Stunden gedöst und dann schnell Morgentoillette, in die Radklamotten gestiegen, runter in den schon fast leeren Frühstückssaal und dann wieder hoch, Rad geholt und zur Startlinie gerollt. Erster und einziger Bikecheck nach dem Aufbau. Rollt. Gut. Hinterradbremse. Schleift nicht. Auch gut. Scheint zu klappen, musst also doch nicht nach 300 Metern aus dem Peloton ausscheren und erst mal zum Radladen fahren, denke ich. Und bevor ich noch was weiteres denken kann, ist auch schon Rennstart! On time! 

4. Stint 1: Vom Start bis zum CP 1 – Try Walking in my shoes

Rund 180 Teilnehmer rollen hinter einer Polizeieskorte los. Die meisten als Solofahrer, etwa 18 als Duos in der Paarwertung. Ungefähr so kennt man es auch von anderen Rennen. Es gilt zunächst auf neutralisierter Strecke aus Marrakesh hinausgeführt zu werden. Anders als so manch andere Rennen ist beim AMR die Route fest vorgegeben. Alle Teilnehmer folgen also derselben Strecke. Also auch nach der Neutralisation, die irgendwann außerhalb Marrakeschs nur dadurch merkbar erfolgt, dass Nelson mit seinem Race-Orga-Auto am Rand steht und irgendwas von mir nicht eindeutig entzifferbar in die Menge ruft. Ich nehme es als eine Mischung von Ermutigung, gute Wünsche und „Fahrt ab jetzt verflucht nochmal nicht mehr im Windschatten“ auf.

Schon vorher beim ersten Griff in die Bremse fährt mir ein Schreck durch die Knochen! Auweia, der Hinterradbremsgriff pulsiert ja wie die Hölle. Sowas habe ich noch nie gehabt (hatte aber vorher auch noch nie ein hydraulisch scheibengebremstes Mountainbike). Doch ausscheren und den Radladen suchen? Hätte der überhaupt auf? Wie viel Zeit würde mich das kosten? Aber vom Start weg mit einer vielleicht bald ausfallenden Hinterradbremse auf die volle Distanz durch die Wüste starten? Ich riskiere es und bin nicht wirklich froh. 

Und schnell auch nicht. Jedenfalls nicht in den Abfahrten. Obgleich ich da schon von den ersten Metern abseits des Asphalts von meinen breiten Mountainbike-Reifen (die haben manche Gravelbikes oder Monstergraveller auch) und von meiner Federung vorne und hinten profitieren kann. Zumindest kann ich es eher laufen lassen als so manch anderer und bin dabei noch sicherer unterwegs. Einerseits. Andererseits will ich auch nicht zu schnell werden – die pulsierende Hinterradbremse ständige Mahnung, dass ich vom Start weg ein wohlmöglich waidwundes Gefährt unter dem Hintern habe. 

Und, Abfahrten, auch sehr steile, gibt es schon anfangs genüge. Obgleich es insgesamt bergauf geht. Und zwar richtig. Nichts weniger als den höchsten Punkt des Rennens und mehr oder weniger den Hauptkamm des Atlas-Gebirges gilt es heute noch vor Erreichen des CP1 in Telhouet zu überwinden. Auf richtig steilen Wegen. Ein paar Stücke auch auf Asphalt, das meiste aber auch heute schon über Schotterpisten.

Und selbst auf Asphalt sage ich mir relativ bald: lieber jetzt schon frühzeitig absteigen und schieben, als sich schon am Anfang die Knie zu versauen. In Teilen war das meiner Erfahrung beim Trans Pyrenees Race geschuldet, wo ich ab der Mitte Probleme mit dem linken Knie bekam. In anderen Teilen hatte ich hier und jetzt am ersten Tag auch schon ziemlich „Rücken“. Da ich das in den folgenden Tagen nicht mehr hatte, muss ich dass der schlaflosen Nacht und dem gebeugten Herumhantieren beim Radaufbau zuschreiben. Einer schlaflosen Nacht, die davor ja nur eine normale Hotelzimmernacht vorlaufend hatte. Und davor zwei Abende, wo ich erst das Rad daheim verpackt hatte (das schlaucht mich immer total) und danach dann im Auto im Flughafen-Parkhaus geschlafen hatte). Also, schob ich. Immer mal wieder. War damit zwar nicht allein. Wäre aber trotzdem gerne schneller gewesen. Aber trotzdem war ich froh und glücklich, auf der Strecke und im Rennen zu sein. Auch die Bremse pulsierte ganz langsam weniger. Ich hatte die Scheibe wohl etwas glattgezogen…

Nicht, dass ich sie jetzt gebraucht hätte. Ein toller Sonnenuntergang findet hinter uns statt, während wir die letzten Serpentinen der rauen Schotterpiste vor der Passhöhe schiebend in Angriff nehmen. Wir, das sind in dem Moment Stu und Markus, mit denen ich mal fahrend mal schiebend immer mal wieder leicht die Positionen getauscht habe und Stefano, der mit einem Racecar auch gerade dort ist und für den Podcast des Rennens Interviews macht (Ich kann euch nur sehr empfehlen, euch mal die 6 hörenswerten Episoden zum Atlas Mountain Race zu Gemüte zu führen; sie sind hier zu finden). 

Bis ich allerdings ganz oben bin ist die Dunkelheit völlig hereingebrochen. Und was ich da sehe, ist keine Passhöhe. Nein, was da im Schein meines Lichts zu sehen ist, sind große Felsen. Und eine kleine Scharte. Die Piste hört stumpf auf und geht in einen kaum auf dem Boden auszumachenden Maultierpfad über. Öha – das konnte man sich so aus keiner Karte heraus vorstellen und von dem Briefing am gestrigen Nachmittag auch nur erahnen!

Na gut. Auf über 2550 Meter über dem Meer und in der Nacht ist es jetzt sehr kühl. Also ziehe ich mir erst einmal Beinlinge an und hole die Daunenjacke raus. Dann wuchte ich mein Rad über die Felsscharte und suche den Einstieg in den Pfad. Ab jetzt muss ich in der Dunkelheit dem GPS-Track auf meinem Wahoo vertrauen. Auf dem Boden im Schein der Rad- und der Helmlampe ist der Trail nur in Teilstücken erkennbar. Und steil und unwegsam ist er obendrein. Schon nach den ersten 200 Metern habe ich die Faxen dick! Ich knicke zwar nicht um, aber die Füße werden immer wieder ausgelenkt. Einerseits nicht so schlimm, andererseits merke ich, dass der Einstiegsbereich meiner Lake-MTB-Schuhe, so bequem und gut sie für das Fahren sind und so wenig man den Einstiegsbereich merkt, wenn man auf der Ebene spaziert, hier in dem Gelände die Hölle sind. Nicht von ungefähr titele ich die Strava-Aktivität des ersten Stints später mit „Try walking in my Shoes“. Was ich wortwörtlich meine. Ich merke – so bringt mich das um und ich habe blaue Flecken im und wunde Bereiche an beiden Fußgelenken, wenn ich so den ganzen Pfad, etwa 5 bis 6 km, herunterkraxele. Ich setze mich notgedrungen hin und wechsele die Schuhe. Aus mit den Lake-MTB-Schuhen, hervor mit meinen Lizard Kross Ibrido Trailsandalen. Ihr wisst vielleicht, dass ich für Sommerrennen (wo ich auf der Straße mit Rennradstraßenschuhen fahre) als Off-Bike-Kleidung leichte Kung Fu Slipper mithabe. Auch für den Rückflug und solche Dinge. Hier für den raueren Untergrund Marokkos, für im Februar auch möglichen Schnee im Atlas und für Flussdurchquerungen habe ich mir Robusteres gesucht. Aber trotzdem Leichtes und auch schnell Trocknendes. Zwar würde mir im teilweise auch feinem Gruß hier einiges auch in die Sandalen gelangen, das war aber allemal besser, als mich noch weiter mit den harten MTB-Schuhen zu malträtieren. 

1 Stunde und 17 Minuten verbringe ich damit, dem sich serpentinenhaft windenden Pfad nach unten zu folgen. 3 Kilometer lang. Das Rad an meiner Seite führend. Mal war der Pfad klar vorgegeben, weil an der einen Seite der Berg steil aufragte und an der anderen Seite steil abfiel. Mal wunderte ich mich, wo er denn wohl sei und ging nur dem Track auf dem Computer nach. Endlich bin ich unten. Aber Fahren ist jetzt trotzdem nicht. Irgendwie scheint der Pfad einem ausgetrockneten Flussbett zu folgen und die Kraxelei wird trotz flacherem Abstieg insgesamt wilder. Weitere 40 Minuten vergehen und 1,6 km werden dabei zurück gelegt. Woher ich das weiß? Ich habe bei dem gesamten Atlas Mountain Race mein Rad soviel geschoben wie gefühlt das gesamte Jahrzehnt davor. Deswegen hat mich der Gesamt-Anteil brennend interessiert und ich habe natürlich meine Radcomputer-Aufzeichnungen minutiös ausgewertet. Mittels Leistungs- bzw. Kadenzdaten sowie Gradient kann man eindeutig sehen, wo geschoben wurde und wo nicht. Hier und heute beim ersten Tag des AMR waren es auf 125 km insgesamt 206 Minuten und 9 km, die ich mein Rad geschoben habe.

Endlich erreiche ich den Anfang eines passablen Schotterwegs. Sandalen aus, MTB-Schuhe an und ich kann die letzten knapp 4 Kilometer ins Zwischenziel zum CP1 rollen!

Telouet! Ein markanter Ort in der Geschichte Marokkos mit der Kasbah der El Glaoui Familie. Im Vorfeld einiges davon gelesen bekomme ich weder von dem einen noch der anderen irgendetwas mit. Ich komme im Dunklen und ich werde früh am nächsten Morgen wieder aufbrechen.

Das gibt es schon preis. Ich fahre erst einmal nicht weiter, sondern entscheide, dass hier und jetzt ein guter Punkt für eine kurze, naja, im Maßstab eines Bikepacking-Rennens, für eine fast schon ausführliche Schlafpause ist. Schließlich gibt es hier Essen, Nachschub zu kaufen und einen überdachten Schlafplatz sowie den motivierenden „Trubel“ eines Kontrollpunktes. Ich, so wie auch andere Rennteilnehmer sind froh, den ersten Meilenstein geschafft zu haben. Zwar sind es nur 125 km nach dem Start, aber es ist 23:00 Uhr in der Nacht, als ich vor der Auberge Restaurant Telouet ankomme. 

CP1 of the Atlas Mountain Race at the Auberge Restaurant Telouet.

Diese ist so reizend wie rustikal. Mit einer Hock-Toillette innen und Mauerwerk so rauh innen wie außen. Die Besitzer waren aber sehr effizient darin, jedem einen Platz für seinen Schlafsack bereit zu stellen (für 50 Dirham was ziemlich genau 5 Euro sind) und jedem schnell zu Essen zu verhelfen. Die reizende Laura und ihre Kollegin, die ihr im Foto beisammen sitzen seht hatten sogar ihre Not, den eifrigen jungen Restaurant-Helfer etwas zurück zu halten, damit ich erst mal meine Brevetkarte gestempelt bekommen und mich kurz orientieren und dann mein Rad und meinen Schlafsack unterbringen konnte. Dann wurde ich schon auf die andere Straßenseite und eine Treppe hoch zum Restaurantareal bedeutet. Was dann folgte, war eine kurze Vergewisserung dass ich das haben wollte, was er mir da gerade aufzählte und ich sagte einfach nur, ja gern. Kurz drauf ging es schon mit dem Mehrgangsmenü los. Zuerst einen Salat Marrocain, dann Oliven und ein paar Pommes Frites. Brot, natürlich. Dann sofort das erste von vielen Omelettes des Rennens und als Desert Orangenscheiben mit Zimt. Dazu dann als Abschluss meinen ersten marokkanischen Minztee. Sehr fein!

Nach dem ich gesättigt bin, gehe ich die Treppe herunter und in einen Laden, dessen Schild ihn als Patisserie ausweist, der vom Angebot aber eher einem kleinen Kiosk mit Nüssen und kleinen Knabbereien gleicht. Ich suche mir etwas mit Nüssen und kleinen Chipstüten und ein Fladenbrot zusammen, was mir am kommenden Morgen einige erste Kalorien zum Frühstück sowie für unterwegs verspricht. Glücklicherweise habe ich auch noch eine Reihe von Gels und Nuss-Butter-Sachets dabei. Denn die nächste Verpflegungsmöglichkeit wird dann erst in Ghassat zu finden sein. 60 Kilometer von hier. 60… so grob die Hälfte von dem, was ich heute zurück gelegt habe. Na, das kann ja was werden, denke ich… 

Nun aber wirklich erst mal schlafen. Ich tapere zu meinem schon vorbereiteten Schlafsack in einem großen Raum, wo sicher schon 20 oder 25 andere Dösen oder schlafen. Oder später noch hinzukommen. Oder irgendwann nachts aufstehen. Mir selbst ist es in meinem Schlafsack irgendwie schwitzig. Und trotzdem, bzw. deswegen klamm. Ganz aufmachen kann ich dieses Ultraleicht-Teil sowieso nicht. Aber ich will ihn ja nicht mal wirklich halb aufmachen, denn dann wird mir zu kühl. Ganz so schlecht war die Nachtruhe nicht, aber nach 4 Stunden habe ich trotzdem die Faxen dick und entscheide, dass weiteres Versuchen noch ein paar Minuten guten Schlaf herauszuquetschen mir eh nichts mehr bringt. Dann besser aufstehen und sich für die Weiterfahrt fertig machen. Mehr als 4 Stunden Schlaf waren es sicher nicht, als ich dann möglichst leise meine Sachen aufsammle und mich in den vorderen Eingangsraum verkrümele. Ein paar andere Teilnehmer bereiten auch ihren Start vor. Markus z.B., der einzige Teilnehmer mit einem Singlespeed-Rad. Ich esse erst einmal was (besser jetzt, als im Dunklen über Offroad-Pfade holpernd) und bin froh, dass ich Schlafsack und Matte recht gut wieder in meine Frontrolle am Lenker bekomme, ohne dass ich großartige Verrenkungen machen oder die Rolle gar abmontieren muss. Brauche natürlich samt Morgentoillette (auf dem Hockklo) immer noch meine Zeit, bis ich dann endlich Abfahrbereit bin. Ein Portrait von Govert muss aber auch noch sein.

Einer der sorgenden Seelen, die sich als Freiwillige Unterstützer in der Nacht beim Wache halten für uns und ankommende weitere Teilnehmer die selbige mit Minztee um die Ohren geschlagen haben. Als ich ihn in seine warme Decke gekuschelt finde, frage ich um Erlaubnis, um ein Portrait von ihm zu machen.

Es ist 06:27 Uhr als ich den Wahoo starte und losfahre. Und natürlich noch stockdunkel – schließlich ist es Winter und die Nächte noch lang. Die Sonne wird erst gegen viertel nach acht aufgehen. Auf in den zweiten Tag!

 5. Stint 2 – Marokko, was für ein unglaubliches Land!

Das ist die Überschrift und das Gefühl des gesamten zweiten Tages. Gestern ging es ja Holterdipolter los. Rad endlich fertig, noch kurz dösen, dann hastig ein paar Frühstückskalorien einwerfen und ran mit dem Rad an die Startlinie und schon ging es los. Das Wetter war da noch etwas bedeckt und später nur leicht heiter. Und die Landschaftsform interessant und rau. Aber auch noch etwas grün, in Teilen etwas schmuddelig und der Kontrast von Marrakesch in ein öderes Umland noch nachwirkend.

Heute hingegen… Erst mal war es noch dunkel und die Strecke verlief kurz leicht auf, dann deutlich abwärts auf gutem Asphalt. Aber nicht lange und es ging in einem kleinen Ort links ab und runter vom Asphalt. Auf einem flowigen Pfad, der aber Fahrgeschick und etwas Mut im Dunklen erforderte, weil schmal und links von einem Wassergraben, rechts von abfallender Böschung begrenzt ging es in leichtem Auf und ab dahin. Langsam wird der Nachthimmel zart schwarzblau und schemenhaft zeichnen sich Canyonkanten gegen den Himmel ab. Und dann scheint dort mal ein einsames Licht, während ich mein Rad durch ein Flussbett schiebe. Ah – also ist eine kleine Siedlung hier neben mir.

Ein paar Biegungen des dann aufsteigenden Pfades später genieße ich die wechselnden Farben des makellosen Morgenhimmels und beobachte, wie das Tal unter mir mehr und mehr Farben bekommt. Röter und röter wird. Und mache diverse Fotos. Weitere Anstiegsmeter später führt der Kurs über eine wellige Hochebene, deren Formen und die Bergketten dahinter Stück für Stück von der aufsteigenden Sonne modelliert werden. 

Was für eine Stimmung! Ich mache Foto um Foto und bin einfach nur hin und weg! Kaum biege ich um eine weitere Kurve, sehe ich da auf einmal Max, der das Genießen auf eine weitere Stufe gestellt hatte und sich dort erst einmal einen frisch aufgebrühten Kaffe zu Gemüte führte. 

Für nicht viel weiter und eine Abfahrtsstrecke habe ich mir in mein Roadbook geschrieben: „170 km: vielleicht von hier Sichtmöglichkeit zur Ouarzazate Solar Power Station?“ Und in der Tat! Da hinten tief in der Ebene gleisst der Central Receiver Turm.

Ich muss ganz heranzoomen und leicht croppen. Trotzdem ist diese Anlage nicht zu übersehen. Es ist die Solarkraftanlage Noor, nur 10 km nördlich von Ouarzazate gelegen. Ein Komplex aus gleich mehreren solarthermischen und einer Photovoltaik-Kraftanlage. Der gleißende Turm ist 240 m hoch und gehört zur Anlage Noor III, die erst im März 2018 fertig gestellt wurde. Mit gutem Grund, denn diese Region ist ideal dafür. Mit einer der höchsten Sonneneinstrahlungen weltweit mit rund 2.500 kWh pro Quadratmeter und fast 365 Tagen Sonnenschein. Davon kann ich mich hier und heute überzeugen. Noch ein Blick auf die vor mir liegende Abfahrt und ein paar weitere Teilnehmer, die vor mir liegen und tief unter mir um den Berghang biegen, und dann geht es auch weiter.

Nach der tollen Abfahrt geht es zwei trockene Flussbette später auch erst mal wieder hoch. Die besagte Sonneneinstrahlung führt dazu, dass ich mich erst mal hinsetze, die Beinlinge ausziehe und vom Langarm- zum Kurzarmtrikot wechsle. Und die erste Sonnencreme des Rennens appliziere. Und kaum habe ich das kurze Stück zum nächsten Kamm zurückgelegt, muss ich schon wieder anhalten. Wow – was für ein Tal! Alles so rotbraun und komplett trocken. Ein sich windender Pfad und dann mittendrin ein paar Lehmgebäude und etwas leuchtendes Grün! Heute ist Marokko-Wow-Tag. Jeder Biegung bringt mir komplett neue Ansichten. Eine interessanter als die andere und so noch nie von mir gesehen. 

Unten in dem winzigen Dorf angekommen, sehe ich, dass dessen Zentrum ein mittlerweile fast vollständig verfallener Agadir ist. So heissen die befestigten, alten Speicherburgen in Lehmbauweise. In der Berbersprache auch Igherm genannt. So habe ich es vor dem Rennen gelernt. Es könnte aber auch ein Tighremt gewesen sein. So heisst es dann, wenn die Speicherburg auch noch zusätzliche Wohnfunktion innehatte.

Wie dem auch sei. Kaum ist die Kamera bzw. hier beim obigen Foto das iPhone wieder weggesteckt beginnt eine geniale Abfahrt. Nicht vom Typ ruppig und kurvig und steil sondern vom Typ „Nur fliegen ist schöner“. Eine gute, gleichmäßige Piste, leicht abfallend. Rein in die Aerobars und Go! Was ein Spaß!

Nur fliegen ist schöner. Gute, gleichmäßige Piste, leicht abfallend. Rein in die Aerobars und Go!

Ein gutes Stück später bin ich erstmals wieder auf Asphalt. Jetzt sind es noch 7 Kilometer bis Ghassat. Ich habe mich bis hierhin immer mal wieder mit Max auf seinem Open UP abgewechselt. Ich schneller in den Abfahrten, er leicht schneller in den leichten Anstiegen und wir beide mit komplett unterschiedlichen kurzen Pausen. Dabei fahren wir nur mal kurz zusammen oder in näherer Reichweite. Sonst komplett allein und abseits. Aber immer mal wieder kommt einer am anderen vorbei. Bei einer kurzen Rast. Oder einer besonders langen Abfahrt oder einem Anstieg. Hier auf der leicht abfallenden guten Asphaltstrecke habe ich erwartungsgemäß keine Chance, dem fern vor mir fahrenden Max irgendwie näher zu kommen. Es rollt ganz angenehm, aber richtig Tempo kann ich mit einem 32er Kettenblatt natürlich nicht machen. Muss ich hier und jetzt auch nicht. Bald wird der Asphalt sowieso wieder nur eine Erinnerung sein. Aber erstmal rolle ich nach Ghassat hinein. Der Racetrack biegt kurz vor dem Ort nach links ab. Und da steht auch eine Polizeiwache und winkt mir, dass ich da lang fahren soll. Die Polizei war in allen vom Rennen durchquerten Präfekturen natürlich vorbereitet und teilweise fand man mitten im Nirgendwo einen Polizeiposten stehen. Mir sind diese ehrlicherweise aber tatsächlich nur am ersten und zweiten Tag aufgefallen. 

Ich lasse den Offiziellen also links liegen, schliesslich weisst das Racemanual Ghassat als die einzige Verpflegungsmöglichkeit weit und breit aus. Und es ist Zeit für Mittag. Ich bin gespannt, was ich vorfinden werde. Es ist schließlich ein winziges Hüttchen an einer Art Seitenstreifen mit einem Unterstand und zwei, drei Tischen samt sogar einem Kicker davor. Im Laden selbst, der fast mehr an eine Garage mit Regalen an den Seiten und einer Ladentheke am Stirnende erinnert, gibt es diverse Snacks (ein paar Chipsarten, meistens aber diverse Arten von Knabbergebäck und Schoko- bzw. Keksriegeln). Ich ergattere die letzte Cola (muss deswegen direkt eine ganze Literflasche nehmen) und bekomme ein Omelett angeboten. Na klar – was sonst! Omelette scheint es hier in Marokko überall zu geben, lerne ich. Und es wird sich in den kommenden Tagen bestätigen. 

36 Minuten verbringe ich dort, esse Omelett mit Fladenbrot, trinke von der Cola, schütte den Rest in eine kleine Flasche, fülle meine Wasserflaschen auf und verstaue die gekauften Snacks. Dann geht es wieder zurück auf die Strecke. Ein kurzes Stück kann ich noch Asphalt genießen. Und wiedermal eine neue Art von der immer wieder ähnlichen, dann aber doch so abwechslungsreichen Landschaft genießen. Hier jetzt die scheinbar endlose Ebene, die sich links und rechts vor mir ausbreitet und die Straße, die weit in Richtung einer Hügelkette führt. Hier setze ich tatsächlich auch das erste Instagram des Rennens von meiner Seite ab. Zwar nicht als Panorama, aber als Hochformatfoto:

Tarmac, for a change

Nur um kurz darauf festzustellen: Ups, hat ja nicht lange angehalten. Da war’s nämlich wieder eine Schotterpiste:

Oops – didn’t last long

Es folgt etwas Waschbrettpiste, die aber wohl im absoluten Weltmaßstab gesehen als harmlos durchgehen kann (ohne, dass ich überhaupt Waschbrettpisten-Erfahrung vorzuweisen hätte und dazu aussagefähig wäre) und dann der etwas größere Ort Toundoute, der aber nur erreicht würde, wenn man den Rennkurs nach links abbiegend verlassen hätte. Ich bin noch gut versorgt, deswegen brauche ich das nicht. Die Route führt mich nach Süden weiter. Natürlich nicht ohne mal wieder eines der zahlreichen, trockenen Flusstäler zu durchqueren. Bis dorthin das größte des jetzt ja erst 1,5 Tage jungen Rennens. Tief geht es hinab und dann über extra rolligen Kies und größere Steine hindurch. Manches ist fahrbar, manches nicht. Beim Wiederaufstieg auf der anderen Seite fällt der Blick auf silbrig grün schimmernde Bäume und ein Dorf. Eine typische Wadi-Oase, eine typische Ansiedlung dort. Faszinierend.

Einen Moment später will ich das alles erst Mal verarbeiten und auch anstelle im ständigen Holpern mal in Ruhe sitzend etwas essen. Ich nutze die Gelegenheit für ein erstes Selbstportrait im Rennen. Bis hier bin ich 10 Stunden unterwegs gewesen. Keine Sekunde war es langweilig und dafür, dass es hier gefühlt fast nur Steine und Felsen gibt, ist die Landschaft und sind die Blicke erstaunlich vielfältig. Kurz reflektiere ich, wie irre langsam das Vorankommen ist. Doch dazu später mehr.

Das nächste kleine Dorf lässt nicht lange auf sich warten. Ein noch beeindruckenderer Agadir als heute morgen liegt da vor mir. Und blühende Bäume links des Wegs. Und ja, ich schnuppere an den Blüten.

Durch das Dorf hindurch führt ein schweisstreibender Anstieg und führt mich auf eine neue, scheinbar endlose Steinwüstenebene, durch die nur ein einsamer Doubletrack führt. Mittlerweile ist es schon 18:30 und das Licht ist einerseits phänomenal, andererseits macht es auch überdeutlich, dass es nicht mehr lang hin ist bis zum Einbruch der Dämmerung. Und ich bin immer noch weit von dem Punkt entfernt, der sich nun überdeutlich als einzig sinnvolles Tagesziel herauskristallisiert. Das ist Imassine. In etwa 21 Kilometern. Und ich habe heute gerade einmal 110 Kilometer bis hier hin zurück gelegt. Eigentlich will ich ja weiter. Würde ich ja gerne weiter kommen. Da weiss ich aber noch nicht, was gleich kommen wird. 

Was ich aber weiss – von den zahlreichen Flussbett-Durchquerungen würde kurz nach Imassine eine kommen, die wirklich Wasser führen würde. So steht es im Race Manual, das in aller Kürze eine Charakteristik der Streckenabschnitte gibt: „For SRMR veterans, there is even a river crossing!“. In meiner Vorbereitung habe ich per Luft bzw. Satellitenbild-Darstellung und in der Kartensicht von sowohl Komoot, Openstreetmap und Google jeden Meter der Strecke „abgefahren“. Und irgendwann aufgehört zu zählen, wieviele Durchquerungen oder Wegführungen entlang eines Flussbettes vorzufinden waren. Oftmals konnte man sich denken, dass die alle trocken sind. Bei vielen war es nicht auszumachen und nur bei ganz wenigen war es erwartbar, dass der Fluss Wasser führen würde. Aber wieviel? Wie sieht so eine Flussüberquerung aus, auf die sich Silkroad Mountain Race Veteranen freuen dürfen? Eine Pfütze? Knietief? Hüfttief? Wie ist die Strömungsgeschwindigkeit? Das Wetter war gut, keinerlei Schnee, keine Wolken, nichts zu sehen. Anscheinend alles Trocken hier in der gesamten Region. Also wohl bestimmt kein reissender Strom zu erwarten. Aber was genau? Ich bin noch nie „in der Wildnis“ durch einen Fluss gewatet. Wenn das „Waten“ sein wird und nichts ernsteres. Langer Rede kurzer Sinn: ich bin nicht erpicht darauf, meine erste Flussquerung sogar im Dunklen zu machen, wenn ich aufgrund der Breite des Flusses dort (200 m habe ich im Vorfeld ermittelt) nicht mal das andere Ufer im Licht meiner Lampen sehen werde und mir das Einschätzen von möglichen Gefahren erschwert wird. Und es wird spät nachts sein, wenn ich dort ankommen werde, denn die Flussquerung liegt nochmal 8 km hinter Imassine. Ich überlege, in Imassine zu Abend zu essen, und dann wenigstens bis an den Fluss heran, bzw. bis zu einer Tankstelle 3 km davor zu fahren. Und dann im Zweifel direkt vor dem Fluss zu übernachten. Oder doch nicht? Marokko ist kein Malaria-Hochrisikogebiet. Über Mücken und Malaria muss man sich da nicht sonderliche Gedanken machen, überprüfe ich im Vorfeld in den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes. Da finden sich aber auch Hinweise zur Expositionsprophylaxe von Insektenstichen und die Information, dass Malaria übertragende Mücken bis auf wenige Ausnahmen nur zwischen Sonnenuntergang und -aufgang stechen und 90 % der Infektionen zwischen 22:00 und 2 Uhr übertragen werden. Will ich die ganze Zeit durch die Wüste radeln und ausgerechnet zu dieser Zeit an einem Ort mit Wasser übernachten, wo es vielleicht auch im Februar Mücken gibt? Wer weiss das schon? Jepp – auch solche Gedanken mache ich mir unterwegs in solchen Gefilden. Aber nur kurz und im Abwägen der Optionen. Ansonsten überwiegt das Genießen der Landschaft und die einfach Freude des Pedalierens und des sich körperlich Verausgabens. Also doch Imassine? Da sind es wie gesagt „nur“ noch 21 Kilometer.

Dann also hier und jetzt die tolle Location, das Licht und die Motivation nutzen, und ein paar schöne Selbsportraits von mir zu machen. Wer weiss, was noch kommt. Und was man hat, hat man. Als Nicht Race-Leader kann ich ja nicht hoffen, dass sich irgendeiner der Rennfotografen zu mir verirrt. Also, Selbst ist der Mann. ;-)

Ich baue meine Kamera auf mein kleines Gorillapod-Stativ und fahre diverse Male hin und her, bis ich zufrieden bin. Mit dem iPhone sowieso per Quadlock-Mount prominent im Cockpit befestigt und mittels der Remote-Auslöse-App für meine Olympus Kamera geht das hervorragend:

Danach geht es frohgemut weiter. Ja, der Fortschritt ist gemessen an Kilometern und absolut gesehen echt mies. Aber ich bin so fasziniert von Marokko und kann zufriedener kaum sein. Schon bald werde ich aber die ersten Flüche Richtung Nelson in den Dämmerungs- und dann Nachthimmel von Marokko schmettern. Was jetzt folgt ist die Fahrt über eine Art weit ausgefächerten Schwemmkegel. Immer wieder wird die Schotterpiste, die zudem gegenüber dem restlichen Steinfeld nicht sehr hervortritt, von tief eingeschnittenen Gullies, also trockenen Bachläufen, unterbrochen. Solche Querungen gibt es im Atlas und Anti-Atlas immer wieder. Oft sind sie nicht besonders tief. Man kann sie dann gut anfahren und ohne Absteigen entweder ganz hindurch und an der anderen Seite wieder heraus- oder zumindest bis zum losen und komplett steinigen Teil herunter befahren (was trotzdem einiges an Fahrgeschick und Zutrauen erfordert). Bevor man dann doch absteigen muss und das Rad hindurch schieben. Mal 5, mal 10 mal 100 Meter und weiter. Immer jedoch muss man sorgfältig die Linie wählen und schauen, was man tut. Hier auf dieser Ebene geht das nicht. Wirklich jeder Querbach ist richtig tief und abrupt eingeschnitten. Mal 2, mal drei, mal noch mehr Meter. Heranfahren. Anhalten. Absteigen. Abstieg suchen, der mal mehr, mal weniger offensichtlich ist. Zur anderen Seite blicken: wo geht’s hier überhaupt wieder hoch und raus. Und wie? Wo geht der Track weiter? Mit Tageslicht geht das noch. Wird aber trotzdem lästig und anstrengend, weil es so viele davon gibt. Aber das Tageslicht schwindet zunehmend. Und das Weg finden wird schwieriger und schwieriger. Herrgott! War’s das jetzt endlich!? Wieviele gibt es denn noch von dem Mist hier!? Kann man nicht endlich mal wenigstens einen Kilometer am Stück fahren!? So lange der Weg erkennbar und ich auf dem Rad bin, werde ich auch schneller und schneller, um möglichst viel vom Tageslicht noch zu nutzen. Da stieben auf einmal zwei Fahrer neben mir her. Es ist das kurz vor Rennstart noch angeworbene marrokanische Paar. Einer von den beiden ist Mohammed el Bohgdali. Er wird später das Rennen als Soloist fortsetzen und Beenden, während sein Partner scratchen wird. Er sitzt auf einem schicken, neuen Cannondale Full Suspension. Also Gleichheit der Waffen, was die Radfähigkeiten angeht. Ich sehe, dass auch die beiden versuchen, möglichst viel vom Tageslicht zu nutzen, um diese besonders schlechte Strecke bis nach Imassine zu überqueren. Schonungslos brechen sie durch etwas Buschwerk, springen vom Rad und schieben eine Böschung hoch, als uns klar wird, dass uns die schnelle Fahrt eher in ein Flussbett und weg von der Route auf unseren Radcomputern geleitet hat. Ich haste hinterher und finde oben tatsächlich den schemenhaften Track wieder. Lasse die beiden aber vor mir von dannen ziehen. Ich werde sie noch ein, zweimal überholen. 

Bald aber ist es komplett dunkel. Jetzt brauche ich auch nicht mehr hasten. Jetzt bin ich eh darauf angewiesen, den schon bei Tageslicht nur schemenhaft erkennbaren Track im Schein meiner Lampen zu folgen. Und zum ersten Mal nehme ich den Sternenhimmel in Marokko wahr! Gestern nacht waren meine Blicke vorrangig nach unten gerichtet. Es galt, dem Maultierpfad hinab nach Telouet zu folgen und mir keine Fehltritte zu erlauben. Wahrscheinlich war es auch leicht bedeckt und die Bergflanken taten ihr übriges. Hier war ich jetzt also in der zweiten Nacht des Rennens. Und nicht mehr direkt am Atlas Hauptkamm, sondern in den Ebenen zwischen Atlas und Anti-Atlas. Und der Himmel war sternenklar. Wow! Auch davon hatte ich geträumt. Und natürlich wollte ich jetzt schon mal schauen, was fototechnisch mit meinen bescheidenen Mitteln und im Zeitkorsett eines Rennens ging. 

So begann ich etwas zu experimentieren. Ich legte meine Kamera mit ihrem Rücken auf den Boden und zielte grob einen Bereich mit hellen Sternen an. Sehr zu meiner Freude entdeckte ich daheim, dass ich sowohl die Sternbilder Perseus und Auriga (Fuhrmann), als auch den offenen Sternhaufen der Plejaden (M45) im Bild oben links getroffen habe. Und sogar zwei Sternschnuppen! Leider ist die Milchstraße ausgerechnet in diesem Bereich eher dunkel, da viele dunkle Staubwolken dort befindlich sind.

Aber ich bin positiv vom Ergebnis überrascht, dafür dass ich im Grunde nur eine ungeführte 8-Sekunden-Aufnahme gemacht habe. So viel Potenzial für Nachthimmelfotografie in Marokko!

Dann geht’s weiter. Jetzt haben dann auch die Gullies aufgehört und ich komme über halbwegs gut befahrbare Wege in die Nähe der Nationalstraße N10, die das Rennen dort kreuzt. Wenn ich etwas zu essen haben möchte, habe ich jetzt die Wahl. 2 Kilometer nach links, um in Imassine eins der zwei im Racemanual angegebenen Restautrants bzw. Läden zu suchen oder weitere 5 km der Route folgen und dann 500 m weiter eine 24 Stunden-Tankstelle vorzufinden. Ich entscheide mich dafür, zunächst in Imassine nachzusehen. Zur Tankstelle kann ich dann immer noch fahren. 

6. Berber-Gastfreundschaft in Imassine

Ich rolle nach Imassine herein. Die Straße ist gut ausgebaut, aber als geschlossene Ortschaft kann ich da noch nichts ausmachen. Die Tatsache, dass es natürlich schon längst Dunkel ist, hilft dabei auch nicht. Auf dem Wahoo nähert sich meine Position dem als erstes Restaurant markierten POI bzw. Cuesheet-Hinweis. Das sieht etwas anders aus, als ich es erwartet habe, aber es muss es sein. Da stehen auch schon zwei Bikepacking-Rädern. Ein im dunklen in seinen Ausmaßen nicht wirklich erkennbarer, scheinbarer Rohbau steht da mit einer etwas groben Veranda. Links eine Art Mauertresen, auf dem verschiedene Tajines stehen, die typischen marokkanischen Schmor-Geschirre, in denen so ziemlich alles gegart wird. Vom Omelett bis zum Fleischeintopf. Dabei bezeichnet Tajine oder auch Tagine sowohl das Gericht als auch den Topf. Tajine kann also alles sein. Hinter dem Tresen ist wohl eine kleine Küche. Daneben ein größerer, aber leerer Raum mit großen Fensteraussparungen zur Veranda – nur ohne jegliches Fenster oder Rahmen. Ich lehne mein Rad an eine der Säulen und nehme am Tisch neben den zwei anderen Rennteilnehmern Platz. 

Begrüßung. Hey, hallo, wie geht’s, wie fühlt ihr euch? Was gibt’s hier? Tajine wohl. Nur eine Sorte. Was habt ihr jetzt vor? Sie versuchen schon die ganze Zeit, ein Hotelzimmer oder irgendeine Unterkunft klar zu machen. Es wird etwas wirr. Anscheinend haben sie schon diverse Verständigungshürden mit den Einheimischen, mit dem Wirt und mit zwei verschiedenen Unterkunftsmöglichkeiten durchgemacht. Gerade versuchen sie zu ergründen, ob sie in 5 Kilometern Entfernung ein Zimmer finden können. Während ich meine Tajine bestelle und auch ein weiterer Rennteilnehmer kommt, versuchen sie dann zu telefonieren. Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass sie hoffen, dass jemand mit einem Pickup oder Quad kommt und ihnen den Weg zeigt, während sie hinterherfahren können.

Ich weiss da schon, wie das enden wird. Wenn jemand kommt, wird sich herausstellen, dass es nicht 5 sondern mindestens 10 Kilometer sind. Es wird länger dauern, bis er kommt. Und es wird länger dauern, bis sie überhaupt dort sind. Alles in allem überhaupt nicht Ratsam so etwas. Ich werde die beiden in der Oase in Tizgui nochmal treffen, bevor sie dann scratchen werden. Dort erzählen sie mir, dass es 15 Kilometer oder mehr gewesen wären…

Wer aber in der Zwischenzeit auch angekommen ist, als mir gerade meine Tajine auf den Tisch gestellt wird, ist Marco aus Deutschland. Er ist Techniker bei dem Magazin Rennrad, erfahre ich später, und es ist sein erstes Bikepacking-Rennen überhaupt. 

Während auch er natürlich das gleiche Tajine-Gericht ordert und fix bekommt – ein sehr leckeres und durchaus scharfes Fleischgericht mit Kartoffeln, Tomaten und Chilischoten samt Fladenbrot, das wie so oft in den nächsten Tagen in irgendeinem Plastikkorb daneben gestellt wird, geht das Gespräch mit den beiden Nachbarn weiter. Marco und ich lehnen dankend das Angebot ab, uns auch mit in’s Nirgendwo auf der Hoffnung nach einem Hotelzimmer zu begeben. Wie gesagt war absehbar, was das für ein sehr gewissen Aufwand bei zweifelhaftem Ausgang bedeuten würde und es war auch absolut nicht notwendig.

Ich wäre jetzt ohnehin weitergefahren – wenigstens noch die 5 Kilometer bis zur Tankstelle. Wie schon geschildert, käme dann aber die Flussdurchquerung im Dunklen. Ohne die wäre es gar keine Frage für mich gewesen. Es war jetzt erst viertel nach neun Uhr abends. Noch einiges an Zeit für weiteres Vorankommen. Aber so? Warum nicht hier schon für die Nacht rasten und dafür umso früher morgens los. Ganz früh wird zwar nicht möglich sein, weil – dann würde es ja immer noch dunkel sein für meine Flussdurchquerung. Aber wenigstens so früh, dass ich bei Anbruch des Tageslichts da vor Ort wäre. 

Deswegen bin ich gar nicht abgeneigt, auch das zu tun, was Marco da gerade überlegt. Auf der Veranda sitzend beäugten wir beide diesen recht kahlen Raum hinter uns, der halboffen zur Veranda abgegrenzt war. Ob wir uns da vielleicht für die Nacht mit unseren Schlafsäcken hinlegen konnten? Wir fragten den Eigentümer, der erst etwas überlegte und uns dann einen noch etwas abgeschlosseneren Raum samt Tür daneben zeigte. So kahl und staubig er war, der wäre schon perfekt gewesen. Doch dann änderte er nochmal seine Meinung und bat uns um sein Haus herum, dann in einen Innengang, der schließlich über diesen Innenhof führte und dann in einen Raum mit Teppichen auf dem Boden und Bänken an der Wand auf denen mehr Teppiche und Kissen lagen. Perfekt! 

Marco und ich holen unsere Räder, stellen sie in den Raum und breiten unsere Schlafsäcke für die Nacht aus. Über die Zeit des morgendlichen Aufstehens herrschen allerdings komplett unterschiedliche Ansichten bei uns. Ich möchte recht früh raus, Marco wird am kommenden Morgen und den folgenden Tagen aber gerne und ausführlich ausschlafen. Damit verfolgt er die Taktik, die ich bei meinem ersten Bikepacking-Rennen, dem TCRNo5, ebenfalls angewendet habe. Zumindest vom Prinzip her. Gut ausschlafen, gut frühstücken – so kann man um so schneller fahren. Und schnell fahren kann er, der Marco. Das wird sich die folgenden Tage noch herausstellen. Aber die Taktik ist halt nur vom Prinzip her gut. Und wenn sie bewusst sparsam genutzt wird… Das Tageslicht ausnutzen sollte man schon und man wird auch nicht endlos schneller durch noch eine weitere Stunde Schlaf… Doch das ist hier und jetzt nicht das Thema. Schon bald wird geschlafen. Sehr erhohlsam. Erst um halb 7 trete ich vor die Tür in den Innenhof unserer Unterkunft. Ist ja auch nicht wirklich früh, muss ich gestehen. Aber immerhin. Es ist noch dunkel. Und der Sternenhimmel oberhalb des Karee des kahlen Innenhofs fasziniert. Sofort hole ich meine Kamera samt Ministativ und mache einige Langzeitaufnahmen.

Dann nichts wie nach vorne zu den Toiletten (ein Hockklo, was sonst) und wieder zurück, alles wieder eingepackt und das Rad nach vorne vor das Haus und auf die Veranda geschoben. Da treffe ich nicht nur den alten Herren wieder, der wohl der Vater des Restauranteigentümers ist, sondern auch Jule und Nick! Beide sind gerade angekommen und sitzen direkt in der engen, aber warmen Küche. Draußen ist es noch von der Nacht empfindlich kalt. Gerne setze ich mich zu ihnen. Und klar, wo ich doch schon gefragt werde, ob ich ein Omelett zum Frühstück will, sage ich nicht nein. Ich sehe besonders Jule an, dass auch ihr mindestens mal die Gullies auf dem Schwemmkegel zugesetzt haben müssen. Ob es möglicherweise noch etwas anderes ist, weiss ich nicht. Versuche aber betont gute Laune zu verbreiten. Und die habe ich auch wirklich. Ein weiterer neuer Tag bricht gerade an. Der Dritte des Rennens. Und ich bin gerade mal in Imassine. Gestern sind also „nur“ weitere 132 Kilometer zu den 125 Kilometern bis zum CP1 am ersten Tag hinzugekommen. Und doch ist das völlig unwichtig für dieses tolle Abenteuer und die unglaubliche Ungebung in der wir gerade sind!

Ja, wirklich ein sehr beschwerliches Vorankommen! Werde ich es mit diesem Kilometerschnitt überhaupt in absehbarer Zeit ins Ziel schaffen? 130 Kilometer pro Tag im Schnitt, das hieße ja, ich bräuchte für die angegebenen 1150 Kilometer des Rennens 9 Tage! Öha. Gut, wenn es wirklich so wäre – so sei es. Ich wusste ja, dass dieses Rennen eine Erstaustragung ist und das niemand es im Vorfeld wirklich einschätzen konnte. Ich wusste auch, dass ich noch nie in Afrika war, dass ich noch nie ein Offroad-Bikepackingrennen bestritten habe und was generell alles bei einem solchen Rennen passieren kann. Deswegen hatte ich ausreichend Zeit eingeplant. Mein Rückflug würde erst am Mittwoch, den 26. Februar anstehen. Die Finisherparty war für den Abend des Samstags geplant. Also jede Menge Puffer. Ich würde nicht irgendwo gezwungen sein, abzubrechen, nur weil eine zu ambitioniert geplante Urlaubszeit enden würde.

Aber 9 Tage… puh, das habe ich mir doch ein kleines bisschen schneller vorgestellt. Klar – alles irgendwie erwartbar. Off-Road Bikepacking kann man keineswegs mit Straßen-Bikepacking wie einem Transcontinental vergleichen. Logisch ist der Schnitt geringer. Offroad heisst: die Gradienten sind steiler als bei normalen Straßen, der Untergrund setzt mehr Rollwiderstand entgegen und ist oft auch technisch anspruchsvoll. Dazu kommen diverse Schiebe- bzw. Tragepassagen. Das habe ich auch erwartet und eingeplant. Dabei schätzte ich in etwa Netto, also in Bewegung, etwa 15 km/h und overall (ohne Schlafpausen, von morgens bis abends) 12 km/h voraus. Das war noch zu optimistisch. Am Ende ergab meine Auswertung Netto 13 km/h und overall 10 km/h. Auch war das Rennen heftigst „Frontloaded“. Das heisst, mit die dicksten Brocken, was das Verhindern von vorankommen betraf, fanden sich direkt am Anfang des Rennens. Das war nämlich genau der erste Tag mit seinen 2860 Höhenmetern, was an sich ja keine Menge ist, wenn man von Asphalt und von normalen Gradienten eines Alpenpasses ausgeht. Was aber ein enormer Hammer ist, wenn der Untergrund steinig, die Anstiege steil und vor allem sogar die Abstiege geschoben werden müssen! Dann am gestrigen zweiten Tag besonders am Abend dieses Schwemm-Schuttfeld mit seinen zahllosen Quer-Rinnen. 

Und was heute auf dem Menü stand, war nichts weniger, als die längste Etappe ohne jede Versorgungsmöglichkeit. 98 Kilometer. 98 wilde und abgelegene, aber atemberaubend schöne Kilometer, so versprach es kurz und knapp das Race Manual. 98 Kilometer ohne Wasser und ohne Siedlung oder Laden. Und: „There is likely to be some pushing to make it up to the summit of the plateau“ heisst es lapidar untertreibend danach. Oh ja, schieben werden wir also. Auch am dritten Tag.

Über alles das muss ich nachdenken, als ich mich von Jule, Nick und dem Großvater im Restaurant verabschiede und zur Tankstelle aufbreche. Aber schon bald wird mir klar, wie passend Nelson das alles geplant haben muss! Wir haben kurz vor dem Rennen nochmal neue und aktualisierte GPS-Tracks bekommen. Anders als im Vorfeld als Gesamt-Track mit 1150 Kilometern und zusätzlich nochmal rein numerisch alle 200 Kilometer getrennte Einzeltracks (als Service, damit auch manche Garmins ganz bestimmt keine Probleme mit den bereitgestellten Tracks bekommen). Die ursprünglichen Tracks aber, die den ganzen Winter über auf Komoot zur Verfügung standen, waren nach dem Rennkurs und seinen Besonderheiten aufgeteilt. Die erste Etappe vom Start nach Telouet. Die zweite von Telouet nach Imassine. Die dritte von Imassine nach Afra. Das war mein Plan für heute! Mir geht auf, dass die ursprünglichen Etappen nach Aufwand und Vorankommen aufgeteilt waren! Nach Afra würde dann Afra zu Tazenakht folgen. Und so weiter bis zu einer achten Etappe von Tafraoute nach Sidi Rabat ins Ziel. Hmm, 8 Tage wollte ich eigentlich unterschreiten. Aber andererseits – so wie sich das hier am Morgen des dritten Tages darstellte, wäre es eine super Sache, wenn ich mit dieser Etappenplanung Schritt halten könnte. Ich war also trotz dem vielen Schieben am ersten Tag mit „Rücken“, dem daraus folgenden in die Nacht kommen für den Abstieg zum Kontrollpunkt und weiterem Zeitverlust gegenüber richtig schnellen Leuten, die das noch im Tageslicht machen konnten, und trotz meinen ständigen Foto-Stops gestern eigentlich in einem sehr guten Plan! Ja dann – auf in den dritten Tag! Die Sonne strahlt, die Stimmung ist gut – Yeah!

7. Ein ganzer Tag für 100 Kilometer 

Die Sonne strahlt, wie sie es an jedem der weiteren Tage machen wird. Aber es ist auch noch sehr frisch, als ich auf der gut ausgebauten Nationalstraße Imassine verlasse. Nicht mal wirklich warmgefahren, komme ich schon bei besagter Tankstelle an. Marokko hat durchaus exzellente Infrastruktur. Es ist nur so, dass uns das Rennen durch entlegenste Gebiete führt. Und das ist auch gut so. Hier und jetzt aber finde ich ausnahmsweise europäisch gewohnte Tank- und Raststelle vor. Hochwillkommen – hier muss ich nämlich Proviant für die nächsten 98 Kilometer aufnehmen. 98 Kilometer durch wildromantische Wüstenflächen und Canyon-durchzogene Hochebenen des Anti-Atlas. Aber ohne eine einzige Siedlung oder Gelegenheit für Wasseraufnahme vorzufinden. Und mit der Vorwarnung, dass mindestens ein Teil davon schiebend zurückgelegt werden muss. 

Hier hätte ich auch ein Omelette zum Frühstück haben können. Und anstelle Minztee auch noch einen Cappuccino. Das Omelette lasse ich bleiben, aber einen schönen Cappu für an der Theke bestelle ich mir. Hier gibt es auch echte Pringles. Nicht, dass das besonders erstrebenswert wäre. Ich erwähne es nur, weil die Markennamen auf allen Süßigkeiten in den kleinen Läden im Anti-Atlas den internationalen Marken irgendwie nachempfunden sind. Und, weil ich mir tatsächlich eine Dose Pringles kaufe. Etwas salzig-herzhafte Abwechslung tut halt Not in Ergänzung zu dem ganzen Süßkram den man sonst so zu kaufen findet. Ich glaube, ich kaufe den gesamten Rest an Snickers-Riegeln (es sind auch nur mehr 5) und stelle mir sonst noch einiges Zusammen, was nach halbwegs schmackhaften und nährstoffdichten Kalorien aussieht, ohne vollständig trocken zu sein. Fertig abgepackte, mit Obstmus oder Marmelade gefüllte Art Apfeltaschen finde ich z.B. manchmal in den kommenden Tagen und ich glaube auch hier. Ansonsten 4 Liter Wasser in 1 l Flachen und noch eine 0,5 l Flasche Cola und eine 0,5 l Flasche Wasser, die in die Seitentasche des Rucksacks wandern. Den Cappuccino habe ich während der weiteren Bestellung getrunken und marschiere mit meiner Beute nach draußen, um meine Wasserflaschen am Rad zu befüllen. Vier Liter bekomme ich nicht ganz unter – ich habe Kapazität für 3,1 l am Rad. Dazu noch das, was ich an weiteren Flaschen z.B. in den Rucksack stecke. Mit der Cola und der kleinen 0,5 l Mineralwasserflasche habe ich jetzt 4,1 Liter dabei. Das muss reichen. Wird es auch. Dicke. 

Dermaßen vollgepackt geht es nun wieder herab vom Asphalt und ab nach Süden. Jetzt noch drei Kilometer, dann kommt der Dades, einer der großen Flüsse Marokkos. Ich bin schon gespannt, wie er sich mir präsentieren wird. Noch einmal kurz hinauf und dann rolle ich zum Fluss herunter. Oh – dass sieht ja sehr machbar aus. Glücklicherweise sehe ich zwei Fahrer vor mir, die soeben den Fluss durchqueren. So kann ich das sehr gut einschätzen, was mich erwartet. Die Furt scheint recht seicht und wenn man es nicht versemmelt, kann man sogar durchfahren. Das Wasser geht so etwas bis zu den Naben. Das hätte ich auch in der Nacht hinbekommen. Aber – hinterher ist man immer schlauer. Und – ob man in der Nacht da so einfach los- und reingefahren wäre? Und wenn ja, ob man sich dann aufgrund Sicht nicht auch im flachen Wasser unglücklich gelegt hätte?

Rivercrossing for real

Wie dem auch sei. Tief genug, um nasse Schuhe zu bekommen, ist der Fluss allemal. Es ist morgen, die Sonne strahlt – nichts, was durchtränkte Schuhe und Socken furchtbar problematisch erscheinen ließe. Ganz im Unterschied zu einer Durchquerung in der Nacht, wo man dann mit nicht trocknenden Schuhen in eiskalter Luft fahrlässig auskühlen könnte. Dennoch – das Rennen ist jung, ich kämpfe hier gerade nicht um Sekunden und Platzierung gegenüber einem Verfolger und wenn es eines gibt, was mit das Wichtigste bei solchen Rennen ist, dann ist es das Beieinanderhalten des Körpers. Sprich, sich nicht aus falsch verstandener Eile und mangelnder Hygiene im Schritt oder auch mangelnder Fürsorge der anderen Kontaktstellen, hier der Füße, schleichende Probleme zu holen, die im schlimmsten Falle zur Rennaufgabe führen können. Da mag jetzt mancher denken, dass das für ein bisschen Wasserplanschen in der Wüste weit hergeholt ist, aber hier gab’s jetzt gerade nichts für mich zu verlieren, sondern nur zu gewinnen. Und trockene Füße sind glückliche Füße. Also halte ich kurz an, ziehe die MTB-Schuhe und Socken aus und ziehe meine Lizardskin Ibrido Sandalen an. Mein Rad ist extra mit den Shimano PD-EH500 Explorer SPD-Pedalen ausgerüstet. Auf einer Seite kann ich einklicken, die andere Seite ist wie ein Flatpedal geformt. Ideal für ausgeklicktes Balancieren oder auch Pedalieren mit normalen Schuhen. Wie z.B. jetzt für die Flussdurchquerung. 

Fluggs bin ich durch den Fluss pedaliert und radele auf der anderen Seite aus dem unmittelbaren Flusstal heraus. Stoppe, werfe einen Blick zurück, fotografiere und wechsle wieder die Schuhe. Die Sandalen können nun in Ruhe in der Sonne auf der Satteltasche trocknen (und werden dafür mindestens bis Mittag benötigen) und ich schlüpfe in trockene Socken und trockene MTB-Schuhe.  

Aus dem unmittelbaren Flusstal bin ich jetzt heraus, doch der Anstieg geht noch viel weiter. Einige Zeit später öffnet sich beim Blick zurück jedoch diese tolle Aussicht auf den Kamm des Hohen Atlas.

Könnt ihr da schon den einzelnen Fahrer im Bild entdecken? Während ich weiter Teilfotos für dieses Panorama und weitere mache, nähert er sich Stück um Stück. Es ist Juerg aus der Schweiz.

Ich bin jetzt auf einer Art leicht ondulierenden Hochebene. Das Fahren macht Laune und der Hauptkamm des Atlas kommt noch ein paar mal beeindruckend in Sicht. Ebenso wie ein weiterer Fahrer, der mich während der Aufnahmen überholt. Aber da bin ich gar nicht Böse drum, gibt er mir doch ein gutes Motiv vor der Kurve ab. Leider weiss ich nicht, wer das war.

Bald bin ich jedoch erstmal in der Steinebene allein. Die Blicke auf den Atlas-Hauptkamm liegen nun auch hinter mir. Eine Rast erscheint angebracht und ein Felshaufen verspricht Sitz- wie Radanlehn-Möglichkeit zugleich. Erst mal einen Bissen in den Mund schieben und während des Kauens aber direkt auch ein Bikeportrait machen. 

Dies schrieb ich unter das entsprechende Instagram an diesem Tag: „Kann mich bis jetzt nicht beschweren. So glücklich, dass ich das Fully ausgewählt habe. Exzellentes Fahren. Und Schieben, ebenso, jede Menge. 🙈😅 Mein Rose Thrill Hill“

Ein Stück neben diesem Steinhaufen hatte sich eine Berberfamilie einen kleinen Zeltunterstand mit Planen und Steinen gebaut. Vielleicht für das Ziegenhüten? Jedenfalls war da auch ein winziger Steinkral aus dem lustige Mähtöne klangen. Neugierig gehe ich die paar Meter hin und luge rein: Ach wie süß! :)

Jetzt aber erst mal weiter. Zu weiteren weiten Blicken. Während ich fotografiere, nähert sich ein Fahrer. Ah, es ist Nick. Den hatte ich ja heute morgen in Imassine getroffen. Wir wechseln ein paar Worte und dann fährt er schon mal weiter. Jetzt folgt eine tolle geschwungene Abfahrt, hinein in das nächste große Flussbett. Trocken, wie fast alle anderen. Aber schwer zu durchfahren. Und dann geht es erst mal steil und schweisstreibend wieder heraus. Auf das nächste Ebenenstück. Bald muss doch dieser Hauptanstieg kommen. Ich bereite für jedes Rennen ein knappes Roadbook in der iOS App Things vor und kann darauf jederzeit über mein iPhone zugreifen, das sicher und direkt erreichbar in meinem Cockpit montiert ist. Es gibt zum jetzt folgenden Abschnitt die kurze Vorschau:

103 km : Beginn Anstieg zum Plateau (9-10 %, dann kurz 15- 23%), 411 m
109 km: Plateau und Höhepunkt erreicht (2.011 m), Tizi n‘ Tiferguine
115 km 3-4 Häuser (Sat-Bild)
124 km Beautiful Canyon, Tough section. Rough piste, slow progress on the way up with some HAB. Stunning.

Ok. Noch befinde ich mich ein kurzes Stück davor auf einem eher flachen Stück. Da kommt von hinten Marco angeschossen. Er prügelt sein sehr leicht bepacktes und leicht bereiftes Canyon Grail über die raue Piste als ob es nicht seins wäre. Ist es ja auch nicht, sondern eine Leihgabe von Canyon. Schnell ist er ja, der Marco. Ich glaube, er ist erst so um 9 oder 10 Uhr los – nach einem ausgiebigen Frühstück. Allerdings zweigeteilt. Dem Café, in dem wir beide die Nachtgastfreundschaft genießen durften, gingen die Eier aus, bis er mit seinem Frühstück soweit war, erzählt er.

Als dann, gute Fahrt! Ich lasse ihn ziehen und pedaliere etwas ruhiger weiter. Bis zu meinem nächsten Fotostop bleibt er in Reichweite, dann ist er weg – aber der Anstieg hat auch schon begonnen. Und mit ihm nach den ersten drei Kurven dann auch die Schiebeerfordernis. Puh. Sehr steil geht es nach oben. Entsprechend kraxelnd schiebe ich mein Rad. Entsprechend stark muss ich die Füße anwinkeln und abknicken. Mal steht man auch etwas schräg auf einem Stein, mal rutscht man ein Stück. Nichts zu wildes. Aber das Vorankommen ist doch sehr verlangsamt und ich merke den Bereich um meine Fußgelenke. Sehr unangenehm und fest gibt der Einstiegsbereich meiner Mountainbike-Schuhe scheinbar kaum nach. Die Zunge ist ok, aber die Seitenteile stoßen unnachgiebig in das Gewebe meiner Füße rund um den Übergang von Spann zu Unterschenkel. Ich befinde mich im ewigen Widerstreit: Versuche ich weiterhin mehr schlecht als recht die Füße gerade zu halten, quasi mit angespannten Waden wie mit Steigeisen und Skischuhen bergauf zu staksen? Versuche ich besonders langsam und bewusst zu gehen, um plötzliches unbeabsichtigt stärkeres Abwinkeln und die davon hervorgerufenen Schmerzen zu veringern oder gebe ich auf und ziehe die Ibrido-Sandalen an? Also anhalten, umziehen, MTB-Schuhe auf die Satteltasche spannen, dann vielleicht nur 100 m gehen und feststellen, dass ich dann wieder fahren kann? Könnte ich ja sogar mit den Plattformseiten meiner Pedale. Aber gerade in Anstiegen geht eingeklickt doch noch viel mehr. Mehr Zug, mehr Kontrolle. So geht es Meter um Meter. Vielleicht kann ich nach der Biegung ja ein Stück fahren? Ja, manchmal kann ich kurze Stücke fahren. Letztendlich lasse ich die MTB-Schuhe an und verkneife mir die Schmerzen die gesamte 6 Kilometer lange Bergaufstrecke. Nicht gut.

Die Aussicht entschädigt! 

Dieses Panorama ist etwa vom ersten Drittel des Anstiegs entstanden. Wahnsinn – da hinten im blauen Dunst der Ferne liegt der Kamm des Hohen Atlas, über den wir noch vor zwei Tagen gefahren sind.

Und ich habe weitere Kurzweil. Während ich die Fotos für das Panorama mache, kommt ein weiterer Fahrer von hinten schiebend. Wir unterhalten uns, natürlich in englisch, über dies und das, während wir nach oben schieben. Plötzlich sage ich was auf Deutsch und da kommt es von Rizki, so heisst er, „ach, da können wir uns ja auf Deutsch weiter unterhalten“. Es stellt sich heraus, dass er als indonesischer Journalist in Deutschland arbeitet. So klein ist die Welt. Während wir weiter schieben, merke ich wie eine meiner Pedalplatten sich löst. Puh, Glück, dass ich das sofort mitbekommen habe. Noch sind nämlich auch die Schrauben drin. Zwar hätte ich eine Ersatzplatte und auch zwei Ersatzschrauben dabei, aber besser ist es, wenn man die nicht braucht. Schon gar nicht in den ersten 300 Kilometern eines über 1000 Kilometer langen Rennens. Jetzt einmal richtig Festgezogen, hält alles bis zum Rennende.

Bald sind wir auf dem Hochplateau angekommen und jeder nimmt wieder seine Fahrt auf. In der Fahrt bin ich deutlich schneller. Aber ich kann einfach nicht anders – es tauchen so viele tolle Blicke auf, die ich einfach festhalten möchte… Und so kommt Rizki jedes Mal wieder heran. Einige der Felsformationen erinnern mich an das Monument Valley und an alte Indianer-Filme. Mit letzterem liege ich bestimmt nicht so verkehrt. In Marokko und gerade im Gebiet um die größere Stadt Ouarzazate wurden viele internationale Kinofilme gedreht. Von Lawrence von Arabien bis in heutige Zeiten.

Bald führt die Piste an einem steilen Hang entlang. Der Blick öffnet sich weit über beeindruckende Canyonformationen. Gigantisch!

Rizki schließt wieder auf und wir genießen gemeinsam kurz den Blick.

Der höchste Punkt ist mehr oder weniger erreicht. Was gut ist. Denn die Sonne hat sich schon ein gutes Stück gen Horizont gesenkt. Was aber nur das Licht um so besonderer macht. Und mir das vorankommen um so schwerer. Wie die Bergflanken in das warme Licht getaucht werden. Und die mit Steinen gesetzte Piste als geschwungene Linie gegen die felsigen Hänge sichtbar wird. Traumhaft! Ich muss einfach immer wieder fotografieren.

Auch Rizki gibt ein sehr willkommenes Motiv ab, als er natürlich wieder mal vorbei fährt.

Fast am Ende der Abfahrt wird der Untergrund feiner. Brrr – das Zeug mag ich gar nicht. Sehr feiner Kies, wo das Vorderrad immer wieder leicht auswaschen kann, wenn man nicht aufpasst oder man in eine Spurrille oder Kuhle kommt. Rizki macht das weniger aus. Mir mehr. Klar kann man das Beste hoffen und da durch surfen bzw. es da durch rollen lassen. Meine Kiste ist ja auch spurstabil – so ist es nicht. Aber wenn was ist, dann liegt man auf der Fresse, und das hat man dann leider nicht unter Kontrolle. Und das mag ich nicht. Kurze Zeit später ruft Rizki „Halt, hier musst du ein Foto machen!“. Ja, in der Tat! Das Licht ist zwar nicht mehr das Beste, aber wir sind genau an der Stelle, wo das Foto der Startseite der Atlas Mountain Race Webseite gemacht wurde:

Man sieht auch auf dem Boden noch etwas von dem feinen, hier schon nicht mehr ganz so tiefen Kies, aus dem der Weg bestand.

Das waren jetzt etwa 12 Kilometer tolle Abfahrt. Es folgt noch etwa 10 Kilometer ebenfalls auf Piste, jetzt aber flach. Die Dunkelheit bricht herein, erste Zeichen von Zivilisation werden sichtbar:

Afra, bzw. ein kleiner Ort davor, der als Versorgungspunkt im Racemanual genannt wurde, ist jetzt nur noch 3 Kilometer über Asphalt entfernt. Schon wieder gemeinsam mit Rizki aber in Front und mit uns außerhalb Windschatten-Reichweite hintereinander fahrend rollen wir die letzten Meter hinein. Der Blick fällt auch sogleich auf einen kleinen Laden, der noch offen hat. Unmissverständlich stehen da auch ein paar Räder an der Wand gelehnt. Hier ging es bestimmt schon den ganzen Tag über hoch her und der Ladenbesitzer hat wahrscheinlich das Geschäft seines Lebens gemacht. Einer der ersten Fragenpunkte nach Hey und Hallo, wenn man andere Rennteilnehmer an solchen Stellen trifft, ist immer: Was gibt’s hier so? Gerade, wenn man sich in fremden Ländern befindet. Hier gibt’s anscheinend nichts Warmes, aber der Ladenbesitzer schmiert uns gerne Frischkäse in Fladenbrote. Es ist wie so oft eine einzelner Raum, etwa von der Größe einer Garage. Nur höher. Vorne eine Theke, an den Seiten hohe Regale. Mittendrin ein paar Tische mit Körben und zwei Kühlschränke. Hier gibt es alles. Sogar Gaskocher. Wir sollen reinkommen und uns umsehen, was wir brauchen. Auf diverse Dinge wird hingewiesen, die wir wohl gerade besonders gut brauchen können. Hier z.B. der Kühlschrank aufgemacht: Wow – Joghurt und Co! Her damit! Und Fischkonserven. Ah ja, davon habe ich ja schon gelesen. Einer der Kernbausteine einer typischen Bikepacker-Diät hier in Marokko und anderswo in Nordafrika. Klar, warum nicht. Haltbar und Eiweiss und mit dem ganzen Öl jede Menge Kalorien. Ich packe mir zwei Dosen Sardinen und eine kleine Dose Thunfisch ein. Damit, mit Getränken und dem geschmierten Brot (wieviel Käsepäckchen sollen es denn sein, werde ich gefragt), setze ich mich mit Rizki an einen kleinen Plastiktisch.

8. Peace! Corps.

Die vor uns angekommenen Teilnehmer sind schon wieder im Aufbruch begriffen. Es gesellt sich jemand zu uns, der nicht wie ein Einheimischer aussieht. Tyler, heisst er und arbeitet für das amerikanische Peace Corps, die überall auf der Welt kleine Mitgliedsgruppen bis hinunter zu Einzelpersonen entsenden, um z.B. Jugendarbeit zu leisten, Schulen zu unterstützen usw. Für ihn ist das Rennen willkommene Abwechslung und die Gelegenheit, sich in Englisch mit meist westlichen Ausländern zu unterhalten. Was er auch mehr oder weniger den ganzen Tag schon gemacht hat. Es ist jetzt gerade mal 20:15 Uhr. Zwar schon längst Dunkel, aber eigentlich noch längst keine Zeit für eine Nachtpause. Mein Plan ist eigentlich, jetzt gleich weiter zu fahren und dann irgendwo unterwegs zu biwakieren. Es wäre mein erstes Biwak hier in Marokko. Bei Rizki sieht die Sache etwas anders aus. Er ist froh, diesen Meilenstein geschafft zu haben. Sein Knie bereitet ihm Sorgen. Nicht lang und im Gespräch bietet Tyler an, bei ihm die Nacht zu verbringen. Er hätte Platz und ein anderer Fahrer würde eh schon bei ihm übernachten. In der Tat, er wäre jetzt schon bei ihm im Haus. Einer Eingebung folgend frage ich: Heisst der vielleicht Marco? Japp, genau. Haha, richtig geraten. Zwar kenne ich Marco jetzt ja erst kurz, aber das klingt genau so nach ihm… :)

In der Wahl zwischen sofort aufbrechen in die unbekannte Nacht und irgendwo erstmals biwakieren oder die Einladung Tylers zu einem schönen Tee und eine überdachten Unterkunft anzunehmen und weitere spannende Geschichten auszutauschen, fällt meine Entscheidung dann auf letzteres. Wiedermal versuche ich mir das schön zu reden, in dem ich mir insgeheim verspreche, am nächsten Morgen dann aber wirklich super früh aufzubrechen… Ihr wisst, wie das ausgehen wird… Wäre ich hier gerade im vorderen Drittel der Teilnehmer unterwegs, sähe die Sache anders aus und meine Gewichtung wäre ein völlig andere. So bin ich neugierig, wie so ein Haus aussieht, dass eine Marrokanische Gastgeberfamilie einem jungen US-amerikanischen Peace Corps Teilnehmer ganz neu aufbaut, wie er erzählt. Es ist gerade fast fertig geworden. In Teilen noch im Rohbau. Aber ein Bett steht schon drin. Im Wohnzimmer auch Couches und Bänke und ein Tisch. Eine Art Dusche gibt es auch. Zumindest schon mal den Brausekopf… Und eine Toilette zum sitzen. Wenn es fertig ist, wird es sicher recht schmuck.

Zu viert verbringen wir den Abend mit unseren eigenen Snacks und diversen Runden von Tylers Minztee bei interessanten Geschichten über Berbersprache und Arabisch, die Arbeiten des Peace Corps und was wir so im Rennen treiben. Teilweise wird mir das Plaudern etwas zu viel – schließlich sind wir hier in einem Rennen. Ich lasse die drei weiter erzählen und widme mich meinem im Nebenraum abgestellten Rad. Schon mal alles für die Nachtruhe vorbereiten und den Antrieb pflegen. Dann mich selbst etwas säubern und schließlich machen wir uns für die Nachtruhe bereit. Ich soll mich ins Schlafzimmer auf Tylers Bett verziehen, meint Marco. Angeblich soll ich schnarchen, meint er. Wo er dass nur her hat? ;-) Tyler selbst ist noch nicht vollständig eingezogen. Deswegen schläft er sowieso noch nicht in diesem Haus und lässt uns für die Nacht allein. 

Morgens taucht er für einen frischen Minztee wieder auf. Den genießen wir noch gemeinsam, dann mache ich mich als erstes fertig und auf die Weiterfahrt. Schukran! Herzlichen Dank, Tyler! Für die Einladung und die Einblicke in Marokko und ein paar Brocken Arabisch. Marco behält seinen Rhythmus bei. Nicht zu früh auf und dann erst mal gut frühstücken. Rizkis Knie sieht gar nicht gut aus. Er wird heute leider noch scratchen. Das weiss ich da noch nicht. Ich fahre am Laden von gestern vorbei. Der hat schon wieder auf. Aber was heisst hier „schon“. Leider ist es trotzdem schon kurz nach 8 Uhr. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Ein kleines Mädchen wird losgeschickt. Es kommt fünf Minuten später mit frischem Fladenbrot zurück. Gerade mal einen Dirham bezahle ich dafür. Umgerechnet 10 cent. Die Hälfte davon packe ich in meinen Rucksack. Den Rest esse ich vor Ort. Mit Frischkäse. 

Dann verlasse ich den Vorort von Afra wieder Richtung Norden. Knappe 2 Kilometer auf Asphalt, dann heisst es wieder nach links auf die Rennroute und auf Piste abbiegen. 101 Kilometer waren es gestern nur. Mann, Mann! Teils lag es an der Bergaufschiebe-Passage, teils natürlich an den vielen Wow-Augenblicken und Fotostops, die sich, wenn auch teilweise superkurz, halt doch aufsummieren. Und natürlich zum großen Teil an dem frühen Stop vor Afra. Aber: alles Super! Ich würde es auch jetzt für ein erstes Mal Marokko nicht anders machen.

9. Stint 4: Piste flying and visiting Omar

Ein typischer Marokko-Tourist würde wohl von Afra aus dem Wadi Draa flussauf folgen. Über ausgebaute Straßen oder sogar der Nationalstraße 9 vorbei an Talamzit und dann in den größeren Ort Agdz. Die Route des Rennens hingegen führt ebenfalls nach Westen, aber mitten durch’s Nirgendwo, nördlich eines markanten Höhenzuges des Djebel Kissane.

Die Piste ist erst wunderbar. Kurz darauf kommt mir jemand auf einem Bikepacking-Rad entgegen. Nanu? Falsche Richtung? Ich glaube, es ist William, der älteste Starter, der entschied, dass er für sich das Rennen aufgeben würde und zurück nach Afra wollte wie ich unserem kurzen Wortwechsel entnahm. Größtenteils ist hier das Vorankommen super. Wie genial es sich mit meinem Full Suspension MTB über die Piste heizen lässt. Der Radstand und die Federung geben mir genug Kontrolle, dass ich ohne weiteres in den Aufliegern fahren kann und richtig Speed mache. Herrlich! Dann kommen auch mal kleinere Flussbettpassagen. Auch mal ein Stück längs eines ausgetrockneten Flusses. Das ist immer ein Wechselspiel aus sehr groben Steinen, wo Fahren kaum bis garantiert nicht möglich ist und Abschnitten von feinem Sand. Manchmal richtig tief. Selten aber so weiten Raum einnehmend wie gerade hier. Das schlaucht. Als ich doch mal kurz die Traktion verliere und aus den Pedalen muss, nutze ich die Gelegenheit für Fotos:

Doch bald darauf bin ich wieder auf genialer Piste. Hach ist das geil. Um nichts will ich hier mit einem anderen Rad tauschen. Ich habe ja ein Gravelbike und weiss es auch über raues Terrain zu bewegen. Weiss, wie es sich leer für einen Gravelfondo oder die Feierabendrunde oder beladen für ein Bikepacking Race anfühlt. Weiss es über Asphalt, flowige Trails bis hin zu verwurzelten Singletrails zu bewegen. Deswegen weiss ich, dass das, was ich hier die ganze Zeit unter mir habe, richtiges und echtes Mountainbike Terrain ist. Und kann mir gut vorstellen, wie unbarmherzig ich hier gerade durchgeschüttelt würde, wenn ich ohne Rücksicht auf mich und meine Reifen versuchen würde, ähnliche Geschwindigkeiten zu erreichen. Und ich weiss auch, dass das trotz Tubeless-Einsatz nicht lange gut gehen würde. Oder einen noch viel aktiveren und gleichzeitig vorsichtigeren Fahrstil, als ich ihn ohnehin auch mit dem MTB walten lasse, benötigte.

Eine von vielen Bestätigungen dieses Umstands erhalte ich etwas später, als ich ein besonders breites Flussbett durchquere und im Schatten eines Baumes Rast mache. Eine Dose mit Sardinen isst sich halt im Fahren etwas schlecht. Besonders wenn der Untergrund alles andere als gleichmäßig ist. Yummy – marokkanisches Fladenbrot aus dem Rucksack mit Ölsardinen. Und jedem Tropfen Öl. Alles wird aufgesaugt. Wäre etwas widerlich zu jeder anderen Zeit. Und die Sardinen sind mir auch etwas zu knusprig. Sprich, da ist noch alles drin, was so an Gräten im Fisch war. Bähh. Aber – alles gibt Energie. Her damit! 

Währenddessen beobachte ich, wie sich ein weiterer Fahrer nähert und auch im Zick Zack versucht, den richtigen Weg durch das unwegsame Flussbett zu finden. Als er noch näher kommt, sehe ich, es ist wieder Juerg. Er sieht nicht sehr glücklich aus und zeigt mir den Cushcore, den er aus seinem Hinterrad gefriemelt hat. Oder nicht mehr wieder reinbekommen hat, nachdem er den Mantel tauschen musste… 

Kurze Zeit später gelange ich wieder zum Wadi Draa. Da geht es nochmal rüber. Interessanterweise trockenen Fußes. Zumindest hier.

Auf seiner rechten Seite folgt die Route ihm flussauf.

Aber nur kurz, und dann muss ich unterhalb eines im Luftbild trocken erscheinenden Wehres wieder auf die andere Seite. Hier wird’s nichts mit trockenem Fuß. Aber ich wage die Durchfahrt auch ohne extra in die Sandalen zu wechseln. Es scheint nicht sonderlich tief zu sein. Erst mal lasse ich aber die Geräuschkulisse auf mich wirken. Die Luft ist erfüllt von lauter Quaken von Fröschen und von Vogelrufen. Toll.

Auf der anderen Flussseite wartet ein kleines Dorf. Und ich muss etwas warten, weil auf dem kleinen Weg vor mir eine Frau mit einem Esel unterwegs ist.

Es folgt der Ort Afella N’Dra. In ihm ist wieder ein kleiner Laden als Versorgungsmöglichkeit im Racemanual aufgeführt. Um ihn zu erreichen, muss die Rennroute für etwa 2 Kilometer nach Süden verlassen werden. Hier besorge ich mir ein paar Snacks, esse gleich 4 kleine Joghurt und versorge mich mit neuem Wasser. Dann geht es weiter. Sogar mal ein Stück über Asphalt, aber nur knapp 3 Kilometer. Unsere Route kürzt den Verlauf des Wadi Draa ab. Was nur heisst, dass erst mal wieder geklettert werden darf. Dann geht es über Piste wieder hinab. Schafe auf dem Weg habe ich schon des öfteren gesehen, hier denke ich, bietet es sich mal an, das auch per Foto zu dokumentieren. Noch während ich das mache, überholen mich Lexi und Chris, Cap 206a und b, die ich zuvor schon kurz in Afella N’Dra getroffen hatte. Um so besser, so kann ich sie noch mit ins Bild nehmen.

Auf der weiteren Abfahrt bin ich schnell wieder an ihnen vorbei. Dann geht es runter von der Piste und rein und rauf in das hier weite Bett des Wadi Draa.

Ich erwarte noch eine Flussdurchquerung, aber es zeigt sich, dass der Weg so gerade zwischen dem hier offen Wasser führenden Fluss und dem Prallhang entlang führt. Ich nähere mich Tizgui. Und damit einem markanten Rennpunkt kurz dahinter. Der Cascade de Tizgui. Hier verspricht das Race Manual einen Wasserfall und eine kleine Oase mit ihrem permanenten Bewohner Omar, der sicherlich jeden zum Tee einladen würde… Wer aber jetzt denkt, da würde ein Weg hinein führen – weit gefehlt. Bzw. es gibt einen Weg. Außen herum und dann über eine Flucht von vielen Treppenstufen herab in die Schlucht. Die Rennroute führt mich aber gnadenlos durch das Flussbett, welches hier besonders dicke Steine und scheinbar gar keinen sichtbaren und gangbaren Pfad aufweist. 

Mühsam schiebe und schleife ich mein Rad durch den Grund der wasserlosen Schlucht, beiderseits von hohen Felswänden umgeben. Ein paar Palmen zeigen deutlich an, dass es hier Wasser gibt. Und an der linken Seite der Schlucht läuft, bei genauem Hinsehen, ein kleiner, abgetrennter Graben, der Wasser zum Dorf führt.

Schließlich bin ich am Ende der Schlucht. Hier muss es sein. Ein paar bunte Tücher zeigen eine Behausung an. Und da steht ja auch ein Canyon Grail. Ach guck – Marco! Kaum erblicke ich das Rad sehe ich ihn auch schon von der anderen Seite winken. Da sitzt Omar und bereitet jedem, der vorbei kommt, ob Tourist oder Rennteilnehmer Tee, Kaffee und oder ein Omelett zu.

Ich stelle mein Rad ab, balanciere über den Abschluss eines kleinen Teiches in dem ein kleiner Wasserfall plätschert und hocke mich zu den Beiden auf den Boden. Omar fragt, wo ich herkomme. Deutschland? Ahh, Deutschland. Tee? Kaffee? Do you want Omelette? Ja klar, will ich. Und nach 4 Tagen unterwegs über Stock und Stein ist mir auch völlig egal, das Omar da nur eine Tajine hat, in der ohne Waschen ein Omelette nach dem anderen bereitet wird. Mit nur einem Löffel und mit einem etwas anderen Flachbrot, als ich es sonst überall bekomme, das aber, sofern übrig gelassen, später an dem nächsten weiter gegeben wird…

Omar raucht wie ein Schlot, führt ein Gästebuch und scheint tagein-, tagaus dort zu sitzen.

Im Laufe meines Aufenthalts kommt ein französisch aussehender Spaziergänger mit seiner Tochter in die Schlucht. Auch drei junge, vermeintliche Abenteuertouristen nutzen den Ort, um sich kurz im das Wasser des Teiches abzukühlen. Marco tut es ihnen nach. Ich lasse das bleiben. Bikepacking ist schließlich kein Triathlon. ;-) Noch kurz bevor ich mich verabschiede, kommt das portugiesische Duo aus Imassine an.  

Ich verlasse die Schlucht auf den Spuren des Renn-Tracks. Jetzt sind also die Treppen dran. Ein letzter Blick zurück, ein paar weitere faszinierte Blicke in die Schlucht und ich bin wieder allein und auf der Strecke. Nicht ohne zuvor auf den letzten Metern der Treppe dankend aber bestimmt einen Marokkaner abzuwehren, der unbedingt mein Rad für mich hoch tragen möchte. Natürlich für eine unbekannte Menge an Dirham. Nein danke. Das ist mein Rad und das trage ich persönlich.

Steil wird es jetzt. Wenn auch glatt. Vor mir liegt ein gutes Stück Asphalt. Tizi bedeutet in der Berbersprache Tamazight Bergübergang. Vor mir liegt der Aufstieg zum Tizi-n-Tinififft. Auf exzellentem Asphalt folgt er der Nationalstraße N9, die von Agdz nach Marrakesch führt.

Nationalstraße 9 über den Tizi’n-Tinififft (Straße von Agdz, bzw. Tizgui.)

Erst mördersteil, dann eigentlich ganz angenehm geht es fast 16 Kilometer lang bergauf. Im Schnitt sind 4 % zu überwinden. Nochmal knapp 5 Kilometer geht es leicht wellig bergan, bis die Passhöhe auf knapp 1700 m über dem Meer erreicht wird. Sie ist fast eine Enttäuschung, denn der Blick auf die andere Seite ist nicht so toll und zeigt auch eine längere Autoschlange auf einer Baustelle. Die Auffahrt hingegen… Ich bin fast die gesamte Zeit allein. Nur ganz wenige Autos kommen vorbei. Darunter einige, die ganz offensichtlich zu irgendeiner Art Langstrecken-Rallye gehören. Ansonsten kann ich die ganze Zeit die Aussicht genießen. Und die hat es mal wieder in sich! Klar, felsig, irgendwie rotbraun-ocker. Business as usual. Business as usual!? Ja, und doch nein. Schier endlos zieht sich die Straße entlang eines Felsenhanges empor. Nur ganz wenige Kurven. Das kurvig sein überlässt die Straße den Gesteinsschichten in denen sie winzig schmal eingeschnitten ist und so die Dimensionen des weiten Canyons verdeutlicht. Was für ein faszinierender Anblick!

Endlich oben auf der Passhöhe angekommen, ist der Blick weit, aber trotzdem so lala, finde ich. Zumindest im Vergleich zu dem, was ich gerade zuvor gesehen habe. Ich kann schon den nächsten Ort erblicken. Ait Saoun. Dort soll es auch zwei Cafés/Restaurants direkt an der Route geben, so sagt es das Race Manual und aus dem weiss es mein Roadbook. Kurz dahinter noch mal ein weiteres Café. Was ich da finde und besorge, muss dann für weitere 75 Kilometer reichen. Dazwischen gibt es nichts. 

Was ich auch von hier aus schon sehe, ist mein einziger Stau in Marokko. Aber er führt bergauf. Denn in der Abfahrt wird die Straße neu gebaut. Ich bin aber schnell hindurch. In der Bergab-Richtung ist es kein Problem. Und es sind eh nur knapp 4 Kilometer. Am ersten Café halte ich an. Lange halte ich mich nicht auf. Im Grunde hatte ich ja vor kurzem erst ausreichend Omelette, Brot, Minztee und Kaffee bei Omar. Ich suche zusammen, was mir für die folgenden Kilometer und den Rest des Tages Energie bringen könnte und verzehrbar erscheint. Wie immer irgendwelche abgepackten süße Kuchenriegel und so Zeugs. Wasser natürlich. Auch eine Cola. Vielleicht auch ein Fladenbrot? Ich weiss es gar nicht mehr genau, habe ausnahmsweise auch keine Fotos gemacht. Es ist schon etwas nach 4 Uhr am Nachmittag und mein Ziel für heute ist klar: Taznakht! Bis dahin sind es aber noch 75 Kilometer. Zwar nicht mit großartigen Anstiegen, aber durch die Steinwüste. Wie lange ich dafür brauchen werde? Ich habe keine Ahnung. Aber die Zuversicht, dass es mir Gelingen wird. Wenn ich dort heute noch ankomme, habe ich wieder eine der ursprünglichen Etappen von Nelson abgehakt. Tag 4, Etappe 4 – Afra to Taznakht.

Und schon der Blick auf Google Maps in der Vorbereitung zeigte ein kleines Paradies, zumindest was die Versorgungsmöglichkeiten anging. „RP deluxe“ hatte ich mir in mein Roadbook geschrieben. Cafe Tislitte, Café Shell, Café Zafran (7d 24h), Tanke/Café Station Afriquia, Tanke Total, Apotheke, Banken, Hotels … Als dann. Egal wann in der Nacht, da wollte ich heute hin.

Nur drei Kilometer hinter Ait Saoun biegt die Rennroute links von der Nationalstraße ab. Tschüß Asphalt, hallo Dirtroad Piste. Aber erst mal in sehr guter und interessanter Qualität. Wie mit dem Grader geschoben. Und in einem interessanten tiefbraun. War es im Wadi Draa fast richtig warm und auch nicht sehr windig, so wurde hier der Wind wieder zu einem merkbaren Faktor. Ohnehin war das Klima sehr interessant. Schaue ich auf die Temperatur-Aufzeichnung, so zwischen 31 bis 34 Grad warm. Auch in Bewegung. Aber ganz so warm fühlte es sich nie an. Es war irgendwie nie „heiß“. Auch, wenn ich den Wind gar nicht als so stark empfunden habe, als dass er wirklich stark kühlen würde. Schwül war es sowieso nicht. Vermutlich war es also die sehr trockene Luft und der konstante, mal mehr, mal weniger spürbare Wind, der die gefühlte Temperatur stark in Grenzen hielt. Ich bin viele Tage komplett mit meinem leichten Langarmtrikot gefahren. Aber auch, wenn ich das Kurzarm-Trikot anhatte, trug ich oft das Schlauchtuch um den Hals. 

Hier und jetzt mit der tiefstehenden Sonne fühlte ich mich auf einmal wieder mutterseelenallein. Der Wüsteneindruck war hier besonders stark, fand ich. Hamadah, heißen solche Steinwüsten. All dieses Rotbraun. Noch verstärkt durch das wärmer werdende Abendlicht… Eine kurze Snackpause nutze ich für ein paar Fotos. „Endless rock plains. Mars rover 147 roving… „ schreibe ich auf Instagram. Ich mag zwar gerade auf dem Mars sein, aber Internet haben die da…

Bald taucht die Sonne hinter den Bergrücken am Horizont ab.

Es ist halb 8. Zuerst noch schemenhaft, dann gar nicht mehr erkennbar liegt der Double Track vor mir. So lange es geht, fahre ich immer ohne Licht. Man erkennt einfach mehr, sieht weiter und kann besser abschätzen, wie der Untergrund wirklich ist und sich befahren wird. Jede Lampe, und sei sie auch noch so stark, ihr Leuchtfeld noch so breit und weit und ihre Ausleuchtung noch so gleichmäßig, bedeutet immer eine gewisse Einschränkung. Doch jetzt ist mal wieder der Zeitpunkt gekommen. Es ist Februar und die Tage sind nun mal kurz. Ich bin froh, dass ich wieder eine Kombination aus Nabendynamo-betriebener Lampe und einer Akku-Leuchte dabei habe und betreiben kann. Ich habe zum ersten mal eine Leuchte von kLite im Einsatz an meinem SON-Dynamo. Der erste Test daheim war vielversprechend. Ich wusste aber, dass es in Marokko viele Stellen geben würde, wo der wahre Nutzen einer dynamo-betriebenen Lampe stark reduziert bis nicht gegeben sein würde. Es kommt halt nicht viel Strom zusammen, wenn man mit wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit einen Berg hochfährt. Oder sogar schieben muss. Da kommt dann die Akku-Lampe (und gegebenenfalls zusätzlich oder statt dessen noch meine Stirn- bzw. Helmlampe zu Zuge). Hier geht es mit der Dynamo-Lampe. So gerade eben. Trotzdem hilfreich – spart es doch wertvollen Akkustrom bei der Akkuleuchte, die ich trotzdem immer mal wieder zuschalte. Und natürlich spendet der Nabendynamo auch über Tag genug Saft, um die Pufferbatterie meines Forumsladers aufzufüllen, bzw. mein iPhone und meinen Wahoo direkt oder über die Pufferbatterie zu laden. Zur kLite will ich noch gesondert etwas schreiben. Einerseits fand ich sie gut. Andererseits hätte sie gerne noch besser sein dürfen.

Wie jede Nacht funkeln und glitzern wiedermal tausende Sterne über mir. Unübersehbar, trotz der Aufmerksamkeit, die der Weg vor mir fordert. Ich habe noch eine ziemliche Strecke bis nach Taznakht vor mir, aber ich muss das noch einmal für ein Foto nutzen. Ich lege mein Rad auf den Boden, positioniere meine Kamera mit einem Ministativ so, dass auch der Himmelsjäger Orion im Bild ist und beleuchte mein Rad und den Boden drum herum mit dem Rotlicht meiner Stirnlampe.

OMG, it’s full of stars…!

Jetzt weiter. Immer weiter. Meine Wattwerte sind sowieso im ganzen Rennen wild gemischt und überall und nirgends. Nun, überall vielleicht nicht. Ganz bestimmt nicht über der Schwelle oder über einem besonders hohen Punkt. Und der Natur der Sache auch viel, viel ungleichmäßiger als auf der Straße. Nicht nur vom Untergrund her. Auch aufgrund diverser Abfahrten, in der ich es rollen lasse. Ja oft lassen muss. Und aufgrund vieler kleiner Mikrostops. Wenn ein den Weg kreuzender trockener Bachgraben nicht durchfahren werden kann, sondern durchschritten werden muss. Und jetzt in der Nacht weil ich manchmal den Untergrund nicht so gut einschätzen kann, weil ich aber auch nicht einfach im Gottvertrauen drüberballern möchte. Was ich trotzdem manchmal tue. Wobei – „ballern“ vermittelt den völlig falschen Eindruck. Darauf will ich hinaus. Ich ballere nicht, im Gegenteil, der lange Tag und die Dunkelheit fordern ihren Tribut. Ich bin im Automodus. Einfach nur immer weiter nach vorne. Egal wie mies die Watt sind. Und die sind mal wieder sehr mies – aber nicht ungewöhnlich für ein solch langes Rennen. Wo ich vor einigen Stunden bei Tageslicht noch ein Schwerpunktband im Bereich 160 Watt ersehen kann (den wahren, noch viel tieferen Mittelwert, der durch die ganzen Stops und Zeiten ohne Pedallieren deutlich heruntergedrückt wird, erspare ich euch – er sagt in dem Zusammenhang auch wenig aus), da bin ich jetzt vielleicht 120 Watt. 

Zwei kleinere Dörfer liegen hier als Ortsnamen auf der Karte. Verpflegung gibt es laut Racemanual keine. Und um Tisslit macht die Route auch einen Bogen. Ich sehe hier und da mal etwas Licht und da, tatsächlich geht da jemand entlang der Straße auf der anderen Seite, bleibt aber stumm. Ok, ich dann auch. Jetzt fängt wieder Asphalt an. Noch sind es etwas über 12 Kilometer bis nach Taznakht. Die reisse ich jetzt auch noch ab. Drei Kilometer vor dem Ort erreiche ich eine größere Straße. Irgendwie unwirklich nach so einem Tag eine mehrspurige Straße, dicht an dicht mit Laternenmasten umsäumt und beleuchtet vorzufinden. Auf ihr Rolle ich nach Taznakht hinein. Ein durchaus größerer Ort. Keine regelrechte Stadt, aber auch schon längst kein einfaches Dorf mehr. Dreigeschossige Flachdachhäuserfronten mit Arkadengängen säumen die Straße, die Bürgersteige ordentlich mit schönen Geländergittern. Ein großer Kreisverkehr. Diverse Läden und Cafés. Noch offen, trotz, dass es schon halb Zwölf ist.

Während ich langsam die Straße entlang rolle, wechsle zwischen Google Maps und der Trackleader-Seite der Satellitenpositionen der anderen Rennteilnehmer hin und her. Hmm, welches Hotel nehme ich, was haben denn die anderen so anscheinend gewählt, bzw. wo sind sie? Einerseits aus purer Neugier: wer ist denn gerade um mich herum, wen habe ich jetzt eingeholt. Und andererseits als Zusatzinformation. Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Anders gesagt, wo sich Racer-Dots tummeln, gibt es was zu essen oder Unterkunft. Oder beides. Marco ist z.B. auch in Taznakht. Ein paar weitere Rennteilnehmer auch. Die Trackerseite unterscheidet auch nach Status. Also ob ein Punkt zu einem Teilnehmer gehört, der das Rennen schon aufgegeben, also gescratched hat, oder ob er noch im Rennen ist. Hier sind auch ein paar Punkte von Teilnehmern, die schon gescratched haben. Taznakht liegt anscheinend günstig. In etwa auf der Luftlinie von Agdz nach Agadir und entlang von gut ausgebauten Straßen. Straßen, über die man sehr gut die Rennroute abkürzen kann und doch zum Ziel gelangt. Das haben anscheinend irgendwie alle vor. Egal ob Aufgegeben oder nicht: Agadir ist das Ziel. Man will sich wohl die Finisherparty nicht entgehen lassen. Und hat auch wenig andere Wahl – außer natürlich, sich ein verhältnismäßig teures Taxi zu leisten oder das Abenteuer Busreise anzutreten. Von Agadir bzw. vom etwas südlich davon gelegenen Ziel Sidi Rabat hingegen wird es vom Rennen organisierte Rücktransporte nach Marrakesch geben. Davon haben fast alle Teilnehmer Gebrauch gemacht und einen Platz für sich und ihr Rad gebucht und einen kleinen Extraobulus gezahlt. Auch diese Gelegenheit will man wohl nutzen. So hat sich nach und nach ein „Partybus“ gebildet. Ein lockeres, kleines Grüppchen, das immer mal wieder einen oder eine aufnimmt, und das gemeinsam im Touringmodus gen Sidi Rabat strebt. „Keimzelle“ ist wohl Mike. Ihn habe ich letztes Jahr beim Three Peaks Bike Race 2019 kennengelernt. Was ich kann, können andere natürlich auch. Mike hat natürlich im Tracker gesehen, dass ich nun auch in Taznakht war. Bzw. er hat es am nächsten Morgen gesehen, wo wir uns vor meinem Aufbruch tatsächlich getroffen haben. War eine schöne Plauderei bei einem Kaffee, während ich in einem winzigen Kiosk/Café direkt neben meinem Hotel frühstückte.

Mike

Moment, Hotel. Stimmt, nicht so schnell. Noch ist es also Nachts um halb zwölf und von Rennteilnehmern sehe ich nichts. Es ist aber durchaus noch Betrieb. Nicht wenige Marokkaner sind draußen unterwegs. Was ich so links und rechts an Möglichkeiten sehe, erzeugt gerade keine helle Begeisterung oder Zutrauen. Da, wo der Tracker z.B. Marco zeigt, zeigt auch Google Maps ein Hotel. Aber so eine richtige Zuwegung sehe ich da nicht und bin auch skeptisch. Dann lieber direkt das Hotel nehmen, was da direkt zu meiner Linken ist. Es steht auch jemand davor und fragt, ob ich ein Zimmer brauche. Ja, brauche ich – also rein da, mitsamt Rad. Ich befinde mich in einem Gastraum. Leer. Hinter der Theke hängt ein Flatscreen und es läuft Fußball. Ob ich etwas essen möchte? Oh, verdammt, und ob! Ich bekomme eine richtige Karte, also eher ein typisches Imbiß-Faltblatt, gereicht. Oh, Hühnchen mit Pommes… das wäre schon fein. Gar kein Problem, heisst es und der Mensch verschwindet nach draußen. Ah, geht mir auf – der bestellt den Kram jetzt bei der Imbissbude neben an… Das Essen ist schnell vor mir, es gibt natürlich auch Brot dazu und einen ganz hervorragenden Minztee mit richtig viel frischer Minze im Glas. Der junge Gastwirt ist überaus zuvorkommend. Eine irrer Kontrast der Gastfreundschaft und gewählten Höflichkeit mir gegenüber und dann dem so typisch klischeehaft arabischen Herumgefluche mit einem jungen Kollegen, Verwandten oder was auch immer, das sich teilweise nebenan bzw. hinter mir abspielt. In meinem Kopf fantasiere ich und übersetze: „Nein du Sohn einer räudigen Hündin! Bist du bei Neumond vom Kamel gefallen? Nicht mal in Agadir bei den Schustern könnten sie dich gebrauchen! Sie dich an, zu dumm das Wasser vom Fluss zu holen. Was hast du hier schon wieder angestellt du Bruder eines schlaffen Maultiers!“. Und im nächsten Moment werde ich höflich gefragt, ob ich noch etwas Tee möchte…  Ich glaube, ich bin der einzige Gast in dieser Nacht in dieser Unterkunft. Vorauskasse, sehr gerne. Wann ich aufbrechen möchte? Ah, ok – hmm, ich sage mal 6 Uhr 30. Bzw. zeige es auch auf der Uhr, weil die Verständigung in ein wenig Französisch und etwas mehr Englisch nicht ganz so flüssig läuft. Sein Gesicht strahlt – das scheint für ihn nicht zu früh zu sein. Alles ok. Also will er mich jetzt rauf zu meinem Zimmer führen. Nur zu gerne. Kurzer Schockmoment: Öha – dass ist ein verdammt schmaler Treppenaufgang. Ungelogen kratzt mein Lenker fast an beiden Seiten an der Wand. Meine Güte, gut, dass ich den Zuhause schon etwas kürzer gesägt hatte. Der Trend zu immer weiteren Lenkern bei Mountainbikes mag zwar eine gewisse Grundlage haben, schießt aber gerade für Crosscountry und Touringzwecke schon längst deutlich über das Ziel hinaus. Auf jeden Fall für Personen, die nicht die Spannweite eines Profi-Basketballspielers oder Weltrekordschwimmers in den Armen haben. Das hätte also fast ins Auge gehen können oder wäre noch schwieriger geworden, als es sich jetzt schon darstellt, mein Rad mit auf’s Zimmer zu nehmen. 

Endlich kann ich aber die Tür hinter mir schließen. Der Marokkaner ist sichtlich stolz auf sein Hotel. In absoluten Kategorien würde ich dem Zimmer gerade mal einen halben Stern geben. Aber es reicht. Fließend kaltes Wasser ist da, Dusche, Waschbecken und ein normales Klo. Zwei Betten mit Laken und Wolldecken und Bezügen. Das ist gut, weil Handtücher und Toilettenpapier gibt es keines. Letzteres ersetze ich durch meine Feuchttücher. Die Bettbezüge müssen als Handtücher herhalten. Ich nutze die Dusche nämlich für die erste und einzige Dusche im Rennen. Meinen Mund halte ich schön zugepresst. Zähne putze ich nur mit Wasser aus meinen Trinkflaschen. Zu deutlich kommen bei solchen Bädern Erinnerungen an Südrumänien hoch, wo ich vermute, mir einen ziemlichen Durchfall genau bei ähnlicher Gelegenheit geholt zu haben. Die Klamotten lasse ich ungewaschen. Tag 4. Neuer Rekord. Gute Nacht.

10. Stint 5: Vollgas nach Checkpunkt 2

Die Nacht war erholsam. Nicht all zu lang, für Ultrarennen aber natürlich sowohl megalang aber auch komfortabel. Morgentoillette, in die Klamotten schlüpfen (es gibt Schöneres), den ganzen Kram wieder zusammenpacken und in den Taschen am Rad verschwinden lassen. Der Beutel mit Gesäßcreme, Zahnpasta und Zahnbürste. Die Kabel und das Ladegerät für Handy und Wahoo. Und das T-Shirt und die Unterhose, also meine Schlafklamotten. Beim ungelenken Herunterbugsieren meines Rades über die schmale Treppe zerre ich mir einen Muskel im Rücken. Na prima – man wird nicht jünger… Schließlich stehe ich im Gastraum. Fuck, wo kommen denn die Gitter her? Keine Tür, die ich einfach von Innen aufmachen kann. Nein, ein dickes Gitter noch davor. Ich rüttele. Fest. Macht aber gut Lärm. Also nochmal, und nochmal. Hoffentlich hört das jemand. Tatsächlich, ich höre jemanden die Treppe heruntereilen. Es ist der Kollege des Wirts von gestern. Er deutet auf die Uhr und mir geht auf, dass sich gestern wohl ein Missverständnis anhand von Zeitzonen eingeschlichen haben muss. Normalerweise stellt sich das iPhone doch immer auf die Ortszeit ein… In Marokko war ich da nie so sicher. Mann, echt Glück gehabt! Da hätte ich jetzt auch noch eine Stunde fest sitzen können, bevor jemand vielleicht aus seiner ganz woanders befindlichen Wohnung gekommen wäre… Erleichtert schiebe ich mein Rad nach draußen auf die Straße.

Interessant – das war jetzt die vierte Nacht des Rennens und ich hatte noch kein einziges Mal draußen biwakiert. Auch ein erstes Mal für mich. Sonst halte ich ja schon in der ersten Nacht wenigstens ein kleines Nickerchen draußen oder übernachte mal jeder zweite. auch mal jede dritte Nacht draußen. Zumindest in Sommer-Rennen. Hier hatte sich das noch nicht ergeben. Gar nicht mal, weil ich das biwakieren bewusst vermeiden wollte. Einfach so.

Jetzt aber erstmal etwas zum Frühstücken und zum Verpflegung kaufen suchen. Weit muss ich gar nicht gehen. Da ist direkt ein schmaler Laden, der sich irgendwie als Café entpuppt. Kühlschränke stehen da seitlich mit Joghurt und Getränken, Snacks und Brot gibt es zu kaufen. Noch während ich mir erste Sachen aussuche, kommt Mike vorbei und wie schon geschildert unterhalten wir uns ein wenig, während ich einen Kaffee trinke und schon mal etwas esse. 

Dann rolle ich los. Pünktlich zur Dämmerung. Ein letzter Blick zurück und ein Blick voraus. Dann starte ich frohgemut in den Tag. Heute will ich den CP2 erreichen. Ich muss ihn auch erreichen. Er wird heute Abend um 21:00 Uhr schließen! Er liegt in der Aguinane Oasenschlucht. Ein Tal voller Palmen und aus dem Racemanual heraus eines der Hightlights des Rennens. Eines von vielen, muss man sagen. Bis dahin sind es jetzt aber noch 171 Kilometer! Gestern waren es 143 Kilometer. Vom Rennrad und von der Straße kommend nicht der Rede wert. Für eine Mountainbike-Strecke immerhin schon respektvoll, aber auch nichts unerhörtes. Im Wüstenwind Marokkos über Stock und Stein, beladen und teilweise schiebend – eine ganz andere Sache. Ob man in 10 Stunden 150 oder nur 75 Kilometer zurückgelegt hat, weiss man hier erst hinterher. Nun gut – ich vertraue weiterhin auf die von mir vermutete treffsichere Aufwandsabschätzung von Nelson. Sein ursprünglicher Etappenplan sieht für heute vor: Tasznakht to Aguinane, CP2. Nun – dann wird es wohl möglich sein. Ein Zuckerschlecken wird es aber nicht. 

Hält mich das vom Bewundern der An- und Aussichten entlang der Strecke ab? Natürlich nicht. Nicht mal eine Stunde bin ich unterwegs als ich durch ein kleines Dorf rolle. Mittendrin fand ich diesen schönen und in tollem Zustand befindlichen kleinen Agadir (oder ist es ein Tighremt?). Noch ist das Licht deutlich morgendlich. Wenn es ein Berber-BATW (also Bike against the Wall) gibt, dann wohl kaum mehr als so. Da musste ich einfach mein treues Rad dort für ein Foto positionieren. Und bin auch sehr froh, dass ich das gemacht habe.

Berber BATW

Später neigt sich die Piste im weiteren Verlauf sanft in ein Tal hinab. Frisches Grün und helles Blütenweiss in der Mitte und aus dem Gegenlicht schält sich dahinter ein Ksar, ein typisches befestigtes Wehrdorf der Berber, hervor. Was für ein interessanter Anblick mal wieder. Ich halte für ein paar Fotos an. Da sehe ich einen Dreirädrigen Moped-Pritschenroller herannahen. Wie bestellt. Natürlich warte ich, bis er in der idealen Position ist. Ich habe ja Zeit, ahem. 

Beim Weiterfahren erkenne ich im Sonnenlicht, wie verfallen der ursprüngliche Ksar ist. Noch ein wenig weiter, und ich bin im dazugehörigen Dorf. Hier sehe ich alle typischen Baustile im Antiatlas, wie sie so oft vereint sind. Hier eine sauber verputzte Moschee und Schule, da viele Häuser mit typischen Betonhohlblocksteinen und dazwischen oder dahinter Lehmbauten in unterschiedlichen Erhaltungszuständen. Die Türen meistens aus Stahl oder Eisenblech mit einfachen gebogenen Stabornamentiken.

Von Taznakht führt die Route in eine weite Wüstenebene. Zuerst nach Süden, um dann nach 30 Kilometern wieder nach Nord-Nord-West abzuknicken. Hier habe ich mir aus meiner Vorabrecherche auch notiert, fängt wieder Asphalt an. Ich erreiche ihn sogar ein Stück vor meiner Markierung. Der Straßenbau geht also auch in Marokko voran. Sehr gut, das verspricht schnelleres Vorankommen. Das kann ich gut gebrauchen. Leider ist der Wind gegen mich. Und trotz meiner Motivation die Watt nicht furchtbar hoch. Ganz im Gegenteil. Trotzdem komme ich in den Aufliegern gut voran. Bis ich auf die Hauptstraße, die RN10, stoße und nach links abbiege. Schnurgerade geht es jetzt nur 4 Kilometer bis zu einem Versorgungspunkt. Ein kleiner Ort an einer Kreuzung mit Tankstelle, Schule und Rasthäusern. Café Ateman, habe ich als zusätzliche Information zum Race Manual aufgeschrieben. Aber diese 4 Kilometer ziehen sich. Es sieht gar nicht so aus, aber  trotz bestem Asphalt raubt mir eine winzige Steigung und kräftiger Gegenwind jede Geschwindigkeit. Mit gerade mal 13 km/h im Mittel lege ich dieses letzte Stück bis zur Rast zurück. 

Puh, geschafft. Eine knappe Stunde werde ich hier verbringen. Ein gar nicht mal so kleines Café bietet willkommene frische Energie und gute Auswahl. Die lange Theke ist über und über mit diversen Schokoriegeln, abgepackten Kuchensnacks wie Muffins oder eine Art Apfeltaschen usw. bestückt. Ich bestelle natürlich erst einmal ein Omelette. Hier sind schon drei weitere Rennteilnehmer. Schon den ganzen Morgen hatte ich auf der Trackingseite geshen, wie die Einschläge quasi immer Näher kamen. Will sagen, so langsam wurde ich weiter und weiter im Teilnehmerfeld nach hinten gereicht. Nicht, weil ich im Vergleich der anderen langsamer geworden wäre. Und furchtbar schnell war ich mit meiner ganzen Fotografiererei und auch den vergleichsweise frühen Stops in Imassine und besonders Afra nun ja auch nicht. Aber nein – allein schon aus dem Grund, das schon in den Vortagen, heute aber besonders, viele der Leute, die noch hinter mir waren (und auch nicht wenige, die vor mir waren) aus dem Rennen ausstiegen. Es wurde langsam Einsam um mich herum. Nicht nur in der Wüste, sondern auch virtuell auf dem Tracker gesehen. So war quasi auch hier das scratchen in vollem Gang. Als ich mein Omelette beendete, kam auch gerade der „Party-Train“ vorbei. Sie haben gemütlich ausgeschlafen und sind spät los, dafür aber direkten Weges nach Westen der Asphaltstraße gefolgt. Also noch mal ein freudiges Wiedersehen mit Mike. Aber auch mit Jule und ein paar anderen. Wir haben noch ein wenig gequatscht, während ich nach dem Omelette noch Proviant gekauft habe und ich dann draußen das Langarmtrikot und die Beinlinge aus- und das Kurzarmtrikot anzog. Und deswegen dann auch Sonnencreme auftrug. Währenddessen hat sich glaube ich mindestens einer, wenn nicht sogar zwei der dort befindlichen Racer entschieden: Ach, komm, was soll’s, ich scratche und radele mit dem Party Train pünktlich zur Finisher Party… Wieder zwei weniger. Dabei hatte ich die doch gerade überholt…

Kein Ding, ich fahre weiter. Aufgeben kommt nicht in Frage. Und noch bin ich auch guten Mutes, mich mit einiger Anstrengung kurz vor Cut-Off zum CP2 zu retten. Ab hier geht es sofort wieder herunter von der Nationalstraße und rauf auf Piste. Die Rennroute wird jetzt einen weiten Bogen nach Norden schlagen, bevor es wieder nach Südosten Richtung Aguinane gehen wird. Mir dräut schon vor dem Stück, das nach Westen führt. Da wird der steife Wind wieder direkt von vorne kommen. Zuerst aber Richtung Norden. Davon dass ich heute Abend um neun Uhr am CP2 sein will, wollen meine Beine noch nichts wissen. Nicht wirklich herzeigbare 100 bis 120 Watt bringen mich langsam voran. Wieder mal will ein kleines trockenes Flussbett durchquert und dann ein Pfad entlang eines Hanges verfolgt werden. Hier steht aber tatsächlich etwas sichtbares Wasser ein einer Pfütze. Wohl nur um auch bildlich zu offenbaren, wie stark heute der Wind ist. Enge aufeinanderfolgende und hohe Rippel bläst er über das Wasser.

Ich gelange wieder mal durch kleine Dörfer und sehe wenig später auch ein kleines würfelförmiges Gebäude mit einer Kuppel darüber. Das muss so ein Marabout oder Zaouïa sein. Grabmale von Marabuts, Islamischen Gelehrten, geistigen Führern und ganz allgemein verehrungswürdigen Frauen und Männern. Es liegt aber etwas abseits und so lasse ich es auch dabei bewenden und fahre weiter. Endlich habe ich den nördlichen Bogen beendet und bin wieder mal auf Asphalt und der RN10. Für ein ganz kurzes Stück. Da kommt mir eine kleine Rennradgruppe entgegen. Kurz dahinter ein kleiner Mercedes Sprinter mit schwarz-rotem Teamaufdruck. Sie hupen und winken freundlich. Irgendein Radreiseveranstalter? Warum nicht – hier lässt es sich bestimmt auch hervorragend mit dem Rennrad fahren. Der Asphalt ist super und solche Pässe wie der gestrige Tizi-n-Tinififft ein lohnenswertes Ziel. Tinfat heisst das Dorf, durch dass ich hier komme und hier gibt es nicht nur eine Verpflegungsmöglichkeit sondern noch viel mehr Cafés als auf der Karte verzeichnet. Und hier bin ich anscheinend im Herzen des Safran-Anbaus gelandet. Jedenfalls gibt es überall Schilder oder Aufschriften an Häusern, die auf eine Safran-Kooperative hinweisen. Ich habe es nun zunehmend eiliger und lege nur einen ganz kurzen Café-Stop ein, um mir frisches Wasser zu besorgen, zwei Joghurt zu essen und noch ein paar Snacks nachzukaufen.

Noch im Dorf geht es direkt wieder Richtung Süden und herunter vom Asphalt. Für etwa 13 Kilometer, dann bin ich wieder auf einem kurzen Stück Asphalt. Aber nicht lang. Sehnsuchtsvoll blicke ich dem nach rechts kurvenden Asphaltband nach. Meine Route knickt nun nach links wieder auf Piste ab. Längst fahre ich schon im Schatten des Höhenzuges südwestlich der Straße, hinter dem die Sonne schon verschwunden ist. Jetzt blicke ich meiner Piste folgend nach Nordosten und wiedermal raubt mir Marokko wie so oft zuvor schon den Atem. Und zwar nicht aufgrund der Anstrengung, obwohl ich allein davon jeden Grund gehabt hätte. Nein, es war einfach die Landschaft. Die ungeheure Ausdehnung und Weite der Ausblicke und Horizonte. Spätestens seit Tinfat war ich hart unterwegs, um den CP2 noch vor seinem Schließen zu erreichen. Und interessanterweise stimmten jetzt auch die Watt. Es ist doch alles irgendwie nur Kopfsache.

Hier und jetzt strahlt die schon tiefstehende Sonne auf die das Tal begrenzende Hügelkette, während die Piste vor mir schon im Schatten liegt. Ungewöhnlich für die Woche haben sich am Himmel auch viele Wolken versammelt, die mir wiedermal einen neuen Aspekt von Marokko zeigen. Das Tal von Taglist (so nenne ich es wegen dem nächsten Ort, den ich später auf der Landkarte identifizieren kann) wird jetzt noch lange 20 Kilometer langsam aber stetig ansteigen, bevor die Route an seinem Ende noch einmal deutlich steil über einen Kamm und dann endlich hinab in das Oasen-Tal von Aguinane führen würde. Und Zeit war nicht mehr viel.

Aber ich konnte einfach nicht hier anhalten und diese sagenhafte Ansicht zu bewundern und zu fotografieren!

Jetzt aber Feuer! Später zu Hause richte ich in Strava ein Segment ein. „Taglist High Valley“ nenne ich es. Lasse es vom Verlassen der Asphaltstraße bis zum Hügelkamm vor dem Aguinane-Tal laufen. Und erhalte, trotz das meine Panorama-Foto-Pause darinnen enthalten ist und auch ein späterer weiterer Stop, die Topzeit von 88 Teilnehmern, die ihre Aktivität bei Strava hochgeladen hatten. Der zweite kurze Stop dient schon viel weiter oben im Tal dem schnellen Aufreissen eines Riegels und dem Herausholen meiner Regenjacke, als tatsächlich einige (die einzigen) Tropfen Regen zu fallen beginnen. Nicht schlecht. Zeigt aber nur, dass ich es wirklich eilig hatte. Ohne die zwei Stops fahre ich eine mittlere Leistung von 171 Watt, was so tief im Rennen immerhin eine gute Zone 2 Leistung ist. Das schildert aber nur die halbe Wahrheit. Um diese mittlere Leistung zu erzielen, habe ich ziemliche Lastspitzen bis weit in Zone 3, also Tempo, auf mich genommen. Das war ein echtes Dauerzeitfahren mir richtig Einsatz da hoch. Es hat aber auch Spaß gemacht. Doch ständig schaute ich auf den Wahoo und peilte voraus: wann bin ich denn wenigstens ganz oben? Wann beginnt denn endlich die Abfahrt? Währenddessen drohte es zu regnen und der Wind war auch nicht von schlechten Eltern. Trotz der Anstrengung wurde es jetzt für das Trikot zu frisch. Auch deshalb hielt ich an. Nicht wegen der paar Tropfen, sondern weil da vielleicht noch mehr und ganz plötzlich hätte kommen können und weil ich Schutz gegen Auskühlung haben wollte. Meine Regenjacke war da ideal. Weiter. In meinem Kopf rechne ich ständig die noch verbleibenden Kilometer gegen die verbleibende Zeit. Welche Durchschnittsgeschwindigkeit werde ich brauchen? Ist das noch machbar? Könnte klappen. Wenn bald die Abfahrt beginnt. Wenn die Abfahrt halbwegs gut befahrbar ist. Viele Wenns… Egal. Weiter Bergauf. Kurve um Kurve. Jetzt oben? Nein, immer noch nicht. Jetzt? Immer steiler. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, war wirklich der oberste Punkt erreicht. Um mich herum war aber auch schon längst die Dunkelheit herein gebrochen. Ein erneuter Blick auf den Wahoo. 20:26 Uhr. Noch 34 Minuten bis zum Cut-off. 34 Minuten für 18 Kilometer. 32 Kilometer pro Stunde rein rechnerisch. Jetzt würde es richtig steil bergab gehen. Bei einem Rennen auf Straße absolut kein Problem. Aber das hier war ja kein Rennen auf Straße. Hölle – hier konnte man nicht mal sicher sein, ob man bergab überhaupt fahren konnte. Siehe den ersten Tag mit der langen Bergabschiebe-Passage den kompletten Maultierpfad herab nach Telouet. Das war hier nicht zu erwarten. Aber eine glatte Abfahrt, auch im übertragenen Sinne, auch bei weitem Nicht.

Trotz all der Hatz und dem Rennspirit, der mich gerade erfüllt, bedauere ich sehr, dass ich die jetzt folgende Abfahrt und die grandiosen Sichten hinab in das Palmental nicht bei Tageslicht genießen kann. Wahrscheinlich hätte mich das viermal so viel Zeit gekostet, wie ich sie jetzt in der Nacht brauchen würde. Vom Sehen. Vom Genießen. Und natürlich vom Fotografieren. Die Ausblicke sind grandios – ihr habt ein paar Kostproben vielleicht schon im Instagramstream des Atlas Mountain Race gesehen. Und das viermal so viel wäre es mir wert gewesen! Aber – in der Natur der kurzen Wintertage liegt halt, dass man nicht jeden Kilometer und damit auch nicht jedes Highlight der Strecke bei Tageslicht befahren kann. 

Jetzt aber will ich nur herunter und hoffe inbrünstig, dass der Untergrund sich halbwegs zum kontrolliert schnellen Abfahren eignet.

Natürlich macht er mir den Gefallen nicht. Ganz im Gegenteil. Zum Nachteil, das es jetzt schon dunkel ist und die Strecke generell schlechter einschätzbar als bei Tage ist, gesellt sich der Untergrund. Blockig und Steinig – normal. Ausgewaschene Kurven, auch zu erwarten. Aber ebenso mein Nemesis – extrem hohe Anteile an tiefem, weichen, feinen Kies. Die Art, die schon bei Tage schwierig zu befahren ist und die einem übel mitspielen kann, wenn man solche Flächen zu spät erkennt oder nicht richtig einschätzen kann. Vorderrad entlasten und „durchsurfen“? Eine Spurrinne oder Kuhle nutzen oder den Lenker in Erwartung eines Rucks entsprechend gegenhalten oder mitgehen lassen? Jeder Fehler, jedes über das Vorderrad gehen kann den jähen Sturz in dunkle unbekannte Tiefen zur Folge haben. Geländer oder kleine Wälle gibt es nicht. Und die Fahrlinie muss aufgrund herabgefallener Steine, besonders groben Blöcken oder Löchern nicht selten recht nah an der Kante des Wegs entlang führen. Und trotzdem, das Adrenalin fließt durch die Adern, die Bremsen bleiben so weit es geht, offen. Viel, viel offener als wenn ich nicht noch Hoffnung hätte, pünktlich anzukommen. Später am Kontrollpunkt werde ich scherzhaft über diesen ganzen Mistkies fluchen und vorschlagen, dass da wirklich mal dringend gestaubsaugt werden müsse. Die ganze verf… Abfahrt!

Irgendwo auf halber Strecke, dort wo das Gefälle dann erst mal schwächer wird und einige erste Häuser stehen, überhole ich einen Rennteilnehmer mit gehörigem Geschwindigkeitsüberschuss. Bei all dem ist ein vollgefedertes Rad natürlich immer ein heftiger Vorteil. Für die Geschwindigkeit, für die Kontrolle, aber auch von der viel geringeren Ermüdung und Belastung, die gerade die Frontfederung vom Fahrer und speziell von den Fingern, Händen und Armen fordert. Hier, auf den Stellen die nicht so prekär kiesig-sandig sind, macht das sogar richtig Spaß! Trotzdem – es sind immer noch ungefähr 10 Kilometer bis zum CP. Das Höhenprofil zeigt deutlich nach unten. Aber es gibt noch genügend kleine Wellen, enge Kurven, etwas auf und ab. Die Lichter da schräg unten. Gehören die zur Herberge, die den Kontrollpunkt darstellt? Nein, wohl nicht. Ich muss erkennen, dass es halt leider nicht damit getan war, die Talkante zu erreichen und dann hinabzurollen und direkt beim Kontrollpunkt zu sein. Das Tal zieht sich, die Strecke windet sich entsprechend. 21 Uhr ist erreicht und auf dem Wahoo ist immer noch ein kurzes Stück Track übrig… oh, nun gut – es hat nicht sollen sein. Sehr schade, aber nicht das Ende der Welt und ganz sicher nicht das Ende meines Rennens. Zumindest muss ich jetzt nicht mehr im Tempobereich irgendwelche kurzen Gegenanstiege hochpressen. Kann mir im Kopf statt dessen ausmalen, was alles für Häuser hinter den Palmen verborgen sein mögen und auf was dieses bunte, rot-blaue Licht hindeuten soll, dass ich öfters links neben mir weiter unten hinter Palmen sehe. Eine weitere Herberge? Es gilt tatsächlich noch einen winzigen Kamm zu überwinden, bevor die Strecke ein letztes Mal steil und im oberen Teil mit engen Serpentinen abfällt. Den letzten Kilometer rolle ich durch ein augenscheinlich sehr interessantes Dorf, wie sich im Schein der Straßenlaternen zeigt. Aufgrund der steilen Hanglage ganz anders als die anderen Dörfer, durch die uns die Strecke bislang führte. Auch das würde ich gerne mal bei Tag sehen. Wie das gesamte Tal. Jetzt aber rolle ich langsam den steilen Betonpfad durch das Dorf. Wo geht’s zum Kontrollpunkt? Zur Auberge le Paradis d’Aguinane? Ah! Da, Licht und da sitzen an drei Tischen vor einem Gebäude ja die bekannten Gesichter. Und es lehnen Bikepacking-Räder an der Mauer gegenüber. Das ist der Kontrollpunkt! Geschafft! Es ist 21:48 Uhr. Nur 48 Minuten nach Kontrollschluss am CP2. Wie ärgerlich! Und doch ärgere ich mich nur kurz – zu toll das bis hier hin erlebte und zu toll die Tatsache, nun endlich hier zu sein und noch so viele Leute zu treffen! Natürlich werde ich mit großem Hallo und Applaus empfangen. So machen wir Bikepacking-Racer das an Kontrollstellen – jeder, der ankommt, hat Großes geleistet und seinen eigenen Erfolg – mehr oder weniger – erkämpft. Dafür zollen wir uns untereinander immer wieder familiären Respekt. Ich liebe es. 

Ich liebe auch, mich jetzt erst mal an einen Tisch zu setzen. Natürlich gibt’s sofort Empfehlungen, was ich zu erst machen, bestellen, besorgen soll. Was es hier zu essen gibt. Gleichzeitig mit dem Teilen der Zerknirschtheit, dass es halt schon knapp nach Kontrollschluss ist. Die ich aber vom Teller wische und stattdessen von den tollen Erfahrungen bis hierhin schwärme. Was für ein Abend – für jetzt ist erst einmal essen, erzählen, lauschen und Austausch von Erfahrungen an der Reihe!


Haben euch meine Schilderungen bis hier hin gefallen? Konntet ihr einen kleinen Einblick erhalten, wie sich das Rennen, aber auch Marokko für mich dargestellt hat? Ich freue mich sehr auf eure Kommentare oder Fragen. Jetzt beginne ich die Arbeit am zweiten Teil, der meine weiteren Erlebnisse von hier bis ins Ziel darstellen wird. 

Viel Spaß beim Träumen und Planen eurer eigenen nächsten Abenteuer!

34 Kommentare zu „Das Atlas Mountain Race 2020 – Mein Tagebuch der Erstaustragung (Teil 1 von 2)

  1. Toll zu lesen! Und super ausführlich. Nicht der heute übliche Telegramm Stil. Es gibt allerdings einen Textanschnitt der sich mehrfach wiederholt 😂 Such mal nach „die Nacht war erholsam“…

    1. Hallo Christian, vielen Dank. Ja… der Telegramm Stil, aber auch der etwas elegantere, allgemein beschreibende Stil hat ja zwar auch etwas für sich. Und letzterer kann auch Begeistern. Ist dann ab und an aber auch austauschbar, weil weniger persönlich und weniger in die Tiefe gehend. Jeder Stil hat zwar seinen Reiz, aber für mich sind auch die kleineren Details und Gedanken wichtig, die ich unterwegs hatte.

      Und danke für den Hinnweis zur Textwiederholung. Gefunden und Behoben. Ich dachte, dass Problem hätte nur die Kopie für die englische Version gezeigt. Da hat mir der Block-Editor aus einfachem Einfügen fast immer gleich 3 Wiederholungen produziert.

      1. und für die vielen kleinen Details gefällt mir dein Blog (neben den ganzen tollen Bildern).

  2. Danke für den guten Lesestoff!
    Mike und Partytrain, das passt :). Auch schön zu lesen, dass es ihm gut ging. Er hat ja leider früh aufgehört im Rennen.

  3. Ich habe immer wieder geschaut, ob Du den Bericht schon geschrieben und online gestellt hast. Jetzt ist der Erste Teil da und ich habe ihn verschlungen! Toller Bericht mit vielen spannenden Details und Episoden, wie immer superschöne Fotos

  4. Grandios!
    Vor allem die Fotos erinnern mich an meine 4 Algerien-Reisen (zwischen 1984 und 1990), damals halt mit dem Auto – aber die tägliche Kilometerleistung war ähnlich. Damals war ja alles noch analog. Navigation mit Karte, Kompass, Höhenmesser…
    Freu mich schon auf Teil 2!

      1. aber ich glaube – definitiv nix zu radlen (ok, ein paar ganz verrückte sind auf der Direttissima durch die Sahara)…
        außerdem gibts (vermutlich) gar kein Visa mehr und (nicht nur wegenCovid-19) eine sehr gefährliche Gegend…

      2. Ja, wäre jetzt vielleicht auch nicht das nächste Ziel auf meiner Liste. :) Aber ich muss schon sagen – Marokko war ja eine ganz neue „Stufe“ in meiner persönlichen „Reise-Eskalation“ ;-) Wer weiss also, was sich mir so als nächstes dann als interessantes und exotischeres Ziel als z.B. die Alpen herauskristallisiert. :)

  5. Sehr interessant und inspirierend. Der erste Teil hat mich schon mal „gefesselt“..Toller Bericht mit wertvollen Details. Freue mich schon auf den 2. Teil und die stimmungsvollen Bilder

  6. Hallo Torsten,

    Ich habe mich wie immer auf deinen Bericht gefreut und ihn mit einem gemütlich geschlürften Americano genossen während der Sauerländer Regen auf dem Dach plätschert. Du hast es wieder mal geschafft mich mit auf dein Abenteuer zu nehmen. Dein Erzählstil und die Sorgfalt der Dokumentation und deinem Blick für Details kombiniert mit dem schönen Mix aus Panoramen, Landschaft und Dokumentation sind wirklich herausragend.

    Danke,
    Daniel

  7. Das Lesen Deines ausführlichen und wunderschön bebilderten Berichts hat mir wie immer große Freude bereitet und die Neugier auf fremde Gebiete geweckt. Vielen Dank dafür!
    Ich könnte jetzt kein Französisch, war die Sprachbarriere denn sehr ausgeprägt oder hinderlich? Oder wußten die alle schon, was die Leute mit den Fahrrädern wollten ;-) ?

    1. Hallo Conni,

      lieben Dank für deinen Kommentar. :)
      Haha – manche wussten das sicher. Wenn da über 2-3 Tage 200 hungrige Radfahrer denselben Laden besuchen, ergeben sich wohl schnell Muster… ;-)
      Aber ansonsten ging das auch recht gut. Manchmal Englisch, oft Französisch – dann von meiner Seite halt ein paar Brocken. Ansonsten Finger, Zeichensprache und zeigen.

      Ich hatte tatsächlich aus Interesse und Lust über den Herbst und Winter mit Duolingo mein verschüttetes Schulfranzösisch wieder etwas verbessert. Das war definitiv nicht verkehrt. :)

  8. Super interessant und spannend zu lesen! Habe deinen Fortschritt im Rennen ja schon mit im Tracker verfolgt und damals auch mitgefiebert, ob du es vor Kontrollschluss zum CP2 schaffst. Das war eben noch mal genauso spannend. ;)
    Die Bilder sind wirklich eine Augenweide!
    Freue mich schon auf den zweiten Teil!

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