Transcontinental Race Vorbereitung: Pfingsten testet man in Bimbach

Rad fahren

Wie trainiert man für ein Ultradistanz-Radrennen? Und wie bereitet man sich darauf vor? Zur Vorbereitung gehört ja nicht nur die bloße Fitness-Komponente, sondern weit mehr. Neben dem Material auch die mentale Komponente. Und neben der bloßen Fähigkeit, lang zu fahren, bzw. lange Tage im Sattel zu verbringen auch die Erfahrung, das Tag für Tag zu wiederholen. Und dabei nicht nur schnell, sondern vor allem effizient zu fahren. Dazu gehört auch die Erfahrung wie man sich und seine Tagesbedürfnisse organisiert, um die Zeit in Bewegung möglichst hoch zu halten.

Was macht der Körper, was das Material und was der Geist, wenn man das nicht nur einen Tag lang macht oder mal eine sehr intensive Trainingswoche einlegt, sondern wenn man Tag für Tag für Tag richtig lange auf dem Rad verbringt. Und damit meine ich 12 bis 16 Stunden (inklusive kurzen P.- und Einkaufspausen).

Dafür würde sich ein langes Wochenende eignen, wo man tatsächlich mit Sack und Pack einfach mal so 600 bis 800 km über drei Tage fährt. Ja – aber irgendwie bin ich dazu noch nicht gekommen… ;-)

Viele Leute nutzen ja auch eine klassische Brevet-Serie, um da hinein zu kommen. Typischerweise fangen die Brevets im zeitigen Frühjahr mit rd. 200 km an, um sich dann über April, Mai und Juni über 300 und 400 auf 600 km hoch zu arbeiten.

Während zwar jede Fahrt – und sei sie auch noch so kurz – zu einer Prüfung werden kann (da kommt es ganz auf die äußeren Umstände an), sind 200er für mich keine erstrebenswerten Brevets. Wofür da den Umstand mit Anmeldung, einem einzigen fixen Termin und Kontrollkartenstempelei? Einen alleinstehenden 200er kann man jederzeit am Wochenende solo fahren. Oder noch spaßiger, im Rahmen eines Radmarathons oder eines anderen Radevents.

Bei einem 300er wird das schon interessanter und für mich fängt da der Brevet-Sinn an. Habe ich aber auch noch nicht gemacht. Viel lieber habe ich meine Zeit in eine ausführliche Trainings- und Urlaubswoche auf Mallorca investiert, die ich mit dem Mallorca312 Radrennen gekrönt habe (siehe ausführlichen Bericht hier). Ja klar, das ist kein Brevet. Und auch nicht Solo und unsupported. Aber seinen Hintern über 312 km rauf und runter der Küstenstraße und diverser Pässe auf Mallorca zu schaffen und die vielen tollen Wellen durchzudrücken – da hilft der Windschatten auch nicht immer so wirklich. Wenn überhaupt. Oder man stellt den Windschatten selbst für andere her.

Von daher: aus reinen Fitness- und Trainingsgründen ist das die für mich sinnvollere Art der (Trainings-)Vorbereitung. Eingebunden in meinen Trainingsplan. Und spaßiger, weil mit Freunden unterwegs und in netter, spannender Umgebung.

Was fehlt ist natürlich: das Gewicht und Handling des voll ausgerüsteten Rades mit bepackten Taschen. Wie komme ich mit den Taschen zurecht? Was passt von meiner ersten Ausrüstungsliste überhaupt alles hinein? Und was davon am Besten in welche Tasche? Und wie benutze ich das dann alles?

Daher war es nun endlich an der Zeit für eine…

…Kostümprobe! ;-)

Der Bimbacher Rhön-Radmarathon

Und wieder mal: Nein, keine selbstversorgte Solofahrt über zwei oder drei Tage. Dazu war das Alternativprogramm zu verlockend. Und zwar ergab sich kurzfristig die Möglichkeit, Pfingsten in Bimbach zu starten. „Pfingsten fährt man in Bimbach“ so die überaus erfolgreich in die kollektive Gedankenwelt der deutschen Rennradszene eingebrannte Botschaft des RSC ´77 Bimbach.

Dieser wollte ich in den letzten Jahren schon mal folgen – nie ergab sich allerdings die Gelegenheit oder es war natürlich alles schon ausgebucht. Und jetzt konnte ich mit Freunden dort zusammen fahren. Das hörte sich super an und war auch super.

Die Bimbacher bieten sowohl am Samstag als auch am Pfingstsonntag unterschiedliche RTF-Strecken an. Die Kombination der jeweils längsten Strecken (Samstag die Tour 4 mit 158 km und Sonntag die Tour E mit 260 km) ergeben in der Summe 418 km mit rd. 6800 Höhenmeter und werden als separate Wertung „Bimbach 400“ mit Finisher-Medaille, Urkunde und Finisher Shirts geführt.

Das hörte sich super an! Ja, keine Solofahrt, sondern Kleingrüppchen. Also schon Profitieren von Windschatten. Aber auch so stark rauf und runter, dass das a) nicht ganz so stark in’s Gewicht fällt (oh Mann, was lag ich da zumindest für den Sonntag verkehrt… ;-)) und b) dass das in sich selbst ein sehr gutes Training versprach, diese Höhenmeter mit dem vollbeladenen TCR-Rad zurück zu legen.

Überhaupt: Steile Mittelgebirgsrouten sind so mit das beste, was man trainieren kann. Auf langen Alpenpässen kann man sich in seinen Rhythmus finden und diese schön hochkurbeln. Ist man endlich oben, kann man sich meistens (wenn die Abfahrt nicht zu steil und mit zu vielen engen Kehren versehen ist) dann auch in der Abfahrt sehr lange wieder gut erholen.

Im Mittelgebirge trifft man viel öfter auf eher steilere Anstiege, Serpentinen in der Abfahrt gibt es da auch und es geht ständig rauf und runter. Kaum Zeit zum erholen.

Also: alles Super! Genau das richtige zum Trainieren.

Das Rennrad und das Taschensetup

Für eine Kostümprobe braucht man ja eigentlich das finale Rad. Leider habe ich das immer noch nicht… Es soll ja ein Titanrad werden. Erste Überlegungen und Ergebnisse einer Testfahrt hatte ich schon im Februar veröffentlicht.

Volle 100 % hatte mich das Rad noch nicht überzeugt. Aber eine ausführliche Korrespondenz mit Jan-Willem Sintnicolaas, dem Firmengründer von J.Guillem, später und wir hatten eine Option gefunden. Nur leider lässt diese immer noch auf sich warten…

J.Guillem Orient vor Schloss Prösels bei Völs am Schlern

J.Guillem Orient vor Schloss Prösels bei Völs am Schlern

Im oberen Foto im Vordergrund: das J.Guillem Orient Ende Mai während eines kurzen Giro d’Italia-Abstechers in Südtirol. Genau das Testrad, das ich im Februar für ein Wochenende hatte. J.Guillems Scheibenbremsen-Rennrad. Wie alle anderen Titanräder von J.Guillem ist es nach einem berühmten Pass auf Mallorca benannt.

Leider ist das immer noch nicht mein finaler Rahmen. Weil der immer noch verspätet ist, habe ich nochmal genau dieses Leihrad als Test-Plattform. Ich habe bereits meine Kurbel, meine Laufräder und meinen Sattel montiert. So komme ich wenigstens dabei weiter, mein finales Setup für das Transcontinental Race auszutüfteln und ein paar Komponenten bereits zu testen.

Am Tag des Fotos hatte ich meine neue Rahmentasche zum ersten mal montiert und ausprobiert. Ein überraschend praktisches Teil. :)

Die Apidura Mountain Frame Pack (medium) passt sowohl in das J.Guillem Orient (Rahmengröße 52 cm) als auch in mein Canyon Ultimate (Rahmengröße S) wie angegossen. Kein Bein bzw. Knie-Kontakt in befüllter Form ebenso. An den Inhalt kommt man auch im Fahren sehr gut. Toll!

Leider bekomme ich sowohl im Unterrohr- als auch im Sattelrohr-Flaschenhalter so nur noch eine 0,5 l Wasserflasche eingesteckt.

In dieser Konstellation bin ich dann vor zwei Wochen am Samstag in Südtirol diverse Dolomitenpässe gefahren. Das fühlte sich alles super an und wider erwarten fand ich auch die hydraulischen Shimano-Scheibenbremsen mit ihren 140 mm Rotoren super und völlig ausreichend.

Die momentan montierten Schwalbe Pro One 28 mm Reifen mutieren auf den Hunt Bike Wheels 30Carbon Aero Disc Laufrädern zu 31 mm Breite und ergeben ein Querprofil welches bei mir in Kombination mit der Geometrie des Orient eine tolle Kurvenzuversicht hervorbrachte. Leider lassen sie sich als Tubeless-Reifen doch nur sehr schwer auf die Felge montieren…

Da fehlte aber immer noch was:

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„Kostümprobe“ – Samstag nachmittag nach der 158er RTF vor dem Bürgerhaus in Bimbach

Stimmt: Lenkertasche, Oberrohrtasche und Satteltasche. Die hatte ich für das Pfingstwochenende dann auch montiert und befüllt. Bis auf die Zeitfahr-Lenkeraufsätze (samt Beleuchtung und einer zusätzlichen Foodpouch) ist dies das Setup welches ich plane zu nutzen:

J.Guillem Titanium Scheibenbremsen-Rennradrahmen, Quarq DZero SRAM red Leistungsmessungskurbel, Shimano Ultegra hydraulic DiscBrake (das wird später zur SRAM red eTap mit der mechanischen TRP Spyre Scheibenbremse), Hunt Bike Wheels 30Carbon Aero Disc Laufräder (vielleicht wechsle ich die noch), Apidura Rahmentasche, Apidura Oberrohrtasche, Ornot Handlebar Bag und Ortlieb Seat-Pack.

Mit Inhalt und einer 0,5 l Wasserflasche gewogen– allerdings noch ohne die Lenkertasche – lande ich bei rd. 12,3 kg. D.h. ich gehe davon aus, dass das finale Rad mit allem drum und dran bei 13,5 bis 14 kg landen wird…

Samstag, Teil 1 des Bimbach 400:

Am Samstag werde ich für die 158 km Runde also wohl ein 12,9 kg Rad bewegt haben. Und damit sind wir dann zuerst zu fünft, später dann zu viert die Kuppen der Rhön hinauf- und hinabgefahren. Und das mit Lust und Laune und durchaus so, als gäbe es kein Morgen und vor allem keine weiteren 260 km. Also eine sehr viel zügigere Gangart, als es für eine Ultradistanz-Radfahrt angeraten und nachhaltig ist.

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Smiles for Miles. Oder: Lächeln und Winken! ;-)

Aber egal. Es ging ja um den Trainingseffekt und um das Bikehandling. Und dazu kann ich sagen – bis auf das natürlich spürbare Gewicht habe ich mich mit dem Rad samt Gepäck nie gehandicapped gefühlt. Ich habe natürlich bei einer Gangart, die sich ein klein wenig auch bei den anderen am Sonntag bemerkbar machen würde, volle 4,5 bis 5 Kilogramm mehr als sonst üblich an Masse die in Teilen steilen Rampen der Rhön hochgedrückt.

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Forever… cockpit view ;-)

Wettertechnisch war es weitestgehend sehr schön. Erst gegen Ende gab es mal einen sehr kurzen (passgenau bei einer Kontrolle) und dann einen etwas längeren Regen-Part. Allerdings kam eine Weile nach Zieleinfahrt dann doch wieder die Sonne heraus und ich konnte bei einem Kaffee und Kuchen wieder halbwegs abtrocknen.

Es folgte dann Teil 2 der „Kostümprobe“: Duschen in einem bereitgestellten Duschcontainer an der Grundschule in Bimbach (über das gesamte Wochenende konnte ich ein super organisiertes Event erleben – Hut ab, lieber RSC`77 Bimbach!) wo ich so gegen 18:00 das Reich ganz für mich alleine hatte. Und mit einem Intermezzo in Fulda (gemeinsames Abendessen in der Altstadt) das Aufsuchen des Bürgerhauses, wo ein kostenloses Matrazenlager zur Verfügung stand. Dort habe ich mein kleines „Schlafbesteck“ ausgebreitet (Sea to Summit Isomatte und Mountain Equipment Helium Solo Schlafsack) und mich um 23:00 zur Nachtruhe begeben.

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Schlaf-Ausrüstung. Mit iPhone 6 und einer. Anker Powerbank als Größenvergleich

Der Sonntag: Pfingsten leidet man in Bimbach… ;-)

Zwischen 06:00 und 06:30 war die Startzeit für die lange Strecke E. E wie epic oder E wie extrem… Wir hatten uns für 06:15 am Startbereich verabredet.

Wie vorhergesagt, goss es in Strömen. Kacke! Nein – Exzellent! Ein weiteres Testkriterium konnte angegangen werden. Fahren in strömendem Regen. Habe ich den passenden Kram dabei? Halten die Taschen dicht bzw. halten die Tütchen in den Taschen dicht, von denen ich wusste, dass durch Nähte oder Reissverschlüsse Feuchtigkeit bzw. Wasser eindringen konnte?

Das war also Teil 3 der „Kostümprobe“ und der härteste Abschnitt. Aber auch der schönste, weil längste und hauptsächlichste.

Leider war die Kostümprobe zumindest für das Kostüm, sprich – das J.Guillem Orient – nach der ersten Kontrollstelle und rd. 44 km zu Ende!

Der Defekt…

Eigentlich habe ich bisher Shimano Ultegra, bzw. mechanische Shimano-Schaltungen generell, wenn schon nicht für sexy, dann wenigstens aber für zuverlässige und unauffällige Arbeitstiere gehalten.

Seit ich meinen Giant Crosser habe und spätestens seit Sonntag hat sich das aber stark gewandelt. Klar, es sind nur Anekdoten, aber dennoch. Zum einen braucht es meiner Erfahrung nach nicht viel auf schlammigen Terrain oder im Winter, bis der Top Pull Umwerfer seinen Dienst versagt und Schaltwechsel vom großen auf das kleine Blatt einen beherzten Kick mit der Ferse benötigen, weil der Umwerfer klemmt oder zu schnell (schneller als andere Konstruktionen) einfriert.

Dann versagte bei meinem Crosser in diesem Winter das Schaltwerk. Bzw. wie sich herausstellte, lag es wohl am Brems-/Schalthebel. Was zuerst war, kann ich gar nicht sagen. Ob sich erst der Schaltzug samt Endanschlag im Brems-/Schalthebel falsch verklemmte oder die Indexierung im Hebel Müll produziert hatte und daraus dann eine Totalblockade folgte… Keine Ahnung. Jedenfalls war das damals eine größere Operation. Mit Schaltzug wechseln, Brems-/Schalthebel säubern und mehrfach komplett mit Bremsenreiniger, WD40 etc. duschen bekam ich die Indexierung irgendwann wieder gängig. Und das bei einem Rad, welches erst rund 4500 km runter hatte.

Etwas ähnliches schien sich am Sonntag morgen beim J.Guillem Orient getan haben. Ein relativ neues Leihrad – damals im Februar frisch für mich aufgebaut. Wenn nur ich es gefahren habe (Nutze es seit zwei Wochen wieder, nach dem ich es nach der ersten Testfahrt im März zurück gegeben hatte), dann hat das Rad gerade mal so 1000 km runter. Trotzdem: am Sonntag morgen im strömenden Regen hatte ich nach knapp 20 km Probleme mit dem Schaltwerk. Die Index-Klicks kamen, aber das Schaltwerk folgte nicht. Die obere Kassentenhälfte ging noch so… aber nicht sehr lange, dann rührte sich gar nichts mehr… D.h. ich hatte von km 20 bis zur ersten Kontrollstelle effektiv ein Dualspeed-Rennrad. Vorne konnte ich noch schalten, hinten nicht mehr.

Super. Das ist genau die Sorte Zuverlässigkeit, die ich für das Transcontinental Race brauche. Nicht! Und nach dieser Vorgeschichte bin ich auch mehr als zufrieden, dass ich sowieso schon längst die SRAM eTap für das TCR-Rad vorgesehen habe. Wenn Campagnolo mit ihrer hydraulischen Scheibenbremsengruppe schon weiter wären (ist ja seit zwei Wochen oder so endlich offiziell vorgestellt) dann wäre das für mich die ideale Wahl! Die SRAM eTap sollte aber auch super sein.

Jedenfalls… nach wie vor in strömenden Regen erreichen wir endlich die Kontrolle 1 und ich fahre sofort den Specialized-Servicewagen an. An diesem Tag haben sie bereits gut zu tun und das wird auch nicht abreißen. Ich bin aber schnell dran und schildere mein Problem… Der Techniker kann zwar den Zug befreien, aber die Indexierung ist komplett hinüber. Bzw. auch nach dem Einfädeln und Spannung auf einen neuen Zug aufbringen kommt da nichts… Auch mein Hinweis auf den Versuch mit der Bremsenreiniger-Dusche auf die Mechanik hilft leider nichts… Toll, vor Ort ist nichts zu machen! Shit! Und nun? Ich frage, ob er mir wenigstens ein mittleres Ritzel hinten fixieren kann, damit ich weiter Dual-Speed fahren kann. Darauf hin sagt er mir – „Nein, was fährst du für einen Rahmen? 54er? Nimm doch eines unserer Leihräder?“ Ich brauche zwar einen 52er Rahmen, aber den hat er auch im Van.

Wow, was für ein Service! Ich bekomme ein gar nicht mal so übles Specialized Diverge Expert CEN mit Scheibenbremsen, Shimano Ultegra, Carbonrahmen, DT Swiss R 670 Laufrädern und Specialized Roubaix 28mm Reifen. Das Teil wiegt für ein Carbon-Rad unglaubliche (sehr schwere) 8,7 kg laut Tour-Test. Aber genauso viel wie das jetzt gerade waidwunde J.Guillem Titanrad. Ohne Taschen. Titanrad und Taschen (bis auf Lenkertasche) lasse ich beim Specialized Service. Mit umgeschraubten Pedalen und mitgenommener Trinkflasche und Lenkertasche setze ich mich auf das neue Rad und bin im wahrsten Sinne erleichtert. Von rd. 13 auf rd. 9 kg. :) Ich lasse noch schnell meine RTF-Karte stempeln und mache mich dann sofort in die Verfolgung meiner Gruppe.

Gesündigt, Buße getan – und erst einen, dann zwei Engel gehabt. :)

Glücklicherweise hatte mir Fabian, während ich beim Service festhing, etwas Verpflegung von der Kontrollstelle gebracht. So hatte ich wenigstens ein halbes Brötchen, ein Stück Waffel und ein Stückchen Marmorkuchen intus. Davor war mein einziges Frühstück ein Nutrixxion Riegel am Start und ein Apfel-Smoothie-Gel von Powerbar (die sind lecker, aber leider auch etwas voluminöser als ein normales Gel). Das war’s.

Und damit begab ich mich dann auf den Sündenpfad. Die Gruppe war schon weiter gefahren. Klar – es goss immer noch in Strömen und sie kühlten total aus. Da war es schon besser, dass sie schnell wieder auf den Bock kamen. „Beseelt“ (;-)) von dem Gedanken, die Gruppe wieder einzuholen, habe ich nach der langen Defektpause dann mit dem neuen Rad mächtig auf die Tube gedrückt.

Eigentlich fast das Ärgerlichste daran finde ich, dass ich aufgrund der Konstellation leider keine Wattmessung am Specialized hatte. Wäre ich mit meinem Canyon gefahren und hätte das Rad wechseln müssen, wären meine Pedale die Powertap P1 gewesen. Dann hätte ich allein durch das Umschrauben meiner Pedale auch direkt die Leistungsmessung am Ersatzrad gehabt. Da ich am TCR-Rad MTB-SPD-Pedale fahre, ist dort eine Leistungsmessungskurbel verbaut. Die kann man natürlich nicht so ohne weiteres wechseln… Leider war auch die Knopfzelle meines Herzfrequenz-Brustgurtes schon seit dem Samstag ohne Vorwarnung komplett leer… So kann ich leider nicht direkt quantifizieren, welchen Trainingsstress die gesamte Fahrt am Sonntag ergeben hat. Und kann auch nicht sehen, welche Leistungen ich in welchen Anstiegen gefahren habe. Ich hätte zu gerne die Wasserkuppe und auch den sehr steilen Ebersberg in meiner Trainingsdatenbank!

Es folgte fast den gesamten Rest des Tages nach Kontrolle 2 die Buße.

… für das rumgebolze am Vortag als gäbe es kein Morgen (aber geil war’s :))

… für das Benutzen des J.Guillem in (nahezu) vollem TCR-Setup und Beladung beim Vortags Rumgebolze

… für eine nicht wirklich erholsame Nachtruhe im Matrazenlager des Bürgerhauses (war aber eine Superservice!)

… für ein Frühstück, das nur aus einem Nutrixxion-Riegel bestand

… für ein Nachstiefeln im Speedmodus, um die Gruppe nach der langen Defekt-Reparatur-Pause bei Kontrolle 1 noch bei Kontrolle 2 zu erwischen

… für Nix-Zurückhalten an allen Anstiegen dazwischen und auch an der Wasserkuppe (ach deshalb war der Berg so lang, das ist also die Wasserkuppe… ;-)

… für zu wenig Verdauungspause und Energiezufuhr bei eigentlich allen Kontrollstellen bis in den späteren Nachmittag

Resultat: meine schärfste Waffe – bei Anstiegen mühelos jedes Tempo mitzugehen (wenigstens in meiner Leistungskategorie) – hatte ich bis zur Kontrolle 2 komplett stumpf geschlagen.

Auch die Rumpfmuskulatur bzw. der untere Rücken zeigte „Spürung“. Also nichts mehr mit Spannungsbogen und so…

Super kurze Pausen (auch zum Zeitpunkt des Erreichens der Kontrolle 2 war das Wetter noch nicht angehalten, sich zu wärmen bzw. in den nassen Klamotten richtig abzutrocknen – deshalb sollte / wollte / musste es für die anderen schnell weitergehen) waren weder dafür angehalten, sonderlich viel Energie aufzunehmen bzw. zu verarbeiten. Da es danach meist auch wieder sofort in den nächsten Anstieg ging und es einen Gegen- und Seitenwind hatte, der Belgien im Frühjahr wie einen Kindergeburtstag wirken liess, hatte ich keine Chance auf Erholung bzw. Verdauung…

Das Ergebnis war, dass ich bei der nächsten ernsthaften Rampe abreißen lassen musste und zurückfiel… Bei den wenigen Flachstücken auf den Kuppen oder auch bei den Abfahrten war für mich allein im Wind wenig zu holen; dort bin ich hoffnungslos „verreckt“. Also entweder runterschalten, und die Gruppe nie wieder sehen oder durchdrücken und auch nicht wirklich rankommen.

Doch eine weitere Rampe später… Yay Jenni! Dann danach, Yay Fabian! :) Wir sind dann schließlich zu Dritt die ganze Strecke zu Ende gefahren. Und ich bin in Anstiegen hinterher getuckert und hab in Abfahrten und Flachen gelutscht… Und wir haben mit den anderen immer nur kurz bei den Kontrollen gequatscht…   In dem Modus hatte ich dann bei Kontrolle 5 endlich wieder langsam Land in Sicht. Das Mittagessen von Kontrolle 3 (da gab’s Warm; ich habe auch alles brav in mich hineingeschüttet: einen Teller Nudeln mit Gulaschsoße, einen Becher heiße Boullion, etwas Kuchen, Isozeugs) war endlich verdaut. Es gab (wie bei Kontrolle 4, wo ich sonst nix runterbekommen hatte) wieder Cola (yeah, the Black Doctor). Noch etwas von dem überaus leckeren Kuchen. Eine halbe, sehr gute Brezel. Und eine heiße Knackwurst im Brötchen. Das alles wollte natürlich auch wieder verdaut werden. Doch ein paar weitere langsame Anstiege später kam wieder Leben in die Beine. Und ganz zum Schluss konnte ich die Anstiege wieder mitgehen. Und auch den Schlussstint wieder volle Kanne powern. Yay!

Alles in Allem: Trotz Regen, trotz Wind und trotz Defekt ein geiler zweiter Tag, ein geiler erster Tag, eine erfolgreiche Kostümprobe, ein geiles Bimbach400 und ein geiles Wochenende!

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Gemeinsam im Ziel – was für ein tolles Erlebnis!

Was habe ich gelernt? Bzw. welche Fragen sind aufgetaucht?

Schlafen:

Die Sea to Summit Ultralight Regular Isomatte: Ist sie bequem genug? Meine Nachtruhe war nicht die Allerbeste. Und ich meine, es wäre nicht nur durch das (durch Oropax nicht gänzlich unterdrückbare) Geschnarche im Matrazenlager gekommen.

Eine Unterlage für Isomatte: Die wäre wohl doch sinnvoll. Mit Platz, einige Sachen direkt neben der Isomatte dreckgeschützt ablegen zu können und beim Anziehen eine saubere Unterlage zu haben. Und ein Schutz für die dünne Isomatte vor scharfen Steinen etc. die die Hülle verletzen könnten. Nimmt aber alles wieder Packmaß ein… Hmmm…

Ein kleines flaches aufblasbares Kissen: Ich hatte mir einen Stoff-Umhängebeutel mit meiner Fleece-Jacke als Kissen unter den Kopf gelegt… Das ging, war aber doch nicht wirklich bequem.

Bekleidung:

Socken: auf jeden Fall zweites Paar dabei haben. So kann ein Paar trocknen.

Schuhe 1: auf jeden Fall ganz dünne Slipper oder so etwas mitnehmen. Nicht nur auf die Multifunktionalität von MTB-Schuhen setzen. Wenn die Nass sind und bei einer Pause bzw. Hotelnacht trocknen sollen, brauche ich währenddessen Ersatz.

Schuhe 2: Meine Shimano SH-XC50N MTB Schuhe, die sonst recht gut sind geben mir bei ausgedehnten Tagestouren leider Probleme im Übergang von Fußrücken zum Schienbein. Dort drückt die Zunge. Das habe ich schon während meines 3 tägigen Südtirol-Stint festgestellt. Eine Modifikation des Zungenbereiches brachte leider keinen Erfolg. Ich bin aber sowieso schon auf der Suche nach einem anderen Schuhmodell.

Regenüberschuhe: die Shimano-Überzieher haben sich am linken Bein am oberen Reissverschlussende während dem Sonntag durch die Haut gearbeitet… Die sind also schon mal definitv nichts für längere Ausfahrten und Ausfahrten mit kürzeren Socken als die Überschuhe lang sind.

Leistung:

Nicht in den Roten Bereich gehen und versuchen, KOMs zu jagen. Gut, das ist keine neue oder bahnbrechende Erkenntnis sondern Selbstverständlichkeit. Das habe ich am Sonntag auch nur gemacht, um Grenzen auszuloten.

Die Leistung kommt wieder: Genug essen und wenn man genug isst, dann kommt auch die Leistungsfähigkeit wieder. Und das selbst nach 200 km. Das stimmt mich sehr positiv.

Radausstattung:

Pedale: Ich will ja eigentlich mit MTB-Schuhen und daher mit MTB-Pedalen fahren. Damit ich mich auch abseits des Rades und rund um die Uhr mit genau einem Paar Schuhen optimal bewegen kann. Aber an diesen blöden Shimano-SPD-Pedalen (am Sonntag besonders mit den XTR-Pedalen gemerkt) haue ich mir in leicht erschöpften Zustand und im engen RTF-Gewusel bei fast jedem Stop irgendeinen Kratzer in die Wade oder haue mir den Knöchel an… Gibt es da nichts Rundlicheres? Doch mal Crankbrothers Egg-Beater ausprobieren? Das wäre aber abweichen vom Bewährten. Vielleicht montiere ich anstelle der XTR-Pedale wieder die preiswerten und etwas schwereren, dafür außen nicht so scharfkantigen PD-M520 Pedale….

Die Veranstaltung:

Wir sind Sparta! Die Kombi-Wertung des Bimbach 400 haben rund 300 Teilnehmer erfolgreich absolviert. Insgesamt gab es dem Veranstalter nach 5.432 Teilnehmer über das gesamte Wochenende, davon 2470 am Samstag und rd. 2262 am Sonntag, die sich auf die diversen Streckenlängen verteilten. Die Niederschlagsmenge am Sonntag: 25 mm. Öha!

„Pfingsten fährt man in Bimbach“. Davon konnte ich mich jetzt auch endlich mal persönlich überzeugen. Ja – ich muss schon sagen: eine mit viel Engagement und individuellem Einsatz des Vereins RSC `77 Bimbach, seiner Mitglieder und Angehörigen, aufgestellte Veranstaltung. Was ich sowohl am Samstag als auch am Sonntag erleben durfte, zeugte von viel Liebe, hoher Motivation und jeder Menge Erfahrung. Für mich ein super organisiertes Event, welches keinen Vergleich mit anderen, perfekt organisierten Radveranstaltungen scheuen muss. Was mir an diesen zwei Tagen Rhön als Rennradrevier gezeigt wurde, macht Lust auf mehr.

Oder auf Wiederkommen…  Am liebsten wieder mit derselben Truppe!

 

Ein neues Rad für das Transcontinental Race oder: Hallo Titan – J.Guillem Orient Testride / Rideimpressions / Review

Produkttests, Rad fahren

Prolog:

Die universelle Konstante eines Radfahrers lautet: n+1.

Nach einem Radkauf oder Radaufbau ist vor dem Radkauf oder Radaufbau…

Wie soll man sonst auch überhaupt radfahren können? Schließlich braucht man doch unbedingt ein Rennrad. Ein Mountainbike. Einen Crosser. Ein Rad zum Brötchen holen. Zum Pendeln. Für das Velodrom. Für…

… das Transcontinental Race!

Das ist meine aktuelle Entschuldigung, äh, Motivation, mich mal wieder umzuschauen. Natürlich könnte ich eins meiner anderen Räder hernehmen. Und ich teste ja z.B. auch schon fleißig Lenkeraufsätze a.k.a. Aerobars auf dem Giant TCX Advanced Pro 1. Warum denn auf dem? Na, weil das einen normalen, runden Rennlenker hat. Mein Canyon Ultimate CF SLX hat ein Aerocockpit, ein flach geformten Lenker in einem Stück mit dem Vorbau. Tolles Teil. Sieht gut aus. Greift sich gut. Ist Aero. Aber: keine Chance, normale Aufnahmen für irgendwas (Lampen, Radcomputer oder halt Aerobars) da dran zu bekommen. Lenker wechseln wäre ja viel zu einfach. ;-) Möchte ich aber auch nicht.

Brauche / will ich überhaupt Aerobars (das wird vielleicht ein eigener Blog-Beitrag). Wäre das TCX mit normalen Reifen anstelle Stollenreifen nicht ein tolles TCR-Rad? Bestimmt! Aber es ist vom Wesen her dann doch ein Crosser. Ganz tolles Rad, aber man sitzt doch eher auf dem Rad (hohes Tretlager) als in dem Rad (wie bei einem reinrassigen Renner). Zudem würde ich die Scheibenbremsen und die gesamte Gruppe austauschen wollen. Und es hat eine proprietär geformte (allerdings sehr bequeme) Sattelstütze. Wenn mit der was wäre, bekäme ich unterwegs kaum Ersatz.

Luxusprobleme. Aber auch willkommener Grund, das Thema n+1 aufzugreifen.

Gesucht wird also ein neues Rad, welches mich quer durch Europa bringen kann und sich für das Bikepacking eignet. Ok. Es gibt wohl fast kaum ein Rad, welches das nicht könnte.

Aber es soll natürlich auch schick aussehen, soll kein billiger und schwerer Klunker sein und es soll sich nicht zu sehr mit einem Rad überschneiden, welches ich schon habe.

Weiteres Lastenheft:

  1. Reifenbreite 28 mm, ggfs. bis 32 mm – es soll aber kein Monstercrosser werden können müssen.
  2. Scheibenbremsen soll es haben. Obwohl: eigentlich eher nur für die Reifenbreite. Denn: Scheibenbremsen haben ihre ganz eigenen Probleme. Sie können quietschen (kreischen geradezu sogar), die Beläge können schon mal ganz fix verschleissen (beim matschigen MTB-Kurs innerhalb eines Rennens… oO) und wenn man die Beläge wechselt, ist das mit den Kolben wieder reindrücken immer so ein Thema. Hydraulik ist ja normalerweise total wartungsarm aber wehe es ist etwas damit. Unterwegs mit defekten Dichtungen oder ohne Bleedkit… da steht man da. Zudem: die hydraulische Shimano-Road ist ganz ok, aber auch nur das: ganz ok. Mehr nicht. Eine viel bessere Einsicht als die normalen Rennradmagazine bietet (wie so oft) Jan Heine. Hier sein Beitrag zum Thema Scheibenbremsen pro und Contra.
  3. Normaler Rennlenker und normaler Vorbau für Vielseitigkeit des Anpassens und für diverse Anbauten wie Aerobars.
  4. Elektronische Schaltung: Hat mich auch im Alltag längst seit zwei Rennrädern überzeugt und hilft gegen die Entwicklung von Problemen in der Hand bzw. bei Problemen in der Hand bei Ultradistanzen.
  5. keine propiertär geformte Sattelstütze / Sattelstützenklemmung. Grund: Ausfallsicherheit, Reparatur- bzw. Austauschfähigkeit
  6. optional: Schutzblech-Montage-Ösen / Gepäckträger-Montage-Ösen. Gepäckträger möchte ich für das TCR nicht montieren. Aber Schutzbleche sind durchaus in der Überlegung
  7. optional: dritte Flaschenhaltermontagegewinde unter dem Unterrohr.
  8. Langstreckenkomfortabilität, also keinen harten Bock
  9. wettbewerbsfähiges Gewicht. Es gibt viele (mehr oder weniger) durchdachte Rahmen, die als Gravelracer oder All-Terrain-Tourer gedacht sind. Die bestimmt sehr praktisch sind. Die aber eher aufgrund Dauerhaftigkeit oder aufgrund des Ziels, einen preiswerten Rahmen herzustellen, deutlich schwerer sind als nötig. 10 kg oder sogar mehr für ein fertig aufgebautes Rad ohne Pedale, Anbauteile und Taschen… nein danke…
  10. Robust wäre ganz nett. Auch Carbon kann Robust sein. Aber Stahl oder Titan… vielleicht noch sorgloser?

Stahl oder Titan. Ja. Das wäre etwas. Denn so etwas habe ich noch nicht. Hatte ich sogar noch nie. Würde sich also sehr gut in den Rennstall einfügen ohne etwas zu doppeln. Oder?

Titan

Ich führe schon seit längerem eine lockere Liste von Titanrahmen-Herstellern bzw. Titanrädern. Einfach nur Titan, Diamantrahmen, Rennlenker dran und „Whoa cool, du hast ein Titanrad!“. Nein. So einfach ist das nicht. Interessanterweise kann man doch so viel verkehrt machen bzw. es gilt natürlich wie überall: die Geschmäcker sind halt verschieden. Die Rohrproportionen, insbesondere das Verhältnis von Steuerrohr zu den übrigen Rohren, die Sitzstrebengestaltung, Sloping oder nicht, Zugführung, Schriftzüge des Herstellers, schönes Headbadge, Verarbeitung insgesamt, Finish des Rahmens, Schweissnähte, was für eine Gabel ist verbaut.

Sagen wir es so: aus der langen Liste der Titanrad-Hersteller fallen bei mir schon nicht wenige nur aus diesen gerade angeführten Punkten heraus.

Und dann kommt natürlich noch: Wie ist die Geometrie, wie fährt sich das fertige Rad?

Also Testen. Da wären wir wieder bei einem meiner Lieblingsthemen (siehe z.B. hier oder hier). Wer Räder verkaufen möchte – hier meine ich in erster Linie die Hersteller – muss Testmöglichkeiten anbieten.

Wie toll, dass jetzt drei Dinge zusammen zu kommen schienen:

  • Eine junge Titanradmarke, deren Modelle mir in fast allen Einzelheiten gefallen, in manchen sogar sehr.
  • Diese Marke bietet auch gleichzeitig direkt auf ihrer Webseite offensiv platziert an, deren Räder auch testfahren zu können (Sehr gut, Lob und Anerkennung!)
  • Und: ein Modell dieser Marke schien fast alle Punkte meiner 10-Punkte-Liste abzudecken!

Ich spreche von J.Guillem.

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J Guillem Signet. Sehr edle Prägung und Ausformung des Steuerrohrs des Orient. Ebenfalls sichtbar: die sehr schöne Gabel, die allerdings wenig Raum für mehr als 28 mm Reifenbreite lässt.

Eine holländische Marke von einem nicht unbekannten Menschen. Der Gründer, Jan-Willem Sintnicolaas entwirft, baut und verkauft schon seit über 15 Jahren Titanräder. Er hat damals die Marke Van Nicholas aufgebaut, die ja auch heute noch Titanräder produziert. Wie man sieht, konnte er es mit dem Zur Ruhe setzen aber nicht durchhalten und daher gibt es nun J Guillem.

Das Testrad

Welches Rad habe ich mir ausgeschaut? Das Orient. Bezeichnet als „All-Road-All-Conditions Ride“. Ja. Das passt. Die Geometrietabelle passte auch. Wenn ich auch sagen muss, dass ich bei einigen Größen schon den Kopf gekratzt habe. Genau gleicher Reach bei Rahmengröße 52 und 54? Hmm.

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J.Guillem Orient Titan-Rennrad

Die Kontaktaufnahme auf meinen über die Webseite eingegebenen Probefahrtwunsch war extrem prompt und sehr positiv über E-Mail. Das war schon mal super. Und bereits weitere 2 Tage später erhielt ich dann E-Mail vom mir nächstgelegenen Händler. FahrradAtelier Waldeck’s VoglioVelo in Ratingen. Kai Waldeck muss ich hier auch gebührend lobend hervorheben. Denn obgleich ich bereits im Webformular auf der JGuillem Webseite meinen Rahmengrößenwunsch angegeben hatte und ich sogar im guten E-Mail Kontakt dem Manager von JGuillem vom Einsatzzweck erzählte und wie wichtig es gerade für einen überzeugenden Test, der einem nicht nur von einem Rad, sondern auch vom Wesen des Materials Titan und wie ihm entsprochen wurde, überzeugen soll, dass die Rahmengröße exakt passt wurde dem Händler ein Testrad in Größe 56 in Aussicht gestellt.

Facepalm.

Herr Waldeck hat sich dann intensiv und erfolgreich mit JGuillem auseinandergesetzt (die nur 56er und 58er Testmodelle hatten), um ein Testrad frisch in Rahmengröße 52 aufgebaut zu erhalten.

Das und seine Info-Mails zum Status, bis ich endlich den Testrenner abholen konnte, war vorbildlich! Leider hat es auch extra lange gedauert, weil das Testrad zwischen den Niederlanden und Deutschland bei DHL verschollen war… Bis es wieder bei JGuillem zurück und dann endlich in Ratingen zum Einstellen und Abholen verfügbar war dauerte es dann leider einen ganzen Monat.

Aber: letzten Donnerstag war es soweit! Das Rad stand fix und fertig aufgebaut und – wie der Test und eine kurze Testrunde zeigte – perfekt auf mich eingestellt zum abholen Bereit. Schwupps – rein in den Kofferraum und wieder nach Wuppertal. Am Wochenende wurde dann getestet.

Am Samstag bin ich bei trockenem Wetter (leider ohne Sonne), das Orient gefahren. Am Freitag abend hatte ich noch schnell die Pedale gegen meine Favero BePro Leistungsmesserpedalen ausgetauscht und am Samstag vormittag eine Fotosession eingelegt.

Die gewählte Strecke hatte alles, was man so braucht. Lange Flachstrecken, Anstiege, ein paar Abfahrten mit engen Kurven und entlang der Ruhr alles zwischen glattem Asphalt und Paris-Roubaix-tauglichem groben Kopfsteinpflaster.

Am Sonntag bin ich dieselbe Runde, diesmal aber leider mit deutlichem Wind und Regen, mit meinem Canyon Ultimate CF SLX gefahren.

Die Ausstattung meines Testrades:

J.Guillem Orient in Rahmengröße 52
Schaltgruppe: mechanische Shimano Ultegra
Bremsen: Shimano hydraulisch mit 140mm Scheiben vorne und hinten
Laufräder: DT Swiss Spline 23 DB
Reifen: Vredestein 28mm (gemessene Breite: 28 mm)
Sattelstütze, Vorbau und Lenker: J.Guillem, Aluminium
Sattel: J.Guillem
von mir montiert: Favero BePro Pedale
Gewicht in diesem Zustand: 8,99 kg
zusätzlich danach montiert: ein Carbon-Flaschenhalter und ein Kunststoff-Garmin-Halter

Hier meine Fahreindrücke des J.Guillem Orient:

Komfort:
Der einzige Komfort, den ich verspüre, scheint aus den Reifen zu kommen. Ich glaube, der Rahmen tut nichts dabei. Zusammen mit dem Punkt, dass die 28er Vredestein Reifen tatsächlich 28 mm messen, meine 25er Conti auf den Zipp 404 aber 27 mm messen, also nur 1 mm weniger, ist der Reifenkomfort am Canyon Ultimate vermutlich um nichts geringer. Dafür dämpft aber noch der bekanntermaßen sehr komfortorientierte Rahmen und Gabel und die Sattelstütze des Canyon zusätzlich. Im Ergebnis: das J.Guillem Orient erscheint mir nicht sehr komfortabel. Nicht harsch. Das nicht. Gut und stabil und steif. Aber auch nicht nachgiebig. Weder im Rahmen, noch in der Gabel, noch im Aluminiumlenker (der zudem nur sehr dünnes Lenkerband trägt) noch in der Aluminium-Sattelstütze.

Das ist eigentlich schade, denn dieses Rad sollte ja eigentlich eine Komfortalternative für lange Randonneuring-Touren bzw. für das Transcontinental Race werden.

Fahrverhalten und Geometrie:
Sehr gut! Habe mich direkt drauf wohlgefühlt. Geht mit den sehr kurzen Kettenstreben (40,5 mm) sehr gut durch Kurven. Lenkt sich schön. Wechsel vom Sattel in den Wiegetritt und zurück fühlt sich nahtlos an. Habe auch keinerlei Weichheit irgendwo gespürt. Sitze sehr entspannt, deutlich aufrechter als auf meinem neuen Ultimate (da habe ich auch nochmal die Überhöhung gesteigert zum Vorgänger). Aber auch nicht eingeengt. Aber kürzer darf es nicht werden (36,9 cm Reach, die auch bei der nächsten Größe, 54 cm, nicht wachsen). Durch die verhältnismäßig langen Hydraulikshifter von Shimano passt die Haltung auf den Hoods. Der sehr geringe Drop und sehr geringe Reach des Lenkers könnte aber etwas mehr sein.

Alles in allem aber genau richtig für’s Touren und für das Transcontinetal Race. Und das, ohne eine sogenannte Endurance Geometrie zu sein. Was soll das überhaupt sein? Eigentlich ja nur ein vernünftig langes Steuerrohr, damit man eine entspannte, für Alltags-Sportler (und übrigens auch für Profi-Rennfahrer, sobald sie nicht mehr Pro-Rennen fahren) taugliche Lenkerhöhe ohne Spacer bzw. Spacerturm hin bekommt. Ein sogenannter längerer Radstand, damit der Geradeauslauf besser sein soll… darauf kann ich gerne verzichten. Oftmals verstehen die Hersteller darunter das Lenkverhalten eines Schulbusses, welches jegliche Agilität tötet. Natürlich sollte das Rad aber auch nicht übernervös sein. Genügend agil und dabei dennoch Zuversicht verbreitend, so sollte auch ein Tourenrad fahren. Und das macht das Orient. Es fährt sich trotz seines 97,5 cm Radstandes (was nicht viel ist) nicht nervös. Ein schöner Racer, auf dem man trotzdem freihändig fahren kann, ohne sonderlich balancieren zu müssen.

Meine Überlegungen und Erkenntnisse:

Kann man das Heck des Orient weicher (also komfortabler) bekommen? Mittels Reifen wohl nicht. Denn viel mehr als ein ja jetzt schon montierter 28er oder ein sehr weit gemachter 28er passt da kaum rein.

Sollte ja auch nicht unbedingt nach meinen Vorgaben. Aber etwas mehr Reifenfreiheit wäre schon gut. Gesucht war und ist: kein Gravelracer oder gar Monstercrosser, sondern ganz klar ein Straßenrad. Aber eines auch für rauhes Terrain. 28 mm oder 30 mm Reifen sollten also auch nicht verloren in einer Crossergabel wirken. Das bietet das Orient. Es ist ein Straßenrad mit Scheibenbremsen. Kein Gravelrenner oder All-Terrain-Rad. Aber: etwas mehr als 28 mm Reifenfreiheit wäre dann halt schon gut. Idealerweise so bis 32 mm. Die dann ohne Schutzbleche. Und 28 mm dann halt mit Schutzblechen. Geht leider beim Orient nicht.

Schutzbleche / Gepäckträger: Sind leider keine vorgesehen. Dann würde es auch sofort wieder noch knapper mit der Reifenfreiheit. Hinten wären allerdings Gewinde an den Ausfallenden. Die könnte man auch Hernehmen, um einen leichten Gepäckträger zu montieren, z.B. etwas wie einen Tubus Fly. Zwischen den Sitzstreben befindet sich oben noch einen Brücke, die ebenfalls ein Gewinde hat. Da würde man ihn oben anschlagen.

Schaltzug- und Bremszug- bzw. Bremsleitungsführung. Sehr toll gemacht mit dem ausgeformten Zugport an der linken Steuerrohrseite. Die Hydraulikleitung zur Vorderradbremse führt sehr elegant in und durch die Gabel. Die Hydraulikleitung zum Hinterradbremse wird montage- und wartungsfreundlich außen unter dem Unterrohr geführt. Und ist doch trotzdem vor den Blicken (zumindest von oben und von der Kurbelseite) verborgen. Und stört auch keine Taschen-Montagen oder ähnliches. Sie würde allerdings mit einer Flaschenmontage (per Nachrüst-Flaschenhalter) unter dem Unterrohr kollidieren.

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Kabelports am Steuerrohr und in der Gabel des J.Guillem Orient. Toll gemacht.

Zugport am Steuerrohr: der wurde ja gerade schon erwähnt. Im Zusammenhang mit dem massiven, aber elegant geschwungenen Steuerrohr nenne ich das Steuerrohr liebevoll „Kaffeekännchen“ ;-) Der Zugport ist so lange cool, wie er auch tatsächlich mindestens einen Zug oder eine Leitung aufnimmt. Was ist mit der SRAM eTap (mit der ich für diesen Rahmen liebäugeln würde)? Dann steht das Dingen aus dem Steuerrohr wie ein Fremdkörper. Nicht sonderlich elegant.

Zwei Ideen dazu. Erste Idee: man könnte eine niftige Halterung für z.B. einen Lupine Pico oder ähnlich kleine Lampe dort einbauen. Aber: von wo kommt der Strom?
Zweite Idee: Wenn ich mir den Tretlagerbereich anschaue, sehe ich da unmittelbar sowohl Schaltzugaustritte für Umwerfer und Schaltwerk. Direkt neben der vorbeiführenden Hydraulikleitung. Könnte man auch die Hydraulikleitung (oder ein Bremszug einer TRP Spyre) durch den Zugport und durch das Unterrohr führen? Das wäre ideal.

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Tretlagerbereich und Zug- bzw. Kabelführung

Fazit zum J.Guillem Orient:

Das Orient ist ein feiner Titan-Renner. Aber es ist kein All-Road-All-Conditions Ride. Jedenfalls nicht mehr, als es alle Rennräder sind. Ich fahre auch mit 23mm Slicks über Waldwege und mit Po hinter dem Sattel einen Singletrail hinunter. Das macht einen Carbon-Racer und einen Asphalt-Gleiter aber nicht zum All-Road-All-Conditions Renner.

Das Orient ist eine reinrassige Straßenmaschine. Ein tolles, agiles Rennrad mit feiner Geometrie für jemanden, der ein Rennrad aus Titan mit Scheibenbremsen haben möchte. Punkt. Für diesen Einsatzzweck würde ich noch eine gute Carbon-Sattelstütze und einen Carbon-Vorbau samt Carbon-Lenker montieren und ein etwas dickeres Lenkerband wickeln. So würde das Gesamtergebnis noch ein wenig Komfortorientierter werden. Denn eines ist das Orient nicht: eine Sänfte. Dieses Titan hier ist steif und vortriebswillig.

Das sowohl Vorder- als auch Hinterrad per Schnellspanner (und nicht per Steckachse) befestigt werden gereicht dem Orient nicht zum Nachteil. Ich habe keinerlei Probleme hinsichtlich Verwindung oder Bremsenschleifen festgestellt. Im Gegenteil, so ist die Gabel wunderbar schlank und bietet ein gutes Profil.

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Gabel des Orient mit Schnellspanner-Aufnahme, interner Hydraulikleitung-Führung und DT-Swiss Nabe in schickem Chrom-Finish.

Wer also ein Titanrennrad mit Scheibenbremsen sucht: Das Orient erhält meine Empfehlung.

Ist das Orient ein Rad für mich?

Nun, zum aktuellen Zeitpunkt leider nicht. Ich suche ein Rad für das Transcontinental. Dafür fehlen mir halt ein paar Punkte, die das Orient dann doch nicht erfüllt. Und ein zweites Rennrad suche ich gerade nicht.

Das Orient schaut toll aus, aber wann sollte ich es fahren wollen? Wenn ich harten Vortrieb und extreme Beschleunigung brauche? Das Canyon gewinnt. Wenn ich KOMs holen will? Das Orient schleppt 2 kg Masse mehr mit sich herum. Ein Teil davon geht auf das Konto der Scheibenbremsen. A pro pos Scheibenbremsen: am Rennrad sind sie für mich von zu geringem Mehrwert. Sie haben zwar ihre Vorteile, bringen dafür auch eigenen Nachteile mit sich (nicht zu letzt das Gewicht).

Soll ich das Orient fahren, wenn ich es geruhsam angehen lassen will und Extra-Komfort mag? Nein, passt nicht, das Ultimate ist deutlich komfortabler.

Es verbleibt das Material. Titan. Und sehr schickes Titan noch dazu. Hmm. Im Moment aber wohl nicht. Und wenn doch, dann vielleicht doch ohne Scheibenbremsen. Vielleicht eher das Formentor (JGuillems Topmodell ohne Scheibenbremsen).

Welche Alternativen verfolge ich nun für das Transcontinental Race?

  • Fahre ich doch mit dem Giant TCX (da sitze ich aber eher drauf als drin und würde auch die Schaltgruppe tauschen wollen)?
  • Fahre ich mit dem Ultimate (und verzichte halt auf Aerobars)?
  • Kaufe ein Mason Resolution (Stahl) oder Definition (Alu) (32 mm ohne, 28 mm mit Schutzblechen, Schutzblech und Rack-Montagepunkte, verdeckt). Die Räder von Dom Mason gefallen mir auch sehr gut und mit einem wurde auch bereits durch Josh Ibbet das Transcontinental Race gewonnen.
  • Kaufe ich ein Open U.P. (hat auch keine Schutzblech-Montagepunkte, dafür aber 3 Flaschenmounts, Oberrohrtaschenmount und für ein solches Rad ein tiefes Tretlager (BB Drop 70 mm) und kurze Kettenstreben ( 42 cm) – im Grunde wie ein Rennrad. Und trotzdem super vielseitig. Dafür aber doch wieder eine riesenbreite Gabel in der Straßenreifen von 28-32 mm recht verloren aussehen würden. Ich wollte ja eigentlich keinen Monstercrosser. Aber die Vielseitigkeit…
  • Kaufe ich ein Canyon Endurace CF SL (vermutlich nicht das SLX, wg Lieferzeiten und weil ich eh einen normalen Lenker montieren würde), Reifenbreiten bis zu 33 mm. Hat auch keine Schutzblechmontagepunkte, aber eine super Geometrie sowie sicher einen genialen Komfort.

Entscheidungen. Aber das macht ja auch Spaß. Bleibt dran, es bleibt weiterhin spannend :)

Abschließen möchte ich noch kurz mit zwei Dingen:

Das J.Guillem ist ein feines Rennrad und der Service durch Kai Waldeck’s VoglioVelo hat mir sehr gefallen.

Zum Abschluss noch einige Detailimpressionen:

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Sitzknoten des Orient. Tolle Schweissnähte, tolles Finish und schöne Details. Die Koordinaten weissen auf den Orient-Pass auf Mallorca. Auf diese Weise werden alle J.Guillem Räder benannt.

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Schöne Ausfallenden für Flatmount-Bremskörper-Montage und Schnellspanner. 140 mm Bremsscheibe.

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Schnellspanner hinten, Ultegra-Ritzelpaket und Schaltwerk.

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Hinterradnabe.

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Elegante Übergänge und Kabelführung.