Mein neuer Crosser Merida Cyclo Cross 4-D / Rund um Eisenstraße, Hohenroth und Benfe bei Tag und Nacht

Produkttests, Rad fahren

Früher, vor meiner Rennradleidenschaft, konnte ich Cyclocross oder Querfeldein-Rennen nichts abgewinnen. Ich habe sehr gerne die Tour de France Übertragungen gesehen, auch die Frühjahrsklassiker und andere Rennen waren auf meinem Radar. Aber Cyclocross? Irgendwelche Irre, die bei arschkaltem Pisswetter in landschaftlich wenig reizvollen Matschackerstrecken zwischen Flatterband rumstochern und nicht mal durchgängig fahren können. Dazu noch auf absolut inadäquaten Rennrädern. Ohne Federung. Mit schlechten Bremsen.

Schnellvorlauf. Zwei Jahre Indoktrination durch Tour, Roadbike und Forenleserei. Rennradfahren ist eine Leidenschaft geworden und das Mountainbike wurde in der gesamten Zeit vielleicht drei-, viermal angepackt. Dafür aber mit dem Rennrad auch schon mal über den einen oder anderen sehr glatten (manchmal auch weniger glatten) Waldweg gerollt. Das explosive „Ansprechverhalten“, Resultat aus geringem Gewicht und steifem, ungefederten Rahmen – das macht auch auf unbefestigten Wegen Spaß. Die großen Raddurchmesser sorgen trotzdem für ausreichende Traktion (bei festem Untergrund) und etwas Dämpfung. Eine Tatsache, auf die die Mountainbike-Welt ja seit kurzem auch gekommen ist. Die 29er sind dort ja momentan ziemlicher Hype.

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[Merida Cyclo Cross 4-D, Sony NEX-5N mit Mamiya-Sekor C 80mm 1:2.8]

 Und nun. Wintertraining. Das steht für Ausgleichstraining, aber dann auch wieder Einheiten auf dem Rad. Bzw. eher auf der Rolle, während es draußen Schmuddelwetter hat, kalt ist oder sogar etwas Schnee fällt (hier bei uns im Wittgenstein hoffentlich etwas mehr – ich möchte diesen Winter mal ein paar mehr Langlauf-Einheiten einlegen können :). Das kennt man ja: Zu viel Schnee, um mit dem Renner draußen zu sein, zu wenig, um Wintersport machen zu können. Aber auch wenn die Straßen frei wären: auf frisch gesalzenen Straßen mit dem edlen Carbonrenner herumfahren?

In der dunklen Jahreszeit muss also etwas Solides her. Etwas, dass so solide ist, dass man auch mal im Dunklen über Straßendreck oder kleinere Splittansammlungen fahren kann (die man trotz guter Beleuchtung am Rad doch zu spät sieht), ohne Sorge um die Reifen zu haben. Etwas, womit man auch querfeldein bzw. über Waldwege fahren kann. Und sei es nur, um etwaigem Glatteis auf Asphalt auszuweichen und statt dessen über Waldwege zu rollen. Und vor allem etwas, womit man so oft es nur geht nach draussen kann anstelle drinnen auf der Rolle zu sitzen.

Viele bauen sich hierfür ein Winterrad auf, aber Crosser scheinen sich in Rennradkreisen wachsendem Interesses zu erfreuen. Ich wollte mir nun auch ein Crossbike zulegen, anstelle im Winter auf meinem Cannondale Fully herumzufahren.

Ich hatte immer ein wenig Ausschau gehalten. Zu teuer sollte es als Einstieg nicht sein. Ich wollte aber auch wenn, dann einen Cyclocrosser mit Scheibenbremsen. Im folgenden Thread im Rennradforum (http://www.rennrad-news.de/forum/showthread.php?t=100365) wurde ich dann auf ein Super-Angebot für ein Merida Cyclo Cross 4-D aufmerksam.

Nicht nur war der Preis super günstig, es bestand sogar die Chance, die aktuelle 2012er Version zum gleichen Preis und somit nochmals günstiger als anderswo zu erhalten. Kurz entschlossen bestellte ich bei Cycletec und bekam auch kurz darauf am 07.11. das Rad im Karton geliefert.

Prima, es war das 2012er Modell :)

Weiss, mit grün/schwarzen Decals und mit allen Details wie aktuell auf der Merida Seite aufgeführt, u.a. vorne 160er, hinten 140er Bremsscheibe.

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[Merida Cyclo Cross 4-D, Sony NEX-5N mit Mamiya-Sekor C 80mm 1:2.8]

Ein echt schmuckes Rad. Was mir auch gut gefällt, ist, dass Gewindeaufnahmen für Gepäckträger / Schutzbleche am Rahmen verbaut sind und es somit vielleicht auch mal als Basis für ’nen Tourer oder Alltagsrad herhalten kann. Weiterhin war ein kompletter Satz Speichen-, Rück- und Frontreflektoren dabei. Was früher als uncool galt und am Renner nur Zusatzgewicht ist bzw. sich eh nicht gut zwischen Messerspeichen macht, wird für abendliche und nächtliche Ausfahrten in Herbst und Winter mehr als gerne angenommen.

Der Aufbau war relativ schnell erledigt, wenn auch mit etwas mehr Arbeit verbunden, als z.B. ein Bike vom Roseversand (habe mir Interessehalber mal deren Auspack-Videos angesehen). Zudem fand ich den Aufbau von Cycletec nicht ideal, das geht sicher besser. Aber bei _dem_ Preis verschmerzbar.

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[Merida aus der Verpackung gezogen, Sony NEX-5N mit Sony SEL 16mm F2.8]

Die Scheibenbremsen Avid BB5 musste ich zunächst justieren. Diese beiden Anleitungen hier haben mir sehr geholfen: http://www.ecovelo.info/2011/04/15/a…5-disc-brakes/ und http://bluecollarmtb.com/2006/10/30/…l-disc-brakes/ (zeigen beide denselben Trick).

Die Schaltung war vorne ok eingestellt, hinten am Schaltwerk um eine komplette Indexstufe zu „tief“ eingestellt. Auf das große Ritzel konnte man gar nicht bzw. kaum schalten und unten hatte man nach dem kleinsten Ritzel noch einen Leerklick im Indexschalthebel.

Was mir weiterhin nicht bei dem Voraufbau gefällt, sind zum einen die sehr langen Kabelhüllen am Lenker. So verlaufen die Kabelhüllen unter dem unteren Steuerrohrlager. Die Lackschutzaufkleber befinden sich hingegen 3 cm da drüber nutzlos an den Steuerrohrseiten. Auch am vorderen Umwerfer ragte der Zug 4 bis 5 cm über den Anschlag hinaus und musste gekürzt werden, da sonst jedesmal die Pedalkurbel dran stieß.

Bei einer kurzen Testrollerei fühlte es sich schon super an. Etwas ungewohnt fand ich die Lenkreaktion, an die ich mich aber schnell gewöhnen konnte. Und zwar ist sie nicht neutral, sondern bereits nach leichtem Einlenken geht weiteres Einlenken wesentlich leichter als das wieder gerade stellen.

Schick ist es! Scheibenbremsen hat es auch. Shimano 105 – voll ok. Der Rahmen auch für Aufrüstungen mittels passender Ösen und Gewindeansätzen gerüstet. Wo ist der Nachteil, der bei dem Preis irgendwo lauern muss? Beim Gewicht. 10,3 kg laut Katalog sind ein Wort. Relativieren sich allerdings etwas durch die Scheibenbremsen. Dennoch – ein erklecklicher Unterschied zum Wilier Triestina GranTurismo. Aber irgendwo muss der Trainingseffekt im Winter doch herkommen, oder?

Am folgenden Dienstag, dem 8.11. konnte ich dann zur ersten Ausfahrt und gleichzeitig zum ersten offiziellen Wintertraining schreiten. Da ich natürlich erst abends um 18:00 Uhr los konnte, wurde es ein Nightride bei Vollmond und Sternenschein. Entsprechend kalt wurde es.

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[Vollmond und Merida in der Nacht, Canon S95]

Es lief trotz des relativ hohen Gewichts des Rades sehr gut und angenehm. Das Gewicht ist mir nicht negativ aufgefallen. Und auch die Maxxis Raze Reifen in 33 mm Breite gaben auf Asphalt keinen Hinweis auf ihr Stollenprofil. Weder vom Abrollgeräusch, noch vom Gefühl her. Ich war angenehm überrascht. Das ist ein Rennrad, mit dem man auch gerne über glatte Straßen rollt und es nicht als Notlösung ansieht oder die groben Reifen verwünscht. Aufgepumpt hatte ich sie mit jeweils 4 bar. Und gerade für den heutigen Night Ride gaben die Reifen doppelt Zuversicht: Ob doch mal eine übersehen Rille im Asphalt oder hinter einer Kurve auftauchender Splitt – da rollt man durch oder drüber ohne Angst um die Reifen oder um Wegrutschen. Komfortabel ist das auch noch. Oh nein – bin ich nach einer kurzen Nachtausfahrt schon Crosser-Infiziert? Obwohl ich noch gar nicht im Gelände war? Werde ich mir in wenigen Wochen Katalogseiten mit sündteuren Carbon Crossern der arrivierten Marken ansehen… Hilfeee! ;-)

An Beleuchtung hatte ich sowohl die Supernova Airstream als auch die Silva X-Trail am Bike. Ja, so ist das fein. Breit ausgeleuchtetes Nahfeld und gute Sichtweite. Kombiniert ist das ein richtig gutes Licht.

Gleichzeitig gab es die ersten Pünktchen für den Winterpokal der Saison 2011/12. 91 Minuten ergaben 6 Punkte. Der Strava-Link zur Einheit findet sich zum Schluss des Posts.

Das war also alles noch auf Asphalt. Schließlich war es der erste Test und zudem auch dunkel. Am gestrigen Sonntag stand dann die erste Fahrt über Waldwege an. Bei schönem Sonnenschein fuhr ich über den Ederwanderweg XE über Altenteich entlang der Eder bis zum Forsthaus Hohenroth. Nicht ohne zwischendurch sehr ausführliche Fotostops einzulegen.

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[Merida Cyclo Cross 4-D auf dem Ederwanderweg, Sony NEX-5N mit Mamiya-Sekor C 80mm 1:2.8]

Ich hatte meine neue Sony NEX-5n dabei, die ich weiter im praktischen Einsatz beim Biken testen wollte. Insbesondere in Verbindung mit manuellen Objektiven. Hier hatte ich das Mamiya-Sekor C 80mm 1:2.8 dabei. Leider nicht wirklich kompakt, schließlich handelt es sich um das Normalobjektiv meiner Mamiya 645 ProTL und benötigt auch zwei Adapter, um es an die Nex anzuschließen. Aber die Bildqualität… wow. Auch das manuelle Fokussieren funktioniert dank Bildschirmlupe und Fokus Peaking an der Sony NEX hervorragend. Sogar an bewegten Zielen, wie z.B. die Rothirsche, die ich im Rotwildgehege bei der Fütterung aufnehmen konnte.

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[Herbstgräser, Sony NEX-5N mit Mamiya-Sekor C 80mm 1:2.8]

Leider war ich bei meiner eigenen Fütterung nicht so erfolgreich. Wenn ich schon mal mit dem Rad unterwegs Geld loswerden will… Irgendwie klappt das nie. Am Sonntag auch nicht, bzw. nur halb. Am Forsthaus hatte das Café Waldland draußen einen kleinen Stand aufgebaut, wo sie auf 4 Waffeleisen gleichzeitig leckere (so denke ich zumindest) Waffeln frisch zubereiteten und auch Kaffee anboten.

Ja, den Kaffee habe ich bekommen… Die nur 2 Leute vor mir in der Reihe entpuppten sich als jeweils 4 Waffeln bestellende Leute und an den Stehtischen drum ‚rum standen auch noch ein paar Vorbestellungen an. Als ich dann endlich drankam, machte es klack und der Strom fiel denen in dem Stand aus. War anscheinend auch eine langwierige Sache, die mit einfach Sicherung wieder reinstecken nicht erledigt war. Nach etwas Warten dachte ich dann… ach f… dann eben nicht, wenigstens hab‘ ich warmen Kaffee… Das mit gequältem Lächeln angebotene Backen einer Waffel von drinnen habe ich dankend abgelehnt. Statt dessen ging ich mit meinem Kaffee zum Wildgehege und machte dort Fotos.

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[Rothirsch, Sony NEX-5N mit Sony SEL 18-55mm F3.5-5.6 OSS]

Weiter ging’s danach Richtung Obernautalsperre, die sich aktuell auf sehr tiefen Wasserstand befindet. Und von der Obernau ging’s dann wieder hoch zum Forsthaus, über die Eisenstraße nach Lützel und über die B 62 zügig zurück.

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[Siegerländer Höhenrücken, Sony NEX-5N mit Mamiya-Sekor C 80mm 1:2.8]

Tja, auch auf Waldwegen und selbst auf schottrigen, steilen Abfahrten macht der Crosser Spaß. Schult auch sehr die Radbeherrschung. Ohne jede Federung auf doch recht schmalen Reifen im Rennlenker einen steilen, schottrigen Weg herunterfahren – da muss man doch mehr Konzentration als mit dem Fully hineinlegen. Wen wundert’s. Ich habe auch nicht eine ganz so gute Übersetzungsspanne wie auf dem Straßenrad, da das Merida eine typische Crossrenn-Kurbel mit 46-36 Zähnen vorne hat. Mit den 12-28 Zähnen hinten bedeutet dies, dass ich im Vergleich zum 12-29er Ritzel und dem kleinen 34 Blatt auf dem Wilier eine Übersetzung von 1.29 (Entfaltung 2.7 m) anstelle von 1.17 (Entfaltung von 2,46 m) habe. Andererseits: Wenn ich mir auf dem Wilier das größte Ritzel verkneifen würde und nur bis zum 26er Ritzel raufschalte, dann liege ich fast exakt bei der gleichen Übersetzung. So gesehen, nicht sehr schlimm. Andererseits wäre ich um ein größeres Ritzel hinten bzw. eine kleineres Blatt vorne nicht Böse. Schließlich findet man im Wald oftmals steilere Gradienten als auf der Straße und zudem wären im Winter eigentlich lockere Grundlageneinheiten angesagt. Nun, egal – richtiges Crossbolzen und GA-Einheiten sind eh nicht kompatibel. ;-)

Insgesamt kann ich nach diesen zwei Fahrten sagen: Ja, super. Hat sich voll gelohnt. Bin auf weitere Fahrten gespannt und freue mich drauf. :)

Da ich diesmal exzessive Fotopausen eingelegt hatte, subtrahierte ich die Pausen und trug mir entsprechend für 2:20 h Trainingszeit 9 Punkte für den Winterpokal ein.

Distanz: 36,6 km, Höhenmeter: 490 m, Zeit: 3 h 50 m, Durchschnittsgeschwindigkeit: 9,5 km/h, Durchschnittsgeschw. in Bewegung: 20,1 km/h, Durchschnitts-HF: 113

Dienstags Nightride auf Strava:

http://app.strava.com/runs/2260744/embed/df2c3058cea93e247be004dc8377250e68f71b38

Sonntags Crossride auf Strava:

http://app.strava.com/runs/2316766/embed/faad1356c63e5be6971d49182bfe8762e93297a5

3 Gedanken zu “Mein neuer Crosser Merida Cyclo Cross 4-D / Rund um Eisenstraße, Hohenroth und Benfe bei Tag und Nacht

  1. …glückwunsch zum neuen radl …klasse teil….im winter crosse ich auch seit jahren mit meinem 28″ maxcycles durchs gelände. Das macht schon spaß… Allerdings fehlen mir die berge…gruß uli

  2. Interessanter Artikel, auch wenn du daraus gern zwei hättest machen können. Das Merida schau ich mir mal genauer an, ist ja wirklich ein gutes Angebot.Und deine Fotos: da wird man neidisch. Gruß aus Berlin, AndreasBikeBlogBerlinhttp://www.bikeblogger.de/

  3. @ Uli: Irgendwas ist ja immer. Dafür kannst du super Grundlage fahren. Gut, an sehr windigen Tagen vielleicht auch nur mit dem Wind ;-) Aber wie ich an denen Fotos sehe, habt ihr ja viele tolle Alleen, die bieten vielleicht ein klein wenig Schutz.@ Andreas: Vielen Dank für’s Lob. Ja, der Text ist etwas länger geworden :)

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