Ich habe einen Termin an der Muur… Transcontinental Race No 5

Rad fahren

Whoa! Ich habe eine Startplatzzusage!

Nein, nicht was ihr euch jetzt aus dem Kontext meiner bisherigen (Renn)Rad-Eskapaden denken könntet. Evtl. Ötztaler Radmarathon oder Tour Transalp oder ähnliches. Nein, größer. Viel größer. Und weit jenseits meiner Komfortzone…

Ich werde beim Transcontinental Race 2017 starten!

Wie cool ist das denn? Europa kennenlernen, an tollen Ecken vorbeikommen, Pässe erklimmen, einfach nur pedalieren, essen, pedalieren, schlafen, pedalieren… Tolle Leute kennenlernen, die Atmosphäre aufsaugen…

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Yesss! But wait a minute… *gulp* yeah, what now?

Was ist das Transcontinental Race, sollte es jemand noch nicht kennen?

Das Transcontinental Race wird dieses Jahr dann bereits zum fünften Male ausgetragen. Es ist ein self-supported ultra-distance Radrennen quer durch Europa (http://www.transcontinental.cc). Mit Start in Geraardsbergen an der berühmten Kapellmuur und Ziel in Meteora, Griechenland. Dazwischen liegen rund 4.000 Kilometer, rund 40.000 Höhenmeter und 4 anzulaufende Kontrollpunkte bei Schloss Lichtenstein, auf dem Gipfel des Monte Grappa, in der Hohen Tatra und auf der Transfăgărășan Hochstraße in Rumänien. Somit werden je nach Routenwahl, die jeder Teilnehmer für sich selbst durchführt, sicher 9 bis 12 Länder durchquert werden. Das Rennen, organisiert durch Mike Hall, hat sich längst einen Namen über die Ultra-Distanz-Renner-Szene hinaus gemacht. Es ist auch ein Social-Media Phänomen dass Radsportenthusiasten, Bikepacker, Randonneure und radaffine Reiselustige gleichermaßen im Interesse verbindet und welches über die Renndauer im August über Kanäle wie Instagram, Facebook, Twitter, Youtube und nicht zuletzt die Race-Bulletins auf der Transcontinental-Webseite sowie den Spot-Tracking-Seiten intensiv gecovered wird.

Gerade auch die Teilnehmer selbst tragen mit ihren Tweets, Instagram-Fotos und / oder Facebook-Nachrichten sowie vorher und nachher auf ihren Blogs sehr rege zu dem vielfältigen und spannenden Einblicken bei.

Letztes Jahr war ich noch selbst begeisterter Dot-Watcher (habe also selbst alles zum Rennen und die Teilnehmer-Positionen per SPOT-Tracking verfolgt), habe ich im November die umfangreiche Bewerbung für einen der begehrten und limitierten (vermutlich rd. 350?) Startplätze ausgefüllt und am Montag die Mitteilung erhalten, einen Startplatz sicher zu haben. Der Start selbst ist am 28.07.2017.

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Wird das TCR mein Rennradleben auf den Kopf stellen?

Gemischte Gefühle. Ups und Downs. Schon bei der Bewerbungsphase letzten November.

Weit jenseits meiner Komfort-Zone: Länder durchfahren, die ich überhaupt nicht kenne. Zwar nicht Serbien und Türkei in diesem Jahr, aber dennoch, Länder wie Slowakei, Rumänien, Bulgarien… für mich derzeit noch ein diffuser, wilder Osten mit archaischem Straßenverkehr, unbekannten Sprachen und streunenden Hunden…

Wovor habe ich derzeit am meisten Angst:

Mir das Radfahren zu versauen. Einen „Post ride blues“ zu bekommen. So geht es mir schon bei normalen Eintages-Events. Die Ziellinie ist überquert und dann… och schade, vorbei… Leere. Das hält aber nur kurz an. Und wird dann wieder zu einem Glücksgefühl. Trotzdem ist es danach dann wieder hart, die Urlaubsrückreise anzutreten.

Bei so einem Mega-Unterfangen wie dem TCR, dass ist ja wie Binge-Eating hoch drei. Danach kann man vielleicht monatelang das Rad nicht mehr sehen, hat gar keine Lust mehr drauf. Selbst, wenn es einem körperlich gut geht.

Das zweite sind die streunenden Hunde, die es ja besonders in Osteuropa viel geben soll. Das ist ein echter Showkiller. Nun ja, vor Verkehrsunfällen und vor Hunden ist man ja auch als Radfahrer in unserem Land nicht gefeit. Muss also…

Hmm, das ist es momentan eigentlich…
Ja klar, es geht weiter: Auch optimale Vorbereitung wird vielleicht nicht zu 100% verhindern können, dass ich mir eine langwierige Malaise einfangen könnte (Achillessehne, Knie, was auch immer), die mir danach noch monatelang zu schaffen macht. Das wäre sehr doof. Aber wie gesagt, durch optimale Vorbereitung und vernünftige Entscheidungen im Rennen eigentlich weitestgehend vermeidbar.

Dann habe ich das gestern veröffentlichte Video zum TCR 2016 gesehen (nicht, dass ich im letzten Jahr schon alles verschlungen hätte, was ich an Blog-Posts, Tweets, Race-Bulletins und Youtube-Videos habe finden können):

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„#171 The Transcontinental Race journey“ von PeDal ED auf Vimeo

Puh, was ich da nochmal sah und portraitiert bekam, waren normale Leute… also, nicht nur stahlharte Ausdauer-Ultramasters oder bärtige Randonneurs-Senioren (hüstel, falls ich damit jemandem auf den Schlipps trete, nicht so gemeint – vor den Leuten habe ich einen Heiden-Respekt), sondern auch alle Altersklassen und auch das, was ich unter fitten, jungen bis mittelalten Rennradfahrern verstehe, die im schnittigen Pro-Fit auch auf der Rennstrecke zu Hause sein können. Oder als Jedermann wie du und ich auf irgendeinem Alpenmarathon oder Cyclosportif.

A Race Journey

Wie werde ich das Rennen angehen wollen? Ich bin sicher, die Einstellungen und Überlegungen dazu werden sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate noch des öfteren ändern. Und das, was dann im Rennen selbst passiert, steht sowieso noch auf einem ganz anderem Blatt.

Werde ich auf auf jeden Fall zur Finisher-Party in Meteora ankommen wollen? Wird das realistisch sein? Wann werde ich wirklich erfassen, was das heisst, die rechnerischen 260 km pro Tag über 15 Tage durchzustehen?

Werde ich eine Race Journey mit Betonung auf Journey, also Reise, machen? Ich finde diesen Titel des TCR-Videos herausragend. Das TCR ist keine Reise, kein Audax, kein Brevet. Es ist ein Rennen. Ein Rennen ganz im Stil des Konzeptes der ursprünglichen Tour de France: Schicke die Teilnehmer ganz auf sich allein gestellt auf ein beschwerliches Rennen durch das Land, mit ungeheuerlichen Distanzen, die Tagesetappen von 18 Stunden und mehr erforderten. Kurze Etappen zwischen 120 und 180 km wie heute gab es damals nicht. Teams und vor allem Teamcars etc. schon mal gar nicht. Beim TCR geht es genau darum. Komplett auf sich alleine gestellt aus eigener Kraft mit dem eigenen Rad so schnell wie möglich von A, Geraardsbergen nach B, Meteora unter Anlaufen der 4 Kontrollpunkte zu gelangen. Dazu unterwegs mit allen Unwägbarkeiten klar zu kommen und sie zu meistern. Ununterstützt. Racecraft. Aber es wird auch eine Reise sein. Ein Reise quer durch Europa. So groß, dass sich jeden Tag das Terrain, das Wetter, Land und Leute ändern werden. Auch eine Reise mit und in mir hinein. A Race Journey.

Werde ich überhaupt ankommen wollen? Oder gehe ich da rein und denke mir – als Rookie das Ziel zu erreichen, wäre gar nicht mal so wahrscheinlich, dann noch der wilde Osten, streunende Hunde, Schlafmangel etc. etc… „Fahr einfach stark durch CP1 und CP2 und dann durch Österreich und dann schau mal“…?

Ich gebe zu, das kreuzte durchaus durch mein Hirn während der Bewerbungsphase. Aber dazu ist das Rennen, das Event zu groß! Die Hingabe und Leidenschaft der Teilnehmer zu hoch. Derer, die eine Startplatzzusage bekommen haben und derer, denen abgesagt werden musste. Der Klang von Hoher Tatra und Transfogaroscher Hochstraße zu verlockend. Und die Qualität des Teilnehmerfeldes wird sicher eine enorme Bandbreite haben, aber auch sehr hoch sein. In der Spitze sowieso. Dem gilt es Respekt zu zollen.

Aber, die Frage bleibt natürlich: Werde ich überhaupt ankommen? 2015 haben ganze 70%, 2016 38 % das Rennen aus diversen Gründen vor dem Ziel aufgeben müssen. Die Gründe dazu können so vielfältig sein wie der Kontinent und die Summe der gefahrenen Kilometer groß sind, aber sie lassen sich natürlich generell unter mental, körperlich und Material zusammenfassen. Nun, um das herauszufinden, werde ich auf jeden Fall starten müssen…

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Mein (vorweggenommener Glücks)fund nach Weihnachten: Ein Restaurant namens Meteora. Wie erhofft ein gutes Omen für den Startplatz und damit jetzt Symbolbild für den Zieleinlauf ^^

So oder so: das wird ein großes und spannendes Rad-Jahr! Route planen, verfeinern, ergänzen. Strategien überlegen. Ausweichoptionen für verschiedene Rennsituationen überdenken. Ausrüstung planen und testen. Rad auswählen, vielleicht ein Neues speziell aufbauen. Darüber nicht wenige Blog-Posts verfassen. In Vorfreude schwelgen. Trainieren. Overnighter überhaupt erstmal ausprobieren. Fahren. Genießen!

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27 Gedanken zu “Ich habe einen Termin an der Muur… Transcontinental Race No 5

  1. What???!!! Hammer … gerade eben noch den Film angeschaut. Ich bin sprachlos … Na dann gute Vorbereitung, ich drück die Daumen für alles, was dafür notwendig ist! Bin sehr gespannt und freu mich, hier so viel wie möglich, über alles zu lesen, was Du so machst … aber Du sitzt wahrscheinlich jetzt schon auf dem Rad, Torsten ;)

    1. Ja, echt sau cool. Aber auch Mega-Respekt-einflößend. Danke danke :)

      Nein, ich sitze noch nicht auf dem Rad. Aber ich stehe jetzt auf, werfe mich in Radklamotten und setze mich auf den Rollentrainer. Right now. :)

  2. Alter Falter – da zieh ich aber mal den Hut vor !

    Ich hätte noch nicht mal soviel Zeit daran teilzunehmen. Alleine die Vorbereitungen. Und vergiss nicht den richtigen Café mitzunehmen für unterwegs.

    1. Merci Alex. Stimmt. Das ist schon ein Unterfangen, das alleine ob seiner Dauer nicht mal so eben in das Jahr einzupassen ist. Und Kaffee, den werde ich unterwegs finden müssen. Aber es wird ein prioritäres Lebensmittel sein. :)

      1. …es wird ein prioritäres Lebensmittel sein müssen, dneke ich.

        Viel Glück dann nochmal für die Vorbeireitungen und die Fahrt selbst.

        Zeit zum bloggen wirst Du dann ja wohl kaum haben.

  3. Wow, das hätte ich nicht erwartet.
    Das TCR ist ein krasses Event den ich auch bereits seit einigen Jahren verfolge.
    Bin gespannt auf deine Rennstrategie und welches Material du wählen wirst.
    Bikepacking ist ein interessanter Trend, wobei es bei diesem Event wahrscheinlich darauf ankommt seine Komfortzone zu verlassen und extrem minimalistisch unterwegs zu sein.
    Viel Spaß beim Planen und tüffteln.

    1. Ja. Ich werde auch mal sehen, wie ich genau unterwegs sein will und dann wie ich auch unterwegs sein werde. Recht verbreitet ist ja ein Mix aus Bivvying, also biwakieren und Hotelübernachtungen. Mal mit dem einen, mal dem anderen Schwerpunkt. Vielen Dank, für Kurzweil ist gesorgt. :)

  4. Wahnsinn, allergrößten Respekt & Top das Du das machst. Freue mich jetzt schon auf Berichte & die doku des Materials. Dir eine Gute Zeit, Viel Spaß & immer fleißig schreiben. Ich werde mitfiebern…

  5. Coole Kiste! Ich bin echt gespannt, auf dein Rad, deine Ausrüstung, die Packliste, welche Kamera du mitnimmst, die Strecke die du austüftelst und natürlich auf das Rennen. Ich werde mitfiebern, soviel steht jetzt schon fest. Fazinierend! Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll!

    1. Hi Boris, dein letzter Satz ist interessant. Ob er in die selbe Richtung geht, die ich beim Thema habe, wenn ich als eher Alpen-Eintages-Event-Fahrer (oder letztens auch Blut für ein Etappenevent wie die Tour Transalp geleckt habender) auf das fast so komplett andere Thema Ultra-Distanz im wahrsten Sinne „springe“? Dann wiederum – das ist doch sehr sehr nahe am Ursprung der Leidenschaft: einfach „off“ zu sein. Die Landschaft zu genießen. Sich von seinem Rad (und seinen Beinen) an Orte bringen zu lassen. An magische Orte.

      Welche Kamera? Jahaa, das wird in der Tat interessant werden. Ohne meine Sony RX100 mk III setze ich mich ja auf kein Rad. Werde ich für das TCR davon abweichen? Wenn man schon durch ganz Europa „raced“… Scheiss auf die paar Minuten und eine da sollte doch eine Cam mit Wechselobjektiven für den gelegentlichen Shallow DOF-Shot oder eine Landschafts-(Medium)-Tele-Aufnahme drin sein? Heute hat Panasonic endlich mal wieder was neues im Bereich superkompakter Micro-Four-Thirds Cams vorgestellt, die Lumix GX850. Vielleicht die samt dem tollen (und kleinem und leichtem) 45mm f1.9? Und eine GoPro vielleicht? Ahhhh, Decisions, Decisions… ^^

  6. Herzlichen Glückwunsch! Das wird bestimmt eine spannende Vorbereitungszeit und dann ein noch spannenderes Rennen. Ich habe die letzten zwei Austragungen als Dot-Watcher verfolgt und finde das Konzept super. Schon jetzt viel Durchhaltevermögen und Erfolg!

    1. Hallo Tim,

      vielen Dank! Ja, für Kurzweil ist gesorgt. Man könnte wohl jeden Tag bis zum Start mit einem anderen Detail verbringen. Von Ausrüstungsplanung bis zu Länderkunde :)

      1. Ich glaube das richtig Equipment zu finden ist eine schwierige Sache – aber vielleicht ist das ja auch ein guter Grund um möglichst viele lange Trainingsfahrten zu unternehmen. :)

  7. Moin. Schön noch ein paar andere Landsleute am Start zu haben. Habe es letztes Jahr auch ganz gut überstanden und halte mich nicht für einen herausragenden Radfahrer. Bei deinem radsport enthusiasmus sollte das körperliche also kein problem sein :). Einen wichtigen Punkt hast du in deinem Blog genannt: richtige Entscheidungen treffen: Wann u wo essen u schlafen und auch mal den tag „beenden“….da kann man schonmal richtig daneben liegen…in diesem Zustand :). See u in geraardsbergen

    1. Hey Chris, ahh, ein Veteran und Landsmann! Sehr schön. Und auch dieses Jahr wieder dabei – coole Sache. Oh ja – da kann man bestimmt bei so vielen Sachen daneben liegen… :) Aus welcher Landesecke kommst du her?

  8. Klaro…Hab die letzten 5 Jahre in Siegen gearbeitet. Wohne aber mittlerweile wieder auf dem Dorf (1/2 h von si)….wobei manch einer auch siegen als Dorf bezeichnet :-).

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