Schatz, ich hab’ nichts anzuziehen – ein „Rant“ zu Reifendesign und Tan Sidewalls

Früher war alles einfach. Ordentliche Reifen waren schwarz. Das Proletariat fuhr Alufelgen, deren blitzend blank gebremsten Bremsflanken – daher hießen die so – silbern in der Sonne glänzten. Wer richtig was auf sich hielt und sich was gönnte, stattete sein Schätzchen mit Hochprofil-Felgen aus Carbon aus. Manchmal reichte es auch nur für ein Carbonmäntelchen auf trotzdem schwerem Alu. Die Bremsflanke blieb dann. Die Funktion blieb es halbwegs auch – auf der Strecke nämlich. Zumindest vom Gewicht her. Manchmal auch von der strukturellen Integrität dieser Konstrukte. Das vollständig Wahre aber – das waren Felgen, die durch und durch aus Carbon bestanden. Natürlich war auch deren Bremsflanke kohlschwarz. So schwarz wie der Kohlenstoff des Carbons. Und so schwarz wie Kontaktfläche der in Rauch aufgehenden und kaum ihrer eigentlichen Funktion nachkommenden Kork-Bremsklötze.

Sündteure Profilaufräder konnte man also an ihrem flächigen, ungestörten Schwarz erkennen. Breit umschloss ein mattschwarzes Band möglichst wenig Speichen und grazile Naben. Von der Felgeninnenseite bis zum Reifenscheitel. Kein schnödes helles Band einer metallenen Flanke störte die Harmonie, zerriss die der Aerodynamik huldigende Dimension von Hochprofilfelge und Reifen. 

Vereinzelt versuchten Aluminium-Emporkömmlinge, sich mit allerlei Beschichtungsversuchen, es sei hier das Exalith der Mavics genannt, in die schwarz-edle Phalanx der Laufräder einzuschleichen, die dem Besitzer Status und schon im Stand Dominanz über Ortsschildersprints versprach. Schwarz war gut. Schwarz war rein. Schwarz war professionell.

In diesen Tagen hätte niemand seine vom Mund abgesparte Carbon-Errungenschaft mit einem Reifen mit Naturflanke verunstaltet. Wo man doch gerade dem hellen Band der proletarischen Alu-Bremsflanke entronnen war. Und überhaupt – welcher Profi fährt solche Reifen denn? Über vereinzelte Irrwege mit eingefärbten Laufflächen (nicht Flanken), über die immer der Spott lag „ja aber wie ist es denn um deren Grip bestellt?“ und über die Querfeldeinradfahrer, die immer schon exquisit gewebte und nur nachträglich behandelte Baumwoll- oder manchmal sogar Seiden-Karkassen gefahren sind, schweigen wir hier. Bei all dem Matsch im Winter hat man die eh nie wirklich gesehen. Und überhaupt – Querfeldein war schon immer suspekt.

Oh wie die Welt sich gewandelt hat! Carbon-Felgen fährt mittlerweile selbst Nachbar’s Karl und dank Scheibenbremsen brauchen auch billige Alufelgen keine silberne Bremsflanke mehr und dürfen vom Scheitel bis zur Sohle schwarz tragen. Schwarz – plötzlich schnöde! 

Wie sich nun abheben? Wie der Außenwelt kundtun, dass man es den Profis gleichtat? Alle Felgen schwarz. Alle Reifen ebenso. Schwarze Reifen waren normal. Da tauchten dann irgendwann mal Reifen mit Naturflanke auch im Straßenradsport (wieder) auf. Zuerst vereinzelt. Und ich könnte jetzt hier und jetzt gar nicht sagen, welches Team oder welche Teams bzw. welche Reifenhersteller deren Ausrüster gewesen wären. Das und deren Beweggründe sollen hier auch nicht das tiefere Thema sein. Aber es gab sie. Und es gab solche Reifen. Und sie konnten – an dem richtigen Rad – auch richtig gut und edel aussehen. 

Tusch! Die Naturflanke war auch für den Hobby-Radsportler und Stylisten (wieder) geboren! Mit ihr konnte man sich wieder absetzen. Die wahre Naturflanke war und ist in der Tat auch nur etwas für Profis bzw. für das Alltagsradeln ganz schön unpraktisch. Denn „Naturflanke“ oder „Baumwollflanke“, im englischen auch „Tan Sidewall“ (also mit einem mehr oder weniger (sonnen) gebräuntem Naturton  bedeutet im originalen Sinne schlicht und ergreifend, dass der Blick auf die ungeschützten Gewebelagen fällt, die die eigentliche Karkasse des Reifens bilden. Diese waren früher aus Baumwolle, manchmal aus Seide und sind heute meistens aus Kunstfasern hergestellt. Weil nichts sie umgibt, nichts sie getränkt, gefüllt und steifer gemacht hat, sind sie von höchstmöglicher Geschmeidigkeit. Suppleness, sagt die englischsprachige Welt dazu. In diesem Zustand würden sie nicht mal Luft halten, würde kein Schlauch in ihnen stecken. Sie verschmutzen auch leicht, lassen sich dann auch kaum mehr reinigen. Ziehen, wenn es Naturfasern sind, auch Wasser. Und verrotten schließlich. Ein Schicksal, das besonders schnell und regelmäßig Reifen für Querfeldeinrennen befällt. Selbst, wenn diese mit Mittelchen wie „Aquasure“ nachträglich behandelt werden. 

Wieviel praktischer ist da doch ein vollständig mit Gummi beschichteter Reifen. Mit genügend davon hält er sogar ohne Schlauch die Luft im inneren, wenn es ein tubeless Reifen ist. Aber selbst wenn er das gar nicht muss, sind die Fasern der Karkasse gut vor den Unbillen des rauhen Reifenalltages geschützt. Weichen nicht ein, lassen sich gut reinigen, sind vor Abrasion geschützt. 

Die ersten Naturflanken-Reifen boten also nicht nur Optik – bzw. diese auch nur als Resultat ihres Aufbaus – sondern vor allem Funktion! Funktion, ein möglichst geschmeidiges und rollwiderstandsreduziertes Abrollen zu ermöglichen. Wie das nun immer so ist, überwiegt irgendwann die Optik bzw. die Chance, irgendwelche Dinge über das Aussehen und vermeintliche Werte an den Mann zu bringen. Wir Rennrad- und neuerdings Gravelbike-Fahrer sind davon überhaupt nicht ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil. Und so tauchten alsbald auch die ersten vollgummierten, aber an der Flanke eingefärbten Reifen auch für Rennradfahrer und die neue Spezies der Gravelbikes auf. Der Dramaturgie halber übergehe ich hier den Alltags-Reifenmarkt, auf dem sich immer schon die wildesten Reifenfarben tummelten. Jetzt war etwas ganz anderes passiert – jetzt wurden stolz Fotos von Rennrädern mit genau solchen Reifenflankenfarben auf Instagram hochgeladen, die man vor Erfindung dieses Bilderdienstes noch verächtlich auf den Sperrmüll hinterher des uralt Hollandrades geworfen hätte.

Ja, und hier sind wir nun. Naturflanke und Tan Sidewall sind in. Gar keine Frage. Jetzt kann ich auch einen weiteren englischen Namen einführen: den „Gumwall“ oder „gum sidewall“. Das ist nicht die baumwoll-beige oder seidenfarbige Tönung der gewebten Karkasse, dass ist das beigebraun von ungefärbtem Naturgummi. Ungefärbt, bzw. ohne das so hilfreiche Kohlepulver, welches für viele erwünschte Eigenschaften von Reifengummi sorgt. Stylemäßig ist das egal – hier geht es nur um den Look. Deswegen werden diese Begriffe auch lustig durcheinander geworfen und ver-Hashtagged, dass es nur so kracht. Ihr, liebe Leser, wisst jetzt aber auch, was da funktional dahinter steckt. 

Also noch einmal. Hier sind wir nun. Und genau so viele Reifenhersteller es gibt, so viele Abarten und Tonalitäten von hellen Flanken stehen zur Wahl. Als ob es nicht schon schwer genug ist, genau den richtigen Reifen zu finden, der auf dem Untergrund der Wahl möglichst geschmeidig abrollt, möglichst hohen Grip bietet, möglichst geringen Rollwiderstand aufweist. Der möglichst leicht ist und kein Übergewicht aufweist. Der Stollen in der richtigen Form und Fülle besitzt. Oder eben keine. Oder nur am Rand der Lauffläche. Oder eben gerade da nicht in betonter Form, sondern für gute Kurventauglichkeit auch auf festem Untergrund gleichmäßig der allgemeinen Reifenform folgend. Der vielleicht für Tubeless-Montage geeignet ist. Und der sich aber trotzdem erwiesenermaßen auf einer Vielzahl von Felgen gut montieren lässt, ohne besonders zickig zu sein. Der, ja der schließlich und endlich nicht nur in schwarz, sondern auch in einer Version mit Naturflanke bzw. Tan Sidewall verfügbar ist.

Und nicht irgendein Farbton. Nein, genau der richtige Bitteschön! Wie oft dachte ich schon: ahhhh, fast, fast… aber nein, wirklich nur fast gut. Oder auch einfach: Naja, gut – montiere ich halt, ich brauche die Funktion und habe leider nichts besseres Gefunden. Beispiel gefällig? Für das Trans Pyrenees Race im letzten Herbst suchte ich einen Reifen für überwiegend Asphalt. Darunter aber auch schmale und raue Straßen in entlegenen Pyrenäentälern. Und auch einige sehr lange Gravel-Abschnitte. Lang genug, um etwas „Fleisch“ im Sinne von Reifenbreite und auf jedem Fall robuste Flanken haben zu wollen. Renè Herse Reifen im klassischen Sinn mit ihren Extralight Karkassen fielen also aus. Zu breit sollte der Reifen aber auch nicht sein. Je breiter ein Reifen, desto mehr Material muss ihn formen. Desto schwerer wird er. Desto mehr Dichtmilch oder desto größere und schwerere Schläuche muss man in ihm fahren. Und desto mehr Stirnfläche stellt er dar. Wer mehr zu solchen Erwägungen lesen möchte, findet in meinem Beitrag zur Reifenauswahl für solche Rennen umfangreiche Grundlagen. Und ein Slick sollte es sein. Stollen sind nochmal mehr Material. Wiegen also nochmal mehr. Und erhöhen tendenziell den Abrollwiderstand – sehr gehörig. Und auf trockenem Schotter oder Waldwegen oder auf Asphalt braucht man sie kaum bzw. sind sie sogar eher nachteilig. Also fiel meine Wahl auf den Panaracer Gravelking Slick. Den gab’s leider nur in einer Gumwall-Variante. Aber was für einer. Leider ein eher dunkles, langweiliges, sich kaum relevant vom Schwarz der Lauffläche und der Felgen abhebendes Braun. Bäh! Manchem hat’s gefallen. Ich selbst habe hier klar Funktion vor Form, besser gesagt, optischer Erscheinung gesetzt. 

Panaracer Gravelking TLC 700x35C auf DT Swiss Felgen im Laufe des Trans Pyrenees Race No 1

Auf meinem Gravel-Laufradsatz habe ich zur Zeit die WTB-Riddler aufgezogen. Nicht in Schwarz, sondern ebenfalls in der Tan Sidewall Version. Das ist schon etwas besser als bei den Panaracer. Ein etwas helleres, mehr karamelliges Nussbraun. Immerhin ist hier für etwas mehr Kontrast zwischen dem Schwarz der Decke und der Felge gegeben. Aber nur so gerade eben mehr als bei den Panaracern. Und die Farbe ist wärmer, erdiger, angenehmer. Aber immer noch nicht „the Real Deal“. Heller wäre schöner.

WTB Riddler 700 x 37C TCS Light/Fast Rolling (tanwall) auf Hunt Felgen

Die Farbe, die mir vorschwebt, die ideale Farbe von Naturflanken (ob natürlich oder eingefärbtes, möglichst beste Reifeneigenschaften produzierendes Gummi) die findet sich z.B. an den Flanken meiner Maxxis Ikon Reifen meines Mountainbikes. Hier sage ich uneingeschränkt: Ja, das ist eine geile (excuse my french) Naturflankenfarbe. Hellbeige, sandfarben bis ins Neutrale gehend. Wunderbarer und offensichtlicher Kontrast zum Schwarz (in dem Falle nicht nur des Profils und der Felge, sondern auch des restlichen Rades). Wunderbar, so soll es sein.

Maxxis Ikon Skinwall EXO TR 3C 29″ MTB-Reifen auf meinem Rose Thrill Hill.

Auch die hellen Flanken der Reifen von René Herse (früher Compass) haben für mich einen idealen Ton. Ich stimme hier dem von mir gern gesehenen „Rides of Japan“ zu, der in seinem letzten Video (unten habe ich es verlinkt) auf seine neuen leichten Laufräder und auf die darauf montierten René Herse Bon Jon Pass Slicks in 35 mm Breite und mit Naturflanke eingeht. Er vertritt darin die Meinung, dass wirklich jeder Reifenhersteller versuchen sollte, genau diese Farbe von hellen Flanken – so und nicht anders – anzustreben bzw. seinen Reifen mitzugeben. Da kann ich ihn nur unterstützen!

Rides of Japan zeigt seine neuen Laufräder und die darauf montierten René Herse Bon Jon Pass

Nebenbei bemerkt stimme ich ihm auch bei zwei weiteren Aussagen dieses Videos zu. Ja, die Extralight Variante des Bon Jon Pass Slicks rollt wirklich schön. Ich habe es nämlich vor wenigen Wochen endlich geschafft, die Panaracer Slicks abzumontieren und statt dessen meine schon Jahre daheim liegenden (damals noch selbst importierten) Bon Jon Pass (noch mit Compass-Branding) zu montieren. Und ja, wie ich schon bei der Auswahl meines Reifens für das Trans Pyrenees Race gemutmaßt habe; diesem Reifen traue ich kein Überleben bei ausführlichen Gravel- bzw. Waldweg-Eskapaden zu.

Welche Reifen mit Naturflanke gefallen mir noch besonders? Also vom Aussehen? Die Vittoria Corsa G+ (und ihre Varianten) haben ebenfalls eine außerordentlich edel wirkende Naturflanke. So sollte ein Reifen aussehen. Leider bin ich kein Fan von ihrer Lauffläche. Zudem sind ihre Rollwiderstandsbeiwerte in der neuesten 2.0er Version deutlich verschlechtert. Die Top-of-the-Charts Werte ihres Bruders, des Corsa G Speed wiederum, sind mit kompletten Verzicht von Pannenschutz und deutlich minimalisierter Laufflächen-Dicke erkauft. Das ist kein Reifen, den ich irgendwo für brauchen könnte. Ganz gewiss nicht für ein Ultradistanz-Rennen. 

Es wäre so toll, wenn es einen Continental GP5000 (von Tubeless will ich da noch gar nicht reden, ich mag für dessen Dimensionen auf jeden Fall noch – oder wieder – mit Schlauch fahren) mit schöner Naturflanke gäbe! Hach – man wird ja noch einmal träumen dürfen. Wo ich gerade bei Rennradreifen bin: Die neuen Schwalbe One sind echt sehr fähige Reifen. Und es gibt sie auch in einer Classic-Skin genannten Version, die echt auch zu gefallen weiss. Zwar etwas wärmer, etwas mehr ins leicht orange-braune gehend. Aber durchaus sehr elegant und nicht penetrant. Leider muss man auch hier schauen: Findet man den Schwalbe One gut, und möchte man ihn in seiner breitesten Ausführung, in 30 mm, fahren, hat man leider Pech gehabt. Da gibt es ihn nur in Schwarz. Insgesamt aber Lob an Schwalbe: Marken und Modellname kompakt und neutral in Schwarz gehalten. Alle anderen Informationen (Dimensionen, maximale Drücke usw.) sind in dünn erhaben reliefierten Lettern auf die Flanke ohne separate Colorierung Ton in Ton aufgeprägt. So und nicht anders macht man das.

Schwalbe One Evolution V Guard Classic Skin 700 x 25C auf Zipp Felgen

Wie man es nicht macht, sehen wir, wenn wir uns wieder Continental zuwenden. Und uns deren neue Gravelreifen anschauen. Da hat Conti ja letztes Jahr einen sehr guten Markteinstieg hingelegt, glauben wir den Testergebnissen der Gazetten. Und warum sollten wir nicht? Rollwiderstand, Gewicht, Pannenschutz, Grip – alles super und in sprichwörtlicher Continental-Ausgewogenheit vereint, so dass der Testsieg gegenüber dem Mitbewerbern sicher war. Seien es Maxxis, Michelin, Schwalbe und wie sie alle heißen. 

Als sehr konservativer und vor allem wissenschaftlich-zahlenorientierter Mensch spricht mich dies einerseits an und andererseits springe ich auch nicht mit Heissa und Hurra auf den dicksten Reifen, den die Welt zu bieten hat. Agilität und Leichtigkeit sind ebenfalls Werte, die mir wichtig sind. Deswegen rolle ich bisher graveltechnisch auf meinem Gravellaufradsatz auch noch auf maximalen 37 mm Breite. Jetzt wollte ich vorsichtig mal in Richtung 40 oder besser noch 42 mm Breite schnuppern. Auf 700 C Laufradgröße, bitteschön. Und nicht breiter – sonst kommt man langsam in Probleme mit dem Umwerfer. Egal ob der nun von Sram oder Shimano kommt (kleiner Hinweis am Rande: mit etwas breiterem Q-Faktor und neuem Umwerfer gibt Sram seinen neuen force AXS wide Umwerfer für 45 mm Reifenbreite offiziell frei).

Jetzt wäre ja ein 40 mm breiter Continental Terra Speed genau das, was mein ausprobierfreudiges Herz begehrt. Beste Werte, wie geschildert. Weniger Rollwiderstand wie z.B. ein Schwalbe G-One und auch leichter. Verdammt, da komme ich schwierig dran vorbei (obwohl schon seit Winter ein damals pfuschneu herausgekommenes und endlich lieferbares Paar 37 mm Schwalbe G-One daheim liegt).

Nun gab es den Conti aber erst nicht in einer Tan-Sidewall-Variante. Na gut – dann eben klassisch schwarz. Aber – oh graus! Conti ist plötzlich eingefallen, dass „Gelb“ ihre Markenfarbe ist. Nunja, eher orange. Also schreiben sie „Continental“ und das „Speed“ in dicken, fetten und prägnant gelben Lettern auf die Flanke. So ein 40 mm Reifen hat durchaus Umfang und damit eine hohe Flanke. Da gehen hohe und unübersehbare Lettern drauf. Und diese Fläche nutzt Conti leider auch. Oh, mein, Gott. Das passt doch mit so ziemlich nichts zusammen, außer mit komplett schwarzen Rädern oder Rädern, die anderweitig auch gelb-orange – und zwar genau dieses – als Applikation bzw. Designelement aufweisen. Marken-Namen-Gestaltung bzw. Beschriftung von Reifen. Ein Punkt, den ich oben geflissentlich ausgelassen habe, damit es nicht zu viel wird im Reigen der Eigenschaften, die es auszutarieren gilt. Ein vermeintlich harmloses Detail, das aber, wenn es verkehrt oder mit falschem Sendungsbewusstsein des Herstellers verbrämt wird, zu einem echten No-Go-Element werden kann. Ein anderes Negativbeispiel sind ellenlange und fast schon ein Drittel des Reifenumfangs einnehmende „Aufdrucke“ die in großen Lettern und vielleicht noch auf vollflächig farbigem Grund Marken- und Reifenmodellname sowie Dimensionen und verschiedene, ach so tolle Technologie-Kunstnamen vereinen. Und somit kaum etwas von der ruhigen Reifenflanke übrig lassen und statt dessen für ein unausgewogenes, unruhiges Gesamtbild sorgen. 

Also geht beim Conti Terra Speed nicht mal die klassische schwarze Variante? Doch – was sehe ich da? Heimlich still und leise (und auf der Conti-eigenen Webseite noch nicht aufgeführt), scheint eine neue, eine sogenannte „Cream“-Variante aufgelegt worden zu sein. Wenigstens für den Terra Trail. Und ja – mein Herz hüpft, es ist die „richtige“ Farbe. So muss eine Naturflanke bzw. in diesem Fall natürlich eine „Gum“ Sidewall aussehen. Und die Schrift ist schön kontrastig wie neutral in schlichtem Schwarz aufgebracht. Herrlich. Doch was ist das!? Fassungslosigkeit macht sich in mir breit. Wird doch in diesem Produktfoto erstmals deutlich, was da noch ganz unübersehbar und fett aufgedruckt ist. Quasi als Kainsmal prangt ein dickes, fettes Steckersymbol mitsamt einer „25“ daneben unübersehbar auf der Flanke!

Schaut euch das Foto direkt in einem sehr kurzen Beitrag von Gran Fondo Cycling an. Es folgt direkt unter dem Einleitungs-Absatz.

Neeeeeinnnn! Mir ist sofort klar, was das heissen muss. Trotzdem muss ich erstmal googeln, was das genau ist. Ergebnis: das soll wohl das Label „E-Bike Ready 25“ darstellen bzw. mitteilen, dass dieser Reifen für solche E-Bike Reifen zugelassen ist. Ich sehe so etwas zum ersten Mal. Was soll mir ein solches Label geben? 25 km/h als Geschwindigkeit sind lächerlich im Vergleich zu dem, was ein Rennrad- oder Gravel-Reifen ohnehin aushalten und bewältigen muss. Weder Beschleunigungskräfte (dazu zählen auch negative) noch Gewichts- oder Stoßbelastung können großartig unterschiedlich sein. Das bisschen Akku und die nicht auf Leichtbau ausgelegten Rahmen sind in der Gesamtschau des Systemgewichts von normalen Rädern (und dazu zählen ja auch schwere Stahl-Reiseräder etc.) und Radfahrern nicht der Rede wert. Muss man dafür ein Label erfinden? Mehr noch, muss man das dick und fett einem Stigma gleich auf die Flanke brennen? Welche sich bester Gesundheit erfreuender und auf Stil bedachte Kundenschicht will man denn damit nicht vergrätzen? Ich möchte einen solchen Reifen nicht auf mein mit Herzblut zusammengestelltes Titanjuwel aufziehen. Ich kriege mich ja kaum mehr ein, wie man überhaupt als Produktmanager auf die Idee kommen kann, eine solche Bedruckung der Reifenflanke überhaupt nur in Erwägung zu ziehen…  und so ist die Keimzelle für diesen (mit leichtem Schalk im Nackenund doch wahren Stil-Ansprüchen geschriebenen) Artikel gelegt.

Vollends fällt die Entscheidung, nun in die Tasten zu greifen, gestern Abend. Denke ich doch, es aufgrund des Continental-Design-Debakels es vielleicht doch mal auch für robustere Gangart mit René Herse zu versuchen. Deren neuere Stollenreifen und neuere Karkassen versprechen alltagstauglichere Haltbarkeit, auch für Bikepacking-Abenteuer mit rauerem Untergrund. Anscheinend war die Zusammenarbeit mit Ted King und die durch ihn gestellten Anforderungen fruchtbar. Seit dem gibt es nicht nur Extralight und Standard-Casings, sondern neu auch Endurance und sogar Endurance Plus Karkassen. Letztere z.B. für die üble Feuersteinhölle, die man auch Dirty Kanza nennt. Vielversprechend. Auch von den Dimensionen. der Hurricane Ridge TC z.B.: 700C x 42 mm Breite. Ja, genau das wäre es. Vielleicht, erst mal testen. Also lese ich ein wenig weiter auf der Produktseite. Und werde schon wieder enttäuscht! Extralight und Standard Casings kann man jeweils als Tan Sidewall oder auch als Black Sidewall bestellen. Endurance Casing (welches mich jetzt gerade interessiert) und das Endurance Plus Casing leider nur in einer neuen, „Dark Tan Sidewall“ genannten Variante. Ein vielleicht nicht ganz unhübsches, aber leider halt wieder sehr dunkles, nussiges Braun. Kein helles, sandfarbenes Beige… 

Schatz – ich finde einfach nichts zum Anziehen…!

11 Kommentare zu „Schatz, ich hab’ nichts anzuziehen – ein „Rant“ zu Reifendesign und Tan Sidewalls

  1. Conti und Design ist leider ein ganz trauriges Kapitel. Mein Favorit ist der Grand Prix Classic mit seinem „Handschrift“-Logo. Die Kinderspielzeug-Logos der MTB-Reifen kommen direkt danach. Verstörend ist dabei mit welchem Engagement und Aufwand die das durchziehen – die fatale Kombination aus Ahnungs- und Geschmacklosigkeit bei hoher Motivation… (Dabei hätte man nach der RubberQueen-Sache so elegant das verantwortliche Personal austuschen können.)

    Ich hatte vor Jahren mal an den Kundenservice geschrieben um zu fragen ob es den Canyon-OEM-Reifen (nur weiße, diskretere Beschriftung) irgendwo zu kaufen gibt, Die Antwort war sinngemäß, dass sie von der Qualität ihrer Produkte überzeugt seien, und das auch am Produkt sichtbar sein sollte. Ich habe dann angemerkt, dass gute Produkte es gar nicht nötig haben so rumzuschreien, hab aber keine Antwort mehr bekommen.

    1. Hmm tja. Schon schade sowas. Nun sind die Geschmäcker ja verschieden und es mag auch manche Leute geben, die so etwas mögen. Und manche, die da gar nicht drüber nachdenken. Aber erstere würde man kaum, zweitere gar nicht vergrätzen, wenn man seine Produkte dezent „branded“ und immer die Sicht des Kunden im Auge hat. Nur so kann erfolgreiches Unternehmertun funktionieren. Solve the Customers Problems. Und nicht: bereite ihm Neue oder füge Dinge an deiner Lösung hinzu, die deren Befürwortung schwieriger machen. Bei Reifen ist das sowohl von der Funktion wie auch von der optischen Gestaltung des Produkts die Betrachtung des Gesamtsystems Fahrrad und Fahrer. Ich kann keinen Reifen zielgerichtet entwickeln, wenn ich nicht auf dieses Gesamtsystem hin entwickele. Gleiches gilt auch für die optische Gestaltung. Doch da scheint bei manchen Firmen die ganzheitliche Betrachtung zu enden. Sonst würden sie sich ja in die Köpfe ihrer Kunden hineinversetzen, die ihren Reifen mit einer Vielzahl von Rädern, Rahmenformen und Farb- sowie Logogestaltung kombinieren möchten.

      1. Bei Autoreifen kommt niemand auf die Idee farbige Logos auf die Reifen zu drucken. Da ordnet man sich optisch selbstverständlich dem Gesamtsystem unter.

        Aber klar, Geschmäcker sind verschieden und viele finden Herstellerlogos mehr oder weniger generell attraktiv. Ich hatte vor Jahren dazu eine interessante Diskussion mit einem Mitbewohner, der fassungslos war, dass ich die Aufkleber an meinen Felgen entfernt hatte (billige Mavics). Für ihn sah es ohne Logo „billig“ aus (i.S.v. noname-Produkt). Ich hatte sie entfernt, weil es für mich gerade mit den ganzen Logos „billig“ aussieht. Neben der Ästhetik fahre ich auch ungern unbezahlte Werbung durch die Gegend, wenn die zu großspurig daherkommt.

  2. Hallo Torsten,

    ein wirklich gut geschriebener Beitrag, den ich mit Freude gelesen habe.
    Und Deine Gedanken kann ich auch voll und ganz nachvollziehen. Ich suche auch gerade einen neuen Reifen für mein Gravelbike. Und auch für mich spielt neben der Funktion auch die Optik eine Rolle. Ich sehe es genauso, dass man es mit den Markenlabeln nicht übertreiben sollte. Schade, dass nur wenige Hersteller verstehen, damit umzugehen.

    Viele Grüße
    Matthäus

  3. Reifen – ein Thema ohne Ende. Es gibt ein bis zwei Hersteller, die mir nicht mehr ans Rad kommen (wenn es sich nicht irgendwie vermeiden lässt). Der erste ist Schwalbe. Denen habe ich vor über 10 Jahren abgeschworen, als sie es nicht geschafft hatten, dass die Schulterstollen der Reifen auch an der Reifenschulter geblieben sind. Egal ob RR, NN oder FA – alle hatten Zahnausfall.
    Der zweite ist Conti. Ich war ein Fan der MTB-Reifen Rubber Queen und Mountain King, aber die RR-Reifen? Hatte man immer Fäden in der Bremse (GP 4000, 4000 s) oder die Biester wurden mit der Zeit unrund (GP4s). Das hatte ich danach nur noch einmal bei Clement.
    Wenn ich Reifen haben möchte, die wirklich rund laufen und sich während der Fahrt nicht in ihre Bestandteile auflösen, greife ich zu Maxxis, Panaracer, Specialized, Michelin, Kenda, etc.
    Bei den hochwertigen Vittoriaoder Challenge (die ganzen Open) kann es passieren, dass sich die Lauffläche von der Karkasse löst. Ist mir noch nicht passiert, habe ich aber schon gesehen.
    Zu Thema Gravelreifen: wenn die Farbe egal ist und die Performance entscheidet – versuche mal den Vittoria Terreno Dry. Super Gummimischung, hält bei Nässe auf Asphalt narrensicher, rollt sehr gut, hat offroad erstaunlichen Gripp (auch bei Feuchtigkeit). Unbedingt tubeless fahren, die Karkasse ist schon recht steif. Der 33er baut auf 21 C ca. 35-36 mm. Oder wenn es noch mehr Strasse sein soll, der Terreno Zero.

    1. Hallo Armin, danke für deinen umfangreichen Kommentar. Ja, Reifen… man muss nur lange genug Rad fahren, dann kann man einiges erzählen, scheint es. :)

      Schwalbe – hatte ich nie Probleme mit. Früher, als ich den Ultremo gefahren bin (waren so ziemlich die ersten Reifen auf meinem Rennrad damals, als ich wieder anfing) gab es diverse Berichte von Leuten, die mal eine Blasenentwicklung damit hatten. Ist mir nie passiert, waren für mich immer zuverlässige Reifen.

      Conti und Fäden in der Bremse? Was darf ich mir darunter vorstellen? Wie kommen Fäden aus dem Reifen und wie dann in die Bremse? Habe ich noch nie von gehört.

      Die anderen von dir genannten Reifenmarken bilden jetzt aber auch nicht den Olymp von Rollwiderstand noch Nimbus, jedenfalls wenn es um Rennradreifen geht. Specialized fing irgendwann mal an, einen guten Reifen zu haben. Ich weiss gar nicht – war das die Zeit, wo die den Wolfgang Arenz von Conti abwerben konnten? Ich meine. In der Zeit und vor allem der Zeit davor war es aber tatsächlich manchmal Usus, den deutschen Reifen, Schwalbe sowieso, überraschenderweise aber auch Conti, schnöde den Rücken zu kehren und vom Fahrgefühl von Vittorias, Veloflex usw. zu schwärmen. Der Prophet gilt halt nichts im eigenen Land, schien mir da manchmal eher der Grund, als tatsächlich schlechte Erfahrungen oder ein direkter A-B-Vergleich gewesen zu sein. Damit will ich aber den Popometern der entsprechenden Personen und auch dir nicht absprechen, andere Präferenzen zu haben oder anderes Wahrzunehmen.

      Die Krönung waren für mich aber immer diejenigen, die sinngemäß meinten „Nie mehr Marke X! Letzte Woche pfuschneu aufgezogen und schon einmal plattgefahren!“. Ja liebe Leute: Stichprobengröße 1 und außerdem, wenn man eine Scherbe erwischt, dann ist der Reifen halt platt. Es sei denn, man fährt einen Conti 4Season oder sonst irgendetwas, was weniger auf Laufkultur, sondern auf möglichst hohe Toughness setzt.

      Naja – zurück zu heute und zurück zu aktuellen Reifen und auch dem Thema Gravel: Interessant. Danke für deine Einschätzungen zu den beiden Terrenos. Vom Profilbild würde ich die ja überhaupt nicht auf meine Favoritenliste heben. Steife Karkasse hört sich jetzt aber auch nicht wirklich gut an. Eher so, als ob sie zwar Grip haben, aber wirklich schnell und geschmeidig ist dann vielleicht was anderes?

      Aktuell würde ich, wenn mich die Neugier nicht doch zu einem René Herse und da dann was mit Stollen und Standardcasing treibt, wahrscheinlich den Maxxis Rambler auswählen. Der hat die gleiche Technologie wie der Ikon, der mich problemlos durch den Atlas gebracht hat und sieht auch vom Profil so aus, als ob er gut rollen, gut greifen und vor allem auch ohne besonders betonte Schulterstollen kultiviert in die Kurve gehen kann – und zwar sowohl auf Hardpack, losem Zeug wie auch auf Asphalt.

      viele Grüße
      Torsten

  4. Du sprichst mir da absolut aus der Seele in allem was du schreibst. Ich frage mich auch was daran so schwer zu verstehen ist für z.B. Panaracer. Ich habe noch nie jemanden Sagen hören „schön kackbraune Seitenwand hat der Reifen, hebt sich hier im Schatten schön wenig vom Schwarz ab!“ Und es ist eine halbe Tragödie, denn sonst sind die Gravelkings doch echt genial. Gerade was das Gewicht angeht gibt es eigentlich keine Konkurrenz.. Und das obwohl sie ziemlich robust sind und nicht aus allen Poren Dichtmilch blubbert wie beim vergleichbar schweren Extralight vom René. Besonders schade auch noch wenn man bedenkt, dass die beiden ja aus der selben Fabrik kommen…

    1. Hallo Daniel, vielen Dank für deinen Kommentar. Ja – gerade bei Panracer und René Herse ist das interessant. Wobei ich da echt nicht weiss, wieviel Marketing-Sprech da bei Jan Heine dabei ist und wie stark sich die Reifen im Aufbau wirklich unterscheiden. Will sagen – vielleicht / sehr wahrscheinlich haben die René Herse Reifen andere Karkassen. Sie fahren sich auf jeden Fall auch deutlich unterschiedlich. Die Frage ist nur – ist bei einem der beiden ein natürlicher, wahrer und ungefärbter Naturkautschuk-Ton vorhanden? Wenn – dann wahrscheinlich eher beim Panaracer. Damit wäre ihm quasi „verziehen“. Er wäre ein „echter“ ungefärbter Gumwall im wahren Sinne. Hülfe aber nichts – gefällt uns beiden trotzdem nicht. ;-)

      Oder sind beide an der Flanke eingefärbt? Dann hat Panaracer auf jeden Fall das kürzere Ende des Design-Stocks erwischt.

  5. Hallo Thorsten,
    habe mich bei Johannas Podcast mit Dir (wie eigentlich immer) hervorragend unterhalten und informiert. Jaja, meine CX-Reifen von Panaracer sind schwarz, da entfallen all diese Probleme und Eitelkeiten. Was dann zählt, sind allein innere Werte, Karkasse, Gummimischung und Profil. ;) Black is beautiful.
    Trotzdem… Habe vorgestern gesehen, dass Vittoria unter tanwall bzw. gumwall zwei Unterschiedliche Flankenfarben anbietet. Eine braune und eine beige – letztere je nach website unterschiedlich als „transparent“ oder auch „farblos“ bezeichnet. Sieht dem Ton des Maxxis Ikon Skinwall auf Webphotos ziemlich ähnlich – bin gespannt auf Eindrücke in natura.
    Wobei der Ikon am Übergang vom Schwarz der Lauffläche zum sandbeige einen grünlichen Schimmer hat, da das hellere Gummi über dem schwarzen liegt. Aber so genau sieht man’s zum Glück nur beim Putzen. Klarer Fall von Jammern auf hohem Niveau. ;P

    Beste Grüße und gute Fahrt,
    Nik

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