Allroad-Gabel ausreizen…

Eine kleine Fingerübung zwischendurch. Welche maximale Reifengröße bekomme ich wohl in mein J.Guillem Orient hinein?

Mein Orient ist ein Rennrad. Ein Straßen-Rennrad. Für jede Straße. Also ein sogenanntes All-Road Rad. Bewusst kein Gravel-Rad. Das war mir auch wichtig – ich habe ja schon einen Crosser, den ich schon seit jeher als Gravel-Rad, nein – eher als Any-Road-Rad begreife.

Mein J.Guillem ist mein Rad für lange Distanzen, die vorwiegend aus befestigten Straßen – die aber in allen Zuständen – bestehen. Typische Reifenausstattung: 28 mm Clincher oder Tubeless. Bei Verwendung von diesen Reifen sollte noch etwas Luft in der Gabel sein. Gerne auch für Schutzbleche. Aber man sollte keine Kartoffeln durchwerfen können, weil da vielleicht auch noch 50 mm 650B-Reifen reinpassen müssten.

Soweit, so gut.

Wie’s aber nun mal so ist – man weiss ja nie, was man später so für Ideen hat. Mein aktueller Stand ist: Mein Crosser ist toll – aber seine 15 mm Steckachsengabel nervt mich gerade. Der aktuelle Standard ist 12 mm (die z.B. auch das Orient aufweist) und ich habe zwei Laufradsätze für 12 mm Steckachsen. Aber nur einen für 15 mm. Das ist mein Schlauchreifenlaufradsatz. Ich habe keine Lust, mir einen weiteren 15 mm Laufradsatz zu kaufen. Mit den Schlauchreifen würde ich jetzt aber auch keine längere Tour unternehmen. Ein Votec Gravelfondo mit 70 bis 80 km-Schleifen ist ok. Eine Bikepacking-Tour oder ein Botreycat nicht. In der Tat: beim letztjährigen Botreycat, einem überdimensionalen Alleycat-Rennen im Hohen Venn und Eifel vom Signal de Botrange zu diversen Talsperren mitten im Winter ist mir am Abend der hintere Schlauchreifen in der Flanke geplatzt. Da war an Reparatur nicht mehr zu denken.

Deswegen trage ich mich aktuell mit Überlegungen, ein neues Gravel-Adventure-Bike anzuschaffen. Eines, das sowohl bei einem Gravel Fondo und beim Wuppa-X eine tolle Figur und Spaß macht als auch bei etwas ausgewiesenen Gravel-Bikepacking-Events zu Hause sein kann.

In der Zwischenzeit überlege ich mir: Hmm, und wie weit kann ich das Orient ausreizen, wenn ich auf unbefestigten Straßen und das vielleicht sogar noch bei leichten Schneefall unterwegs sein will?

Meine mögliche Auswahl:

So sieht die Gabel des J.Guillem Orient mit Continental GP 4000 SII Reifen mit der Dimension 28 mm aus:

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J.Guillem Orient mit Conti GP 4000SII 28 mm auf Hunt Wheels 30Carbon Aero Disc Felgen.

Auf den Hunt Wheels 30Carbon Aero Disc Felgen bauen diese Reifen (wie auch die Schwalbe Pro One in 28 mm) 30 mm breit. Gute Luft drum herum. Man würde auch noch ein Schutzblech (von SKS z.B.) dazwischen bekommen. Für viel mehr ist das Orient auch bewusst nicht ausgelegt.

Bisschen fetter als 28 mm und ein klein wenig Profil wäre gar nicht schlecht. Von den Schwalbe G-One Speed in 30 mm war ich eher etwas „unterwältigt“. Die dichte Rund-Stollen-Ausstattung der G-One der größeren Breiten sind bei der 30 mm Variante super Mini. Dabei ist der Reifen dann auch an weit geöffneten Felgen relativ Maßhaltig. Auf meinen Hunt-Felgen messen die Schwalbe G-One Speed in 30 mm dann 30,5 mm.

Deswegen habe ich mir überlegt: Hmm – bis 34 mm könnte wohl gehen, oder? Vielleicht besser 32 bis 33 mm. Und wie sieht das denn dann aus? Gerade mit Stollen?

Meine bisherige Auswahl aus dem Markt orientiert sich daran, ob der Reifen Tubelessfähig einsatzfähig ist und dass, wenn er vielleicht Seitenstollen hat, diese aber mir doch irgendwie versprechen, auch auf Asphalt ein graduelles In-die-Kurve-legen halbwegs gutmütig zu zulassen. Das dies einem guten Kurvengrip auf allen anderen Untergründen abträglich ist, dessen bin ich mir bewusst:

1.) Schwalbe X-One Speed Evolution – TLEasy – Faltreifen – 33-622
Interessantes Profil – diesen Reifen habe ich bisher noch gar nicht gesehen. Sein Vorteil: Auch tubeless verwendbar.

2.) WTB Exposure 34 C Road TCS Faltreifen 34-622
Soll eine geschmeidige Karkasse haben, auch tubeless fähig (soll aber zum leichten schwitzen aus den Seitenwällen neigen). Gemäßigtes Profi, schön ausgerundet.

3.) Michelin Power Gravel Tubeless Competition Line Faltreifen – 33-622
Tubeless, Vergleichsweise grobe Noppen, sehen aber trotzdem asphalttauglich aus. Wäre aber das gröbste, deutlich stollenorientierteste Profil in meinem Auswahlreigen

4.) Continental Speed King CX RaceSport Faltreifen – 32-622
Der geht leider nicht tubeless. Schaut aber ganz interessant aus und: Conti kann’s halt.

Auf facebook hat mir Armin noch den Panaracer Gravelking SK empfohlen. Auch ein sehr interessantes Profil. Dessen frühere Version gab es auch als 26 mm. Die ist auch jetzt noch erhältlich. Neu gibt es diesen auch tubeless-fähig. Da geht er ab 32 mm los. Könnte interessant sein.

Natürlich gibt es noch jede Menge mehr Reifen in der Dimension 32 oder 33 mm. Z.B. von Challenge oder Donelly.

 

Praxisversuch mit 2 Reifen (35 mm Slick & 33 mm Stollen):

Bevor ich mir da einen von bestelle… Was bietet denn der Keller noch so? Da wäre ein früher mal angeschaffter Bon Jon Pass von Compass Cycles. Den habe ich mir seinerzeit noch per internationaler Bestellung selbst importiert. Er war als Straßenreifen für das TCX Advanced gedacht. Extra in 35 mm, weil erst mit dieser Dimension Compass tubeless verwendbare Reifen anbot – eben jenen Bon Jon Pass. Gut – 35 mm sind definitiv zu viel für die Gabel des Orient. Aber – Versuch macht kluch. Ich teste einfach mal, wie der Reifen auf der Hunt-Felge so ausfällt und ob er dann in die Gabel des Orient hineinpasst.

Compass Cycles Bon Jon Pass (35 mm)

Aufziehen geht so gerade noch ok. Schon recht anstrengend, aber machbar. Mit klammen Fingern will ich das nicht machen. Ich weiss noch, dass ich damals bei der Stans ZTR Iron Cross Felge komplett verzweifelt war. Die war von der Toleranz nach oben ausgereizt. Die Compass Reifen nach unten. Von beiden Firmen jeweils aus Angst, dass so ein Tubeless-Setup ja ggf. nicht dicht sein könnte oder von der Felge hüpft. Tja Leute, so konnte das ja nichts werden.

Aber heute ging das aufziehen doch recht passabel, wie gesagt. Ich habe den Reifen bis auf 5 bar aufpumpen müssen, damit er an allen Stellen wirklich in den Felgensitz gesprungen ist. Solcherart aufgepumpt sieht das dann wie folgt aus:

0 mm Freiheit oben in der Krone. Da geht nichts. Der Reifen sitzt fest.

Mit 5 (bis 5,5) bar fahre ich allerdings die 28 mm Reifen als Standard. Die Bon Jon Pass würde ich normalerweise wohl mit rd. 3 bis 3,5 bar fahren. Das müsste ich noch ausprobieren. Ich habe die Luft noch weiter herausgelassen. Bis auf 2,3 bar. Dann wird der Reifen so gerade frei:

Vielleicht 1 mm Reifenfreiheit. Nicht praxistauglich. Schon die kleinsten im Profil klebenden Sandkörnchen würden schon in der Gabel kratzen. Nun gut – das war zu erwarten.

Aber einen Slick wollte ich ja sowieso für den oben beschriebenen Einsatzzweck. Ich hatte aber noch etwas im Keller gefunden. Einen:

Specialized Tracer Pro 2Bliss ready (33 mm)

Damals ebenfalls für besagte ZTR Iron Cross Felgen angeschafft. Von den Toleranzen genauso mit derselben Tubeless-Philosophie gedacht wie der Bon Jon Pass: bloss nicht zu weit, lieber zu eng ausfallen lassen. War also damals ebenfalls nicht auf die ZTR Felge zu bekommen. Auf die Hunt-Felge liess er sich recht gut (und besser als der Bon Jon Pass) aufziehen.

Auch diesen Reifen musste ich danach erst mal sogar bis auf 5,5 bar aufpumpen, damit er satt und allseits in die Felge gesprungen ist. Auch hier wieder: wie sieht das dann aus? So:

Mit 5,5 bar dreht der Reifen frei. Nur die dünnen Guss-Fortsätze auf den Stollen streifen leicht gegen die Gabelkrone. Schmutzfreiheit ist aber quasi null vorhanden. So würde ich diesen Reifen nicht fahren wollen. Weder von der Reifenfreiheit, noch vom Druck her. Der Reifen ist ja total tot und bietet auf losen oder feuchten Untergrund solcherart kaum Traktion. Da muss Luft raus.

Diesen Reifen würde ich tubeless auf jeden Fall zwischen 1,8 und 2,3 bar fahren. Mit 2,3 bar sieht er dann so aus:

Mit 2,3 bar ist der Reifen auf jeden Fall allseits frei. Nichts für schlammige Trails, wo viel Matsch am Reifen hängen bleibt. Aber für trockene Bedingungen oder normal feuchte Waldwege halbwegs ok, denke ich.

Aber so richtig geil ist das nicht. Vielleicht wäre dann doch ein Panaracer Gravelking SK in 32 mm das Höchste der Gefühle? Kommt drauf an, wie der so ausfällt. Einen Schwalbe X-One Speed Evolution – TLEasy in 33 mm müsste ich auch mal ausprobieren. Alles andere wäre aber wohl nicht tauglich.

Da habt ihr es. Und ich. Wahrscheinlich ist also der Schwalbe G-One Speed in 30 mm doch der Reifen, der für das Orient am sinnvollsten ist, wenn es kein Slick sein soll. Es ist halt ein Straßen-Rennrad. Soll es ja auch sein.

Na dann – Explore more! :)

 

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7 Kommentare zu „Allroad-Gabel ausreizen…

  1. Momentan sind die Panaracer GravelkingSK auch für mich in die engere Wahl gekommen. Ich hatte jetzt so viele Pannen mit den G-One, da wird es Zeit mal was Neues auszuprobieren!

    1. Ist aber eher Glückssache – bin bisher mit meinen Panaracer Slick und SK pannenfrei unterwegs, mit anderen aber auch. Dagegen habe ich mit Schwalbe noch nie gute Erfahrungen gemacht, andere schon.
      Der Gravelking SK liegt für mich genau in der Mitte zwischen dem Challenge Gravel Grinder und dem WTB Nano. Bin mit den SKs schon zwei MTB Marathon gefahren (3 bar, zur Sicherheit) und hatte keine Probleme.

  2. Ohne klugscheißen zu wollen, aber vlt einen Tipp wert. Man glaubt es nicht, was es für einen Unterschied es bei Tubelessreifen macht. Wenn mann man beim Aufziehen nämlich die Wulst der Reifen möglichst in die Mitte der Felge bugsiert, das können die 2mm mehr sein die entscheiden ob das Aufziehen des Reifens ein Kampf wird oder nicht.

    1. Ja klar, da gibt es eine Reihe Tricks und Kniffe, die man vielleicht gar nicht kennt, weil man sie bei klassischen Clincher-Reifen vielleicht noch nie auch nur entfernt nötig hatte. Aber glaub mir, seit den ZTR Ironcrestfelgen und den beiden besagten Reifenmodellen kenne ich _JEDEN_ Kniff. Es gibt tatsächlich Reifen-Felgen-Kombinationen, da schwitzt der abgefeimteste Mechaniker (der ich bei weitem nicht bin, aber es gibt halt solche Kombinationen).

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