TCRNo6-Tagebuch, Teil 2: Vom Start in Geraardsbergen bis zum CP 1 (Bieler Höhe, Silvretta Hochalpenstraße)

For the first time I publish my TCR Race Journal bi-lingual. Looking for the English version? Head over here.

Den ersten Teil noch nicht gelesen? Den findet ihr hier.

Ich bin locker, meine Route ist erprobt. Was jetzt folgt, habe ich genau so schon einmal gemacht. Die Lage des CP 1 bedeutete, das wir wieder Ost-Süd-Ost  fahren würden. Erst mal Richtung Bodensee. D.h. bis an die Saar war meine Routenführung identisch wie im letzten Jahr. Ich hatte auch keinen Bedarf, große Änderungen vorzunehmen. Quer über die Ardennen – das hat sich für mich im letzten Jahr bewährt. Einen kleinen Haken, den ich aufgrund Verkehrsführung im letzten Jahr machen musste, hatte ich im Vorfeld in meiner Route ausgebessert. Diese war ziemlich direkt nahe an der Luftlinie und schön verkehrsruhig über oft kleine Straßen. Entsprechend passte ich aber auch auf. Weder macht es Sinn, jeden kleinen Anstieg in der ersten Nacht durchzudrücken (ganz im Gegenteil), noch sich auf die Schnauze zu legen, weil man zu forsch um eine enge Kurve biegt, wo man im Scheinwerferlicht nicht jeden Kiesfleck oder Kuhschiss ausmachen kann. Oder wo doch ein Auto kommen kann. Das ist ein Spiel, dass man nicht in der ersten Nacht gewinnt, aber schon verlieren kann!

Bekannte Route heisst auch: Ich weiss, wo ich ein Nickerchen halten kann. Wie beim TCRNo5 nehme ich mir vor, schon in der ersten Nacht eine kurze Schlafpause einzulegen, um sofort auf einen guten Tag-Nacht-Rhythmus zu kommen. Ich bin noch nicht so weit, dass ich mir zutraue, direkt zu Anfang (oder überhaupt) einfach so die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag durchzufahren. Meine Befürchtung ist, dass ich dann einfach schon mit Defizit direkt anfange. Und das, wo man doch mit einer kurzen Pause viel erfrischter in den Tag gehen kann. Betonung liegt auf kurz! Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen (und beim Three Peaks Bike Race auch schon geübt) etwas kürzer zu schlafen und vor allem wesentlich früher am Morgen aufzubrechen. Tageslicht ist kostbar! Mehr zu diesem Thema findet ihr im schon in der Einleitung erwähnten Beitrag zu Zahlen, Daten, Fakten.

Ich war erstaunt, dass auch James Mark Hayden, der Gewinner des TCRno5 und der 8 Tage später auch der Gewinner des TCRNo6 werden würde, in seiner kurzen Blogreihe berichtet, dass er üblicherweise ebenfalls in der ersten Nacht eine kurze Erfrischungsrast einlegt. Na, sieh mal einer an. Aber dieses Jahr habe er es ausnahmsweise nicht gemacht, schreibt er. Hm, ok. ;-)

Ich hab’s aber gemacht. Ja, kürzer, und ja, es war eine gute Sache. Nicht nur erholungstechnisch, sondern auch preistechnisch. Mit dem Foto meines ersten kurzen Nachtlagers, dass ich wieder auf dem Schulhof der kleinen Schule in Agimont aufschlug, machte ich den dritten Preis im Riders Blog:  „MOST UNAPPEALING SLEEP SPOT AWARD – This was a particularly difficult category to narrow down, so many spots that made us appreciate our beds and wonder what on earth made them decide that was the spot to bed down for the night. We narrowed it down to these three: Torsten Frank (#209) stole a tramp’s bed for the night

Selber Ort wie im letzten Jahr, diesmal ohne Bank und Mülltonne. Dafür mit mitgebrachter Pappe. :)

Es waren 114 km und 1.268 Höhenmeter für diesen ersten Stint bis nach Agimont. Ich brauchte dafür 5,15 Stunden und schlief danach effektiv für 2,75 Stunden.

Karte und Höhenprofil Stint 1

Früh auf und zum unmittelbaren Frühstück die erste Fanta des Rennens. Und einen Iced Mokka. Beides in der Nacht an einem Münzautomaten gezogen, an dem ich unverhofft vorbei kam.

Warenautomat in der Nacht

Einen Riegel aufgerissen, auf’s Rad geschwungen und kauend los gefahren.


Stint 2 – Push in‘s Rheinbecken bei Affenhitze

Richtiges Frühstück gibt es wieder in der selben Sandwicherie wie im letzten Jahr. In Phillippeville, Namur, Belgien. Dieses Mal aber ohne hinsetzen und Co. Ich bestelle mit meinem holprigen Schulfranzösisch einen Café au lait, pour ici. Den trinke ich, während mir meine Sandwiches a porter gemacht werden. Dann geht’s schon wieder weiter. Ich habe gelernt. :)

Ein schneller Café au lait und die verpackten Baguettes zum Mitnehmen.

Nicht nur dieser Tag, nein, auch fast wieder das ganze Rennen, wird wieder eine Hitzeschlacht werden. Und sie fängt erbarmungslos an. Tankstellen werden angefahren, auch wenn eigentlich noch Wasser im Tank (sprich, in den Trinkflaschen) ist. Einfach, weil ich Verlangen nach eisgekühlter Cola habe. Irgendwann später wieder ein Tankstellen-Halt. Zwei eiskalte Coca-Cola, ein Cornetto-Eishörnchen, einen halben Liter eiskaltes Wasser für eine Flasche, Sonnencreme im Schatten auftragen.

16 Uhr bin ich auch wieder bei Siersburg und halte am selben Eiscafé wie letztes Jahr. Jetzt aber doch mal hinsetzen.

TCR Räder ziehen sich natürlicherweise gegenseitig an. Oder war es doch das Eiscafé? Jedenfalls kommt nach der Hälfte meines Eisbechers ein weiterer Teilnehmer mit einem netten 3T Exploro hinzu.

Eiscafé Stop im Saarland.

Bald bin ich an der Saar, stelle fest, dass der Radweg an der Saar gesperrt ist. Das hält mich nicht lange auf – ich fahre auf der Straße weiter und finde bald die nächste Auffahrt. Gesperrte Radwege und Radwege als solche – das sollte ein sich wiederholendes Thema der nächsten Tage werden. Lasst es mich so formulieren – manche Radwege sind ja ganz schön. Aber so lange sie nur als Nachgedanke existieren und einfach mal so gesperrt oder anderweitig genutzt werden können, ohne dass man dem (Fern-)verkehr erläutert, warum und wieso und welche Umleitung man denn nehmen sollte und man einfach drauf setzt „dann soll der Radfahrer halt über die Straße fahren“ oder noch schlimmer noch „dann soll er sein Rad halt über den Waldweg dahinten schieben“, so lange kann ich Verkehrsplaner und Verkehrspolitik nicht ernst nehmen. So lange fahre ich halt da, wo es mir gefällt. Unabhängig davon, ob da irgendwo ein Radweg ist oder nicht.

Gesperrte Radwege und Radwege als solche – das sollte ein sich wiederholendes Thema der nächsten Tage werden.

Ich weiche ab. An Flüssen radele ich gerne. Auch der Saarradweg ist sehr schön zu befahren und bietet schöne Blicke auf den Fluss. Recht mühelos geht es in den Aufliegern im angenehmen Komfort-Tempo dahin. Da grüßt ein entgegenkommender Radfahrer auffällig. Hmm, denke ich, das wird doch nicht ein Dotwatcher sein? Doch – ist es. Kurze Zeit holt er mich von hinten kommend wieder ein. Tatsächlich hat er meinen Dot extra abgepasst, um mich ein Stück zu begleiten. Wie cool ist dass denn? Leider habe ich ganz vergessen, nach seinem Namen zu fragen. Hier bei Saarbrücken hat meine Routenplanung ihren einzigen Lapsus. Anstelle dem Saarradweg bis durch Saarbrücken und weiter zu folgen, biege ich rechts ab und erklimme der Luftlinie folgend nicht wenige Höhenmeter, nur um etwas später dann doch wieder auf den Saarradweg zu stoßen. Ich frage mich, was da passiert ist – schließlich bin ich im letzten Jahr doch schön an der Saar entlang gefahren und fand das auch sehr gut. Nur ein klitzekleiner Umweg, dafür schön flach. Vermutlich habe ich, da diese Routenführung schon vom letzten Jahr stand und nur im Detail verbessert wurde, möglichen Komoot-Fuckups nicht genügend Rechnung gezollt. Deswegen kontrolliere ich alle meine Routen immer doppelt und dreifach. Man weiss nie – egal bei welchem Routingprogramm – ob eine kleine finale Routenanpassung, ein kleiner letzter Klick nicht irgendwo anders zu einem Schluckauf im Routing der eigentlich bereits fertig gestellten Route führt. Naja – das hier war verschmerzbar.

Schön hier an der Saar in Saargemünd.
Und Blumenschmuck können sie auch da.

Aber dann, ein Stück hinter Saargemünd, da verlasse ich quasi bekanntes Terrain, da weicht nun die TCRNo6 Route von der TCRNo5 Route ab. Es geht auch erst mal wieder hoch und über die Vogesen, aber auf etwas südlicherer Strecke. Die Vogesen möchte ich heute noch hinter mir lassen und die Rhein-Ebene erreichen. Ingwiller im Elsass ist das erste größere Örtchen, dass ich nach 16,5 Stunden im Sattel gegen kurz vor 11 abends erreiche. Geschafft! Wo finde ich einen schönen Biwak-Platz? Ich war von Anfang an ein Zivilisationsfolger bei meinen Biwaks. Sprich, anstelle in eine taunasse Wiese zwischen Wölfen und Bären lege ich mich lieber in eine zurückgezogene Bushaltestelle oder einen überdachten Supermarkt-Eingangsbereich, regen-, sicht- und windgeschützt.

Nach solchen und ähnlichen Gelegenheiten halte ich Ausschau, während ich meiner Route durch ein vorgelagertes Gewerbezentrum und dann in die kleine Stadt folge. Mir fällt nichts direkt ins Auge, so öffne ich kurz Google Maps auf dem immer bereiten iPhone auf meinem Cockpit. Aha, da am Kreisel von meiner Route rechts ab liegen diverse Supermärkte – da wird sich wohl was finden lassen. Noch bevor ich diese erreiche, finde ich ein anderes Gebäude mit Geschäften und Praxen, dahinter leere, überdachte Parkboxen. Ideal!

Schön sicht- und windgeschützt schlage ich mein Nachtlager auf. Es ist 23:15 Uhr, ich war 16,66 Stunden seit meinem Ruhelager in Agimont unterwegs und davon 12,3 Stunden in Bewegung. 292 km und 3.036 Höhenmeter.

Karte und Höhenprofil Stint 2

Nach 5,5 Schlafstunden packe ich erfrischt meinen Kram zusammen, dokumentiere mein Schlaflager und fahre wieder los.

Biwak in Ingwiller

Stint 3: Über den Schwarzwald zum Bodensee

„I have a bike, two cold cheeseburgers and a morning! Yo“

Das ist der erste Tweet, den ich alsbald twittere. Mein erstes Frühstück besteht also aus kalten Cheeseburgern vom Vorabend. Ich genieße den frühen Morgen. Von den Wiesen steigt Morgendunst auf. Was auch aufsteigt, ist der eine oder andere TCR-Teilnehmer. Ich schreibe belustigt: „The hi-viz poppies are blossoming in the meadows…“, nachdem ich eine in Neonfahrbene Klamotten gehüllte Gestalt inmitten einer Wiese sehe, die gerade ihren Schlafsack zusammenrollt. Winken, Hallo rufen und weiter fahren.

Was so alles in den Wiesen blüht… ;-)

Um 8 Uhr komme ich durch Straßburg. Verdammt schlechte Idee. Berufsverkehr, viele Baustellen. Noch mehr Ampeln. Typische städtische Radwegführung. So verwinkelt und abstrus, dass man sie selbst vorgeplant und seinem Track auf der höchsten Displayzoomstufe des Wahoo folgend ab und an kopfschüttelnd grübeln muss, um welche Ecke man wohl sein Rad hieven soll. Was bin ich froh, als ich endlich über den Rhein fahre und Straßburg Lebewohl sagen kann!

Pittoreskes Fachwerk hinter Titan und Carbon.

Auf der anderen Rheinseite liegt direkt Kehl. Hier finde ich eine tolle Bäckerei/Konditorei mit Tischen und Stühlen draußen. Sieht richtig groß innen drin aus und hat ein Super-Angebot. Und einen Super-Kaffee. Nach dem ersten belegten Brötchen und Kuchen und Kaffee hole ich mir prompt noch einen zweiten Kaffee – auch noch am Platz. Dann nochmal rein, und die Toilette benutzt. Dann noch Wasser gekauft. Ja, war eine etwas längere, aber super wirksame Frühstückspause. Gut erholt und versorgt geht’s weiter.

Eine Panne, und das auch noch in Deutschland. Aufgrund der Benutzung eines Radweges, natürlich.

Flach die Rheinebene querend, durch Offenburg, hinter Offenburg dann in das Tal der Kinzig und ihr aufwärts folgend. Teils auf recht netten Radwegen, teils auf normalen Straßen. Ich treffe Andrea Polo, CapNo031, erstmals unterwegs auf einem der Radwege. Er hatte mich schon am Start angesprochen. Sehr cool. Wir unterhalten uns ein wenig, bevor jeder wieder seiner Route folgt. A pro pos Radwege, da war mal wieder einer gesperrt. Ich und noch zwei andere TCR-Teilnehmer ignorieren die Absperrbake. Es ist klar zu sehen, dass die Sperrung nur aufgrund von Baumschnittarbeiten und den Resten, die achtlos auf den Radweg geworfen wurden, gesperrt war. Kein Arbeiter weit und breit zu sehen. Beim Schieben über die Randböschung oder durch irgendwelche Dornen muss es aber wohl passiert sein – kurze Zeit später merke ich in Ortenberg, noch nicht richtig im Kinzigtal, dass mein Vorderrad soft wird. Mist – ich habe einen Platten! Es sollte allerdings die einzige Reifenpanne – ja, die einzige Panne überhaupt des TCRNo6 sein. Damit kann ich super zufrieden sein. Vor allem bei den üblen Wegen, die mir in noch bevor standen. Eine Panne, und das auch noch in Deutschland. Aufgrund der Benutzung eines Radweges, natürlich.

Reifenpanne. Die einzige.

Ok, etwas Schatten und eine Stelle zum Rad-Anlehnen gesucht, Vorderrad raus und das Loch im Schlauch gesucht. Ein winziger Dorn. Bei einem Tubeless-System hätte die Dichtmilch wohl problemlos das Loch versiegelt und ich hätte es vielleicht nicht mal bemerkt. Wenn doch, dann wäre es aber eine ziemliche Sauerei geworden. Deswegen fuhr ich dieses Jahr wieder mit normalen Clinchern. Beim Three Peaks Bike Race mit Vittoria Reifen und beim TCR mit 28 mm Conti GP 4000. In der Version mit Reflexstreifen. Macht Sinn für ein Ultra-Race mit vielen Nachtanteilen. Das Löchlein ist schnell gefunden. Ich merke aber, dass im Reifenpannenset, dass ich nicht extra neu gekauft hatte, die Vulkanisierflüssigkeitstube schon halbleer und eingetrocknet war. Anfängerfehler, weil ich glücklicherweise kaum Pannen habe und wenn, dann meist einen dieser Dry-Patches verwende, die man einfach von der Trägerfolie abzieht und auf den Schlauch klebt. Superpraktische und briefmarkengroß verpackte kleine Dinger. So einen klebe ich dann also statt einem traditionellen Flicken auf das Loch. Ersatzschläuche habe ich zwar. Sogar 4 Stück. Diese will ich wegen so einem kleinen Löchlein und so früh im Rennen – es ist ja erst der zweite volle Tag – nicht anbrechen. Außerdem sind sie ganz in der unteren Spitze meines Seatpacks. Genauso, wie das zweite Ersatz-Flickset, dass ich natürlich ebenfalls dabei habe. Ich mag zwar ein Flickset dabei haben, welches schon mal angebrochen wurde. Wie gesagt, Fehler mit der Tube. Aber ich mache das nicht, wenn ich nicht mindestens zwei davon habe. Weil ich das jetzt aber nicht herauskramen will, kommt wie gesagt der Dry-Patch auf’s Loch. Die Dinger halten normalerweise so ihre 10 Tage bis paar Wochen. Im Winter eher kürzer. In der Affenhitze des Sommers allerdings auch, wie ich wenig später nach einer Supermarktpause feststelle. Oder der Schlauch bot nicht die beste Klebefläche, nachdem ich da schon mit etwas halbtrockener Vulkanisierflüssigkeit erfolglos probierte.

Wie dem auch sei. Das Rad war wieder platt. Ok, ein Zeichen. Nicht geärgert. Ich glaube, ich sollte so oder so noch die Inhalte meines Seatpacks etwas sortieren. Das kann ich ja direkt mit dem Schlauch rauskramen verbinden. Das Rad also in eine schattige Ecke bugsiert und dann doch einen neuen Schlauch eingezogen. Es sollte wie gesagt die einzige Panne des TCRNo6 sein. Danach dann sofort nochmal in denselben Supermarkt spaziert. Eiskrem und Fanta nun. Davor hatte ich zwei Joghurt, Wassermelone und noch anderes, fruchtig, wässriges Zeug. Und einen Eiskaffee aus dem Kühlregal. Hitze!

Gengenbach im Kinzigtal. Schönes Örtchen.

Kinzigtal, Schwarzwald, toll! Aber das heisst auch – die nächste Steigung kann nicht weit sein. Ist sie auch nicht. Hinter Hornberg lauert der erste heftige Anstieg des TCRNo6, die Reichenbacher Steige. Etwas über 440 Höhenmeter mit im Durchschnitt knackigen 8 % sorgen in der Hitze für enorme Schweissausbrüche. Ich sehe den einen oder anderen TCR-Teilnehmer. Danach geht’s erst mal leicht wellig bis flach und sanft abfallend durch den Schwarzwald-Baar-Kreis. Während ich Villingen-Schwenningen tangiere, sage ich mir immer mal wieder mein neues Mantra vor, das ich heute kreiert habe: „Don‘t fret, ped!“ (al). Also don’t fret, pedal. Nicht ärgern, pedalieren! Es ist doch wieder so ein toller Tag. Ja, heiss, aber da beschwere ich mich nicht. Ich mag’s. Und Rückenwind gab’s auch. Also nicht ärgern. Aber der Verkehr in Straßburg, diverse Baustellen und Sperrungen (auch und vorrangig Radwege betreffend) sind mir dann doch an dem Tag etwas auf die Nerven gegangen. Aber: Don’t fret, ped! :)

„Don’t fret, ped!“

So langsam dürfte wieder die nächste Verpflegungsmöglichkeit kommen. Komischerweise ist gerade hier der Hund begraben. Ich komme auch nur durch kleinere Orte und direkt auf meiner Route ist erstmal irgendwie nichts. Selbst in Bad Dürrheim bietet sich nichts an und ich bin nicht bereit, nach einer Tanke, einem Supermarkt oder einer Bäckerei zu suchen. Entweder, es liegt direkt am Straßenrand oder halt nicht. Wenig später werde ich in Unterbaldingen fündig. Ein kleiner Tante Emma Laden, den ich in diesem Zuschnitt eher im Balkan als im Schwarzwald vermutet hätte, liegt direkt an meiner Route. Aber er führt auch Kaffee und Kuchen. Hurra!

Damit setze ich mich an einen rustikalen Holztisch zwischen Tante Emma Laden und Straße:

Kuchenstop beim Tante Emma Laden

Während ich es mir gerade bequem gemacht habe, kommen Johanna und Marion, CapNo255a und b vorbei. Hey, hallo! Kurze Grußworte – aber ihnen scheint nicht nach Pause zu sein, sie fahren weiter. Ich genieße meinen Kuchen und Kaffee, checke Twitter und Tracker-Seite. Hab da gewiss 20 Minuten oder sogar 30 Minuten Pause gemacht. Trotzdem, kaum dass ich aus dem Örtchen draußen bin, sehe ich Johanna und Marion auf der anderen Straßenseite einer großen überörtlichen Straße miteinander diskutieren. Nanu – was haben die denn die ganze Zeit gemacht, denke ich mir. Bin aber auf dem Radweg und durch mehrere Fahrspuren von ihnen getrennt und fahre weiter. Ein letzter Anstieg hinter Geisingen und dann: Juchuuu – ich kann die Berge sehen! Und den Bodensee! Hinab geht’s Richtung Radolfzell, dann weiter Richtung Konstanz. Die Hitze trifft mich wie der Eingang in eine Waschküche. Waren es oben bei Geisingen sommerliche 29 Grad Celsius, klettert das Thermometer schlagartig auf 37 und dann weiter bis auf 42 Grad in der Spitze. Uff. Dann ist Konstanz erreicht. Ich fahre auf einen TCR-Teilnehmer auf. Lette ist er. Arbeitet aber zur Zeit in London sagt er. Die Hitze sei nichts für ihn. Ah – wir haben uns doch schon morgens in Kehl gesehen! Stimmt – da überlegte er noch kurz, ob er sich auch was in der Bäckerei holen sollte, vor der ich gerade saß. Entschied sich dann aber für das Weiter fahren. Er wollte sich in Konstanz ein Hotel für die Nacht suchen, sagt er. Hier wäre es jetzt noch billiger als in der Schweiz. Ach – Schweiz, stimmt ja! Das Ende des zweiten Renntages und die dritte Nacht steht bevor. Jetzt wäre es auch für mich schön, nach zwei Biwaks mal ein Hotel oder eine Pensions-Nacht einzuschieben. Akkus laden und so. Hmmm. 

Noch ist es aber zu früh, um zu stoppen. Ich will auf jeden Fall noch in die Schweiz. Am Rheinufer checke ich Google und booking.com. Schaue, wieviele Kilometer ich ungefähr noch fahren will und wo ich da in etwa rauskomme. Darum dann, welche Übernachtungsoptionen ich so sehe. Das geht meist sehr fix. Romanshorn bietet sich an, da gibt es auch eine Jugendherberge! Ewig nicht mehr in so etwas gewesen. Verspricht aber alles zu haben, was ich brauche (Dusche, Bett, Strom) und ist günstig. Angerufen, Zimmer bestätigt bekommen und zufrieden. Ok – jetzt also erst mal Nachschub und Essen. Zurück auf die Hauptstraße, da hatte ich einige 100 meter weiter ein großes Edeka-Schild gesehen. Ein sehr großer Markt. Ich binde mein Fahrrad an ein Bäumchen davor und kaufe ein. Was für sofort und was zum Abend essen später in der Jugendherberge. Zur Feier des Tages darf’s dazu auch ein alkoholfreies Bier sein:

Foodhaul Edeka. Smoothies, Wraps, Orangina, Sandwiches und Couscous-Salat. Und alkoholfreies Bier.

Während ich auf dem Gehweg vor dem Edeka die Chickenwraps verzehre, twittert mir Jakub, er hätte einen Vietnamesen aufgetan. Ob wir gemeinsam Abend essen wollten. Ah, nee – blöd, bin schon dabei.

Kurze Zeit später überquere ich den Rhein über die Fahrradbrücke am Seeauslass. Meine Güte, ist hier ein Betrieb aus Fußgängern, flanierenden Radfahrern und Co.

Der Rhein am frühen Abend in Konstanz

Über die Brücke, eine Bank lokalisiert, etwas Bargeld abgehoben und weiter in die Schweiz. Über den Bodenseeradweg komme ich gut voran. Bin bald schon in Romanshorn und sehe an einer Tankstelle drei TCR-Teilnehmer. Einer winkt, es ist Jakub. Ich ziehe rüber und wir wechseln ein paar Worte. Über meine Absicht, in einer Jugendherberge zu nächtigen, wird gefrotzelt. Er ist eingeschworener Biwakierer. Nun gut – to each his own. ;-)

Kurz darauf bin ich in der Jugendherberge. Hach ja, eine Übernachtung mit Schwierigkeiten! Nach dem ich das Rad weggestellt und erklärt bekommen habe, wie das mit den Bettbezügen funktioniert, tapere ich mit den Laken und meinem Nachtbeutel (Zahnbürste, Zahnpasta, Steckernetzteil, Kabel, Sitzcreme, T-Shirt und Co habe ich in einem Extra-Dry-Bag, den ich nur aus dem Seatpack ziehen muss und alles für eine Hotelübernachtung parat habe) hoch in das Mehrbettzimmer. Hoch… und Mehrbett. Kein Aufzug, 4. OG. Argh! Dann wieder runter. Die Männerduschen sind ganz unten im EG. Gehen nur mit Codekarte auf. Und zeitgesteuert nach 22:00 Uhr gar nicht mehr – wegen Lärmbelästigung und so. Argh, Nr 2. Glücklicherweise ist der Herbergsmeister nicht weit und macht mir die Duschen manuell auf. Das wäre ja noch schöner gewesen.

Frisch geduscht dann mein mitgebrachtes Abendessen verzehren wollen, während ich euch ein paar Tweets schreibe, mein Strava-File hochlade und schon mal so den Tag kommentiere und überhaupt. Aber: Kein Netz! Argh, Nr 3! Die hinterletzte Funklochecke in Romanshorn. Und da denkt man, die Schweiz ist noch etwas weiter wie Deutschland. Die Jugendherberge hat Wireless-Lan. Aber nur über den örtlichen Gemeindenetzbetreiber dessen Einlogg-Portal sich nicht bewegen lässt, mir ein Passwort zukommen zu lassen. Mittlerweile war ich schon dreimal wieder hoch und runter vom 4. OG ins EG und zurück gewandert, um das zu lösen. Ohne Erfolg. Naja, dann also jetzt Nachruhe. Vorher aber noch mein Kit gewaschen. Aber jetzt Nachtruhe. Nein. Zu heiss. Dachgeschoss und Mehrbettzimmer. Zwei dicke dicke Deckenventilatoren rühren geräuschvoll wie wirkungslos die dicke Suppe im Raum. Zwar habe ich Ohrenstopfen, aber gegen die Hitze richten die nichts aus. Ich nehme Kissen und Laken und gehe ins Kellergeschoss, da hatte ich einen Sozialraum mit Liegemöbeln gesehen. Bequem ist es da. Aber mir immer noch zu heiss und stickig. Verdammt! Argh Nr. 4! Alles klar – scheinbar soll ich vom biwackieren nicht lassen: ich nehme wieder Kissen und Laken und suche draußen hinter der Jugendherberge nach Möglichkeiten. Da, eine Bank. Top! So bekomme ich endlich Schlaf!

Ich kann scheint’s vom draußen schlafen nicht lassen…

Angekommen bin ich eigentlich schon um 21:35 Uhr, wirklich geschlafen habe ich nur 6 Stunden. Immerhin, das Herbergsmeisterpaar war super nett und das Frühstück gut. Geduscht hatte ich, Kit gewaschen hatte ich und meine Akkus (Powerbank, Wahoo, iPhone) waren wieder geladen. Lesson learned: Jugendherbergen eignen sich nicht als effiziente Übernachtungsmöglichkeit bei Bikepacking-Rennen.

245 km, 1.867 Höhenmeter, 15:35 Stunden unterwegs, 10,25 Stunden in Bewegung.

Karte und Höhenprofil Stint 3

Stint 4: CP 1 Bieler Höhe / Silvretta Hochalpenstraße und Rider on the Storm hinab in’s Paznauntal und weiter Richtung Innsbruck

Das leckere Schweizer Jugendherbergsfrühstück musste ich natürlich noch mitnehmen. Hatte ja schließlich dafür gezahlt und mit dem Herbergsmeister auch schon abgestimmt, dass ich schon vor dem eigentlichen Frühstücksstart loslegen konnte. Da wäre er eh schon am hinstellen, Kaffeekochen und so. Um 08:25 Uhr sitze ich auf meinem Rad und drücke „Start“ auf meinem Wahoo. 

Ein schöner Start in den Tag entlang des Bodensees! Teils direkt am Ufer per Radweg, teils über die Straßen, die superglatt und total verkehrsruhig sind. Heute ist Feiertag in der Schweiz.

Bodensee

Im Elsass und in der Rheinebene hielt ich oft vergeblich nach Brunnen Ausschau. Das sollte sich bald ändern. Den Anfang machte dieser Brunnen in Thal am Bodensee, den ich dankbar zum Auffüllen meiner Bidons nutzte.

Santé

Bei Lustenau überquere ich den Rhein und bin kurz darauf in Österreich. Der erste Ort ist Hohenems, den ich sofort zur Einkehr für ein zweites Frühstück nutze. Kuchen geht immer!

Kuchen geht immer!

Ich bin bei der Hitze schon längst wieder im bekannten Appetit-Schema. Habe wenig Interresse an Dingen, die nicht cremig, sahnig oder irgendwie gekühlt sind. Hashtag #CaloriesmyWay, Hashtag #eatingcontest.

Heute steht CP 1 auf dem Plan. Weit ist es nicht mehr. Hinter Feldkirch geht es schon in das Montafon, dass an seinem oberen Ende durch die Bieler Höhe begrenzt wird. Da hinauf muss ich, das ist der Parcours von Gaschurn über die Silvretta Hochalpenstraße bis zu deren Gipfelhöhe. Der eigentliche Kontrollpunkt ist zuvor in Gaschurn.

Ich komme gut voran, zuerst durch Bludenz. Staune nicht schlecht, als ich feststelle, das Milka dort produziert. 

„5 kg zum selber schmelzen, bitte.“

Brunnen gibt es dort jetzt häufiger. So hab’ ich das gerne. Wenn sie so malerisch gelegen sind, noch lieber:

Brunnen im Montafon

Auf halber Strecke zwischen Bludenz und Gaschurn nutze ich einen Supermarkt, ich glaube, Lidl, in Schruns zum Einkaufen. Die Entdeckung: Almdudler Ingwer & Matcha. Toll! Erfrischend, leichter Immunsystem-Boost, what’s not to like? Nun, es könnte etwas mehr Kalorien haben… ;-)

Foodhaul Schruns

Und wenig später bin ich dann in Gaschurn und am explorer Hotel, welches den Kontrollpunkt behergt. Zack: der erste Stempel auf meiner Brevetkarte:

Der erste Stempel auf meiner Brevet-Karte. 2 Tage, 16 Stunden, 12 Minuten.
Das explorer Hotel in Gaschurn beherbergte den CP 1

Kontrollpunkte beim Transcontinental sind toll! Sind es zwischen Ihnen nur Zufalls-Treffen, die man mit anderen Teilnehmern hat, finden sich an den Kontrollpunkten naturgemäß alle Streckenführungen zusammen und daher zu jeder Tages- und Nachtzeit auch andere Teilnehmer. Und im jeden Fall ist auch die CP-Crew aus den Volunteers besetzt da. Hier traf ich auch Christopher (lieblingstouren.de) den ich schon vom TCRno5 und diversen Gravel Fondos im Schwarzwald kenne. Ich weiss gar nicht mehr, ob er offizieller Volunteer war, oder einfach zum CP 1 angereist war, um die Stimmung und Bilder der Teilnehmer mit seiner Kamera einzufangen. Da fällt mir ein, ich habe ihn nie nach den Fotos gefragt… Kurz bevor ich wieder los wollte, traf auch Svenja, CapNo185 am CP ein. Mit ihr hatte ich mich schon etwas früher am Tag auf einem Stück gemeinsamer Route länger unterhalten. Nach ein paar weiteren gewechselten Worten machte ich mich auf, um den Parcours unter die Räder zu nehmen.

Nicht ohne vorher noch an einem kleinen Kiosk anzuhalten und mir ein Calippo Wassereis zu besorgen. Das steckte ich mir erstmal in den Nacken und an die Stirn, um es dann Stück für Stück in der Anfahrt zur Silvretta Hochalpenstraße zu lutschen.

Kühlt und gibt ein paar Kalorien. Gelutscht unten. Aber die Packung extra zum Fotografieren bis nach oben mitgenommen. ;-)

Puh, die Bieler Höhe ist nicht zu unterschätzen! Steigungen bis zu 14 % verlangten mir in der Hitze einiges ab. Gut, dass ich mir in Schruns auch solche Frucht-Quetschies besorgt hatte. Die sind in der Bequemlichkeit (und Verzehrbarkeit, auch was den Appetit angeht) in etwa mit Energie-Gels zu vergleichen, nur etwas größer, etwas flüssiger und auch weniger kaloriendicht. Etwas anderes konnte ich in den steilen Stücken nicht sinnvoll während der Fahrt zu mir nehmen. Im festen Bewusstsein, dass wenn Alpenpässen nicht überall nur im Zusammenhang mit ihrer Steilheit genannt werden, es so schlimm gar nicht werden kann – zumal es sich ja zwar um eine Mautstraße, aber nicht um eine kleine Nebenstraße oder Sackgasse handelt (da kann das nämlich ganz anders aussehen), hatte ich in Bezug auf die Silvretta Hochalpenstraße jetzt nichts besonders Schlimmes erwartet. Wie’s kommt, kommt’s halt und dann wird da hochgefahren, ist meine Devise. Aber dass man da soo lange doch so vergleichsweise steil hochfährt, hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich tweete:

„Silvretta, du Sau! Wow! I don‘t know if I ever climbed that steep for so long! In any case never with all that gear. Near the end of Parcours CP 1 at the Bieler Höhe.“

Und denke mir so anbetrachts mach gelesener Diskussion in der Transcontinental Facebook-Gruppe und in anderen Medien, dass sich da so manche Kniescheibe so manchen Teilnehmers bedanken würde. Weiter unten war die Hochalpenstraße zwar schon mautpflichtig, aber es gab gar keine Aussicht und nur Baustellenverkehr. Da frug ich mich noch, wofür Autofahrer hier wohl Maut bezahlen sollten. Weiter oben konnte man es dann gelten lassen. Es gab ganz schön viele und steile Serpentinen für’s Geld:

Silvretta-Serpentinen.

Endlich oben angekommen und das Passschild erspäht, muss natürlich zunächst mal ein Selfie gemacht werden:

Leicht erhitzt an der Bieler Höhe angekommen

Dann schaue ich mir erst mal in Ruhe den Silvretta-Stausee an und mache weitere Fotos:

Am Silvretta Stausee. Parcours 1 geschafft!

Auf den Besuch des dortigen Restaurants verzichte ich, fahre lieber sofort nach einer Banane weiter. Runter und weiter hier. Ich nehme mir vor, im ersten Ort, wo ich am Streckenrand ein Café oder ein Supermarkt finde, zu halten.

Das ist Galtür. Ein Café finde ich da, da ist aber blöd gelegen. Besser gesagt, sein Eingang und die einzige Möglichkeit, das Rad abzustellen. Außer Sicht und ohne gute Möglichkeit. Deswegen fahre ich sofort weiter.

Achtung, liebe Café-und Schnellrestaurant- oder Bistro-Besitzer. Das gilt sowohl für Bikepacking-Rennen wie für die Sonntagsrunde: Sorgt für gute, Rennradtaugliche und sichere Abstellmöglichkeiten im Blickfeld eurer Gäste, die ihr Geld bei euch lassen sollen. Wir kommen gerne, wenn wir solche Möglichkeiten vorfinden. Wenn nicht, fahren wir weiter (Pferdefuß – das gilt nicht für verhungernde TCR-Teilnehmer inmitten des Balkan. Aber sonst überall. ;-)).

Kurz drauf komme ich aber an einem kleinen Supermarkt vorbei. Schnell rein da und Zeugs eingesammelt. An der Kasse total viele Leute. Mist… Egal. Den ersten Joghurt mache ich noch in der Schlange auf und kippe den Inhalt runter. Dann trinke ich schon mal die halbe Flasche Almdudler leer. Dann bezahle ich alles und esse den Rest draußen weiter. Zwei weitere Milchreis werden sofort weginhaliert. Ich hatte auch Powerbar Gels gefunden und direkt drei als Notreserve neu gekauft.

Foodhaul Galtür. Zumindest das, was das Anstehen an der Kasse überlebt hat.

Kaum wieder auf dem Rad schaue ich nicht schlecht. Wo ist die Sonne hin? Vor mir zieht’s mächtig zu. Und der Blick nach hinten sieht ganz übel aus. Erste dicke Tropfen treffen mich. Ok – schnell entschieden. Nicht in Galtür oder an der Bushaltestelle, die passenderweise genau zur rechten Zeit zur Stelle war, angehalten und versucht, das abzuwarten, sondern schnell hinunter ins Tal und versuchen vor der Front zu bleiben und ihr zu entkommen. It’s a race!. So ziehe ich in der Bushaltestelle nur schnell die Regenjacke aus der Seatpack und dann geht es direkt weiter.

Blick hinab des Paznaun.

Wilde Böen kommen auf. Glücklicherweise talabwärts. Sie helfen mir also, sind aber teilweise auch unberechenbar. Mir schießt ein Gedanken-Potpourri aus Pop- und SciFi-Kultur durch’s Hirn. Mal „Riders on the Storm“ mal „damals, als wir in den Orionkriegen noch Pulsarfronten geritten sind…“

In Ischgl erwische ich bei einem Kreisverkehr die verkehrte Ausfahrt und muss umdrehen. Ach du liebe Güte – nur 40 Meter oder so muss ich talaufwärts fahren und mir peitscht der Regen ins Gesicht und ich komme kaum vorwärts! Drehe im Kreisverkehr die Mühle nach rechts und muss aufpassen, nicht umzufallen. Dann weiter talabwärts. Über unbefestigte Wege. Es gibt hier eine Reihe von kurzen Tunneln, die (vor allem talabwärts) für Radfahrer freigegeben und wahrscheinlich auch sehr sicher sind. Die aber von der Renn-Orga für uns Teilnehmer verboten wurden. Also drumherum. Das geht im Paznaun aber nicht immer so ohne weiteres. Egal – Regeln sind Regeln und mein Rad nicht aus Zucker.

Etwa weiter talabwärts bin ich endlich komplett vor der Regenfront. Aber noch nicht aus dem Paznaun draußen. Dessen Ausfahrt hält für uns Teilnehmer noch ein besonderes Schmankerl bereit. Natürlich ist auch der letzte Tunnel am Talausgang für uns verboten. Der einzig verfügbare Umweg: In die Tunnelgalerie hinein, und dann sofort rechts hinab in die Schlucht der Trisanna. Dort dann über eine alte, längst aufgegebene Brücke und eine halbverfallene Straße steil auf der anderen Schluchtseite wieder hoch und dann wieder hinab. Juchee. ;-)  Wenigstens ergab sich so ein weiteres. tolles Fotomotiv!

Wildromantische Trisanna-Schlucht.
Da links oben verläuft die Galerie und der Tunnel, den wir nicht benutzen dürfen.

Bei all der wilden Hatz hatte ich gar nicht auf den Ladestand meines Wahoo geschaut. Der sich blöderweise auch nicht bei 10 oder 20 % mit einer „Akku niedrig“ Anzeige meldet. Normalerweise stöpsele ich nach so 10 bis 12 h immer den Akkupack an, damit der Wahoo sich wieder auflädt. Das hatte ich heute vergessen. Bah – if it’s not on Strava, it didn’t happen! Nicht ohne meine Daten! Also angehalten, Strom angeschlossen, gewartet bis der Wahoo sein File wieder rekonstruiert hat und sicherheitshalber eine neue Teilaufzeichnung begonnen. 

Bald bin ich auf der Höhe von Imst und fahre weiter Richtung Innsbruck, dass ich heute aber nicht mehr erreichen werde. Auf einer Anhöhe nahe Ötztal-Bahnhof biegt von links ein Radler mit Bikepacking-Rad über den Kreisverkehr auf meine Route ein. Es ist Malte, CapNo 36, den ich hier zum ersten Mal treffe. Wir unterhalten uns etwas, aber nicht all zu lange, es ist eine Hauptverkehrsstraße und es geht bergab – nicht ideal, um nebeneinander zu fahren und sich zu unterhalten. Ich lasse Malte ziehen und bleibe im gehörigen Non-Drafting Abstand hinter ihm. Der hat einen guten Tritt drauf, denke ich mir so. Nochmal auf ihn aufzufahren, würde mir mehr Aufwand bedeuten, als ich gewillt war, aufzuwenden. Ich brauche auch Wasser und halte daher in Silz an, als ich einen Brunnen am Straßenrand finde. Bald rührt sich auch der Magen – etwas Warmes im Bauch wäre schon nett. In Telfs muss es doch bestimmt einen Burger King oder ein McDonalds geben? Ja, gibt es, sagt mir Google Maps. Ich muss aber auf die andere Innseite und nach Telfs hinein. Die insgesamt 2 km hin und zurück sind es mir wert. Google navigiert mich auch praktischerweise direkt an’s Ziel. Unter anderem für eine solche Nahbereichs-Navigation abseits meiner eigentlichen Route ist mein iPhone auf dem Cockpit super nützlich.

Kaum bin ich mit meiner Burger-Bestellung wieder draußen und habe es mir an einem der Außentische gemütlich gemacht, kommt eine Teilnehmerin vorbei. Klar – man trifft sich entweder an Kontrollpunkten oder bei McDonalds… ;-) Es ist Anisa Aubin, CapNo 21! Ich hatte sie beim TCRNo5 getroffen. Und zwar, als ich schon gescratched hatte und auf dem Weg nach Sofia war. Dort saß sie hundeelend mit einem anderen TCR-Teilnehmer, der sich ihrer angenommen hatte vor einer Tankstelle. Ich bekam damals eine irre Geschichte zu hören, wie der sie aus der Obhut irgendwelcher, nicht ganz geheuren, Männer übernahm, die ihr irgendwie helfen wollten, sollten oder was auch immer, als Sie ebenfalls mit Lebensmittelvergiftung unterwegs erst mal nicht weiterkam. Ich hatte ja gerade einen ähnlichen Zustand hinter mir, es ging mir aber wieder gut. Ihr nicht. Und trotzdem gab sie nicht auf, sondern schleppte sich in diesem Zustand per Rad weiter Richtung Ziel. Das sie auch erreichte!

In diesem Jahr schlug sie anscheinend mehr oder weniger ungeplant zum Start in Geraardsbergen auf und bequatschte die Renn-Orga, starten zu dürfen. In Kenntnis ihrer Toughness und stets im Sinne, auf erstaunliche Geschichten irgendwie einzugehen, wenn möglich und auch im Sinne der Frauenquote hatte das Erfolg. Und so war Anisa auch im TCRno6 und jetzt hier in Telfs im McDonalds. Und ihre Schaltung war im Eimer. Ein dritter TCR Teilnehmer kam noch hinzu und wir tauschten Geschichten und unmittelbare Pläne aus. Ich wollte weiter in die Nacht – möglichst weit nach Innsbruck. Und hoffte, dass das Wetter noch irgendwie halten würde. Anisa wollte die Chance nutzen, in Telfs einen Radladen zu finden, der ihr helfen konnte und suchte sich eine Hotelunterkunft. Kluge Wahl. Ich kam, durch wetterleuchtende und windige Nacht fahrend, letztlich auch nur 12 km weiter, bevor aus Wetterleuchten richtiges Gewitter wurde und sich dicke Tropfen zu formen begannen. Hmm, dachte ich – dann egal, dann suche ich mir hier einen Biwak-Platz. Das war in Hatting vor Inzing. Ich rollte durch den Ort, auf der Suche nach etwas passendem, wind- und vor allem regengeschütztem. Die vorgefundenen Bushaltestellen waren nicht wirklich passend. Ein Bibliothekseingang wurde geprüft, dann aber als doch zu gut von der Straße einsehbar befunden. Schlussendlich landete ich nach zweimaliger Umrundung einer großen Gemeindehalle im Eingangsbereich genau dieser. Nicht ideal, aber passend. Der Wind würde zwar die ganze Nacht über den Fußbereich meines Ultraleicht-Biwaks streichen, aber der Regen würde mich nicht erreichen. Und der Platz davor war auch zurückgesetzt und ruhig.

Biwak in Hatting

Um 22:52 Uhr stoppe ich den Wahoo, bereite dann mein Nachtlager und lese im Liegen noch die sozialen Medien und schaue auf die Tracking-Seite. Um mich herum macht das Gewitter weiter. Es ist Mittwoch, der 1. August. Ich habe heute CP 1 erreicht und hinter mir gelassen, habe 232 km  und 2.475 Höhenmeter zurückgelegt und war dafür knappe 14,5 Stunden unterwegs, 12 davon in Bewegung:

Karte und Höhenprofil Stint 4 a und b

Bald geht es weiter mit dem Tagebuch und dem Weg von Innsbruck zum CP2 in Slowenien und danach sofort wieder zurück nach Österreich, Richtung Norden!

Bis dahin, frohes Training und Kette rechts!

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13 Kommentare zu „TCRNo6-Tagebuch, Teil 2: Vom Start in Geraardsbergen bis zum CP 1 (Bieler Höhe, Silvretta Hochalpenstraße)

  1. Hallo Torsten, höchste Zeit Dir mal zu danken für Deine ausführlichen und inspirierenden Berichte, Tests und Tipps. Man merkt wie viel Mühe Du Dir gibst. Machst Du prima! Weiter so, ich freu mich schon auf Teil 3. Gruß, Sonja

  2. zum Thema Tagebuch-Notizen, wie alles merken etc.
    habe ich bei mir drüben einen kurzen Artikel.
    Möchtest du nicht einen Kommentar abgeben, wie du das machst?

    1. Hi Rudi – habe keinen entsprechenden Artikel dazu gefunden? Wie ich mir das alles merke? Jede Menge Fotos machen. Und über diverse Sachen einfach tweeten. Ich habe bestimmt immer zwischen 3 bis 10 Tweets pro Tag. :)

    1. Hallo Christian,

      vorne hängt eine Apidura Foodpouch XL und unter dem Lenker hängt eine Ornot Handlebar Bag. Letztere hatte ich extra aus US bestellt. Mittlerweile macht Benubags aus Hamburg eine ganz ähnliche.

  3. Endlich ausreichend Zeit gefunden den zweiten Teil zu lesen, um ihn zwischen Tür und Angel zu lesen ist er wie immer viel zu schade. Toll geschrieben, bin gedanklich mitgefahren und habe so manches Mal geschmunzelt :)

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