Orbit 360 – ein neues Gravel-Format betritt die Bühne

Ist es eine Rennserie? Ist es ein Touren-Angebot? Ist es Gravelbiking? Oder Offroad? Sind es noch Tagestouren oder ist es schon leichtes Ultraracing oder Bikepacking?

Antwort – es ist von jedem ein Bisschen. Und es ist vor allen Dingen ein Angebot. Ein 16 Touren umfassendes Angebot, in jedem unserer Bundesländer eine herausfordernde und vergleichsweise lange (zwischen 214 und 305 km lang) Tour über gemischte Oberflächen zu fahren.

Neudeutsch Mixed Surface also. Mit allem möglichen Untergründen von Asphalt über Schotter, von Kopfsteinpflaster bis Waldweg. Im Schwerpunkt aber wohl schon das, was man unter Gravelbiking versteht und sehr wahrscheinlich ist das auch das passende Rad dafür. Lasst euch aber dafür einfach von der jeweiligen Route inspirieren.

Ein Land, 16 Bundesländer, 16 Routen, ein Rennen – ist das Motto von Orbit 360. Sechzehn sogenannte Orbits wurden von ehrenamtlichen Gravel- und Radenthusiasten mit lokaler Ortskenntnis erkundet, geplant und getestet – auf Initiative und nach der Idee von Raphael Albrecht und Bengt Stiller. Die beiden sind die Köpfe hinter Orbit 360. Beide sehr aktiv in allen Dingen rund um Bikepacking und Bikepacking-Rennen.

ODie Startseite von Orbit360.cc

Und das ist Orbit 360 auch unzweifelhaft anzumerken. Was ich sehr interessant finde. Für mich schlägt die Orbit 360 Rennserie so die Brücke zwischen Eintages-Tour oder auch Eintages-Rennen und den Aspekt Micro-Adventure. Und zwischen dem Angebot, mit einer oder mehreren Touren ein oder mehrere Bundesländer neu zu entdecken und eine harte Rennserie zu fahren. Und zwar im Jahr 2020 Corona-konform.

Das ist auch die Idee dahinter, wie mir Raphael im persönlichen Gespräch erzählt. Sowohl die Begeisterung für die Langstrecke und das Bikepacking nach Draußen zu tragen und weiter zu geben. Sie auch möglichst Einsteigerfreundlich zu machen. Aber auch zu sehen, was man in diesem Jahr, wo wir aufgrund der Corona-Virus-Pandemie nicht für unsere üblichen Rennen zusammenkommen können, trotzdem als motivierende Herausforderung präsentieren kann.

Das Resultat finde ich ziemlich genial, muss ich sagen. Über genau diesen Beweggrund habe ich ja bereits in meinem letzten Artikel geschrieben (Sommerüberlegungen 2020 – Welches (DIY) Bikepacking-Event verspricht mir Wettbewerb und Landschaftsreiz zugleich?). Ich war ja genau in der selben Situation, mir etwas Spannendes für den Sommer zu suchen. Etwas, was ein bisschen mehr als bloßes Touring ist. Ok – Ideen findet man da schnell fast schon mehr als einem lieb ist. Ihr habt ja auch dankenswerterweise fleissig geholfen. Und auch da habe ich ja bereits Orbit 360 als eine Möglichkeit erwähnt. Mit diesem allein für Orbit 360 stehenden Artikel, den ihr gerade lest, habe ich noch gewartet, bis erste Details zum eigentlichen Modus auf der Webseite freigeschaltet wurden. Gestern war es dann soweit.

Touren / Routen

16 Routen gibt es. Pro Bundesland eine. Ihr habt sie vielleicht schon gesehen. Entweder auf der Event-Webseite unter https://orbit360.cc/routes/ oder direkt auf der Komoot-Collection-Seite von Orbit 360. Komoot tritt neben Wahoo auch als offizieller unterstützender Partner von Orbit 360 auf.

Noch sind nicht alle Routen veröffentlicht. Raphael und Bengt machen es spannend und veröffentlichen seit 8 Tagen pro Tag eine Route. In 7 Tagen wird dann mit Bremen die letzte Route veröffentlicht.

Was man bisher so sieht, sind vielversprechende und vor allem allein schon von ihrer Länge und teilweise auch von den Höhenmetern herausfordernde Strecken. Bisher ist von 214 bis 305 Kilometer alles dabei. Kürzer, aber auch länger wird es wohl nicht. Bedenkt – das alles geht zu eher geringen Anteilen über Asphalt, oft über unbefestigte oder schlimm befestigte ;-) Wege. Manchmal vielleicht auch technische Abschnitte und je nach Geologie und Bodenart auch mal üblen Sand. Auch sehr schnelle Leute dürften somit den größten Teil eines Tages beschäftigt sein. Für alle übrigen mag es je nach Strecke schon Herausforderung und Errungenschaft genug sein, die Strecke in einem Stück zu bewältigen.

Wenn ihr Raphael und Bengt mit ihren eigenen Stimmen über die Idee und die Hintergründe erzählen hören wollt, könnt ihr dies beim Martin tun. In seinem Podcast haben sie Mitte des Monats bereits darüber gesprochen: Orbit 360 Artikel und Podcast bei Biketour-Global.

Rennkategorien

Es muss keine Herausforderung sein. Es darf auch einfach nur als Angebot für das persönliche Erleben eines schönen (und oder harten) Tages im Sattel verstanden werden. Aber es soll ja trotzdem auch Herausforderung und Wettbewerb bieten. Für den, der es mag. Dafür gibt es Rennkategorien.

Für dieses Jahr gibt es (Corona-konform und für den Einstieg) nur eine Solo-Wertung. Sinnvoll und verständlich. Und auch ganz so, wie man es von Bikepacking-Rennen kennt (die oft zusätzlich eine Duo-Wertung beinhalten).

Natürlich darf jeder die Routen auch einfach so benutzen und dann alleine oder auch mit Freunden (seid vernünftig und befolgt alle behördlichen Vorgaben und benutzt gesunden Menschenverstand) fahren. Orbit freut sich dann, wenn ihr dies als „Supporter“ macht. D.h. die Strecken kostenlos von Komoot herunterlädt – aber auch Freunden und Bekannten davon erzählt, Likes auf Komoot, facebook und Instagram verteilt (kein Twitter, tststs ;-)) und wenn ihr mögt, auch gerne eine Spende hinterlässt.

Wenn ihr in die Punktewertung kommen wollt, dann müsst ihr euch registrieren. Details zum Registrierungsprozess kommen noch. Für sehr faire 25 Euro erhaltet ihr den Status „Racer“ und könnt Punkte sammeln und werdet in den Bestenlisten geführt. Gleichzeitig gibt es noch ein kleines Regionen-Bundle für Komoot, wenn ihr das eh noch nicht haben solltet. Für 40 Euro gibt es noch ein Goody-Kit bestehend aus Mudgard, Cap, Bandana und Patch hinzu.

Fahren könnt ihr die Touren rund um’s Jahr solange und so oft ihr wollt. Punkte für das Rennen sammeln könnt ihr jedoch nur im offiziellen Eventzeitraum vom 4. Juli bis zum 6. September 2020.

Regeln

Innerhalb der offiziellen Zeitspanne vom 4.7. – 6.9.2020 könnt ihr euch zu jedem beliebigen Orbit hin aufmachen, sucht euch irgendeinen Punkt auf der Strecke, der für euch gut zu erreichen ist (mit dem Auto, per ÖPNV, mit dem Rad – was auch immer) und habt so euren individuellen Startpunkt. Dann die Strecke im Uhrzeigersinn bis genau wieder zu diesem Punkt befahren. Voilá – ein Orbit ist im Sack. Damit ihr in die Wertung kommt, müsst ihr aber nicht nur im entsprechenden Zeitfenster fahren, sondern auch die hier zu findenden Regeln befolgen.

Es sind nicht viele und sie sind im klassischen Bikepacker-Sinn kurz und einfach gehalten. Sie lassen sich auf die folgenden einfachen Nenner bringen: sei kein unfaires Arschloch, versuch keine Tricksereien und bewahre stets den Gedanken des Bewältigens der Strecke aus eigener Kraft und unter dem Vorhandensein gleicher Gelegenheit für alle. Nun – ganz offensichtlich ist es gerade für Neueinsteiger nicht ganz so einfach, genau zu erfassen, worum es dabei geht. Es könnte jetzt ein Schlaumeier herkommen und sagen: „Logisch lasse ich meine Support-Crew alle 30 Kilometer am Streckenrand stehen und mir Erfrischungen reichen und lasse mir durch meinen starken Kumpel Windschatten geben, damit ich eine schnelle Zeit fahren kann – das können andere ja auch so machen. Also gleiche Gelegenheit für alle…“ Nein! Das ist es gerade nicht. Aber hier ist nicht der Ort, um in die Tiefe dieses Themas einzutauchen. Es hat durchaus Nuancen und verdient seinen ganz eigenen Artikel.

Für alles, was Orbit 360 angeht, findet ihr aber dort auf der Webseite kurz und knapp und gut erklärt, wie die Regeln lauten. Kurz: alleine Fahren, kein Windschatten nutzen, alles, was ihr braucht, führt ihr am Rad selbst mit: Reparaturzeug, Kleidung (Witterungsschutz), Verpflegung. Wenn die Verpflegung zur Neige geht, müsst ihr euch selbst um Nachschub kümmern. Und zwar nicht aus dem geheimen Depot, welches ihr bei Kilometer 150 vorher angelegt habt, sondern aus dem öffentlich für jedermann gleichermaßen zugänglichen Angebot (equal opportunity – gleiche Gelegenheit für alle), welches ihr unterwegs vorfindet. Wasser aus dem Friedhofs-Wasserhahn oder Cola und Kuchen vom Kiosk, der Tanke oder dem Supermarkt an oder naher der Strecke etc.

Wichtig noch: Ihr dürft zwar so lange brauchen, wie ihr halt braucht. Ihr dürft sogar eine Schlafpause einlegen. Euer Radcomputer muss aber die ganze Zeit durchlaufen. Hinterher müsst ihr eine ununterbrochene Aufzeichnung auf Komoot hochladen, um in die Wertung zu kommen.

Was wird gewertet? Es gibt Punkte. Für das Bewältigen einer einzigen Strecke unter Einhaltung der Kriterien werden 300 Punkte vergeben. Wer damit nicht stoppt, sondern noch mindestens zwei weitere andere Strecken komplettiert, erhält weitere 1000 Punkte. Wenn ich das so richtig verstanden habe, muss man also 3 Orbits fahren und hat 1300 Punkte im Sack. Mehr Punkte gibt es, wenn man auch in den Top Ten eines Orbits gelandet ist. Wer am Ende nach dem 6.9. die schnellste Zeit eines Orbits innehat, bekommt dafür 600 Punkte. Ich denke mal, pro Orbit, auf dem diese Position erreicht wird. Schnell gerechnet: die maximal erreichbare Punktzahl wären dann also 16 x 600 Punkte (für Rang 1) plus 1300 Basispunkte für das Komplettieren mindestens dreier verschiedener Orbits = 10.900 Punkte. Auch für die weiteren Platzierungen in den Top 10 werden Punkte vergeben. Absteigend bis auf 24 Punkte für den Zehntplatzierten.

Abschluss

Ich finde es eine tolle Idee. Bin gespannt, wie sich auch die Punktewertung manifestieren wird. Gehe ich von den zahlreichen „Likes“ aus, die die einzelnen, bereits veröffentlichten Strecken auf Komoot aufweisen und auch von den momentan 693 Followern des Orbit 360 Accounts auf Komoot, dann wird es ein buntes Treiben in der Tabelle und auch ein voller Erfolg.

Ich selbst finde es fast ein wenig schade, dass der eigentliche Wertungszeitraum nur vom 4.7. bis 6.9. geht – folgt doch schließlich mit dem September und hoffentlich Oktober noch ein herrlicher Zeitraum für das Radfahren. Zwar mit kürzerem Tageslicht, aber hoffentlich besten Bedingungen. Aber ich habe natürlich Verständnis dafür, dass es einen begrenzten Wertungszeitraum geben muss, dass der Aufwand für die Auswertung auch überschaubar bleiben muss und dass es jeder Menge Aufwand und Energie hinter den Kulissen bedurfte, bis aus der Idee tatsächlich Realität wurde. Dafür auf jeden Fall meinen Respekt und Danke an alle Beteiligten.

Ich selbst werde im Sommer, wenn alles nach Plan geht, am Three Peaks Bike Race von Wien nach Nizza teilnehmen. Und ich plane, von Nizza aus mit dem Rad auch wieder nach Deutschland zurück zu radeln. D.h. mit unmittelbarer Vorbereitung, dem Rennen, der Rückreise und dann Recovery wird mir persönlich wenig Gelegenheit bleiben, diverse Orbits mit Ziel einer Wertung zu fahren. Aber wenigstens auf einen, zwei oder halt dann doch drei (für die 1.000 Punkte ;-)) habe ich Lust und plane ihn, unter die Stollenreifen meines Gravelbikes zu nehmen. Sehr wahrscheinlich auf jeden Fall den NRW-Kurs.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon von Orbit 360 gehört? Plant ihr, die eine oder andere Strecke zu entdecken? Oder habt ihr sogar Großes im Sinne der Gesamtpunktewertung vor?

7 Kommentare zu „Orbit 360 – ein neues Gravel-Format betritt die Bühne

  1. Danke für die Info, klingt sehr interessant! Zumindest die NRW-Strecke werde ich bei Gelegenheit mal in Angriff nehmen…

  2. Sehr gute Zusammenfassung! Ich freue mich auf den Hamburger, Schleswig-Holsteiner und Niedersachsens Orbit. Die alle quasi direkt bei Hamburg starten – genial gelöst für alle Locals höhö ;) umgekehrt hat man auch keine Ausrede diese nicht zu fahren.
    Das Rennen ist auch schon voll im Gange und man muss sagen, die Tracks gehen teilweise echt wilde Wege! Also auch Mal eben 50m ohne Weg durch den Wald, was mir etwas übertrieben scheint. Aber dann ist noch etwas Puffer die Strecken zu verbessern.
    Hab in meinem Blog sonst auch ein wenig zu meinem Setup geschrieben (vor allem welche Reifen).

    1. Hi Mischa, danke dir. Ja, schon eine spannende Sache, nicht wahr? Bin mal gespannt, wie unterschiedlich – nicht nur von der Topographie und Landschaft, sondern auch von der Herangehensweise der Planer – die einzelnen Orbits sind. Hat da einer z.b. mehr auf Flow Wert gelegt als jemand anderer? Oder meinte jemand eher als andere, da muss noch „more cowbell“ rein und baut mal Unterholz oder Treppen ein?

      Wir werden ja durch diverse Berichte ein gutes Meinungsbild erhalten. :)

      Bei der regionalen Verteilung kann man aber schon von einer Clusterung der Kurse sprechen. Einerseits sind von vielen Ballungszentren mindestens einer oder gleich sogar drei gut zu erreichen. Andererseits gibt‘s weite Bereiche mit einer auffälligen Lücke. Genug Raum für Abwechslung also, wenn man mal über Folgejahre nachdenken sollte. :)

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