Das Three Peaks Bike Race von Wien nach Nizza – mein Erfahrungsbericht von der Erstausgabe im Juni 2018…

…und der Weg vom Sehnenriss bis zum Transcontinental Race 2018!

Um es gleich an den Anfang zu stellen – ich wünsche mir viele weitere Ausgaben und möchte auch gerne wieder im kommenden Jahr am Start stehen (wenn es sich terminlich einrichten lässt).

Was ist das Three Peaks Bike Race (oder auch 3Peaks Bike Race)?

In Kurz: Einmal quer über die Alpen. Oder eher längs. Mit richtig vielen Pässen und auf und ab. Von Wien nach Nizza. So schnell es geht.

Etwas ausführlicher: Ein klassisches Selbstversorger-Distanzrennen mit eigener Routenwahl. Vorgegeben sind nur Start- und Zielort sowie in diesem Fall drei Kontrollpunkte, die es zwingend zu passieren gilt. Die Zeit stoppt nach dem gemeinsamen Start nie. Wer mit seinem Rad als erster am Ziel ankommt, hat gewonnen. Wie er das macht, ist ihm überlassen. Ob er oder sie möglichst wenig schläft und einfach nur ausdauernd Kilometer um Kilometer zurücklegt, ob Tag oder Nacht. Oder ob er etwas länger schläft, aber besonders schnell fahren kann. Ob er seine Schlafpausen mit Schlafsack (oder ganz ohne) draußen in der Wildnis oder auf einer Parkbank verbringt oder ob er lieber für erholsame Pausen samt Infrastruktur Hotels bevorzugt. Ob er lieber Umwege, aber möglichst flach fährt oder ob er den direkten Weg, aber mit viel Auf und Ab bevorzugt.

Für viel Auf und Ab war aber schon durch die Ausrichtung des Rennens und die Wahl der Kontrollpunkte gesorgt. Schließlich kommt der Name 3 Peaks Bike Race nicht von ungefähr, ja, er untertreibt sogar maßlos. Drei Gipfel waren halt drei Kontrollpunkte: Der Passo di Giau, der Furkapass und der Col du Galibier. Aber selbst beim besten willen bleibt es nicht bei diesen drei Pässen. Um dort hin zu gelangen müssen zwangsläufig diverse andere Pässe genommen werden. Ob man will oder nicht.

Und na klar wollten wir! Es handelt sich also kurz gesagt um ein Alpencross-Bikepacking-Rennen von Ost (Wien) nach West/Süd (Nizza).

Somit waren rund 1600 Kilometer Distanz und zwischen 20.000 und 24.000 Höhenmeter je nach eigener Routenplanung zu erwarten. Ausgedacht haben sich das Rennen die beiden Ultracycling-erfahren Radfahrer Michael Wacker und Vincent Mühlentaler, die zusammen Adventure Bike Racing gegründet haben.

Wie bin ich zur Teilnahme gekommen?

Ich gebe zu, erst skeptisch und zögerlich. Ich wurde letzten Herbst bzw. Winter glaube ich schon von Michael oder Vincent per Facebook angeschrieben, ob dieses neue Event nicht etwas für mich wäre bzw. ob ich gerne den Event-Link teilen wollte. Es sei auch extra von der zeitlichen Ausrichtung und von seiner Länge gleichermaßen an Neueinsteiger in die Bikepacking-Szene als auch als quasi „Trainingsrennen“ und ideale Vorbereitung für das Transcontinental Race oder andere Events eines solchen Kalibers konzipiert.

Aber zwei richtige Endurance-Cycling bzw. Bikepacking Rennen im Jahr wollte ich mir doch nicht aufbürden. Sowohl, was den benötigten Urlaub als auch die Strapazen, die Logistik und die nötige Erholung anging. Deswegen teilte ich gerne den Link mit meinen Followern auf Twitter und facebook, sah das Event für mich aber nicht als interessant an. Zwar fällt es hinsichtlich seines Terrains – die Alpen – voll in mein Beuteschema, ich wollte aber unbedingt und am liebsten nochmal das Transcontinental Race bestreiten und wartete auf die Entscheidung, ob meine Teilnahme-Bewerbung Erfolg hatte.

Hatte Sie leider nicht! Ende Februar kam die Mitteilung, dass ich dieses Mal leider keinen Startplatz für das TCR bekommen hätte. Am 23.02. veröffentlichte ich dann meine Jahresplanung 2018.
Ich entschloss mich da, dann halt eben anstelle des TCR zwei kürzere Events zu bestreiten. Das Three Peaks Bike Race im Juni und später im September dann hoffentlich die Torino-Nice-Rallye. Beide mit Ziel in Nizza. Was ja auch sehr reizvoll klang.

 

Harte Sportzäsur – Musste ich das ganze Jahr abschreiben!? Sehnenriss und die Vorbereitung auf das TPBR:

Während ich so wartete und ganz normal trainierte, hatte ich zusätzlich noch direkt Anfang Januar im Winterurlaub ein sehr einschneidendes Erlebnis. Mir riß infolge und beim Skilanglauf-Skating-Training die Großzehensehne im linken Fuß. Eine Operation folgte nach diverser Diagnostik gegen Ende Januar, dann Gehhilfe und Gips (bzw. Airwalker), dann langsame Belastung im Airwalker, dann etwas (sehr wenig leider nur) Physiotherapie und meine erste Ausfahrt auf einem Fahrrad fand Karfreitag statt. Kurz zuvor begann ich bereits vorsichtig, auf dem stationären Rollentrainer erste leichte Indoor-Einheiten zu fahren.

Ich ließ mich dadurch nicht beirren! Während ich gar nichts machen konnte, richtete ich meine Disziplin auf die Ernährung und sobald es ging auch um Ausgleichstraining bzw. Kräftigungsübungen für Körpermitte und Oberkörper. Soweit es mit dem Bein halt ging. Man stellt in so einer Situation erst einmal fest, wie stark alles im Körper verbunden ist, und wie selbst Übungen, die vermeintlich gar nichts mit dem Bein zu tun haben, die Sehne belasten können.

Meine Motivation zog ich aber auch aus dem Kalender! Zunächst in Bezug auf das Transcontinental Race. Ende Juli / Anfang August. Bis dahin muss doch so ein Fuß wieder voll einsatzbereit sein? Die Tage zogen zuerst bis zur OP in’s Land, dann wurde ich immer weiter fort krank geschrieben. Dann zwickt und zwackt es und man verspürt Schmerzen und fragt sich ständig, ob das nun zu so einem Heilungsprozess dazugehört, ob das Normal ist, oder ob das jetzt von der beginnenden Belastung kommt. Und ob das gut ist oder ob dies das Warnsignal ist, gerade zu schnell zu viel zu wollen.

Das galt zunächst erst einmal für das ganz normale Gehen erst mit einer, dann ganz ohne Krücken. Dann ganz ohne den Airwalker. Und dann für die ersten zaghaften Rollentrainer-Versuche. Und es zog sich immer weiter. Denn die Schwellung ging nur langsam zurück. Und kehrte nach langen Bürotagen (die ohnehin immer dazu beitragen) auch eher und stärker zurück.

Aber ich rechnete die Wochen aus. Ab dem Februar dann – ich war immer noch krank geschrieben – bis zum Start des Three Peaks Bike Race. Wenn alles passt und ich keine Rückschläge erleide, dann würde ich nach dem Ende meiner Arbeitsunfähigkeit gerade noch die Zeit für einen kompletten Neuaufbau im Rahmen eines Base Trainings, bestehend aus drei Vier-Wochen Phasen, und einer allgemeinen Build-Woche haben.

Am 6. März hat mein linker Fuß überhaupt erst wieder so gerade in den (vollständig offenen) Rennradschuh gepasst. Durch meine Leistungsmesserpedale konnte ich die links/rechts-Verteilung genau beziffern mir wurde der optische Eindruck meines dünn gewordenen linken Beines in harten Zahlen offenbart: Von der getretenen, eh sehr geringen Leistung kamen vom linken Bein nur 38,4 %, 61,6 % leistete das rechte Bein!

Am 11. März startete ich offiziell in die erste Woche des Basis-Trainings-Blocks: Das Traditional Base Mid Volume I Programm von TrainerRoad.

Am 03. April war ich immerhin bei einer L/R-Verteilung von 42 % zu 58 % angekommen. Und fuhr meinen ersten Leistungstest. Den neu von TrainerRoad eingeführten Ramptest, der mir gerade richtig und viel besser als ein klassischer FTP-Test für meine Rekonvaleszenz geeignet schien. Dieser ergab eine Indoor-Leistung von gerade mal 228 Watt. Traditionell liegt meine Outdoor-Leistung immer höher als meine Indoor-Leistung. Also vermutlich so um 10 – 15 Watt höher, das wären geschätzte 238 – 243 Watt. Fern von 260 oder gar 270 Watt im Sommer letzten Jahres. Aber es wurde ganz langsam. Und ich ließ mich auch nicht beirren.

Ja, der Fuß war immer noch geschwollen und es zwickte und kribbelte manchmal mehr, manchmal weniger oder oft auch gar nicht. Aber immer so an der Zehe, in Höhe der OP-Narbe und auch unten mal im Fußgewölbe Innenseite. Da wusste ich oft nicht: Ist das nun die Sehne oder ist das die OP-Narbe oder was nun? Der behandelnde Arzt meinte dann, dass würde wohl Mikronarbengewebe rund um Sehnen und Nerven sein. Das würde sich noch etwas hinziehen, ich könne da Geduld haben, aber viel Bewegung würde auch helfen.

Na, mit Bewegung konnte ich dienen!

Am 11. April war die erste Fahrt mit meinem Canyon draußen (vorher mit dem Orient). Und mit der bis dato höchsten TSS für das Jahr: 165 TSS.
Es war die fünfte Fahrt draußen und es war 11 Wochen und drei Tage nach der Operation. Und es war der Tag, in dem ich die nachträgliche Einladung zum Transcontinental Race annahm!

Nachträglich doch noch für das TCR eingeladen

Japp – jetzt hatte ich zwei Rennen an den Hacken! Das Three Peaks Bike Race und das Transcontinental Race. Ich bekam als Veteran (Wow, was ein Titel ;-)) das Angebot, weil diverse Kandidaten mit Zusage ihren Startplatz nicht annehmen konnten oder wollten.
Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ein Wunder ohnehin, dass mein Terminkalender und mögliche Urlaubsvertretungen dies noch zulies.

So erlebte ich immer wieder Höhen und Tiefen, bestätigte aber immer wieder, dass mein Fuß doch tatsächlich in der ordentlichen Wiederherstellung begriffen war. Zuerst diese eine erste härte Ausfahrt. Etwas später dann die erneute Teilnahme am Rhön-Radmarathon-Wochenende mit der größten angebotenen Herausforderung, dem Bimbach 400. Also der Test, ob der Fuß ein solches Extremwochenende an zwei Folgetagen mit macht.

Hat er mitgemacht. Aber war am Montag erst einmal wieder etwas mitgenommen.

Und bis dahin war ich auch immer relativ piano – also fast nur im Grundlagenbereich Zone 2 (G1), manchmal auch Tempo, Zone 3 (bzw. G2) – unterwegs.

Erst am 3. Juni habe ich es das erste Mal gewagt, richtig reinzuhalten. Erzielte dabei auch über die letzten 12 Monate gesehen eine Top Ten 10-Minuten-Leistung (7. Rang) und Top Ten 20-Minuten-Leistung (6. Rang). :) Habe daraufhin meine FTP auf 256 Watt, entsprechend rd. 3,9 Watt/kg festgesetzt.

Dann noch etwas Tapern und schwupps war es schon der 09. Juni und das Three Peaks Bike Race begann!

Der Start des Three Peaks Bike Race!

Die Anreise (die inoffizielle 1. Etappe samt Biwak)

Bevor man das Rennen beginnen kann, muss man erst mal zum Start kommen. Der lag ja nun in Wien. Hmm, Wuppertal – Wien, One way. Wie am besten?

Auto oder Leihwagen fiel flach. Fliegen? Och nee – der ganze Aufwand des Verpacken des Rades, dann des wieder Aufbauen des Rades vor Ort und dann die Taschen und alles dran machen usw. – das wollte ich mir tunlichst ersparen. Ich wollte mit meinem fix- und fertig aufgerüsteten Rad an den Start gelangen.

Blieb also nur (Fern-)Bus oder Bahn. Bei Flixbus gab es nichts Passendes und ich war auch in Bezug auf die Qualität der Fahrradmitnahme sehr skeptisch.

Das war ich allerdings auch bei der Bahn. Bahn überhaupt. Ahhrg! Wenn ich nur daran denke, kommt mir die Galle hoch. Schon das Reisen ohne Rad bietet genügend Fallstricke, sobald auch nur ein einziges Umsteigen involviert ist. Aber Reisen mit Rad!? Meine Güte! Da bekleckert sich kaum eine Bahngesellschaft, und schon gar nicht die Deutsche Bahn AG, mit Ruhm. Es fängt schon damit an, dass man Bahnreisetickets mit dem Rad nicht online erwerben kann, sondern zwingend an ein DB-Reisezentrum verwiesen wird. Und dass man in den bisherigen ICEs überhaupt gar keine Fahrräder (es sei denn, sie sind vollständig zerlegt – und auch dann wird’s schwierig) mitnehmen kann. Mit den neuen ICE 4 geht die DB einen ersten zaghaften Schritt in die richtige Richtung. Dort gibt es immerhin wieder eine sehr begrenzte Anzahl an Radmitnahmeplätzen. Aber das Risiko ICE wäre ich so oder so nicht eingegangen. Zu oft kommt es vor, dass die Bahn einfach mal den einen oder anderen Wagen weglässt oder ein ganz anderer Zug eingesetzt wird. Was mache ich bitteschön, wenn ich mitten in meiner Reise in einen ICE4 umsteigen möchte, nun aber ein ICE3 ohne Radmitnahme eingesetzt wird!? Nein Danke.

Es begann also eine ziemlich aufwendige Suche nach einer halbwegs passablen Verbindung, die auch noch jeweils einen der überhaupt nur wenigen Radmitnahmeplätze in ICs und anderen Zügen frei hatte. Grauenvoll!

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Nein, keine Steuererklärung. Diesen Haufen Papier und aufwendiges Aufsuchen eines DB Reisezentrums braucht es, wenn man mit der Bahn einfach nur von Wuppertal nach Wien fahren will. Von wegen 1. Klasse fahren…

Die ideale Verbindung wäre der Nachtexpress der ÖBB gewesen (www.nightjet.com). Ein Zug, in dem man sogar schlafen kann! Und der von Düsseldorf ohne Umsteigen bis nach Wien fährt. Leider war da kein Platz mehr zu bekommen. Ohne Rad – ja. Mit Rad – nein. Auch die ÖBB hat halt in ihren Zügen viel zu wenig Radmitnahmeplätze (das soll sich aber diesen Herbst etwas verbessern, habe ich gelesen).

Was war letzten Endes meine Verbindung?

In Wuppertal um kurz nach 5 Uhr nachmittags mit einem IC losfahren. Bis nach Passau. Dort von knapp 1 Uhr bis knapp halb 5 Uhr in der Nacht Aufenthalt. Dann weiter bis nach Linz und von dort dann weiter bis nach Wien, wo ich um halb 8 Uhr morgens übernächtigt ankam.

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Es geht los! Mit meinem Rad auf dem Bahnsteig des Wuppertaler Bahnhofs.

In den Zügen hatte ich etwas gelesen und ansonsten erfolglos versucht, zu dösen. In Passau hatte ich schon mein erstes Biwak des Three Peaks Bike Race. Ich fand ein Gleisnahes geschütztes Fleckchen samt Bierzelttisch-Unterlage. Aber auch hier war mehr als etwas Augenpflege kaum drin. Selbst mit Ohrenstopfen nicht. Etwas kühl war es obendrein.

Dazu kam noch, dass ich selbst die Bahnreise bzw. den Freitag nicht mal gut ausgeruht in Angriff nehmen konnte. Ein wichtiger beruflicher Termin hatte mich schon am Freitag morgen aufgrund erforderlicher Anreise extra früh aus den Federn getrieben.

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Das Rennen ist noch gar nicht gestartet, da habe ich schon mein erstes Biwak hinter mir. Bahnfahren ist einfach blöd.

Wirklich keine idealen Voraussetzungen für ein Bikepacking-Rennen!

Startvorbereitung im Velobis.

Im Bahnhof kaufte ich mir ein Frühstück und radelte nach dessen Verputzen langsam Richtung Schloss Schönbrunn. Die Renneinschreibung sollte erst ab 11:00 Uhr im Radladen und Radcafé Velobis unweit des Schlosses starten. Also wollte ich mir etwas den Schlosspark, immerhin Weltkulturerbe, anschauen. Hah, die Rechnung hatte ich ohne die Stadt Wien, bzw. ohne das verantwortliche Ministerium gemacht. Nicht nur darf man nicht über die Wege des Parks radeln, nein, man darf nicht mal sein Rad geführt mit hinein nehmen und muss es zwingend draußen lassen! Hier sage ich: Wien, oder Österreich: only out of my cold, dead Hands. Wenn hier die Frage heisst, Schlosspark oder mein Rad, dann kannst du deinen Schlosspark (und jegliche potenzielle Einnahme von mir) sonstwohin stecken.

Also – da war nix mit Zeitvertreib. Bewölkt war’s auch – also nur ein passendes Foto meines Rades vor dem Schloss gemacht und dann zum noch geschlossenen Velobis, vor dass ich mich hockte. Aber schon deutlich vor 11 Uhr tauchte der Eigentümer auf, schloss auf und lies mich herein. Auch die Crew des Cafés war nun schon am Start, so dass ich mit einer Melange auf das Erscheinen der Organisatoren und der weiteren Teilnehmer warten konnte.

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Mein J.Guillem Orient vor dem Start vor dem Schloss Schönbrunn in Wien.

Teilnehmer! Wieviele denn? Ich schrieb schon an anderer Stelle, dass gefühlt an allen Ecken und Enden neue BikePacking und Endurance Events aus dem Boden sprießen. Kleinere und größere. Lokal oder international. Das heisst das Angebot und die Auswahl ist groß. Dann handelte es sich um eine Erstaustragung. Und dann kam noch einmal erschwerend hinzu, dass es quer (oder längs) über die Alpen ging. Also ordentlich Höhenmeter. Die manche Leute extra anziehen, aber die Mehrzahl dann doch eher abschrecken oder zumindest mit ordentlich Respekt versehen.

So war es wenig verwunderlich, dass in der Starterliste nur 16 Namen zu finden waren. 14 Solostarter und ein Paar. 3 Teilnehmer sagten im Voraus noch ab, so dass 13 Starter verblieben. Einem davon kam auf seiner Flugreise sein Rad abhanden! So konnte er leider gar nicht starten. Mehr als extremst ärgerlich! Und Bestätigung meiner gewählten, aufwendigen Anreise. Da waren wir also insgesamt 12 Teilnehmer (alle männlich) die in Wien starten würden.

Das machte die Startvorbereitungen natürlich schön familiär und einfach. Mit den Teilnehmern sprechen, den obligatorischen Bike-Check durchführen (Lagerspiel, Bremsen, Licht und redundantes Licht vorhanden, Reflektoren usw.), den Tracker übergeben, Kappe erhalten und dann machten wir uns auch schon startfertig und rollten zum Schloss Schönbrunn.

Hier gab es eine finale Ansprache, aufmunternde Worte und weitere gute Ratschläge. Denn wir waren trotz der geringen Teilnehmerzahl ein bunter Haufen aus Ersttätern und Leuten mit Erfahrung. Entweder wie ich, nur mit einem einzigen anderen Event, dass aber immerhin von dem Kaliber eines Transcontinental, oder mehr oder weniger gestandene Audax-Hasen. Oder auch Leute, wie Michal aus der Slowakei, der schon mal über 1500 km (aber etwas flacher) für sich selbst durch Europa geradelt sind. Von Warmshowers-Host zu Warmshowers-Host. Oder auch jemand, der eigentlich gar nicht Rad fährt, aber mit seinem Kickbike (aka Tretroller) schon diverse Alpenpässe bewältigt hatte. International waren wir auch: Deutschland, Österreich, Tschechien, Slowakei, Frankreich, Italien, England.

 

Der Start in Wien, erster Stint von Wien in die Obersteiermark (170,6 km, 1.250 HM)

Um Punkt 16:00 Uhr rollten wir los! Unsere zwei Österreicher, Wiener obendrein, samt zum Start gekommener Freunde zunächst durch Wien quasi als Guide vorweg. Dieser Abschnitt war neutralisiert, bis das Rennen nach Erreichen des Stadtrandes dann freigegeben war.

Das erste, was ich dann machte, war alle anderen in dem kurzen Anstieg ziehen lassen, rechts rein in einen kleinen Weg und erst mal ein kleines Geschäft erledigt. Dann bin ich locker in das Rennen gestartet. Schön für mich allein.

Meine Frage war schon die ganze Zeit gewesen: Sollte es nun nur der finale Test werden, ob der Fuß nach einem Tag, nach zwei Tagen, nun auch eine extreme Woche durchhalten würde? Wollte ich das Rennen also sehr vorsichtig angehen? Oder wollte ich sehen, was geht? Auf’s Ganze gehen, einfach durchfahren und schauen, wie schnell wie weit ich komme und wie ich in einem recht kleinen Teilnehmerfeld abschneiden würde?

Aber schon bei der Fahrt durch Wien war ich froh, das alle recht diszipliniert waren, und nach Ampeln und Abzweigen keine harten Antritte erfolgten. Ich wollte wirklich langsam in das Rennen hineingleiten und vor allen Dingen nicht im unaufgewärmten Zustand in irgendwelche harten Manöver für meinen Fuß verwickelt werden.

Zudem kämpfte ich währenddessen auch schon mit meinem Satelliten-Tracker, der als einziger der Teilnehmer-Tracker immer noch darauf beharrte, irgendwo in Belgien zu sein (seiner letzten aktiven Position vor der Ausgabe). Hier zeigte sich schon, was sich im späteren Rennverlauf bestätigte: dieser – und dann auch diverse andere Tracker waren leider nicht sehr zuverlässig. Was zwar recht schade war, der Gesamtfreude am Ereignis aber nur ganz gering abträglich war und auch nicht dem Team von Adventure Bike Racing angelastet werden kann.

Endlich hatte das Teil aber sein erstes Fixing (nachdem ich es zweimal aus- und wieder angeschaltet hatte) und ich konnte mich relativ zu den anderen Teilnehmern sehen. Ich stellte fest, dass ich wohl eine zunächst ruhigere Nebenroute ausgewählt hatte. Und dass ich langsam aber stetig auf dieser Boden gut machte, um schließlich dann schon am Semmering auf Position 3 bis 4 zu liegen. Je nach dem, wie man die Routen verglich.

Das besonders Interessante an diesem ersten Abschnitt war, dass ich bereits ab Wiener Neustadt ziemlich exakt meiner Route des letztjährigen Transcontinental Race durch Österreich folgte. Nur in der entgegengesetzten Richtung! Das war auch ein erklecklicher Strreckenabschnitt: von Wiener Neustadt, über den Semmering bis nach Zeltweg und darüber hinaus war ich auf bekannten Straßen unterwegs.

Der erste Abend

Während ich dann später so durch den schon dunklen Abend rollte, hörte ich in der Entfernung immer wieder ganz leise Sirenen. War da hinter dem Hügel eine Autobahn, von der das so häufig und irgendwie fern herüber drang? Doch dann stellte ich fest: Das ist alles in meinem Kopf! Geister-Sirenen. Oh Mann – anscheinend ein Streß-Effekt aus der „Groß“-Stadt. In Wuppertal sind ständig Sirenen zu hören. Da gibt’s genug Krankenhäuser und auch die Einsatzkräfte kommen immer über die Autobahnabfahrt Barmen herunter. Den Mist hört man da ständig. Anscheinend hat sich das bei mir als eine Art Tinnitus eingebaut und trat und in der abendlichen Ruhe in den Vordergrund. Doch auch hier ist Radfahren Therapie – schon am Folgetag wurde ich hiervon nicht mehr belästigt.

Eigentlich hatte ich mir auch vorgenommen, in der ersten Nacht mindestens bis Zeltweg zu fahren. Zollte dann aber meiner Müdigkeit aus der Anreise und dem Vortag Tribut.

Kurz vor der getroffenen Entscheidung, dann doch die nächste gute Gelegenheit für ein Nachtbiwak zu suchen, kam ich noch an einem Burger King vorbei. Da habe ich mir eine frische Flasche 0,5 Mineralwasser gekauft und zwei Cheeseburger für die Nacht. Während ich mich wieder auf die Straße fädelte und langsam Fahrt aufnahm, kam Sam von hinten an mich heran. Erkannte mich und wir redeten kurz. Dann liess ich ihn erst mal ziehen. Non-Drafting und so. Zu dem Zeitpunkt muss ich wohl sogar mal ganz kurz Rennführender gewesen sein. Oder Zweiter. Denn ich kam vorher schon an einer Tanke vorbei, wo ich zwei weitere Teilnehmerräder draußen stehen sah.

Ab da aber hatte Sam die Führung und gab sie auch bis Nizza nicht mehr ab. Ich hingegen ließ es schon bei 170 km nach knappen 8 Stunden beim ersten Stint für den Tag enden. Das war in St. Michael in Obersteiermark, wo ich mich unter dem Vordach und neben den Einkaufswagen eines Hofer schon um 00:00 Uhr für die Nacht einrichtete. Also mein erstes Biwak des Rennens – naja, eigentlich schon das zweite Biwak des Rennens (siehe meine Bahnanreise) hielt.

Die Nacht war dann doch frisch. Zuerst hatte ich mich nur in Radhose in meinen Biwaksack gelegt und es war total warm. Dann wachte ich mehrmals auf und legte Schicht um Schicht an. Hmm. Mehr zu meinem Schlafthema und welche Lehren ich daraus gezogen habe, gibt es in einem gesonderten zweiten Artikel). Aber trotz der Kühle – ich wachte dann doch relativ erfrischt und gut gelaunt so etwas nach 6 Uhr auf. Die Sonne ging gerade auf – hervorragend. Ich hatte für das Frühstück auch noch einen Cheeseburger – ebenfalls großartig.

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Die Freuden des Bikepacking. Gegrüßt von der Morgensonne nach der ersten Nacht des Three Peaks Bike Race.

Als ich dann auf die Tracking-Webseite schaute, staunte ich nicht schlecht. Ich hatte ja erwartet, dass ich wahrscheinlich der erste war, der sich schlafen gelegt hatte. Das ich aber jetzt kurz vor 7 Uhr absolut Letzter und das mit weiten Abstand war, das hätte ich nicht gedacht. „WTF“ dachte ich, „verdammte Over-Achiever und Heisskisten, brauchen die keinen Schlaf!?“ ;-)

Sam hatte scheint’s überhaupt nicht angehalten und war mit deutlichem Vorsprung der weiteste in Richtung CP1 vorgedrungene Teilnehmer.

Na dann, frisch an’s Werk, nahm ich mir vor. Ich würde trotzdem nicht hetzen oder den Fuß übermäßig belasten wollen. Aber ich hatte mir vorgenommen, an meiner Effizienz und an den Tagesfahrzeiten zu arbeiten. Vorrangig durch viel früheren Start als im Transcontinental. Um es vorweg zu nehmen: das ist mir auch sehr gut gelungen. Da bin ich sehr zufrieden mit mir.

Um 7 Uhr morgens ging es also vom Hofer-Biwak los in den zweiten Tag, den zweiten Stint:

 

Tag 2: Aus der Obersteiermark bis kurz vor Südtirol – Push nach Sillian (275,7 km, 2.779 HM)

Die Sonne scheint, alles ist wieder eingepackt und ich rolle los. Was im letzten Jahr ein total flaches Niederösterreich war und sogar ganz langsam abfiel blieb auch heuer ein total flaches Niederösterreich und stieg in Summe auch nur unmerklich an. Im Grunde war die ersten 120 km also ein flaches Zeitfahren auf guten Straßen angesagt. Mal auf besonders flachen und sehr guten (und auch nicht zu befahrenen) Hauptverkehrsstraßen, mal auf Radwegen mit etwas mehr auf und ab aber sehr schön direkt an der Mur entlang.

Aber wie schon vorausgeschickt – alles in angenehmen und „ewig“ durchhaltbaren G1-Bereich. Nach rd. 22 km kam ich durch den ersten größeren Ort, Knittelfeld. Hier gab es auch ein McDonalds direkt an meiner Route, dass ich dann auch direkt als Frühstücksmöglichkeit auserkor. Wie schrieb ich so schön auf Twitter: So ein Tag startet doch erst dann richtig, wenn man zweimal gesessen hat – einmal am Kaffeetisch und einmal für ein privates Geschäft. So ist das beim Biwakieren – irgendwo muss es dann an geeigneter Stelle raus…

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Frühstück in Knittelfeld

Das Frühstück war lecker und ich hatte natürlich direkt zwei Extra-Portionen für unterwegs mitgekauft. So war ich auch schnell wieder auf dem Rad und es ging weiter. Wie gesagt, flach bis hinter den Ort Thomatal. Da hinter bog ich dann in ein ruhiges Seitental nach Süden ab. Ich wollte nämlich über den Schönfeldsattel nach Kärnten fahren.

Komoot-Auge sei wachsam

An dieser Stelle ein kurzer Einschub zur Routenplanung. Die läuft sicherlich bei fast allen heutzutage digital ab und führt im Ergebnis zu einer Route, die auf dem Radcomputer oder auch Outdoor-GPS-Gerät (z.B. ein Garmin eTrex) dargestellt und nachgefahren wird. Ich hatte in vergangenen Jahren stets Garmins Edge Geräte (zuletzt den Edge 1000) benutzt, hatte aber immer deutliche Kritik an der einen oder anderen Funktionsausprägung von Garmin. Und nutze daher mit höchster Zufriedenheit seit zwei Jahren den Elemnt Radcomputer von Wahoo, den ich in allen wesentlichen Punkten als dem Garmin Überlegen ansehen.

Früher habe ich viel mit GPSies.org oder auch mal Strava geplant. Auch diverse Male das sehr spröde (wiederum höflich ausgedrückt) Basecamp von Garmin ausprobiert und immer wieder dran gegeben. Ich hatte dann auch mal Komoot.de kennengelernt und dann, als ich den Wahoo Elemnt anschaffte, schätzen gelernt. Die Kombination komoot und Wahoo klappt hervorragend!

Aber keine Software bzw. keine Routenplanung ohne Fallstricke. Es ist fantastisch, wie einen Komoot beinahe nur mit zwei Klicks (Start und Ziel) durch halb Europa führen kann. Und man tatsächlich eine nahezu vollständig, dem Profil entsprechende (bei Rennrad halt asphaltiert, möglichst keine unbefestigten Strecken und definitiv keine KFZ vorbehaltenen Strecken) befahrbare Route vorfindet. Auf der anderen Seite kann so ein System nur so gut sein, wie die zugrunde liegende Datenbasis. Wenn bei einer Straße die Angabe fehlt, dass es eine Kraftfahrstraße ist, dann kann da Komoot nichts dran ausrichten. Im Ausnahmefall stellt man vor Ort fest, dass man sich einen Umweg suchen muss.

Wo Komoot aber etwas dran ausrichten könnte, wäre sein Algorithmus. Was aber sicherlich auch wieder schwierig mit den Knoteninformationen der zugrundeliegenden Openstreetmap zu bewerkstelligen ist. Was Komoot nämlich gerne macht, ist, einen kurzen Weg zu suchen, der im Zweifelsfall aber völlig sinnfrei ist. Sehr gerne genommen wird z.B., bei Anstiegen oder auch Abfahrten nicht der Hauptstraße oder der Passstraße zu folgen, sondern der kürzesten Linie. Also z.B. um 90° von der Hauptstraße auf eine winzige, holprige Nebenstraße abzubiegen, um dann total steil die weit in einer Kurve ausholende Hauptstraße abzukürzen. Aber weder möchte man in einem Anstieg von 8 % auf 25 % Falllinien-Anstieg wechseln, noch möchte man nach kleinen Abzweigen Ausschau halten und da von 50 auf 10 km/h hinein bremsen, während man den Semmering oder eine andere Abfahrt hinunterschießt.

Hier ist also Obacht und ein Überfliegen seiner Route immer angebracht. Das muss man sowieso immer machen. Die Entscheidung, ob man besser um einen Ort herum oder durch ihn hindurchfährt, gehört u.a. zur intelligenten Routenplanung hinzu. Diese lässt natürlich immer Raum für Anpassung und Unvorhergesehenes. Aber ich muss mir im Vorfeld überlegen, ob es geschickter ist, einer Umfahrung zu folgen, oder ob ich mich durch einen Ort quälen will. Oder ob ich wegen Proviantaufnahme eh lieber durch den Ortskern fahre. Oder ob die Umfahrung gar nicht für Radfahrer erlaubt ist. Oder ob sie mir aus anderen Gründen unvorteilhaft oder sogar als in jedem Fall zu Vermeiden erscheint.

Das gehört also zur Routenplanung. Genauso, wie sich über Alternativen Gedanken zu machen. Hier in diesem Fall sah die Route von Komoot sehr naheliegend aus. Vermutlich hätte sie auch jeder andere Routenplaner wie RidewithGPS, GPSies und wie sie alle heißen, genau so gelegt. Nämlich noch ein Stück weiter hinter Thomatal bis nach St. Michael im Lungau. Und von dort aus dann über die Katschberghöhe. Hier war ich besonders vorsichtig, denn ich wusste nicht, ob da vielleicht noch irgendein besonders schlimmer Tunnel oder so lauert. Oder wie die Verhältnisse da insgesamt waren. Deswegen schaute ich mir diese Region in Quäldich.de an, um Informationen über die Übergänge zu erhalten. Was las ich da zur Katschberghöhe als erstes? „..auf der Passhöhe kochende Motoren und in den Talorten glühende Bremsen, denn die Steigungen sind alles andere als human. Heute wird der Pass nur noch bei Blockabfertigung durch den Katschbergtunnel viel frequentiert“.

Upps – gleich zweimal Alarmglocken. Das erste mit der Steigung zeigt auch das Höhenprofil mit weiten Teilen sehr dunklem Rot! Na danke – Nordrampe mit hohem Anteil zwischen 15 und 20%. Das muss man nicht haben, wenn es bessere Alternativen gibt. Und zweitens: Weiss ich, ob es gerade Blockabfertigung gibt, während ich da während meines Events langkomme? Nein – also gleich zwei Gründe, dass diese Routenoption sicherlich nicht die erste Priorität bekommt, wenn es Ausweichmöglichkeiten gibt.

Die gab es: Den Schönfeldsattel, ein kleiner, sehr ruhig gelegener Pass, der schließlich über Innerkrems und dann Krems in Kärnten wieder auf die ursprüngliche Route führt und so die Katschberghöhe vermeidet. Auf der, wie ich später erfuhr, viele geflucht und lange Strecken geschoben haben. Und in Teilen auch Regen abgewartet hatten.

Ich hingegen fuhr auf moderat steigender Passtraße nahezu mutterseelenallein durch einen Wald mit glucksendem Bächlein nebenher und im oberen Bereich über offene Almwiesen. Voraus und links und rechts von mir war der Himmel bleigrau. Die Straße patschnass. Aber da wo ich fuhr, war gerade immer kein Regen. So kann man das aushalten. :)

Ganz knapp vor der Passhöhe und dem Übergang nach Kärnten doch noch ein Moment der Spannung. Straßensperrung. Komplett. Hmm, die meinten das ja wirklich, das eine Schild weiter unten… Naja, das wird ja doch hoffentlich doch mit dem Fahrrad passierbar sein. Puh – war es dann Gott sei Dank auch. Endlich ging es in die Abfahrt. Der Schönfeldsattel war nach dem Semmering, den man ja nur als bessere Asphaltblase bezeichnen kann, der erste richtige Pass des Three Peaks Bike Race.

Strudel-Probe

Jetzt war ich auf den Ort Innerkrems gespannt. Hoffentlich gab’s da ein Café oder so etwas. Ich sehnte mich nämlich nach einem schönen Coffein-Schub in Form von Cappuccino und wollte Energie nachtanken. Die erste Pension, wo ich Außenbänke sah, wurde angesteuert und zielgerichtet bin ich hinein, weil zwar draußen zwei Gäste saßen, der ganze Ort aber doch ziemlich verlassen und nach außerhalb jeder Saison aussah. Was sie denn an Kuchen hätten. Ja, Strudel. Apfelstrudel oder Topfenstrudel. Mit Vanillesoße. Anstelle der Vanillesoße auch Eis? Ja, hätten sie. Prima: Je einen Apfelstrudel und einen Topfenstrudel mit Eis und Sahne, einen Cappuccino und eine Cola bitte. :)

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Strudel-Duo in Innerkrems

Frisch gestärkt ging’s weiter. Nach der Abfahrt jetzt auch wieder vorwiegend: flach. Bei Kilometer 180 traf ich hinter Lendorf erstmals auf Michal aus Slowenien. Teilnehmer Race Cap 39. Er orientierte sich gerade, während ich auch in der Folge kurz zurückfahren musste, weil die Radwegeführung da etwas obskur war. Es folgte auch kurz darauf eine Tankstelle, die wir beide zur Verpflegung nutzten. Ich versuchte das anzuwenden, was ich mal von Kristoff Alleghaert gelesen hatte: Den Kram, den man aus den Regalen fischt, schon in der Tanke und noch vor der Kasse aufreissen und zu Essen zu beginnen. Prima – das funktioniert! :) In meinem Fall mit einem Eis. Dazu hatte ich noch ein paar Nusshörnchen für die Foodpouch und einen Almdudler erstanden.

Während ich den trank und auch Michal seine Sandwiches verstaute und sich umzog, unterhielten wir uns. Und weil keiner wirklich wesentlich schneller als der andere war, und wir mit schnacken noch nicht fertig waren, fuhren wir im Anschluss halt neheneinander weiter (damit keiner einem Windschatten gibt).

So ging das eine Weile über Radwege bis Grajach, wo wir auf, ich glaube Marco war’s, auffuhren. Er war mit relativ wenig Schlaf unterwegs und äußerte auch, dass er kaum noch seinen Puls hochbekam und gefühlt kaum noch auf Leistung kam. Fand dann aber anscheinend wieder eine zweite (oder da vielleicht auch schon achte oder neunte ;-)) Luft und zog bei einem kleinen Anstieg im Wiegetritt von dannen. :)

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Wunderschöner Regenbogen.

Welches Tagesziel soll’s denn sein?

Mit Michal blieb ich trotzdem noch locker verbandelt. Mal fuhren wir nebeneinander oder dann doch auf Nondrafting- und Sicherheitshabstand (durch kleinere Örtchen und enge Radwegkurven) hintereinander her. Bald galt es eine Entscheidung zu fällen, mein Tagespensum lag jetzt bei 210 km – das war bei Dellach – wo wollte ich denn heute noch hin? Marco meinte vorhin, er wolle versuchen, noch Lienz zu erreichen. Hmm, das würde für mich einen Tagessabschnitt von 240 km bedeuten… brauchbar, aber bei dem Flachen (außer dem Schönfeldsattel) auch nicht so berauschend. Michal hatte Sillian erwähnt. Er wisse zwar nicht, ob er es erreichen könnte, aber das erschien ihm für den danach am nächsten Tag folgenden Passo Giau ein guter Ausgangspunkt.

Hmm – also zwei Ortsnamen, die ich sowieso bei meiner schon im letzten Jahr im TCR gefundenen Routine berücksichtigen konnte: am frühen Abend sehen, wo ich bin und in Google Maps schauen, welche wohl passenden größeren Orte wohl in erreichbarer Entfernung für eine Übernachtung liegen. Entweder per Biwak – dann ist das völlig streßfrei und es geht eigentlich nur um die Fortschrittsplanung. Oder in einer Pension oder einem Hotel – dann muss man sich natürlich sicher sein können, dass da in dem Ort auch was ist. Und das man zur rechten Zeit da ist. Zack: Booking.com. Hmm, nicht so furchtbar viel Auswahl in Sillian. Wenn überhaupt. Da, eine Pension, aber Checkin-Zeit nur bis 21:00 Uhr. Hmmm. Das könnte knapp werden. 65 Kilometer noch. Da müsste ich auf die Tube drücken. So richtig. Und würde trotzdem wohl etwas später da sein. Also angerufen. Ja, die Dame würde auf mich warten, auch wenn es etwas nach Neun würde. Ok – Entscheidung getroffen. Sillian wird es. Michal sagte da nur, ok, viel Erfolg, so schnell würde er nicht fahren wollen. Und ich machte mich jetzt wirklich im Zeitfahrmodus vom Acker.

Was ich leichtsinnigerweise nicht so auf dem Schirm hatte, ist, dass es ab Lienz aus dem breiten und flachen Tal heraus ging und dann die Drau von Silian kommend über 400 m abfällt – ich ab km 240 also einiges an Steigung zu bewältigen hatte. Die Drau rauschte auch ganz schön. Der Radweg war aber auch recht schön. Und eine schwüle Küche mittlerweile wieder. Die in der Mitte des Abschnittes zwischen Lienz und Sillian dann auch von oben die Schleusen geöffnet bekam. War ich am Schönfeldsattel wenigstens von oben trocken geblieben und hatte ich zwischendurch nur mal kurz die Regenjacke gegen ein paar Tropfen übergezogen brauchte ich sie jetzt total und wurde komplett gewaschen.

Das war aber egal, weil ich eh in Zone 3 bis Zone 4 ein super Sweetspot-Training durchführte und immer wieder die „zeit bis ins Ziel“ der Google-Maps-Radroutenführung checkte. Eine Zeit, die ich zwar sicher unterschreiten würde, die mir aber trotzdem Anhalt gab, wie lange Google meint, dass ein normaler Radfahrer für die gewählte Strecke braucht. Mit dem auf die Tube drücken hatte ich es aber geschafft: Um nur 6 Minuten nach Neun Uhr stand ich vor der Pension! Uff.

Der Weg von der nassen Ankunft bis zur Dusche war recht unkompliziert. Ich bekam sofort den Zimmerschlüssel, mein Rad haben wir gemeinsam in den abschließbaren Rad/Ski-Raum gestellt. Ich nahm meinen Dry-Back aus der Ortlieb-Satteltasche (wo ich schon alles für die Hotelnacht praktisch zusammen in der Satteltasche habe). So reicht ein Griff und ich kann den Kram durch das Haus tragen. Natürlich muss ich trotzdem auch noch ein paar Dinge aus der Lenkertasche kramen, aber so ist der Transfer vom Rad zum Zimmer doch schon viel problemloser. Genau auch wie das verstauen der Dinge in der Satteltasche.

Dann schloss die Pensionsbesitzerin den Radraum ab, ich sah wo der Schlüssel hinkam, bekam mein Zimmer gezeigt und sie verabschiedete sich in ihr Nachbarhaus.

Jo – erst mal duschen. Und dann sehen, was ich noch essbares hatte. Das war nicht viel. Bei dem ganzen Speedgebolze hatte ich unterwegs nichts mehr an Verpflegung finden können. Auf dem Drau-Radweg sowieso nicht. Im Ort bin ich aufgrund der Uhrzeit sofort zur Pension. Jetzt, frisch geduscht wollte ich auch nirgendwo mehr hin – es wäre sowieso nahezu nichts mehr in dem verschlafenen und nicht sehr großen Ort auf gewesen. Tja, was tun? Auf den Kopfkissen meines Doppelbettes lagen zwei kleine Schokodinger. Die waren mit einem Happs weg. Minibar? Natürlich nicht in so einer einfachen Pension. Zentrale Ecke mit einer Obstschale und Getränken zur Auswahl – das schon eher. Da war eine Kaffee-Ecke, aber sonst nichts. Oh, warte: lauter Schokoladentafeln, ganz viele Sorten. Ich war in der Pension Pichler. Und damit gleichzeitig in der Schokoladenmanufaktur Pichler in Sillian. Alles klar – also verhungern würde ich bis zum Frühstück nicht. Zur Not esse mich also durch die Schokoladensorten.

Da stand mir mein Gusto und mein Makronährstoffbedarf aber vorher noch nach anderen Dingen. Also mal durch die ansonsten ruhige und dunkle Pension bis zum Frühstücksraum. Was gibt’s da denn? Ah – die gesuchte Obstschale. Und trockenes Müsli, dass ich mit etwas Konfitüre und Wasser gangbar mache. Ok, Hunger und Nährstoffbedarf gemeinsam mit noch vorhandenen eigenen Nüssen für die Nacht gestillt!

Rad- und Equipmentpflege muss sein.

Jetzt aber noch etwas Radpflege betrieben. Den halben Tag über nasse Straßen und den finalen Rest durch den Regen gefahren, da schadet eine Antriebsreinigung nicht und Schmiermittel auftragen sorgt für einen effizienten Antriebsstrang. Danach dann die eh nassen Klamotten im Waschbecken gewaschen (wie ich es bei fast jeder Hotelnacht mache) und im Handtuch getrocknet und dann aufgehangen. Endlich Zeit, die Augen zu zu machen. Am nächsten Morgen gibt es um 07 Uhr Frühstück und danach geht es nach Südtirol! :)

 

Tag 3: Quer durch die Dolomiten (204,3 km, 3.342 HM)

Um 08:37 rolle ich frisch gestärkt aus Sillian los und wieder auf den Drau-Radweg, der mich bald zum Übergang nach Italien, nach Südtirol führt. Die Sonne scheint und ich bin in Südtirol mit dem Rennrad. Es kann kaum Schöneres geben. :)

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Auf dem Radweg über die Grenze: Servus Österreich, Hallo Südtirol!

Hach, Norditalien, deine Radwege! Ob es der Etsch-Radweg ist, auf den ich später im Rennverlauf noch kommen werde, Der Ciclovia Alpe Adria oder der Valsuganer Radweg – das sind die schönsten und best ausgestattetsten Radwege die kenne. Und was jetzt noch rund um den Gardasee angelegt wird… molto molto bene, Italia! 5 Sterne!

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Auf dem Radweg nach Innichen

So freue ich mich und rolle gut gelaunt durch das Pustertal und Innichen, bis es vorbei an Toblach Schlag Süden geht. Den schönen Toblacher See muss ich leider rechts liegen lassen, den später kommenden, flachen Dürrensee und sein klares, smaragdgrünes Wasser kann ich wenigstens von der Straße aus im Vorbeifahren bewundern.

In Cortina d’Ampezzo will ich den ersten kurzen Verpflegungsstop des Tages machen. Da werde ich doch an einem kleinen Lebensmittelmarkt oder einer Bäckerei vorbeikommen. Flöte gepfiffen. Auf der ganzen Strecke vom Ortseingang bis hinab zum zentralen Kreisel, wo es dann direkt in den Aufstieg Richgung Passo Giau geht… Nichts! Hrmpf! Dann eben unten am Kreisel kurz auf Google Maps getippt, das Handy ist ja genau für solche Zwecke prominent per Quadlock am Lenker und jederzeit einsatzbereit. Tjo – links von mir geht’s ein bisschen rauf in das Ortszentrum. Aber denkt ihr, ich sehe da wie in anderen Orten so auf die Schnelle irgendeinen Supermarkt oder so? Oh Mann. Da, da ist eine Bäckerei. Und wie vermutet: in meiner weiteren Fahrtrichtung würde in der Tat auch nichts mehr kommen. Also kurz (nur knappe 500 m links vom Kreisel hoch und durch das Ortszentrum gerollt… die Bäckerei fällt mir trotzdem nicht ins Auge… Da, wo sie sein soll, ist aber wenigstens ein Café. Naja, bevor ich hier weiter herumsuche… Die haben fertige Strudel in der Auslage und ich bestelle dann halt ein Take-Away vor Ort. Bekomme zwei total leckere Apfelstrudel und zwei leckere Nougathörnchen in eine Aluschale mit Alufolie obendrüber eingepackt. Außerdem kaufe ich noch eine Fanta. Ok – das muss dann halt in den Daypack, den ich mir daraufhin auf den Rücken hänge.

Und schon geht’s weiter. Rauf Richtung Passo Giau. Erst mal rauf bis nach Pocol. Diese Kreuzung ist mir wohlbekannt, da kommt man bei der Maratona dles Dolomites immer aus der Abfahrt des Passo Giau heraus und biegt dann links ab auf den Passo Falzarego und dann den Valparola. Fünf mal habe ich so schon während der Maratona den Giau befahren – bisher aber immer von Süden kommend. Nun zum ersten mal von der Nordseite. Abwechslung ist die Würze des Lebens. :)

Der Passo Giau ist nun die erste wirkliche Prüfung des Three Peaks Bike Race und gleichzeitig dessen erster Check Point. Giau reimt sich mit Au – und das gilt für beide Seiten. Der Giau ist wirklich ein steiles Biest und seine 2236 m ü. M. wahrlich nicht leicht verdient! Im Anstieg ist es noch sonnig und entsprechend warm. Ich verkneife mir ein stärkeres Reintreten und das Drücken ordentlicher Watt, obwohl mir das doch etwas bessere Kadenz – aber auch sehr viel mehr Systembelastung bescheren würde. Der Hauptgrund ist aber mein linker Fuß. Den will ich nicht am ersten und wirklich steilen Pass direkt komplett malträtieren. Es zwickt auch an diesem Tag zwei drei mal etwas deutlicher dort unten. Glücklicherweise kann ich sagen, dass der Giau der erste und einzige Pass war, wo ich etwas abseits des üblichen leichten Juckens am operierten Fuß verspürte.

Hier und heute im Anstieg zum Giau aber… gebremster Schaum. Aber weiss heisst hier, gebremst. Teilweise ist es so steil, dass ich aufpassen muss, nicht umzukippen, während ich in meiner kleinsten Übersetzung in Teilen bis hinab zu läppischen 40er Trittfrequenz an der Kurbel wuchte. Was war ich froh, dass ich extra noch im Vorfeld das 11-30er Ritzelpaket gegen ein 11-32er getauscht hatte. Aber auch mit 34-32 ist so ein Berg immer noch verdammt steil.

Nachdem ich an einem kompletten Photo-Set vorbeiradelte (in einer Kurve hatte sich ein Fototeam mit Models, Wohnwagen und Riesen-Lichtanlage einquartiert, um Wohnwagen-Werbeaufnahmen zu schießen) machte ich auch kurze Pause, um den einen Teil der mitgebrachten Apfelstrudel zu essen und Flüssigkeit loszuwerden. Wirklich genialer Apfelstrudel, muss ich sagen. Wieder los gefahren und kurze Zeit später kam mir ein Bikepacking-Rad samt Fahrer entgegen. Den kennst du doch, oh, das ist doch Jakub und die Hand hebend und ein halb verdattertes „Oh…!?“ herausbringend – dann war er auch schon vorbei, so steil war es.

Nanu – falsche Richtung. Hat er aufgegeben, fährt er zurück? So war es, wie ich später erfuhr. Jakub hatte Probleme mit dem Knie bekommen und wollte gesundheitlich keine Langzeitprobleme riskieren. Ich fuhr weiter – die Passhöhe recht nah. Zu 95 % hatte ich eigentlich erwartet, dass dort entweder Michael oder Vincent als Organisatoren warteten und Fotos der Teilnehmer machen würden. Denn von den Positionen der Tracker waren alle entweder heute sehr früh dort oben gewesen bzw. waren die Spitzenreiter noch deutlich vom nächsten CP entfernt. Aber… nö – oben war keiner. Hmm. Na gut – bisschen enttäuscht war ich schon, aber egal, das war ja jetzt auch nicht garantiert worden und es gab ja noch genug Gelegenheit.

Juchee – CP1 erreicht!

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Der erste Check Punkt des erstmalig ausgetragenen Three Peaks Bike Race: Der Passo Giau in den Dolomiten

Aber schaut mal auf die andere Seite, wo ich jetzt hinunter musste. Da sieht man schon, was mich erwartete. Über dem Sellastock ist es verdammt Dunkel und ich sah sogar schon einen Blitz. Na gut – egal. Noch den zweiten Apfelstrudel verputzt und ein paar Fotos gemacht und dann ging es in die kühle Abfahrt.

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Wow, was für Wolken. Und über dem Sellastock ein Gewitter.

Dankenswerterweise blieben die Wolken für mich an diesem Tag geschlossen und erlaubten sogar später etwas weiteres Sonnenlicht. So war es bereits unten in Selva di Cadore wieder sonnig und warm. Über die von mir schon öfter – aber meistens halt in Gegenrichtung befahrene Strecke ging es zügig Richtung Arabba. Ich wollte über den Passo Pordoi.

In Arabba gab’s erst mal die nächste Verpflegung. Etwas Sitzen war nun angesagt, das hatte ich mir verdient. :)
Noch vor der Ortsmitte hielt ich an einem kleinen Café und gab eine Großbestellung ab: Einen großen Café, ein Becher Eis mit drei Kugeln, eine Obsttorte, eine Cola und ein großes Panini mit Käse und Speck, dass zubereitet wurde, während ich draußen in der Sonne den Rest der Bestellung genoss! Und der Kaffee war exzellent!

 

Danach rollte ich 50 Meter weiter die Straße hoch, und dann kurz links rein zum Sportplatz. Ortskenntnis zahlt sich aus, denn dort war ein schöner Trinkwasserbrunnen. Ich hatte ihn auch vorher extra noch auf Komoot als PoI angelegt, denn er war noch nicht verzeichnet.

Dann ging es in den Anstieg zum Pordoi Joch. Ich mag den Pordoi, er lässt sich sehr schön fahren. So war ich auch in Null komma nichts oben und wieder deutlich über 2000 Meter. Die Abfahrt war wieder windig und kühl. Und viel länger, als man es von der Sella Ronda gewöhnt ist, weil ich ja bis hinab nach Canazei ins Fassatal musste. Der Himmel wurde auch zunehmend wieder dunkler und so war ich froh, dass ich dann endlich unten war.

In Canazei hielt ich vor einem Spar-Markt an. Wo wollte ich denn heute noch hin? Über den Karerpass musste auf jeden Fall noch sein. Aber danach? Welschnofen für die Nacht? Auch noch viel zu früh… aber irgendwie war mir etwas die Stimmung abhanden gekommen. Es fing an zu tröpfeln. Genug gegrübelt und per Tracker geschaut, wo die anderen sind. Jetzt schnell durch den Spar-Markt gelaufen und Krams gekauft und dann weiter. 15 Minuten hatte mich dieser Aufenthalt in Canazei gekostet. Jetzt ging’s weiter durch das Fassatal und dann hinein und hinauf zum Karerpass. Das war wieder schön. Bald kam auch wieder mehr die Sonne heraus und es folgte die Abfahrt.

Kurz oberhalb des Karersees legte ich dann fast eine Vollbremsung hin. Hinter einer Kurve öffnete sich plötzlich der erste Blick auf die Latemarspitzen. Schön im Abendlicht und über einer Serpentine und dem Wald hinausragend! Toll! Foto! :)

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Die Latemarspitzen zeigen sich in der Abendsonne in der Abfahrt vom Karerpass.

Kurz zurück geschoben, damit ich wieder an der passenden Stelle war und ein paar Fotos gemacht. Dann kurz weiter gerollt, bis zum Karersee. Wenn doch das Licht so schön ist… also angehalten, Rad angekettet und mit den Rennradschuhen den kurzen, aber doch etwas beschwerlichen Pfad bis zur Seeplattform begangen. Hach schade, leider schob sich jetzt eine größere Wolkenbank vor die Sonne – ganz so genial war es jetzt nicht mehr. Aber egal – der Karersee ist immer ein schöner Anblick. Nun gut – also wieder hoch zum Rad und dann weiter.

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Der Karersee!

Also Welschnofen für die Nacht? No way – noch viel zu früh! Im Vorfeld war ich wegen der beiden langen Tunnels vor Karneid, bevor es in das Eisacktal kurz vor Bozen ging, besorgt. Sah da zwar per Google Street View kein „Fahrrad verboten“ Schild, aber war doch skeptisch. Plante daher von Welschnofen aus die etwas höher am Hang und auch mit Gegenanstieg verlaufende Route über Gummer. Aber die heute fahren? Jetzt? Da links runter die SS241 war hier und jetzt viel verlockender. Scheiss auf die Tunnel, die nehm’ ich jetzt. Jucheee – die richtige Wahl! Eine einzige lange Abfahrt bis hinab ins Eisacktal war jetzt genau das Richtige für mich. Die Tunnels waren lang, aber in der Abfahrt auch vergleichsweise schnell durchfahren. In der Gegenrichtung wollte ich die aber nicht befahren. Kurz darauf werde ich unten im Eisacktal aus dem Tunnel gespuckt. Der Eisackradweg ist etwas trickreich zu erreichen – gut, dass ich den schon mal gefahren bin. Einmal auf ihm drauf bin ich aber quasi auch sofort in Bozen, durch dass ich mitten hindurch muss. Bis zur Etsch und dann wieder auf den Radweg. Super. Der Abendhimmel ist freundlich und ich bin wieder bester Stimmung! Ich bin jetzt hinter Bozen und das bedeutet, ich bin gut unterwegs. Jetzt rolle ich zügig Richtung Vinschgau und schaue einfach mal, wie weit ich heute komme. Heute wird es wieder ein Biwack unter freiem Himmel, habe ich beschlossen. Auch mit der Erinnerung an das Transcontinental Race des letzten Jahres, wo ich hinter Bozen im Ort Auer so schlechte Erfahrungen mit einem Hotel gemacht habe: Sauteuer, Rad musste in einem 500 m entfernten Nachbarhotel untergebracht werden und mein Zimmer war mies, unterm Dach und stickig heiss. Da hätte ich besser mal draußen geschlafen, hatte ich mir damals gedacht.

So tief (Meereshöhe) wie jetzt werde ich auch bis am Mittelmeer nicht mehr sein und auch das verspricht relativ passable Nachttemperaturen. Dachte ich. Erstmal musste ich aber noch durch ein paar Apfelplantagen navigieren. Ich hatte im Vorfeld meine Route auch an Meran vorbei entlang der Etsch geplant. Stellte vor Ort aber fest, dass der Radweg durch Meran führt. Was gar nicht so schlecht war. Ich folgte aber erst mal meiner Route und fuhr daher erstmal durch ein paar Apfelplantagen. Aber nicht weit. Nach dem dritten Abzweig nach dem Radweg wäre jetzt ein Weg dran gewesen, der aber komplett durch nun aktive Beregnungsanlagen mit beregnet wurde. Ah nee – da muss ich jetzt nicht durch fahren… Also auf die Karte des Wahoo geschaut und schnell einen Weg in Richtung Meran identifiziert. Das klappte auch wunderbar. Ui – kurz vor Erreichen der Straße noch ein geschlossenes Tor… Welches glücklicherweise in der Mitte ein spezielles Schlupfloch aufwies. Wahrscheinlich genau für so verirrte Wanderer oder Radfahrer wie mich.

So, jetzt also mitten durch Meran. Auch nicht schlecht – hatte ich doch sowieso gerade extra schon per Google Maps gespickt, wo denn Tankstellen in Meran sind und welche davon 24h geöffnet haben. Jetzt fahre ich eine davon halt direkt von Südosten anstelle von Südwesten kommend an. Noch bevor ich diese erreiche, sehe ich aber ein McDonalds. Noch besser, denke ich. Es ist etwa viertel vor 10, da kann ich doch mal ein ganzes Abendmenü anstelle irgendwas aus der Tanke zu mir nehmen. Und hab’ WiFi. Jopp – also rein da! McDonalds will ja immer mehr auf den Kunden verlagern. Man kann ja schon seit langer Zeit sein Menü an diesen Riesen-Touch-Panels zusammenbauen. Und Bargeldlos bezahlen auch. Hätte ich das mit dem Bargeldlos bezahlen da mal gemacht. Meine Güte – dieser McDonalds hatte wirklich eher die italienische Seite und weniger die deutschprachige, Südtiroler Mentalität gepachtet. Nichts los und trotzdem ging nichts voran da. Bis ich erst mal meine Bestellung bezahlen und mich dann mit meinem Bestellnummer-Reiterchen auf meinen Platz verziehen konnte… Und dann dauerte es nochmal, bis dann endlich die Bestellung ankam… Das war schon grenzwertig. Na – egal. Ich saß zufrieden auf einer schönen Bank – mein Rad im Blick und mit dem Handy die Trackingseite und die soziale Netze checkend. So gingen für diese McDonaldspause geschlagene 48 Minuten drauf. Naja – das war verschmerzbar, weil im Grunde schon das Abendessen für den Tag. Alles, was jetzt noch kam, war, im Rollen möglichst schnell einen günstigen Biwakplatz zu finden.

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Etschradweg im Lichtkegel

Es war ein schöner lauer Abend und das Rollen durch Meran entlang meiner Route war ganz angenehm. Aber so wirklich fiel mir da keine Biwakgelegenheit (etwa ein etwas abgelegener Supermarkt oder sowas) auf. Also weiter zum Radweg. Da würde ich nichts finden – bzw. finden wollen, wusste ich. Denn die Etsch führte vergleichsweise viel Wasser und war ordentlich am Rauschen. Und – direkt neben dem Fluss war es zu dieser Stunde schon empfindlich kühl und das würde in der Nacht noch schlimmer werden. Also erst mal weiter bis zum nächsten Ort und dann dort wieder runter vom Radweg.

Dieser Ort war Algund. Über eine Treppe muss ich den Radweg verlassen, dann rolle ich, die Augen auf Google Maps, durch die Straßen des Ortes. Ui – es ist halb Elf, aber hier ist ja noch richtig Touri-Betrieb. Blöd. Kirche? Stadthaus? Polizei… äh, nee. Ah, da eine Post und kleiner Parkplatz. Da kann man drum herum fahren. Ok – und hinten sind Laternen und der Eingang zu den Postfächern. Aber zu. Hmm, nicht sehr optimal. Erst mal weiter suchen. Supermarkteingänge – aber zu einsehbar und direkt an der Straße. Auf der abgewandten Seite: Lüfteraggregate in Hochform. Das gleiche bei Tiefgarageneinfahrten. Oder Bewegungsmelder. Oder laufende (und Geräusche machende Sprinkleranlagen). Herrjeh, der ganze Ort ist „vermient“! Na gut – also zurück zur Post, das muss genügen. Die Laternen gehen doch hoffentlich um 12:00 Uhr aus? Nein, taten sie nicht. Statt dessen sprang wohl irgendwo noch eine Sprinkleranlage an und ich hörte eine Art Kavitationsgeräusch vom Nachbargrundstück… Oh Mann. Naja – Ohropax gehört sowieso zu meiner Standardausrüstung und die Schirmkappe wird über’s Gesicht und Nase gelegt, um den Laternenschein abzuhalten… Erst ist es zwar vergleichsweise warm, aber das ändert sich bald. Schnell lege ich noch alle Schichten an, die ich habe: Beinlinge, Armlinge, Regenjacke, drunter die Primaloft Vest, Treckinghose. So liege ich auf meiner Superleicht-Luftmatraze in meinem Superleicht-Biwaksack. Und wünsche mir immer noch mehr Wärmekapazität. Blöd. Naja, irgendwann ist die Nacht rum. Die Kälte treibt mich schon um halb Sechs zum Aufstehen und Zusammenpacken. Um 05:58 Uhr bin ich abfahrbereit, starte den Wahoo und rolle wieder los.

 

Tag 4: Graubünden – Headwind, my Ass (198,9 km, 3.676 HM)

Vinschgau

Der morgendliche Anfang war schön. Noch sonnig, dem Etsch-Radweg folgend Richtung Glurns. Fast durchgehend an der tosenden Etsch lang.

Recht bald nach dem Start muss die erste Höhenstufe in’s Vinschgau überwunden werden. Der Radweg nimmt ein paar Serpentinen nach Partschins hoch. In diesen ist ein wunderbarer Rastplatz mit überdachten Bänken, Trinkwasserbrunnen und schöner Aussicht angeordnet. Na super – das wäre doch ein super Platz für mein Nachtbiwak gewesen. Entfernt von kühlen und rauschenden Bergfluss und schöner als hinter dem Postamt in Algund. Ok, für ein ander Mal…

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Früher Morgen an einem Rastplatz mit Aussicht. Entlang des Etsch-Radweges von Meran nach Töll.
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Mächtig Abfluss in der Etsch.

Nächstes Teilziel ist das Durchfahren des Vinschgau und dann das Einbiegen nach Süden zuerst nach Taufers um direkt danach dann die Schweiz und das Val Müstair zu erreichen. Mein Frühstück plane ich, in Glurns einzunehmen, dem kleinen Ort wo es dann Richtung Taufers geht. Der Radweg entlang der Etsch ist toll. Irgendwann muss ich aber von ihm runter, da ich anstelle von einigen wenigen verbliebenen Gravel-Abschnitten dann doch lieber die Reschenstraße vorziehe. Dazu geht es erst auch mal wieder ein Stückchen hoch. Irgendwann zieht sich dann das Vinschgau. So langsam finde ich, sollte ich endlich mal in Glurns ankommen. Ich bin mittlerweile auch wieder auf dem wieder asphaltierten Radweg und finde ein freundliches Saftangebot mit Spendenbox. Da genehmige ich mir erst mal ein paar Becher mit Sirup und Wasser.

In Glurns angekommen, rolle ich durch den kleinen Ort und den kleinen zentralen Platz. Hmm, ein Café-Restaurant… sieht nicht wirklich zielführend aus. Andere Angebote erspähe ich erst mal nicht. Doch da, eine Straße weiter, eine Bäckerei. Da drinnen sind auch richtig viele Tische und Sitzgelegenheiten. Ideal, denke ich mir. Sogar mit kleinem, in die Mauer eingelassenen Ring neben dem Eingang. Ideal, um mein Rad da anzulehnen und mein dünnes Kabelschloss da durchzufädeln. Sonst wäre weit und breit nichts da gewesen. Freudig hereinmarschiert und in der Erwartung, da auch ein Frühstücksangebot vorzufinden oder wenigstens belegte Brötchen gemacht zu bekommen… Flöte gepfiffen. Entweder nur trockenes Brot oder Brötchen, oder halt was Süßes, eine Apfeltasche oder anderes Gebäck. Doof! Etwas Herzhaftes, gerade auch zum Mitnehmen, wäre so willkommen gewesen. Na egal, es gibt guten Cappucciono, Apfeltaschen und Nussstangen zum Essen hier und zum Mitnehmen. Und die Gelegenheit für einen Toillettengang. Dann geht es auch schon weiter.

Rein in die Schweiz und der Ofenpass:

Mit Sonne war es das dann jetzt für den Tag. Die Schweiz empfängt mich mit ziemlich grauem Himmel. Es blieb zwar trocken, aber kalt war‘s. Jetzt stand wieder ein richtiger Pass an. Der Ofenpass. Dieser hat seinen Namen zwar von den frühzeitlichen Erzöfen entlang seiner Höhen, ist aber gerade im Sommer ein ziemlicher Glutofen und dafür gerade auch im Dreiländergiro gefürchtet. Heute war davon überhaupt nichts zu spüren. Der Ofenpass war heute eher der Kühlschrank-Pass. Ein sehr windiger Kühlschrank. Besonders auf der Abfahrt nach Zernez, wo ich wirklich aufpassen musste, von seitlichen Böen des vorwiegenden Gegenwindes nicht umgedrückt zu werden. Davor im Anstieg kurbele ich Beständig im mittleren Grundlagenbereich und mampfe an Nussstangen und an noch vorhandenen Clif Power Blocks. Mit rund 160 Watt sind das dann trotzdem nur rd, 60er Kadenzen. Immerhin viel besser als am Passo Giau.

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Yours Truly am Ofenpass, der heute eher ein Kühlschrankpass war.

Zernez im Engadin ist erreicht und empfängt mich leider mit etwas Regen. Erst ein Stück hinter einer Galerie fällt mir ein – Mist, das wäre doch ein schönes trockenes Plätzchen zum Anziehen von Überschuhen gewesen. Die Regenjacke habe ich ja sowieso schon und noch wegen der Abfahrt an. Gut, dann halte ich eben an dem Zaun dahinten an. Versuche, wider besseren Wissens, doch erst mal einen der Velotoze Überschuhe anzuziehen (siehe hierzu den Equipment-Erfahrungsbericht zum #TPBR). Ahahahaa – No way. Ok, dann also die Lycra-Überschuhe. Obgleich man es nicht meint, helfen die auch ein wenig. Und da der Regen danach gar nicht so schlimm wird und bald wieder auffhört, war das dann auch die richtige Wahl. Das Engadin wird vergleichsweise gut durchfahren, obwohl der Wind auch da nicht auf meiner Seite ist.

Freudige Überraschung in La Punt und der Albula-Pass

Ab La Punt wird es tatsächlich auch wieder sonnig. La Punt Chamues-Ch ist der Talort des Albula-Übergangs vom Engadin in das Albulatal und weiter ins Domleschg. Nach dem Ofenpass steht also jetzt der Albula-Pass an.

Ich komme über den Radweg auf der Ostseite des Inn nach La Punt hinein und will Wasser und Verpflegung nachfassen. Als erstes komme ich an einem Trinkwasserbrunnen vorbei. Na – ist ja wie bestellt. :)

Dann zur Straße und nach Links abgebogen, da gibt es einen Lebensmittelmarkt. Als ich darauf zurolle, winkt mir von dort Jemand. Das wird doch nicht…? Doch – es ist Michael, dann sehe ich auch noch Vincent und auch Marcela. Das gesamte Adventure Bike Race Team ist da und hat mich abgepasst. :)

Wir schnacken etwas, es entstehen ein paar Fotos und danach gehe ich einkaufen und sie machen sich wieder auf den Weg auf den Albulapass, dort sind Bernd und Michal voraus.

Im Volg besorge ich mir ein belegtes Brötchen für unterwegs, einen Apfel, Joghurts, Cola und Kaffee für den Direktverzehr.
Da jetzt die Sonne scheint und es so aussieht, als ob das auch für den Albulapass so anhielte, lege ich Sonnencreme auf. Die Hände kann ich am Brunnen von vorhin wieder Waschen. Dann geht es frisch gestärkt, Verpflegungstechnisch nachgeladen und mit frischem Wasser in den Albulapass.

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Typisch für Bikepacking-Rennen. Ein Rad steht vor einem Lebensmittelmarkt, drinnen wird alles gekauft, was lecker aussieht und schnellen Schub verspricht.

Der Albulapass ist ein echtes Schmankerl der Schweizer Alpen. Egal ob für Radfahrer, Wanderer, Autofahrer oder Bahnreisende. Besonders die Nordseite ist einer der berühmtesten Abschnitte der rhätischen Bahn mit dem Autoverlad, den vielen Kehrtunnels und Viadukten und besonders auch dem Landwasserviadukt zu Fuße des Albula auf der Nordseite. Die Ortsnamen Bergün und Filisur sind daher besonders auch Bahnliebhabern ein Begriff. Eine weitere Perle ist der ebenfalls auf der Nordseite kurz hinter der Passhöhe befindliche kleine Lai da Palpuogna. Eine wunderbare Perle von kleinem See, die ich heute nur von der Straße aus glitzernd sehe und bewundere. Hier lohnt auf jeden Fall immer eine längere Rast und ein Umwandern. Nur für mich heute nicht.

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Der Albulapass, noch auf der Engadiner Seite, aber schon kurz vor der Passhöhe.

Die Südrampe lege ich vergleichsweise schnell zurück, so lang ist sie ja auch nicht. In der Abfahrt halte ich nur kurz oberhalb des Lai da Palpuogna an, mache ein paar Fotos und fahre weiter. Soo sonnig war der Aufstieg übrigens auch garnicht und jetzt habe ich in der Abfahrt, trotz noch heiterem Himmel sowieso wieder die Regenjacke an. Bald war’s das aber auch wieder mit der Sonne. Und auch in der Regenjacke wird mir richtig kalt. Kann doch nicht sein… Juni, hellichter Tag und so. Ich komme doch auch immer tiefer. Muss doch bald mal wärmer werden, hier. Nö. Bei Preda halte ich an und ziehe mir noch die Primaloft-Weste unter. Mann Mann Mann. Mit der geht’s so gerade.

Und da ich einerseits die vielen Viadukte schon oft gesehen und so manche Stunde mit Fotoapparat und Stativ entlang ihnen verbracht habe, und mir kalt ist, rausche ich so schnell wie möglich den Albula herunter. Der zieht sich nämllich und der Himmel sieht mittlerweile ganz und gar nicht gut aus. Ich bin einmal, nur mit einem Trikot und einer dünnen Windweste bekleidet, in einen Gewitter- und Hagelschauer geraten, der mich unterhalb Bergün erwischte. Da ist man ja schon fast unten. Aber das war die bisher übelste und kälteste Abfahrt, die ich je gemacht hatte. Das wollte ich heute vermeiden. Und – wirklich. Der Regen setzte erst ein, als ich unten aus dem Albula-Pass heraus war. Dessen Intensität steigert sich plötzlich stark, als ich gerade durch Tiefencastel komme. Ok – normalerweise fahre ich im Regen stur weiter. Nass wird man sowieso und wer weiss, wie lange so ein Regen dauert. Hier ist der Unterschied aber frappierend, und da ich noch verhältnismäßig trocken war, bot sich ein kleiner Arkadengang eines Gebäudes zum Unterstellen an. Nach rd. 10 Minuten hörte der Regen dann auch auf. Ok, das hatte sich gelohnt.

Zielwahl für die Nacht und ein Treffen unter Rennkollegen

Ich hatte die Zeit genutzt, um zu überlegen, bis wo ich denn heute fahren wollte. Die Tracker, die uns zur Verfügung gestellt wurden, stellten sich als nicht so wahnsinnig zuverlässig heraus. Und obleich Bernd Schleicher seinen eigenen Spot-Satellitentracker benutzte, war ich mir dem dem und den Update-Intervallen auch nicht so sicher. Demnach war Bernd in Thusis. Hmm, ob das seine heutige Endstation sein würde? Bernd kehrte immer vergleichsweise früh ein, fuhr aber auch immer mitten in der Nacht los. Na – aber Thusis war für mich noch viel zu Nahe. Bonduz? Ein etwas größerer Talort, bevor es dann ab nach Westen und erst mal südlich der Rheinschlucht wieder nach oben gehen sollte. Irgendwie aber auch zumindest laut Booking.com ziemlich tote Hose. Blöd. Ist aber eh noch unter 200 km. Auch Blöd. Also besser Versam? Kleines Örtchen, erst wieder nach etwas Klettern zu erreichen. Gibt’s da was? Nach Booking.com her, nicht. Nach dem kalten Tag mit viel Gegenwind und einigen Regenschauern wollte ich aber nicht unbedingt Biwakieren. Zumal die Wetteraussichten für den Abend und die Nacht sehr unschön aussahen. Genauso, wie für den kommenden Tag.

Hmm – erst mal Bonaduz, und dann weitersehen, lautete mein Entschluss. Kurz nach dem Losfahren und hinter dem Ortsausgang Tiefencastel muss ich an einer Baustellenampel anhalten. Von hinten ruft jemand meinen Namen. Es ist wieder Michal aus der Slowakei!

Donnerwetter, war der nicht heute morgen noch vor mir? Es stellte sich heraus, dass er den Regen komplett abgewartet und währenddessen ein kurzes Nickerchen im Trockenen gehalten hatte. Da wir ungefähr ein gleiches Tempo fuhren, blieben wir die Strecke bis Bonaduz erst mal wieder zusammen. Dort angekommen, verabschiedeten wir uns wieder von einander. Ich wollte nach einer Unterkunft suchen, Michal möglichst weit fahren und campen, um morgen in Schlagdistanz für den Oberalp- und den Furkapass zu sein.

Bonaduz fand ich jetzt selbst auch nicht so cool und ich wollte auf jeden Fall noch die 200 km voll machen. Also doch Versam. Nur über die Tourismusseite des Ortes fand ich ein B&B-Verzeichnis und rief beim erstbesten an. Ja, genau ein Zimmer hätten sie noch. Ob sie auch noch so lange empfangsbereit seien – ich bräuchte dann wohl noch eine Stunde. Jaja, wären sie. Na, super. Also Versam. Gerade entschieden und losgefahren, öffnete der Himmel seine Schleusen. Diesmal aber so richtig und für den heutigen Tag am heftigsten. Na toll. Egal.

Entsprechend drücke ich auf die Tube und hole bald drauf auch direkt Michal wieder ein. Der sich aufgrund des Regens auch nicht mehr für seinen Outdoor-Übernachtung erwärmen kann. Ob mein B&B noch ein weiteres Zimmer hat? Eigentlich nicht – aber wir können ja gerne fragen. So geht’s wieder nebenher die kleine Straße aufwärts Richtung Versam. Es öffnen sich beeindruckende Blicke in Nebenschluchten und auch in die Ruinaulta, die Rheinschlucht, selbst. Selbst bei diesem Mistwetter das anhalten und ein paar Blicke und Fotos wert!

Versam selbst ist total klein – wir sind froh, das B&B zu finden. Sonst ist da auch um die Uhrzeit und dem Wetter kaum etwas los.
Auf meinem Wahoo stehen 198,9 km. Na gut, das kann man gelten lassen.

Wie mitgeteilt ist tatsächlich nur noch ein Zimmer frei. Aber es hat zwei separate Betten und keiner von uns beiden hat etwas dagegen, es uns zu teilen. Das ältere Ehepaar ist sehr nett. Nachdem wir geduscht haben, bekommen wir noch heißen Tee und was zum knabbern und unterhalten uns. Wo wir herkommen, was wir machen etc.

Michal plant, ohne Frühstück schon um 5 Uhr aufzubrechen. Ich werde aber auf jeden Fall das Frühstücksangebot nutzen. Um 07:30 sitze ich mit Herrn und Frau Casutt bei einem leckeren Bündner Frühstück samt Schweizer Käse, Wurst und selbsterzeugtem Honig. Auch am Morgen gibt es nochmals anregende Gespräche über die Schweiz, Graubünden, Touristen aus aller Herren Länder usw.

 

Tag 5: Type 2 Fun deluxe (154,5 km, 2567 HM)

Nach dem Frühstück gehe ich hoch in mein Zimmer. Schon seit der Nacht regnet es. Wie vorhergesagt. Das wird heute übel. Ok, der richtige Tag, vom Start weg die Velotoze-Überschuhe anzuziehen. Das ist ein echter Kraftakt. Meine Meinung dazu habe ausführlich im Equipment-Erfahrungsbericht dargelegt. Für so einen Tag lohnt es sich aber, finde ich. Und wo legt man diese Dinger besser an, als im Trockenen und auf weichem Teppichboden:

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Velotoze in Rot auf Schweizer Teppichboden vor rotem Handtuch mit Schweizer Kreuz.

Mit Frühstück, Toilettengang, die Klamotten wieder in’s Rad verstauen und einem nicht unerheblichen Anteil für das Anlegen der Überzieher wird es heute die deutlich späteste Aufbruchzeit aller Renntage (den 16 Uhr-Start des Rennens vergangenen Samstag ausgenommen). Um 9:23 rolle ich in den Regen. Yippieeh-Ai-Yeah, Schweinebacke.

Ach, ist doch eigentlich gar nicht so schlimm. Und mit trockenen Füßen kann man weit kommen, denke ich. Leider geht’s nicht lange weiter aufwärts, sondern nach Versam erst mal wieder bergab. Blöd. Blöd so im Regen. Blöd so im kalten Regen. Entsprechend langsam komme ich in den Gang. Anstelle noch Gas zu geben, hänge ich statt dessen die ganze Zeit auf der Bremse.

Nach rd. 9 Kilometer bin ich endlich unten und wenigstens geht es jetzt kontinuierlich bergauf. Erst sehr bedächtig und immer schön durch die Surselva durch Ilanz und Truns. Vor Sumvitg liegt Rabius und da war wieder ein Volg-Markt direkt neben der Straße. Ideal. Direkt angehalten und einen Ovomaltine-Drink, Fanta, belegtes Brötchen und Nusstangen für unterwegs und nochwas zum Kauen eingekauft, dann weiter.

Hinter Sedrun fällt mir zum ersten Mal auf: Oh, die Straße ist ja trocken! Es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen und hier war sogar auch die Straße schon abgetrocknet. Ich war jetzt auch definitiv im Anstieg zum Oberalp-Pass. Das nutzte ich bald direkt für ein kurzes „Drive by“ Shooting. Die Kamera auf ein flaches Stück Geländer gestellt, Timelapse-Modus an und ein paar Mal hin- und her gekreiselt, bis ich ein paar Fotos von mir im Kasten hatte. Dann weiter.

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Vor dem Oberalp-Pass. Wow, es ist mal trocken.

Zumindest ein kurzes Stück, dann sah ich, wie sich der Glacier-Express näherte. Ok, da kann man auch mal ein Foto machen.

Das Trockene war aber auch nur ein kurzes Intermezzo.

Meine Herren, dieser Tag war mal HTFU, wie es im Buche steht. So kalt war mir noch an keinem Pass, weder rauf noch runter (Ok, das eine Mal Albula im Hochsommer, nur Trikot und Gewitterschutt von Bergün bis unten… Siehe weiter oben). Aber das hier? Brrrr. Der Oberalp Pass? Wie gesagt, unten wenigstens trocken. Hielt aber nicht lange an. Ich war bald in den Wolken und der starke Wind blies die Wolkentröpfchen und etwas Regen deluxe in die Fresse. Serpentinen waren lustig. In der einen Richtung nur „Brr“ in der anderen Richtung „oh for Fucks sake…“ Oben war ich froh, in ein warmes Lokal zu kommen und Zwei heisse Kaffee und einen Karottenkuchen zu mir zu nehmen.

Nicht ohne vorher noch ein Passschild-Foto zu machen:

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Nass und kalt oben am Oberalppass

Bis hierhin war aber alles noch im Rahmen. Im Gasthaus dann Knielinge angezogen (mit den Velotoze-Überziehern gab‘s keine Lücke am Bein), die Primaloft-Weste nun auch zusätzlich unter die Regenjacke und – meine extra eigepackten Herbst/Winterhandschuhe mit Membran, yeah! :)

Man kann also nicht sagen, ich wäre nicht vorbereitet. Aber allein das wieder auf‘s Rad setzten war Mimimi. Die Regenjacke war an den Schultern auch schon halb (oder ganz) durch. Es war scheisse kalt auf der Abfahrt. Bin da im Schleichgang runter. Heilfroh, aber komplett durchfroren in Andermatt angekommen war ich dort schon wieder am Ortsausgang angekommen und dachte mir: „Nee, dreh rum. Erst mal aufwärmen, so kommst du nicht sinnvoll durch’s Hospental und auf den Furka“.

Fand in Andermat eine Bar und weitere 2 Kaffee und eine halbe Nusstange später holte ich noch meine Armlinge raus. Mit denen und einer angetrockneten Regenjacke ging es dann erst mal wieder. Zwischenzeitlich war ich ernsthaft am überlegen, ob ich nicht in Andermatt übernachten sollte.

War dann aber froh, wieder aufgebrochen zu sein. Die Straßen waren hinter Andermatt trocken und auch das erste Stück Furka (unter den Wolken) gut zu fahren. Aber auch wieder je nach Serpentinen-Richtung. Am Furka aber immerhin nur zwischen „Brrr“ und „Oh, die Richtung ist ganz angenehm“ :) In den Wolken wieder bäh. Gefangen im Nebel, 20 m Sicht.

Wenigstens in der Auffahrt war ich aber ab der Mitte ganz gut windgeschützt. Meine Watt passten, ich konnte schön zügig und rund hochkurbeln. Der Furka fährt sich da ganz angenehm.

Bald war dann auch CP 2 erreicht. Die Furkapasshöhe! Trotz oder auch gerade wegen dem dichten Nebel sehr beeindruckend mit den meterhohen Schneewänden an den Seiten. Der Furkapass war erst ganz kurz vor Rennstart aus der Wintersperre genommen worden.

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Auf der Passhöhe des Furka, der erst wenige Tage zuvor geöffnet wurde. In den Wolken, mit Niesel und 1 Grad Celsius.

Die Abfahrt war wieder megakalt. Was wunder – es war noch vor Windchill und allem anderen 1 ° Celsius auf der Passhöhe. Also bin ich auch hier fast wieder langsamer runter als hochgefahren. Aber: höre und staune – es riss gerade beim Hotel Belvedere etwas auf. Super – da konnte ich ein paar schöne Fotos machen!

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Das berühmte Hotel Belvedere nahe der Passhöhe des Furkapasses. Wie hätte ich dort nicht stoppen können und kein Foto von ihm und meinem zuverlässigen Rad davor machen? Um so mehr, als dass sich endlich der erste kurze Sonnenschein des Tages blicken liess. Während ich das Foto machte, war ich immer noch am Zittern. Und mehr kalte Abfahrt wartete noch auf mich.

Dann aber wieder weiter frieren und Bergab schleichen. Bis nach Gletsch. Und dann noch weiter runter bis nach Obergoms. „Boah Meine Fresse for F…cks sake, Himmel Arsch und Zwirn! Endlich unten, Gott sei’s gedankt. Hallelujah!“

Endlich unten, endlich wieder treten können. Und etwas Sonne. Ich brauchte aber nochmal ne Stunde, bis mir halbwegs wieder warm wurde. Zwischendrin stehe ich zitternd in der Sonne, windgeschützt vor einem Scheunentor und esse ein Linzer Törtli oder sowas. Dann ging’s weiter. Immerhin gab‘s einen hammermäßigen Rückenwind im Goms. Mit 40 bis 50 km/h brettere ich im Auflieger über die ziemlich leere Straße. Sehr genial. Fast muss ich aufpassen, dass mir der Wind in Kurven nicht die Stabilität raubt. Der nächste größere Ort wird Brig sein.

Durch den vergleichsweise späten Start, mehr aber noch durch die nötigen Aufwärmpausen und das überaus zähe Heruntergeschleiche von Oberalp und Furka habe ich noch gar nicht so viel Strecke zurück gelegt. Bis ich in Brig bin, wird es aber trotzdem Viertel nach Acht sein und ich bin ziemlich durch. In Brig habe ich sofort den zentralen Bahnhof angesteuert, ein Hotel gesucht und bin dann da direkt hinein und unter die heiße Dusche…

Danach schaue ich erst mal, was ich noch so zum Essen habe. Viel ist es nicht. Ich habe aber auch absolut keine Lust, aus dem Zimmer zu gehen und vielleicht irgendeine Pizzaria oder so etwas zu suchen. Ich habe noch ein paar Nüsse und vielleicht ein paar Käsecräcker, da bin ich jetzt gar nicht so sicher, ob ich die an dem Tag schon hatte. Jedenfalls – viel ist es nicht. Reicht aber, um nicht hungrig ins Bett zu gehen. Als Getränk muss es Leitungswasser tun. Bevor ich aber zu Bett gehe, wasche ich wie fast jedes Mal in Hotels schnell noch mein Kit (Trikot, Baselayer und Hose) im Waschbecken, Wringe es erst so, dann in den Handtüchern trocken und hänge es in den Wäscheschrank.

 

Tag 6: Vom Rhône-Tal über den Col de la Forclaz nach Frankreich (205,3 km, 2.391 HM)

Frühstück, Taschenorganisation und aktuelle Rennsituation

Ein gutes Frühstück ist ein guter Start in den Tag – so bin ich auch beim Transcontinental verfahren. Hier beim Three Peaks Bike Race setze ich aber fleissig (bis auf gestern) um, was ich mir vorgenommen habe: Früher los zu kommen. So ein Frühstück kann man mitnehmen, wenn man es zeitig gestaltet und davor die Schlafzeit effizient genutzt hat. Um 7:30 Uhr schlage ich komplett in Race Gear und mit allen Beuteln im Frühstücksraum als erste Person auf. Es gibt ein leckeres Schweizer Frühstück und ich schmiere mir auch zwei Brote für unterwegs.

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Frühstück im Hotel in Brig

Danach geht es hinunter zum Fahrrad. Das Hotel Europa hat einen sehr brauchbaren kleinen Radkeller direkt links neben dem Hoteleingang mit separater Tür. Wo der Schlüssel hängt, hat mir die Dame an der Rezeption am Abend gezeigt.

Ich packe meine Sachen in meine Radtaschen, was wieder recht zügig geht. Meine kleinen Optimierungen im Vorfeld zahlen sich aus. So habe ich alle Sachen für eine Hotelnacht (T-Shirt, Unterhose, Treckinghose, aber auch ein Satz Ladekabel, Steckernetzteil, Sitzcreme, Zahnbürste) in einen kleinen Ultraleicht-Dryback, der dann einfach in die Ortlieb Seat-Pack gesteckt werden kann. Abends genügt dann auch ein Griff, um ihn herauszunehmen. Andere Teile werden dann noch in den Dayback geschmissen und so kann ich mit zwei Beuteln schnell vom Rad zum Zimmer und umgedreht. So will ich nachts natürlich auch den Akkupack und das iPhone und den Wahoo laden. IPhone und Wahoo sind am Lenker, der Akkupack bzw. die Powerbank in der Top-Tube-Bag. Ein paar Aminosäurekapseln und auch die Ohrenstöpsel habe ich dazu noch in der Lenkertasche. Da sollen sie eigentlich auch bleiben. So dass ich diese letztgenannten Teile dann in den Daypack lege, und dann so good to go bin.

Der Radkeller hat auch noch eine gute Standluftpumpe, und wenn die schon mal so zur Verfügung steht, wird schnell auch noch der Luftdruck gecheckt und hinten etwas nachgelegt.

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Standluftpumpe im Radkeller. Sehr praktisch.

Vor die Tür tretend spricht mich noch ein Gast aus dem Frühstücksraum von vorhin an. Ob ich wisse, wann genau heute die Tour de Suisse Etappe starten würde? Ja, stimmt – gerade läuft auch die Tour de Suisse und just heute wird sie von Fiesch aus startend (da bin ich gestern noch durch gefahren) erst über den Furka-Pass und dann über den Klausen-Pass fahren. Uiuiui, das hätte auch eine Kollision geben können. Das letzte, was man in einem Bikepacking-Rennen will, ist, dass Teile der eigenen Route und dazu sogar ein Kontrollpunkt von einer Sperrung aufgrund eines großen Radrennens betroffen sind.

Hinter mir sind zur Zeit noch Nicolas und Sergio. Die beiden müssen den Furkapass noch bezwingen (und kriegen es so gerade noch vor der heutigen Etappe hin, wie ich später sehe). Michal hat die Nacht ein klein wenig weiter als Brig auf einem Campingplatz verbracht. Ist also ein klein wenig vor mir und auch schon gestartet. Bernd, aka „Schleichi“ hält grob den Abstand zu mir, weil er ja immer mitten in der Nacht aufbricht, der Fuchs… ;-) Ein anderer Teilnehmer, Marco aus Österreich, hatte eine komplett exzentrische Route genommen und war für mich irgendwo östlich des Südendes des Gardasees verschollen. Er hat das Rennen dort später aufgegeben. Zumindest war das die letzte Trackerposition, die die Trackingwebseite anzeigt. Alle anderen Teilnehmer waren weiter voraus. Der spätere Sieger war gerade kurz vor Nizza! Glückwunsch auch von dieser Stelle nochmal an Samuel Thompson, der nur 4 Tage, 22 Stunden und 20 Minuten bis an’s Ziel nach Nizza brauchte! D.h. er würde Nizza heute um 14 Uhr erreichen!

Aber wir waren ja bei der Frage, wann heute die Tour de Suisse Etappe starten würde. So genau wisse ich es auch nicht, vermutlich so um 12:00 oder 13:00 Uhr. Ich hatte auch gestern schon Ausschau gehalten, ob ich vielleicht den einen oder anderen Teambus erspähe. Brig als Hotel-Standpunkt für die Nacht wäre sicher naheliegend. Wäre das jetzt hier kein Bikepacking-Rennen, sondern ein Radurlaub, würde ich heute auch glatt nochmal zum Furkapass hochfahren, und mir die Tour de Suisse anschauen.

Tolles Wetter und „Flug durch’s Wallis“ mit Tour de Suisse-Intermezzo

Denn es ist heute endlich wieder schönes Wetter. Strahlend blauer Himmel und es wird warm werden. Also, wenigstens erst mal. Mit all den kleinen Exkursen ist es dann doch genau 8 Uhr 30, als ich los rolle und den Wahoo starte. Aber – viel besser als so oft im letzten Jahr beim Transcontinental. Und auch einer der späteren Starts dieser Rennwoche. Mein Durchschnitt (ohne den Rennstart um 16:00 Uhr) lag am Ende bei 07:39 Uhr. Das ist ein guter Wert, finde ich. Gerade, wenn man am Vorabend erst zwischen 23:00 und 0:00 Uhr wirklich zum Augen schließen kommt. Sieben solide Stunden Schlaf ist optimal – damit kann man nachhaltig Bäume ausreißen. ;-)

Zunächst geht es lange Zeit flach und auch recht gerade durch das Wallis hinab. Richtung Westsüdwest, Richtung Martigny.
Ab und an schaue ich auf den Tracker und frage mich, wo ich Michal einholen werde. Oder ob wir uns verpassen würden, weil vielleicht unsere Routenwahl unterschiedlich ist. Obwohl es nicht so viele sinnvolle Optionen im schmalen Rhône-Tal gibt.

Da sehe ich plötzlich rechts auf einem Hotelparkplatz den Teambus und Fahrzeuge von AquaBlue Sports. Und da stehen ja auch die Minis und der Teambus von Giant Sunweb! Oh cool! Direkt mal anhalten und gucken! :) Die 3T Stradas vom Team Aqua Blue Sports sind ja einerseits recht nett. Und ich war echt schon am überlegen, mir auch mal ein 3T Strada aufzubauen. Trotz diverser Nachteile und Nogos. Z.B. finde ich die Zugführung von oben in das Oberrohr beschissen. Wer Rahmen so plant und baut, sollte echt Buße tun und mal was lernen. Hörst du, Gerard Vroomen!? Auch die 1x Beschränkung ist so eine Sache. Dafür wollte ich so ein Rad auch mal konkret Probe fahren. Sowohl, um zu erfahren, wie sich der Rahmen insgesamt verhält und fährt und wie ich mit 1x zurecht komme. Letzteres kann ich aber auch jetzt schon sagen. Für die Straße finde ich 1x mit 11er oder sogar 12er Kassette Scheiße. Schon der Umstieg von einer 11-30 Kassette auf eine 11-32 Kassette, den ich extra für das Three Peaks Bike Race vollzogen hatte (und der super sinnvoll und hilfreich war) zeigte mir auf, dass ich dadurch schon an einer Stelle im Ritzelpaket halt einen unschönen Sprung in Kauf nehmen muss. Das wäre bei einem 1x System noch viel ausgeprägter. Im Gelände, also für ein Crosser oder ein Gravelbike, dass nicht nur auf glatten und endlos ebenen unbefestigten Wegen bewegt wird, mag das gar nicht stören. Da ändert sich sowieso jeden Meter der Untergrund, der Rollwiederstand und die Neigung. Bei einen Straßenrad, das über glatten Asphalt bewegt wird, merkst du halt schmerzhaft jeden Kadenzsprung, wenn die Steigung nur ganz leicht wechselt und du lieber einen Zahn leichter oder schwerer Ketten würdest. Aber halt nur einen. Und nicht zwei oder sogar drei!

Ein paar Soigneurs und DS laufen schon herum, wir winken uns und ich verziehe mich in den Schatten, um Sonnencreme aufzulegen. Denn der Stern sticht schon ganz gut. Währenddessen tauchen auch ein paar Fahrer um die Ecke auf und verschwinden aber gleich im Bus. Hier ist jetzt Aufbruchstimmung und die Teams brechen zum Startort auf. Ich setze meinen Weg Richtung Martigny fort. In der Folge kommen mir immer mal wieder Tour de Suisse Beteiigte entgegen. Erst ein ganzer Motorradkorso. Das scheinen alle Motorkameras und Verkehrsicherungsmotos zu sein, die da im Block anfahren. Dann die Teambusse von Astana, Bahrain Merida, UAE usw. Coole Sache. So kriege ich doch ein bisschen ProCycling Flair mit. :)

Irgendwie ist für mich gefühlt die Schweiz in Martigny und irgendwo am Col de la Forclaz, der direkt in Martigny startet, zu Ende. Denke ich so, ohne mir den Grenzverlauf vorher genau vor Augen geführt zu haben. Ist Europa und das Schengen-Abkommen nicht eine tolle Sache? So etwas leichtfertig auf’s Spiel zu setzen durch diese ganzen Irren, die aus dem konservativen Lager kommend die Rechten noch weiter Rechts überholen wollen… Da geht mir jedesmal die Hutschnur hoch. Naja, jedenfalls brennen mir noch zahlreiche Schweizer Fränkli in der Tasche, seitdem ich oben auf dem Furkapass meine zwei Kaffee und den Karottenkuchen nur mit einem 50 Euro-Schein bezahlen konnte und das Wechselgeld in Franken erhielt. Die will ich halt noch vor der Grenze ausgeben und so kommt mir im nächsten Ort ein Denner-Markt direkt an der Straße gerade recht.

Entsprechend üppig fällt mein Einkauf aus. Naja, relativ halt. Der Kram muss ja auch über einen Pass. Also müsste er, wenn ich jetzt richtig viel kaufen würde.

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Foodhaul im Denner.

Aber trotz, dass es so gut rollt (und das trotz Gegenwind, der aber nicht all zu stark ist), braucht es noch ein bisschen, bis ich in Martigny bin. Kurz vorher geht es noch über die Rhône.

Gut gelaunt rolle ich durch Martigny, was nicht sehr lange dauert, und bin auch schon auf dem Weg zum Col de la Forclaz. Hinter einem Kreisverkehr geht’s los. Sanft, aber bestimmt nimmt er seinen Anstieg durch Weinstöcke hinweg. Dabei mit jedem Meter einen interessanteren Blick über Martigny und zurück über das Rhône-Tal gewährend.

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Hinaus aus dem Rhône-Tal und hinein in den Col de la Forclaz. Beginnend in Martigny startet der Anstieg sanft durch Weinberge hindurch an.
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Blick über Martigny hinauf und zurück in das Rhône-Tal.

Der sanfte Anstieg bleibt auch immer relativ sanft. Richtig steil wird der Col de Forclaz nie. Bald wechselt die Umgebung aber von Weinstöcken zu Wald bzw. Felsenhängen.

Weil ich mir schön warm ist und weil das Wetter stimmt, will ich nochmal ein paar Bilder von mir beim Pässe-Fahren machen. Gestern das am Oberalp-Pass fand ich nur so lala. War auch nicht in Stimmung für mehr. Hier am Col de la Forclaz finde ich gleich drei Stellen, wo ich meine Kamera an einer Randmauer oder einem geeigneten Holzpfahl stellen kann und wo ich wieder hin- und herkreuzen kann (dabei immer Ausschau nach Vehrkehr halten und den auch mal durchlassen), um ein paarmal gut im Bild zu sein, während die Kamera alle 2 Sekunden ein Foto macht. Manchmal mache ich dann auch noch ein paar weitere Winkel, um später ein Panorama daraus zu bauen. So auch hier und heute. Good Times. :)

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Hallo vom Col de la Forclaz!

Dann geht’s weiter. Bald ist auch die Passhöhe, die eher unspektakulär ist, erreicht. Auch die will natürlich kurz dokumentiert werden und dann geht es schon in die Abfahrt. Sonnig ist es nach wie vor. Aber ohne das schweisstreibende Bergaufkurbeln ist es dann hier doch wieder viel kühler als im Rhônetal. Also Regen- bzw. Windjacke an und los. Das war aber trotz Sonne und trotz Regenjacke immer noch sehr kalt. Der Gegenwind pfiff mir um’s Gesicht. Nicht nur hier sondern später auch noch. Ob das auch noch die Nachwirkungen von Gestern waren? Oder von vergleichsweise wenig Körperfett? Oder alles zusammen mit dem wirklich fiesen und kalten Wind.

In Frankreich und kurzes medizinisches Exposé

Aber egal – es war an diesem Tag besonders schönes Fahren. Auch wenn ich mich mit dem lumpigen, französischen Stück verschätzt hatte. Das fing ja schon damit an, dass ich die französische Grenze eigentlich schon längst erreicht wähnte. Da ich da immer noch nicht war, kam die also noch. Es hätte also immer noch genug Gelegenheit gegeben, meine Schweizer Franken weiter zu dezimieren. Damit war dann aber jetzt Schluss – kurz nach Beginn des nächsten Anstiegs war dann auch Frankreich erreicht. Gut und sehr zügig ging’s fast nochmal so hoch wie vorhin auf dem Col de la Forclaz. Auf den Col des Montets. Zu dem gab es aber nur von der Grenze an 308 m zu klettern, weil die Abfahrt vom Forclaz nicht so lang war.

Chamonix-Mont Blanc lag voraus! Aber der Mont Blanc selbst war leider hinter Wolken. Obwohl es rundherum sonnig war.

In Chamonix halte ich wieder an der erst besten Gelegenheit an einer Art Mischung zwischen Straßencafé und Kiosk an. Eis, Cappuccino, Fanta gibt es für den aktuellen Hunger und Durst.

Der späte Nachmittag ist irgendwie eine komische Mischung. Ich bin gut gelaunt, habe hohen Druck in den Anstiegen, von denen noch einige folgen. Fahre darin mit hohem Zone 3 Anteil, also Tempo. Formtechnisch läuft es super. Das hätte ich ja vorher nicht gedacht. Ich habe auch keinerlei körperliche Beschwerden. Der linke Fuß hält und seit dem Passo Giau mache ich mir um den eigentlich keine Sorgen mehr. Bei beiden Knien hatte ich anfangs so Tag 2 und 3 immer mal wieder in mich hineingehorcht, ob da Probleme entstehen. Dachte auch, dass ich vielleicht einen Milli-Mikrometer zu tief sitze. Fand das dann aber (vom Kopf her) gerade gut (gerade auch für die Aufliegerposition) und habe nichts geändert. War auch gut. Waden bzw. Achillessehne hatten überhaupt nie gemuckt. Das ganze Rennen nicht. Nur die beiden kleinen Zehen am linken Fuß waren seit dem dritten Tag wieder latent taub. Das hatte ich schon, da aber später, beim Transcontinental Race festgestellt. Sonst ging es mir hervorragend.

Aber es zieht sich trotzdem. Ich dachte bei der Planung, da schneller durchzukommen. Auch heute das tägliche Spiel: Wo bin ich denn, wo werde ich heute noch hinkommen, wo will ich heute noch hinkommen? Wo ist Bernd? Wo mag er heute stoppen? Michal hatte ich längst überholt, wie ich auf dem Tracker schon in Martigny sah. Später am Tag las ich in der facebook Gruppe, dass er Probleme mit den Sehnen hatte (möglicherweise auch durch den kalten und nassen gestrigen Tag und das ganze Pässeklettern). Er ist quasi durch’s Wallis geschlichen und musste sehen, ob und wie er den Forclaz hochkommt.

Ich selbst wollte mindestens mal noch bis nach Albertville. Noch lieber aber noch schon mal in das Maurienne einbiegen. Z.B. nach Aiton oder Aiguebelle. Aber da sah’s sowohl nach Google Maps als auch nach Booking.com zappenduster aus. Hmm. Erst mal überhaupt bis nach Albertville kommen.

Nicht weit hinter Chamonix gab es zuvor das Hindernis der Nationalstraße N205 zu überwinden. Das ist die einzige Straße, die sich durch das enge Tal herauswindet. Alternativ muss man erst links, dann rechts die Hänge auf kleinen Straßlein kurvig serpentinig hoch und runter. Dazu hatte ich gar keine Lust. Schon bei der Planung nicht. Aus Komoot und Co und auch aus Google Streetview ging jetzt nicht hervor, dass diese Straße für Fahrräder gesperrt war. Sie sah aber schon in der Streetview sehr unschön aus. Mehrspurig, heftig befestigt, viele Schilderbrücken usw. Mehr nach Autobahn als nach Schnellstraße. Für das erste Stück würde es wohl gehen, beschloss ich in der Planung.

Ja, Flöte gepfiffen. Kaum vom Örtchen Les Houches einen steilen Stich heruntergerollt, um auf die Straße zu fahren, grüßt mich da ein Kraftfahrstraßen-Schild! Oh Mist! Da mir meine Gesundheit lieb ist und ich auch regelkonform fahren will (und dazu gehört halt auch, die Verkehrsregeln einzuhalten und das ganz besonders im Hinblick auf für Fahrräder erlaubte Straßen), muss ich also umdrehen. Seufz. Erst den steilen Stich wieder hoch und dann der kleinen Straße durch den Wald und weiter hinauf folgen. Erst auf der einen Hangseite hoch, dann wieder herunter, dann später auf der anderen Hangseite wieder hoch und wieder herunter. Bei Le Fayet geht’s kurz drauf dann wieder hoch. Über die Route du Fayet Richtung Megève. Das ist bei km 170 erreicht. Erst lasse ich vor Megève noch einen 24h Carrefour links liegen. Nur um dann in Megève selbst festzustellen – hmm, blöd, so richtig bietet sich hier direkt an der Straße auch nichts an und eigentlich brauche ich was. Halte dann am Ortsausgang an einer Tanke an, die aber leider kaum Auswahl bietet. Also kaufe ich mir da nur eine Fanta und ein kleines Eis.

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Unverhofft kommt oft. Diesen schönen kleinen Wasserfall erspähe ich bei dem umständlichen Weg um die Talenge herum: Die Cascade de Chedde.
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Nach Le Fayet schon fast oben auf der Höhe und noch vor Megève: Toller Ausblick über das Faucigny und Passy und Sallanches.

Kurz hinter Megève halte ich in Praz-sur-Arly an, da ist tatsächlich noch ein offener Sherpa-Markt. Es ist jetzt 19 Uhr abends. Da besorge ich erst mal Richtig Proviant. Ein Baguette, einen Camenbert, Joghurt, einen Apfel, Mineralwasser und Schorle. Vor dem Markt esse ich dann den Joghurt und den Apfel, trinke etwas und verstaue Baguette und Camenbert in meinen Daypack. Das wird schon mal Frühstück und vielleicht Abendessen. Egal wo und wie ich übernachte.

Bis nach Albertville geht’s jetzt nur noch bergab. In Albertville nochmal der ausführliche Check in Booking.com. Nein – Richtung Maurienne gibt es da wirklich nichts. Mist. Na gut, dann also was in Albertville. Auch hier ist die Auswahl nicht so riesig. Aber immerhin finde ich etwas günstiges, was auch ganz nah meiner Route und auch wenigstens noch ein Stückchen weiter Richtung Maurienne liegt. Also auf dahin. Bei der Anfahrt komme ich noch an einem McDonalds vorbei. Exzellent! Also nochmal richtig Abend essen, bevor es dann zur Unterkunft geht. :) 35 Minuten ist meine Pause da, dann bin ich in Null komma nichts im Hotel.

Ahhh – das ist so ein zweigeschossiges „Plastikzellen“-Container-Hotel. Sehr preiswert, sehr minimalistisch. Aber mit zwei hilfsbereiten Damen an der Rezeption. Auf dem Weg zu früheren Starts will ich jetzt morgen auch früh los und auf das Frühstück verzichten und frage also, wo ich mein Rad abstellen kann, dass ich morgen schon um 06:00 Uhr das Hotel verlassen kann. Es folgt eine längere Konversation zwischen beiden Damen, die überlegen, wo ich mein Rad hinstellen kann, damit ich nicht die Alarmanlage auslöse. Oh je – sie finden aber eine sehr praktikable Lösung so das ich mich alsbald den Komfort-Eigenschaften des Hotels hingeben kann. Wie Duschzelle mit Tür direkt vom Gang hier oder Toilette da. Aber – es ist sauber und erfüllt seinen Zweck. Und das Bett gewährt guten Schlaf. Mehr braucht es nicht. Und alles gab’s für 45 Euro. :)

 

Tag 7: Der Süden winkt – über Col du Télégraphe, Col du Galibier und Col de Vars (205,1 km, 4.106 Höhenmeter)

Um 6 Uhr stehe ich tatsächlich fix und fertig unten im Eingangsbereich. Packe dann aber noch fix mein Rad und setze mich an einen der Frühstückstische, um aus dem mitgebrachten Baguette und dem Camenbert mehrere handhabbare Sandwichstücke zu machen, die dann zum Verzehr in die Foodpouch wandern. Das ganze wird noch mit etwas Curry-Sauce garniert, die ich vom McD Besuch des letzten Abends eingepackt hatte. Dann geht es los: Um 06:28 Uhr rolle ich Baguette kauend in die frische Morgenluft! Es ist Freitag und es sind nur noch 356 km bis nach Nizza. D.h. ich werde das Ziel morgen auf jeden Fall erreichen. Heute steht erst mal der Col du Galibier und damit der dritte und letzte Kontrollpunkt an. Und danach wahrscheinlich noch der Col du Vars. Und vor dem Galibier der Col du Télégraphe.

Alle drei kenne ich schon von einer sehr schönen Rennradreise über die Route des Grandes Alpes vom Genfer See zum Mittelmeer. Jetzt muss ich von Albertville aber erst mal ins Maurienne und dann das Maurienne ein gutes Stück hinauf bis nach Saint-Michel-de-Maurienne.

Das Fahren durch Aiton und Aiguebelle bestätigt die Entscheidung vom Vortag. Ob es hier eine Unterkunft gegeben hätte? Möglich, aber wäre wohl schwierig gewesen. Danach geht es erst mal recht schnurgerade voraus. An flacher Hauptstraße immer nahe dem Seitenstreifen lang. Lässt sich aber gut Fahren und der Verkehr hält sich doch sehr im Rahmen.

Irgendwann führt mich meine Route doch etwas ruhiger über kleinere Straßen und durch zwei kleinere Orte. Einer davon ist La Chapelle. Da komme ich an einer offenen Boulangerie mit Miniladen vorbei. Ich erstehe Pain au Chocolat und Joghurt. Den Joghurt esse ich noch an Ort und Stelle und die langen, gezwirbelten Stangen des Pain au Chocolat wandern in die Food Pouch. Aber nicht lang. Schon bald beginne ich, diese von oben an während des Fahrens schon mit dem Mund abzubeissen. :)

Oh wow! Ein so geniales Schokobrot bzw. Schokohörnchen hatte ich noch nie. Die Schokolade zuerst auch noch warm und super zartfließend und aromatisch. Genial! Das hebt die Stimmung nochmals mehr. :

Vorbei an der teilweise gestauten Arc fahre ich nach Saint-Jean-de-Maurienne bald auch in Saint-Michel-de-Maurienne hinein. Da wird es dann rechts ab und hinauf in den Col du Télégraphe gehen.

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Im Maurienne geht’s mal flach, mal ganz sanft aufwärts. Und mal etwas weiter und mal etwas näher an der Arc entlang.

Vorher aber noch ein schöner Café au Lait im Sitzen und etwas Proviant-Aufnahme. Ideal vereint an einer weiteren kleinen Boulangerie direkt an der Straße. Davor stehen auch zwei kleine runde Alutische in der Vormittagssonne. Passt doch. Innen drin vor der Theke eine Schlange, die aber schnell vorankommt. Und auch hinter mir kommen immer weitere Leute hin den Laden. Scheint ja gut zu sein hier. Und wie. Wow – das ist mal eine Theke. Eine „Treibstoff-Tankstelle“ wie sie sich Radfahrer wünschen.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Schön, dass hier überall Schildchen dran stehen. So kann ich gut bestellen, und bekomme auch noch Tips und Korrekturen zur Aussprache.

Ein leckeres Nusstörtchen (Wahnsinn, wie geil und ebenfalls noch fließend die Walnüsse im Zuckerguss auf den Nusstörtchen sind), ein Flan-Törtchen mit Kirsch, zwei Café au Lait, und ein dickes, hochdicht gebackenes Rosinen-Roggenbrötchen wandern über die Theke auf ein Tablett. Damit setze ich mich draußen hin. Das Nusstörtchen verpacke ich in Servietten, das Flantörtchen esse ich direkt und auch das Rosinenbrötchen wandert ganz zuunterst in die Food Pouch.

So kann’s in den Col du Télégraphe gehen. Der Télégraphe steht ja stets im Schatten des Galibier. Wer über den Galibier will, muss halt zwangsläufig immer auch über den Télégraphe. Deswegen gibt es diese beiden Pässe immer im Doppelpack.

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Im Anstieg zum Col du Télégraphe

Unterwegs halte ich mal für ein paar Fotos an, oben auf der Passhöhe halte ich mich aber gar nicht auf. Nur kurz rechts ran, die Weste übergezogen und dann geht es direkt in die nicht allzulange Abfahrt nach Valloire. Im Ortseingangskreisel spricht mich irgendwie die Holzskulptur einer Gemse an, so dass ich mein Rad dort drapiere und ein paar Fotos mache. Während ich schon wieder die Kamera wegstecke kommt ein Rennradfahrer vorbei und ruft nur kurz ohne Hallo oder Bitte „Galibier… right way?“

Manche Leute…

Naja – ich setze mich wieder auf mein Rad und fahre auch direkt weiter. In Valloire brauche ich nichts, der Galibier wartet.

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In Valloire

Col du Galibier

Der Col du Galibier. Einer der ganz großen Namen unter den Gebirgspässen. Berühmt aus Film, Funk und Fernsehen… bzw. natürlich der Tour de France! :)

Bereits 1911 hat die Tour den Galibier in ihren Parcours aufgenommen. Es war damals erst die fünfte Tour de France überhaupt und der Col du Galibier war der erste Alpenpass, den sie überquerte. Seit dem ist der Galibier regelmäßiger Bestandteil. Weit über 30 mal wurde er schon im Rahmen der Grand Boucle überquert. Entsprechend berühmt und anziehend ist der 2642 m hohe Gigant gerade für Rennradfahrer.

Das zeigte sich auch an diesem Tag. Wahrscheinlich gibt es keinen Tag, wo kein Rennradfahrer den Col du Galibier befährt. An einem schönen sonnigen Tag werden es sicher Dutzende, wenn nicht Hundert(e) sein.

Was aus dreierlei Gründen toll ist: Autofahrer sind Radfahrer noch mehr gewohnt als in Frankreich in den Alpen sowieso schon und respektieren sie entsprechend, es gibt viele gleichgesinnte, die man grüßen und die man als Ansporn nutzen kann und es lohnt sich für Fotografen, sich oben an fotogenen Stellen an den Straßenrand zu stellen und den lieben langen Tag nichts anderes zu machen, als vorbeikommende Radfahrer zu fotografieren. Danach bekommt man schnell eine Visitenkarte zugesteckt und kann sich später schöne Bilder von sich selbst (für einen entsprechenden Preis) herunterladen.

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Verträumt und zufrieden am Col du Galibier. (Foto: Griffe Photos)

Zurück zum Ansporn. Das Wetter war schön, der Galibier war die Hauptaufgabe des Tages, danach würden nur noch zwei Pässe zwischen mir und dem Mittelmeer liegen: der Col de Vars und der Col de la Bonette. Mir ging es super und es lief einfach schön rund. Da bin ich in weiten Bereichen einfach Zone 3, also Tempo, gefahren. Ein paar Radler habe ich während des langen Anstiegs überholt, selbst überholt wurde ich nur von ganz wenigen; vielleicht zwei oder drei. Den Radfahrer, der unten im Kreisel in Valloire so kurz die Frage nach der Richtung zum Galibier gebellt hatte und den ich voraus fahren lies, hatte ich längst überholt, als ich für eine Snackpause anhielt. Jetzt war dieses leckere Walnusstörtchen dran. Dafür hielt ich extra an einem der zahlreichen Mülleimer. Tolle Servietten, muss ich sagen. Weder waren die durchgeweicht, noch rissen oder klebten sie an der doch sehr lauffähigen Nuss und Zuckerguss Mischung, die ich von ihnen teilweise ablecken musste. Das hätte auch anders aussehen können. So war’s super lecker und Raketentreibstoff. Und auch nach dieser Snackpause war ich noch vor ihm. Läuft.

Ein, zwei kurze Fotostops waren auch drin, obwohl ich sagen muss, dass der Galibier bei aller Berühmtheit nicht mein Lieblingspass ist. Da gibt es viel schönere. Der Galibier ist halt durch die Tour de France berühmt. Ok, fair enough. Aber das geht nicht in meine Wertung ein. Aber es ist auch kein hässlicher oder doofer Pass. Ein herausfordernder Pass mit Renommee, da können wir uns drauf einigen. ;-)

2015 bin ich ihn schon mal gefahren. Damals nur One-Way. Von Valloire zur Passhöhe und wieder hinab nach Valloire zum Hotel, weil die andere Seite und die Fortführung der Route des Grandes Alpes nach Col du Lautaret durch einen Bergrutsch nicht befahrbar war. Da war das Wetter auch schlecht, so dass ich oben leider in den Wolken stand. Ich war gespannt, wie es da bei Sonne aussieht.

2015 war ich schneller. Was Wunder, war ich doch damals nur mit leichtem Rennrad und nicht mit vollem Bikepacking-Ornat unterwegs. Und wir hatten schöne, kompakte Tagestouren von rd 100 km. Nicht 200 km und mehr. Aber: über die 1 Stunde 35 Minuten hatte ich damals nur 178 Watt im Mittel gefahren. War also relativ konservierend da hoch gefahren.

Hier und heute brauche ich mit meinem Snack- und Fotostop 1 Stunde 50 Minuten. (in Bewegung 1:44 h). Trete dabei aber im Schnitt (inkl. Stops) 187 Watt. Habe also mehr geleistet. Und bin wie gesagt in weiten Teilen auch Tempo gefahren. Die Zone 3 fing bei mir während des Three Peaks Bike Race bei 192 Watt an und ging bis 230 Watt.

Tja – Warren Barguil ist der King of Mountain auf Strava für das entsprechende Segment von Valloire zum Col: 48 Minuten und 30 Sekunden hat er für seine Bestzeit gebraucht. Aber – der hatte ja auch keine Bikepacking-Taschen am Rad… ;-)

Ich komme bestens gelaunt auf der Passhöhe an. Wie zu erwarten ist das Passschhild hoch begehrt. Eine ich glaube holländische Radsportreisegruppe ist da. Einige Teilnehmer sind schon oben und machen Fotos, vereinzelt kommen weitere an und werden frenetisch abgefeiert. Dankenswerterweise ist also für genug Kamera-Personal gesorgt, es gilt sich nur in die Schlange für das obligatorische Passschild-Foto einzureihen…

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CP 3 und damit der finale Checkpoint des Three Peaks Bike Race 2018 erreicht – Euer freundlicher Autor auf der Passhöhe des Col du Galibier.

 

Danach nehme ich noch ein wenig die Stimmung hier oben in mich auf, mache noch ein paar weitere Fotos und mich dann auf in die Abfahrt. Die für mich noch unbekannte Seite des Col du Galibier. Sie führt ganz nett und interessant hinab auf eine Höhenstufe, die sich als Col du Lautaret entpuppt. Ohne jeden Gegenanstieg geht es für mich aber sofort weiter links ab Richtung Briançon, das aber noch etwas über 20 km entfernt ist. Bis dahin geht es endlos hinab. Und das zunächst vergleichsweise steil und nahezu ohne jede Kurve bis fast nach Le Monêtier-les-Bains hinab. Erst da wird’s flacher und ich wechsele in Teilen auf kleine Nebensträßchen. Wow! Zwar zeigt mir die Strava-Auswertung, dass ich in der Spitze „nur“ 68 km/h erreicht habe, aber während des Hinabrollens kam es mir vor, als würde das Sirren des Freilaufs nie aufhören und ich began mir schon auszumalen, wie heiss, so ein Freilauf werden kann und ob mir vielleicht bald das Hinterrad verglüht… Aber geil war’s.

Irgendwann bin ich dann in Briançon. Auf halber Ortseinfahrtshöhe ein Kreisel und die goldenen Bögen direkt voraus. So ein McDonalds spricht mich auf Bikepacking-Touren doch immer sehr an. Ich kenne das Angebot und weiss, was ich erwarten kann. Ich weiss, dass alles, was ich brauche, da ist: Getränke, schneller Zuckerpush (Cola, Milchshake und oder Eis), Proteine, Kohlehydrate, warmes Zeugs, kaltes Zeugs, Zeugs zum mitnehmen in guten, handlichen Portionsgrößen (Cheeseburger), Toillette, freies Internet und gute Möglichkeit, das Rad vor Ort und direkt in Sicht oder sogar neben dem eigenen Tisch anzuschließen. Und die Bedienung ist Zack Zack – meistens jedenfalls. Perfekt. Nur in Punkto Trinkwasser für die Flaschen kann es manchmal sein, dass die Toilletten dazu ungeeignet sind. Manchmal – so auch hier in Briançon – gibt es nur heißes, bzw. warmes Wasser an den Waschbecken.

Ich kette als mein Rad draußen im Außensitzbereich an, gehe hinein und bestelle über die Touchpanels mein Essen, bezahle am Terminal mit Karte und setze mich wieder schön draußen neben mein Rad und checke erst mal die sozialen Medien und die Tracker-Seite. Währenddessen kommt auch meine Bestellung an. Ach ja, so lässt es sich aushalten. :)

Ich lerne: das Uhr-Symbol, was bei der Auswahl des Desserts vorbelegt war, bedeutet wohl, dass man nochmal aufstehen und mit seinem Kassenzettel an die Theke wackeln muss, damit man dort nun kundtut, genug verdaut zu haben und jetzt das Eis haben zu wollen. Ok – beim nächsten Mal also das Uhrsymbol wegklicken. Ich will mein Eis sofort! :)

Der Col de Vars muss noch rein

Nach 48 Minuten Aufenthalt verlasse ich das McDonalds wieder. In Briançon selbst ist verkehrtechnisch nur Stau angesagt. Die halbe Stadt scheint aufgerissen zu werden, über all Baustellen. Das war nach den vielen ruhigen Strecken, den kleinen Nebenstraßen oder auch den vergleichsweise einsamen Passfahrten der letzten Tage und auch des heutigen Tages eine richtige Zäsur. Ich war froh, dann endlich aus Briançon draußen zu sein. Von der Festung und den anderen Sehenswürdigkeiten habe ich sonst nichts mitbekommen, die lagen fernab meiner Route. Ich wollte nur schnell weiter Richtung Guillestre, dem kleinen Ort, wo der Anstieg zum Col de Vars beginnen würde. Dem Tal der Durance folgend, war ich auch zügig dort. Bei Mont-Dauphin zweigt meine Route von der Hauptstraße links ab, ich verlasse das Tal der Durance und fahre über ein kleines Brücklein über den Fluss Le Guil auf Guillestre zu. Und fahre erst gar nicht durch das Ortszentrum, sondern südlich vorbei, direkt Richtung Anfang des Col de Vars.

Es ist jetzt kurz nach 6 Uhr abends, 180 Kilometer, 11 h 40 Min Fahrt, der Col du Télégraphe und der Col du Galibier liegen hinter mir. Let’s do this, denke ich mir und fahre nach einem schnellen Foto entschlossen in den Col de Vars. Noch ist es schweißtreibend warm, die Schatten werden aber schon länger. Den Col de Vars will ich heute auf jeden Fall noch anfangen. Mindestens mal bis zum Ort Vars selbst. Alleine schon, um auch die 200 km voll zu machen. Auch den Col de Vars bin ich bei meiner Rennradreise im August 2015 bereits schon einmal gefahren. Den damals aber richtig Vollgas. Ich hatte mich fototechnisch im Vorfeld etwas aufgehalten und die Reisegruppe war schon deutlich voraus. Das galt es aufzuholen und ich hatte Spaß, mal richtig Gas zu geben. Deswegen führ ich den ersten Teil bis vor Vars mit einem 12,2-er Schnitt und gemittelten 239 Watt. Heuer fahre ich in diesem Segment 8,4 km/h und in Grundlage mit 162 Watt im Schnitt.

Von 2015 kenne ich auch den Ort Vars, der mir damals vergleichsweise groß mit diversen Hotels und Geschäften vorkam. Da sollte sich doch was zum Übernachten oder wenigstens zum Proviant einkaufen finden lassen!? Dooferweise bin ich ja auch direkt durch Guillestre durchgefahren, bzw. hatte es links liegen lassen. Hmm. Fast das ganze erste Drittel des Col de Vars grübelte ich über meine Optionen und befragte Tante Google Maps….

Denn jetzt war ich im Col de Vars und jetzt musste ich Taten folgen lassen. Wo sollte ich denn nun heute nacht Schlafen? In Vars in einem Hotel oder einer Pension? Würde sich eine finden lassen? Wenn nein – welcher Ort kommt denn danach und wie weit ist es bis dahin? Etwa sogar noch nach Jausiers fahren? Das wäre aber bestimmt 22:00 Uhr geworden. Und da gab‘s auch nichts mehr mit verfügbarer Check-In-Zeit, sagte Booking.com. Überhaupt war das Angebot recht spärlich.

Noch spärlicher, absolut Null, war das Angebot im ersten Örtchen nach der Abfahrt vom Col de Vars, in Saint-Paul-sur-Ubaye. Aber immerhin ein Gasthof und ein Campingplatz laut Google Maps. An‘s Telefon ging aber keiner ran… Hmm. Egal, weiterfahren. Halb dachte ich mir „ach Gott, wenn halt nichts passt, dann Biwak auf der anderen Seite“

Aber bisschen was für die Nacht und besser auch noch für ein Frühstück außer meinen Notfallrationen wäre schon angebracht. In Vars gibt‘s doch Läden. Aber wenn, dann machen die spätestens um 20:00 Uhr zu (wie z.b. der Sherpa-Markt in Megéve). Ja, dann mal mehr Watt auf‘s Pedal, Vars ist noch ein Stück. Tja, um 19:58 war ich in Vars, musste aber feststellen, dass da absolut tote Hose und Grillenzirpen angesagt war. Am Sherpa-Markt hing ein Schild: Geöffnet bis 16:00 Uhr. Oh Mist, der reinste Wintersportort, trotz diverser Rad- und Mountainbikeplakate, die auch ein gewisses Sommerangebot versprachen. Wohlmöglich war noch keine Saison. Nun gut – dann also nur neues Trinkwasser vom Brunnen in Vars in die Flaschen gefüllt und für‘s Abendessen die Aussicht auf mein dickes Roggenrosinenbrötchen von heute Morgen plus eine Tüte gesalzene geröstete Nüsse…

Dann konnte ich ja jetzt wieder in normalem Tempo bis zur Passhöhe weiterfahren. Das schöne kleine Seelein lag leider schon in tiefen Schatten. Aber Fotos an der Passhöhe selbst mussten natürlich noch sein:

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Nahe der Passhöhe des Col de Vars

Danach die Abfahrt, die schon wieder empfindlich kalt wurde und weitestgehend im Schatten lag.

4 Sterne-Biwak für die Nacht

Das Örtchen Saint-Paul-sur-Ubaye liegt auf halber Höhe der Passabfahrt und immer noch auf 1500 m über dem Meer. Da war‘s natürlich noch toter als in Vars. Die in Google Maps verzeichnete Herberge: Komplett verrammelt. Der am Ortsausgang liegende Campingplatz: eine kleine Fläche, etwa ein viertel eines Sportplatzes, halb Schotter, halb Rasen und ohne jede Infrastruktur außer einem kleinen Viereckigen Häuschen mit Flachdach ohne Dachüberstand und ohne alles. Keine Bank, nichts. Hmm. Mist. Also Biwakieren. Denn es war 21:20 Uhr und ich hatte keine Lust, noch weiter bis nach Jausiers zu fahren.

Am Eingang des Örtchens kam ich vorhin an einer kleinen Holzbude vorbei. Da hatte ich schon in weiser Voraussicht geprüft – ist die vielleicht offen? Vor die Kabufftür war eine Holzbank geschoben, die schob ich testweise weg und ja, das kleine Ding war offen! Und noch warm von der Hitze des Tages. Sehr geil, schon mal die erste Option, falls die Herberge nichts sein würde, was sich ja kurz darauf bestätigte. Ich hatte nämlich nach den Erfahrungen mit meinem Biwaksack, ohne jeden Schlafsack und der Kälte schon auf der Höhe von Meran keine Lust zu erfahren, wie kalt die Nacht auf 1500 m werden würde.

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Eine kleine Holzhütte vor dem Ort Saint-Paul-sur-Ubaye (am folgenden Morgen fotografiert)

Aber noch war ich ja hinten im Ort, gerade vom Camping-Schotter-Platz kommend. Hmm, das Gebäude da… Leicht vom Weg zurückgesetzt, halb schottrige Zufahrt, etwas breitere Treppe und Doppelglastür. Irgendwas sagte mir: Versuch doch mal die Klinke dort herunter zu drücken… Offen! Ah genial. Das schien so eine Art Gemeindehaus zu sein. Mit kleinem Eingangsfoyer, das über zwei breite Treppen in einen größeren Saal mündete. Hah! Geschützt für die Nacht. Schnell prüfte ich, ob ich einen anderen Ausgang hatte, sollte nachts jemand doch noch den Eingang abschließen. Ja, gab es. Ideal! Schnell das Rad geholt und mich in die hintere Ecke bei neben einen kleinen Küchenbereich verzogen und während es von außen noch etwas hell war, innen auf dem Fußboden meine Luftmatratze und mein Biwak ausgebreitet. Dann setzte ich mich zufrieden noch auf einen Bankstapel und mümmelte an meinem trockenen Rosinen-Roggenbrötchen und an den gesalzenen Nüssen.

Tjo, würde doch wohl hoffentlich warm genug sein. Kalt war es hier drin jedenfalls nicht. Ich erkunde ein wenig. Aha, hier eine Spüle, da ein Kühlschrank – aber nichts drin. Da hinten geht’s zu den Toiletten. Spitze. Das reicht erst mal. Ich checke das Internet. Wo stehe ich, wo sind die anderen. Was sagt die Tracking-Seite, was die facebook-Gruppe des Rennens?

Exkurs Tracking und Rennsituation

Apropos Tracking. Die Geräte, die Adventure Bike Racing von einem Dienstleister gemietet und uns Teilnehmern für das Rennen zur Verfügung gestellt haben, scheinen nicht die allerbesten Teile zu sein. Adventure Bike Racing ist da unschuldig, das Service-Versprechen des Dienstleisters steht anscheinend diametral zur tatsächlichen Performance der Dinger. In der Theorie sollte absolut kein Laden des internen Akkus über so eine Woche notwendig sein. In der Praxis konnte man schon ab dem dritten Tag erkennen, dass bei den meisten Einheiten die Akkustände, die praktischerweise immer bei der Trackingposition der Webseite angezeigt werden), schneller sanken als die Restdistanz bis zum Ziel. Zwei Tracker waren schon vorher aus anderen Gründen ausgefallen und meiner und auch Michals Tracker hauchten ihr letztes Prozent Akkuladung am frühen Morgen des heutigen Tages aus.

In der Theorie wären das ganz nette Tracker. Keine Spottracker, der Rückkanal nicht Satelliten-, sondern GSM-Netz-basiert. Etwas kleiner als Spot-Tracker und auch nicht ganz so anspruchsvoll, was freie Sicht mit der Oberseite zum Himmel angeht. In der Praxis fand ich deren Performance auch mit voller Batterie nicht so prall.

Laden wäre möglich gewesen, hätte man ein Mini-USB-Kabel gehabt. Nur – wer hat heutzutage ein Mini-USB-Kabel? Powerbanks, Wahoos, Garmins, Android-Phones – alle nutzen heutzutage Micro-USB. Tja.
Interessanterweise war aber auch die Position von Bernd mit Fragezeichen zu versehen. Er verwendete seinen eigenen Spot-Tracker, der mit der Trackingseite gekoppelt war.

So waren also die meisten noch im Rennen verbliebenen Fahrer (unabsichtlich) im Stealth-Modus.

Nico und hinter im Sergio konnte ich noch sehen, bzw. über ihre facebook-Posts ausmachen. Ich hatte seit diesem Morgen meine Position auch des öfteren über Tage per Twitter und facebook kundgetan. Beide waren noch deutlich vor dem Galibier.

Michal hatte seine Sehnenprobleme vom Donnerstag überwunden, nur um sich dann eine Lebensmittelvergiftung einzufangen. Er schrieb gerade an diesem Abend, dass er so eben noch den Galibier geschafft hatte und jetzt auf dem Camping-Platz in Briançon wäre. Am nächsten Tag würde er darüber dann mitteilen, dass er das Rennen aufgibt. Er sollte dann später von seinen zwei Freunden mit dem Auto abgeholt werden, Jan und Kiwi.

So sah das also hinter mir aus – noch Luft bzw. einer nach dem anderen und schließlich auch Michal leider weggebrochen.

Vor mir war der Zweitplatzierte des Rennens bereits heute morgen um kurz vor 01:00 Uhr in der Nacht in Nizza angekommen – Tomáš. Thomas aus den Niederlanden vollendete das Podium und war seit heute Mittag um 14:30 Uhr im Ziel. Ihm eng auf den Fersen war Patrick, der Kurier aus Wien, der um kurz vor vier Uhr Nizza erreichte.

Jan war noch unterwegs, aber schon gut voraus. Er würde das Ziel früh am morgigen Samstag erreichen. Kurz vor 8 Uhr wird es dann sein.

Bleibt nur noch einer, der vielleicht in Schlagweite ist: Bernd. Aber seine Trackingposition gibt mir wie oben beschrieben auch Rätsel auf. Mal ist sie lange konstant, obwohl ich aus Postings und im Nachgang aus seinem (sehr lesenswerten) Bericht (findet ihr hier) weiß, dass er da in Bewegung sein muss. Dann springt sie wieder weiter. Über den frühen Abend dachte ich, dass er auch irgendwo auf halber Höhe des Col de Vars eine Unterkunft gefunden hatte. Jetzt war sein Tracker plötzlich schon im Anstieg des Col de la Bonette!? Hmmm?

Es stellte sich heraus, dass er am späten Nachmittag – muss wohl in meiner Zeitrechnung eher ein früher Abend gewesen sein – in Jausiers entschieden hatte, einfach weiter und über den Bonette zu fahren. Aha, naja, den hole ich dann auch nicht mehr. Selbst wenn er sich da an Ort und Stelle schlafen gelegt hätte, würde er eh wieder wie gewohnt früh aufstehen und würde den Abstand wahren, den er vor mir schon seit der ersten Nacht hatte. Nicht schlimm.

Am nächsten Morgen würde ich in der facebook-Gruppe einen Post von ihm vorfinden, ohne Worte, nur mit Foto und gepostet nachts um 03:22: Das Ortsschild von Nizza im Ratzedunklen. Er ist durchgefahren. Chapeau! Und – wieso? ;-)

Wieder zur Nachtruhe

Ich würde auch morgen ins Ziel kommen. Jetzt erstmal schön schlafen und etwa um 07:00 aufstehen, um sich einerseits früh aus meiner heimlichen 4-Sterne-Unterkunft zu verkrümeln, aber auch a) guten Schlaf zu bekommen und b) nicht schon in der allerkältesten Morgenstunde die schattige Abfahrt nach Jausiers in Angriff nehmen zu müssen und c) in Jausiers nicht früher anzukommen, als da irgendeine Bar oder Boulangerie geöffnet hat.

So der Plan. Dann höre ich vorne etwas an der Tür. Wird abgeschlossen oder kommt jemand hinein. Hmm, es scheint jemand hineingegangen zu sein. Kommt er hier in den Saal? Glücklicherweise nicht. Ich kann die Geräusche nicht zuordnen – ist die Person in eine andere Tür oder wieder herausgegangen? Stille. Ich bin auch still und versuche, mich nicht auf meiner Luftmatratze zu bewegen, weil es sonst knarzt. Dann höre ich wieder was. Ist da jemand in einer Abstellkammer oder einem Keller und werkelt was? Dann Stille. Egal, ich will eh pennen, hier scheint keiner mehr hineinzukommen. So war es auch. Am nächsten Morgen ist die Tür auch noch auf. Also zugeschlossen hatte da keiner.

Aber das mit der Kälte und dem nächtlichen Aufwachen bleibt mir auch hier in meinem Indoor-Biwak nicht erspart. Verdammt! Es ist hier in dem Saal nicht kalt. Und doch – ohne eine Dusche und auch trotz abreiben meiner Gliedmaßen mit Hygienetüchern vor dem Schlafen lagen wird mir einfach nicht richtig warm. Bleibe ich auch mit übergezogener Treckinghose und mit Primaloftweste und mit Regenjacke zu kalt und wache schon um halb vier auf und davor und danach finde ich nicht wirklich in den Schlaf. Also stehe ich um 4 Uhr auf. Frühes Losfahren wäre ja ganz nett. Aber mir ist ja jetzt schon kalt. Ich will einfach nicht in eine noch kältere Abfahrt und ich will und kann nicht ohne Verpflegung durch ein geschlossenes Jausiers in den Anstieg zum Col de la Bonette fahren. Der mit seinen 2715 m über dem Meer das Dach des Rennens darstellt und mit der Extraschleife um die Cime de la Bonette den Titel der höchsten asphaltierten Passstraße der Alpen für sich in Anspruch nimmt (ohne es aber tatsächlich zu sein).

Sehr blöd. Ich nutze erst mal die Vorteile der vorhandenen Toilletten und fließenden Wassers im Waschbecken. Dann schaue ich mich doch nochmal weiter hier drinnen um. Die Schränke habe ich noch nicht aufgemacht. Was ist denn da drin? Ächz! Eine Wolldecke! Argh, verdammt! Das hätte ich auch früher feststellen können! Aber ich hätte auch vorher nicht gedacht, so etwas zu finden, noch, so etwas zu brauchen. Das es mir auch hier drinnen für’s Schlafen zu kalt sein würde, hatte ich nicht erwartet.

Ok – mit der Wollecke gibt es doch noch etwas bitter nötigen, warmen Schlaf! Um 07:00 Uhr stehe ich danach dann halbwegs passabel hergestellt auf, Räume alles zusammen und wieder in meine Radtaschen und verlasse mein Retter-in-der-Not 4-Sterne-Indoor-Biwak. Ich will gar nicht wissen, wie es mir draußen, ohne jede Mauer um mich herum ergangen wäre. Notiz an mich selbst – für das nächste Three Peaks Bike Race wird anstelle des Bivy (oder zusätzlich) auf jeden Fall wieder der Ultraleicht-Schlafsack eingepackt. Oder ganz auf Biwak verzichtet und immer auf Hotels ausgewichen. Und im Notfall halt durchgefahren. Mit noch einer etwas wärmeren und dickeren Jacke bzw. Daunenweste anstelle der Endura Primaloft. Die für Tagsüber und normales fahren in den Alpen super ist, für kalte Tage und nasse Tage aber zu wenig Reserve bietet, wenn sie alles ist, was einem über Tage draußen befindlichen Körper Wärme bzw. Isolation spenden soll. Siehe hierzu meinen bereits veröffentlichten und schon zweimal in diesem Beitrag verlinkten Artikel zu den Erfahrungen und den Bewertungen meiner Ausrüstung für das Three Peaks Bike Race.

 

Tag 8: Schlussetappe zum Ziel in Nizza! (151,3 km, 1.629 Höhenmeter)

Um 07:31 starte ich vor dem Gemeindehaus im Örtchen Saint-Paul-sur-Ubaye meinen Wahoo. Die Morgensonne scheint in noch leere kleine Straßen und reflektiert hell an den gelben bis ockerfarbenen Fassaden. Manche von Ihnen zeigen deutliche Spuren des Alters. Das recht schmucklose Rathaus finde ich so vor, wie ich es gestern abend gesehen habe. Mit der Tür genau so offenstehend. Anscheinend ist hier die Welt noch in Ordnung.

Hier scheint also die Sonne. Aber sie wärmt noch nicht. Direkt hinter dem Ortsausgang: Schatten. Das bleibt so, bis ich wirklich schon halb in Jausiers sein werde. Merde. Alles an, was ich an Klamotten habe, rolle ich langsam nach Jausiers ab.

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Saukalt… frühmorgens nach einer ungemütlichen Nacht.

Nicht pedalierend und sogar bremsend. Wieviel schneller ich über die Woche wohl hätte sein können, wenn ich alle Abfahrten ohne Rücksicht auf die Kälte durchgebrettert wäre? Potenzial boten die Abfahrten vom Oberalp-Pass, vom Furka, vom Bonette oben (wobei der noch recht gut ging und ich will da ja noch nicht vorgreifen, der kommt ja noch), der Galibier bis zum Lautaret (ab da war‘s ne geile Schussfahrt :)) und hier der Col de Vars in zwei Etappen bis Jausiers.

Trotz dass ich über Kälte fluche, bin ich insgesamt gut gelaunt. Auf eine gechillte (Hah, im wahrsten Sinne) Art und Weise. Nachdem ich das Selfie im Schlauchtuch und mit noch verquollenen Augen und roter Nase von der ganzen Sonne der meisten Tage und dem Wind gemacht hatte, schreibe ich noch einen Tweet zur Melodie und zum Lied, dass mir gerade durch den Kopf geht:

I‘m rolling, rolling, rolling – without a Rawhide! Down to jolly Jausiers – to fetch me a breakfast after the nite. Rawhide! #TPBR #Rennrad #bikepacking

In der Tat – mein „hide“ ist nirgendswo „raw“ ;-) Weder an den Kontaktstellen noch sonst irgendwo. Alles paletti. Nur wie schon vom TCR im letzten Jahr bekannt, haben meine beiden kleinen linken Zehen wieder Taubheitsgefühle.

Endlich war ich dann in Jausiers und wieder in der Sonne angekommen. Puh. Offen hatte erst nur eine Bar. Da gab‘s nichts zu essen. Dafür aber dre Café au Lait nacheinander. Schön heiß. Und tatsächlich gut! Da wird man in Frankreich sonst nicht so verwöhnt. Gegen den Hunger mümmelte ich am Rest meines Rosinenbrötchens (das war wirklich ein fester und hochdichter Klumpen und ich hatte immer noch etwas übrig davon). Das war für ein Frühstück aber trotzdem unzufriedenstellend. Jetzt hatte aber nebenan ein kleiner Laden auf.

Was hätte ich für ein ordentliches belegtes Baguette gegeben – gab‘s da aber nicht. Statt dessen schnell zwei Joghurt, einen ACE-Saft und Kekse mit Nusscremefüllung gekauft. Den Joghurt vor dem Laden verspeist und dann ging es in den Col de la Bonette.

Slow day but beautiful Pass

So ächzend langsam, wie ich von Saint-Paul-sur-Ubaye heruntergerollt bin. „Wenn das Leben dir ein langsames In-den-Gang kommen gibt, mach eine Genussfahrt draus“ waren meine Gedanken in Abwandlung des Sprichworts mit den Zitronen und der Limonade. Und das habe ich dann auch gemacht. Mit gemütlichen rund 130 bis 150 Watt schön den vom Gradienten durchgehend angenehm zu fahrenden Bonette hoch und die wunderbare Landschaft genossen.

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Herrlicher Tag am Col de la Bonette. Hier im unteren Bereich des Passes.

Dabei auch zum ersten Mal Musik auf dem Rad gehört. Mache ich sonst nie. Und mit Kopfhörern habe ich mich auch nicht abgegeben. Statt dessen habe ich wie ein Honda-Goldwing-Fahrer das „Radio“ aka mein iPhone vom Lenker plärren lassen. Am Bonette war absolut wenig los, so das weder ich andere, noch Motorenlärm meinen Musikgenuss, störte. So wurde es dann auch im Takt mal schneller und mal wurde der Wiegetritt beschwingt angepasst. Ich stellte fest, dass ich seit Ewigkeiten keine Musik mehr auf mein iPhone synchronisiert hatte. Ist ja heutzutage alles Streaming per Spotify z..B. Und auch das mache ich nur daheim. Unterwegs im Auto höre ich über das iPhone sonst nur Podcasts oder Audible Hörbücher. Ich fand Icona Pop vor. Hah – genau richtig! „…Feels like, we could do this all night!“ Yeah… and all day! And the next, and the next..! :)

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Trotz langsamem Start in den Tag – bestens gelaunt im Anstieg zur Passhöhe des Bonette (Foto: extern)
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Da oben liegt die Passhöhe!

Diverse Fotos später war ich oben an der Passhöhe angekommen. Halb erleichtert, halb enttäuscht stellte ich fest, das die Schleife um die Cime de la Bonette noch komplett unpassierbar von Schneemassen war. Ok, bleiben mir diese 114 Höhenmeter erspart. Wenn ich doch schon mal hier war, hätte ich es mir nicht verziehen, die nicht auch noch mit zu nehmen. ;-)

Na gut, dann also so direkt nach Nizza. Natürlich nicht ohne vorher weitere Fotos zu machen und mit einigen kanadischen (wie sich herausstellt) Motorradfahrern zu sprechen, die ihren Respekt vor mir ausdrücken. Normale Radler verbringen hier ja schon eine tolle Leistung. Dann noch mit Gepäck hier hoch…

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Ab hier geht es nur noch bergab, bis ganz nach Nizza!

Yeah, geschafft! Nun liegt wirklich der letzte Pass des Rennens hinter mir! Vom Bonette geht es nur noch in quasi einer einzigen Abfahrt bis nach Nizza hinab. Aber! Da gibt es noch sowas wie einem Aufwind durch die engen Flusstäler, der sich gewaschen hat!

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Im Tal der Tinée Richtung Nizza. Nicht im Bild: der unbarmherzige Gegenwind!

Erst mal rollt es recht gut, ich bin ja in der unmittelbaren Passabfahrt. Eher stehe ich auf der Bremse. Immer noch etwas im gefühlten Kaloriendefizit, hielt ich dann nach der unmittelbaren Abfahrt vom Bonette im ersten größeren Ort an. Saint Etienne de Tinée. Hier gab‘ zwei nur so gerade OK Crêpes und ebensolchen Kaffee in der örtlichen Crêperie. Das war ein Fehler: Die Mistdinger lagen mir total schwer im Magen.

Es waren noch 90 km bis Nizza und trotzdem stellte sich noch keine Vorfreude ein. Ich hatte die Nase sowas von voll von dem vielen Gegenwind und dem Rauschen in den Ohren über so viele Anteile der letzten Woche! Und hier und jetzt halt gerade immer noch. Und es ging doch bergab, verdammt. Warum muss ich denn da pedalieren? Mehr als 100 -130 Watt wollte ich in diesem Zustand nicht aus mir rausquälen. Zudem gabs fiese Windwirbel – ich musste echt auf‘s aussteuern dieser plötzlichen Böen achten. Endlich, knapp 50 km vor Nizza waren die Crêpes keine Ziegel mehr. Sehr gut, dann passt jetzt noch ein großes Eis als Einspritzung für den Endspurt. Im Ort Pont de Clans finde ich eine Boulangerie / Kiosk und genehmige mir dort ein Eis im Sitzen. Ich maile meine Zielentfernung an Michael, damit er weiss, wann er mich im Ziel erwarten kann und vor Ort sein kann.

Jetzt kam nach dem Eis dann auch der Endspurt und die Zielvorfreude. Ab Pont de Clans bin ich frohgemut und in oberer Zone 2 bis 3 im Zeitfahrmodus bis nach Nizza hinein gefahren. Das lief auch sehr flüssig. Dann eine erste Kostprobe des Innenstadtverkehrs in Nizza und dann war ich auch schon auf der Promenade des Anglais. Auf deren Radweg galt es dann noch ein gutes Stück bis zum Ziel nahe des Hafens sich nicht von Fußgängern, Touristen, Badegästen, Joggern und anderen Radfahrern umlaufen oder umfahren zu lassen. Und natürlich die Blicke auf das azurblaue Meer zu genießen.

Und dann: am Ziel! Yeah!

Ich erspähe die gigantische Hashtag-Skultpur #ILoveNice die die Stadt Nizza dort an prominenter Stelle aufgestellt hat. Und stehe nur 10 Sekunden dort, dann winkt mir auch schon Michael von Adventure Bike Racing und kommt auf mich zugelaufen. Handschlag und Gratulation und dann sofort quatschen, wie’s so war. Er hat kühles, nicht-alkoholisches Bier und kühle Cola mitgebracht, die wir uns auf einer Bank sitzend zu Gemüte führen. Klasse! Dann wird das offizielle Finisher-Foto gemacht:

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Am Ziel in Nizza nach genau 7 Tagen, 1 Stunde und 52 Minuten (Foto: Adventure Bike Racing)

Meine Ankunftszeit war 17:52 Uhr. Das heisst, ich habe vom Start genau eine Woche vorher um 16:00 Uhr 7 Tage, 1 Stunde und 52 Minuten benötigt. Für die Strecke von 1565,7 km und 21.740 Höhenmeter von Wien bis nach Nizza.

Damit bin ich Siebt-Platzierter von insgesamt 13 Startern und 9 Finishern.

Damit bin ich wirklich sehr zufrieden. Das wichtigste Ergebnis: mein linker Fuß hat gehalten und die Woche problemlos weggesteckt. Insgesamt bin ich sehr in mich ruhend und konservativ gefahren. Hatte mich also schon frühzeitig in der Woche entschieden, das Rennen in der Tat als Test für den Fuß und als Aufbaurennen zu verstehen. Also weiter Erfahrung im Bikepacking-Rennmodus zu sammeln und das Rennen als Trainingslager-Teil 1 zu sehen. Teil 2 würde jetzt folgen, da ich mich dazu entschlossen hatte, volle zwei Wochen Urlaub für das Three Peaks Bike Race zu nehmen. Ich hatte bis zu meinem Rückflug jetzt also noch eine volle Woche, wo ich Nizza, die Cote d’Azur und das Hinterland von Nizza erkunden wollte. Ich hatte mir schon eine Auswahl von Touren auf meinen Wahoo geladen. Auf dem Programm standen natürlich der Col d’Eze, der Col de la Madone, Col de Braus und Col de Turini unter anderem.

Aber erst mal musste ich mir eine Bleibe suchen. Mein AirBnB für die Woche hatte ich nämlich auch sehr konservativ gebucht: Erst ab Montag. Hmm, heute ist Samstag – ich brauche also eine Bleibe für zwei Nächte. Die Wahl fällt per Booking.com auf das Akropolis Adagio Hotel unweit des Hafens. Nachdem ich noch etwas mit Michael weiter geschnackt habe, verabschieden wir uns für morgen vormittag oder mittag, wo wir Nico erwarten. Oder auch für etwas später am Abend, wo vielleicht Sergio noch kommen wird. Wo ich zum Schluss gebummelt habe, hat er nochmal gut reingehalten und wird knapp über 3 Stunden nach mir ankommen.

Ich nehme mir jetzt erst mal mein Rad, welches mir über das gesamte Rennen hinweg und auch die Woche drauf zu 100 % perfekte Dienste leistete. Keine einzige Panne, sehr komfortabel, alles hat Bestens funktioniert, so wie ich mir das gedacht habe. Chapeau! Und rolle damit zum Hotel.

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Mein getreues J.Guillem Orient am Ziel im Nizza. Das Mittelmeer ist erreicht!

Der Abschluss eines tollen Renn-Abenteuers: eine tolle Woche an der Cote d’Azur

Sergio kommt tatsächlich noch am Abend an – ich bin trotz allem recht fertig und gerade geduscht. Vorher hatte ich auf dem Weg zum Hotel noch an einem kleinen Supermarkt angehalten und das nötigste gekauft: frisches Obst, Sandwiches, Cola, eine Mineralwasserflasche, Rasierschaum, Einwegrasierer, Zahnpasta etc. Jetzt sass ich in meinem Zimmer und hatte absolut keinen Bock, heute nochmal irgendetwas zu bewegen. Geschweige denn mich selbst aus dem Hotel heraus.

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Die Morgensonne filtert in das Zimmer meines Hotels in Nizza.

Am nächsten Tag aber fuhr ich nach dem ausgiebigen Frühstück und vielen Kaffee später dann zum Ziel, um mit Michael gemeinsam auf die Ankunft von Nico zu warten. Sonst war leider keiner mehr dort. Sergio, der gestern abend schon ins Ziel kam, wollte kommen, verspätete sich aber. So empfingen Michael und ich dann Nico zuerst alleine. Wow – letzter Finisher! Bravo! Nico hatte ein Rad, welches ich auf rund 25 kg oder noch mehr schätzte. Und noch einen fetten Rucksack dazu. Irre! Und ein cooler Typ. Er hat jetzt, wo ich das hier schreibe, auch gerade erfolgreich die Inca Divide quer durch die Anden beendet.

Sergio kam dann doch noch und als sich Michael wieder verabschiedete, sind wir zu dritt auf eine Mahlzeit und ein (paar) Bier in der Altstadt eingekehrt.

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Nico während unseres Mittagessens nach seinem Zieleinlauf.

Für den Abend verabreden wir das Gleiche und kurze Zeit später treffe ich dann doch noch mal auf Michal! Ihm geht es wieder besser. Gemeinsam mit seinen Kumpels will er noch ein wenig Nizza erkunden und sich dann auf einen Road Trip Richtung Heimat machen.

Ich vollziehe am nächsten Tag Nachmittags den kurzen Umzug vom Hotel in mein AirBnB. Den Vormittag verbringe ich im Café du Cycliste.

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Im Café du Cycliste

Ausführlich schaue ich mir deren Klamotten an und probiere mich durch diverse Bibshorts und Trikot-Modelle. Schon im Vorfeld hatte ich ein Auge auf deren neue Audax-Kollektion geworfen und stelle hier fest, dass mir Passform, Materialien und Design gefallen. Sehr schön, so kann ich zum Großeinkauf schreiten. Ich bekomme ein Bundle-Angebot und verlasse nach einem Cappuccino das Café mit der Audax Bibshort, dem Audax-Trikot, einem paar Socken, einem Café du Cycliste T-shirt, einer Cap und einer kurzen City-Hose, die auch für Casual-Riding einsetzbar ist.

Sonntag und Montag sind so meine Ruhetage. Ab Dienstag geht dann der zweite Teil des Trainingslagers los, wo ich die folgenden 4 Tage bis einschließlich Freitag nochmal 421 km und 7.210 Höhenmeter zurücklege. In deutlich kürzeren Tagesleistungen als im Rennen aber in Teilen sehr viel intensiver. So kann ich es insbesondere am Col de la Madone und insgesamt am Mittwoch gut krachen lassen und fahre auch am Freitag nochmal einen richtigen und sehr guten All-Out-Effort am Col d’Eze.

Alles in allem möchte ich sagen: Zwei sehr tolle Urlaubswochen und besonders das Three Peaks Bike Race war ein herausragendes Erlebnis! Vielen Dank an Michael, Vincent und Marcela von Adventure Bike Racing für die Idee und die Organisation und vielen Dank an Euch alle, die ihr hier diesen Artikel lest, die mir auf Twitter, in facebook, auf Strava und wo nicht alles gefolgt sind, Anmerkungen, Anerkennung und Unterstützung haben zuteil werden lassen! So etwas hilft auch ungemein und freut mich immer sehr. Auch wenn ich während des Rennens selbst oft nur kurz oder sporadisch antworten kann. Und gar nicht so lang und ausführlich, wie ich immer gerne würde. Dafür schreibe ich aber ja immer solche ausführlichen und bebilderten Blog-Berichte. Ich hoffe, auch dieser hat euch wieder gefallen bzw. konnte euch diverse Eindrücke von mir vermitteln.

Vielen Dank!

 

 

 

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4 Kommentare zu „Das Three Peaks Bike Race von Wien nach Nizza – mein Erfahrungsbericht von der Erstausgabe im Juni 2018…

  1. Toll, liebsten Dank für den Bericht, ich hab direkt Lust, wieder in die Berge zu fahren 😊 und Megaleistung, gerade nach der Verletzung!

    1. Hallo Carolyn, vielen Dank! Ja, ich hätte auch wieder Lust für die Berge. Ginge mir nochmal mehr so, wäre es bei mir wettertechnisch so wie bei dir ergangen. Aber die nächste schöne Tour ist doch immer direkt hinter der nächsten Ecke. :)

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