Mein Transcontinental Race 2017 – Teil 5: Der noch wildere Osten

Letzten Sommer habe ich am Transcontinental Race teilgenommen. Was für eine Erfahrung! Ihr habt hier nun den fünften und letzten Teil meiner Berichtsserie vorliegen, in der ich meine Erfahrungen wiedergeben und meine Fotos von unterwegs präsentieren möchte.

Für die bessere Übersicht daher hier die Links zu den vorherigen Teilen:

Mein Transcontinental Race 2017 – Der Anfang

Mein Transcontinental Race 2017 – Teil 2 (Stint 3 bis CP1)

Mein Transcontinental Race 2017 – Teil 3: Von CP 1 nach CP 2. Über die Alpen von Deutschland über Österreich nach Italien

Mein Transcontinental Race 2017 – Teil 4: Von CP 2 nach CP 3. Mit Anlauf in die Hohe Tatra

Darüber hinaus habe ich noch diverse Beiträge zur Vorbereitung und zu Ausrüstungserfahrungen erstellt. Ihr findet diese alle unter dem Tag Transcontinental-Race.

Nun aber zum Teil 5: Er beinhaltet die Geschehnisse vom Controlpoint 3 bis zum Ende. Haltet euch fest, es wird ereignisreich…

 

160 km sind ein Off-Day

Es ist Montag, der 7.8.2017. Vorgestern und gestern hatte ich die zwei massivsten Tage meines Transcontinental. Samstags 350 km bis tief in die Nacht, dann nicht ganz 2 Stunden in einer Bushaltestelle dösen und dann weitere 160 km durch die niedere und hohe Tatra bis zum CP3. Gefolgt von etwas über 25 km zur nächtlichen Unterkunft. Das war ein hartes Stück Arbeit. Aber mit Erfolg gekrönt. Ich war vor Kontrollschluss dort. Wie im letzten Beitrag beschrieben, wollte ich dann aber erst mal am CP mit anderen Teilnehmern reden und gemeinsam etwas essen usw. Mit dem schlechten Wetter zusammengenommen war ich dann irgendwann froh, endlich nach Poprad weitergefahren zu sein, um dort in der Pension Mery die Nacht zu verbringen.

Da saß ich dann da und war erstmal platt. Zufrieden, aber platt. Wusch mein Zeug, aß den Kram, den ich mir kurz zuvor im TESCO-Supermarkt besorgt hatte. 9 Tage war ich jetzt unterwegs und ich liste auf einem Tweet abends auf, wo ich überall Spürung habe:

„Things that hurt right now: both knees, wrists, left achilles tendon, both heels, head (sleep, bumpy, rough)“

Ach klar: und Hintern auch. Hätte ich fast vergessen gehabt.

Ich kann aber gut schlafen und freue mich auf das Frühstück. Und das ist auch echt toll. Leider ist der Wetterbericht auch toll – der hat nämlich recht. Wie vorhergesagt, ist es ziemlich stark am regnen. Soll aber bald aufhören. Mit so einer Aussicht will ich nicht losfahren und mich komplett einweichen, nur damit es kurz darauf dann doch trocken wird. Und so sitze ich da noch erst am Frühstückstisch und dann später komplett gepackt und losrollfertig rum. Und warte. Habe alle meine mitgebrachten Schichten an: Beinlinge, Armlinge, Regenjacke. Wo ist denn die Hitzewelle geblieben? Lese Tweets, prüfe die Facebookgruppe und schaue mir die Dots auf Freeroute an. Rede mir ein, dass das alles noch sinnvolle Erholungszeit ist. Ist es auch sicherlich. Aber trotzdem sind es dann verflucht späte 12:44 Uhr, als ich endlich (aber wenigstens im Trockenen), losfahre.

Idealerweise wäre ich gestern sofort nach dem Stempeln meiner Brevetkarte am Kontrollpunkt um 15:34 nach einem kurzen Imbiss weitergefahren. Das wollte ich aber wie gesagt nicht. Ich wollte einen Break in zweierlei Hinsicht: eine ruhige, erholsame Nacht verbringen und mich mit anderen Teilnehmern austauschen. Ein guter Tausch, wie ich immer noch finde. Das bedeutete aber auch, das ich mir darüber klar werden musste oder es an dem Morgen wurde: CP4 würde ich nicht mehr zum Kontrollschluss erreichen (wollen). CP4 würde offiziell am Mittwoch um 12:00 EEST (UTC+3) schließen. D.h. ich hatte von jetzt, Montag mittag bis Mittwoch mittag nur mehr 2 Tage, um die rd. 700 km bis dorthin zurück zu legen. Für einen Ultradistanzfahrer bei weitem nichts unmögliches. Ich konnte mir aber im Moment nicht vorstellen, schon wieder 350 km pro Tag zu fahren… Lehre für’s nächste Mal: Mit Teilnehmern reden ist toll, 2 Stunden reichen dann aber auch, danach muss es weiter gehen.

Das Wetter ist jetzt erst mal trist. Die Landschaft ist so mittel. Die Straßen weit:

Von Poprad aus Richtung Süden
Von Poprad aus Richtung Süden

Es geht an den Ostausläufern der Niederen Tatra vorbei Richtung Südost.

Potraviny heisst Lebensmittel auf slowakisch und tschechisch. Das steht auf solch kleinen Tante-Emma- bzw. Lebensmittelläden. An einem solchen halte ich an und besorge mir wieder Treibstoff in Form von Fanta und irgendwelchen Backwaren. So langsam nähere ich mich dem Ruzin-Stausee. Hier hatte ich schon bei der Routenplanung im Vorfeld gestutzt, denn Komoot wollte mich einfach nicht darüber routen. Google Maps aber z.B. schon. Luftbilder und Streetview zeigten eine gut ausgebaute Verkehrsverbindung über eine Brücke. Weitere Recherche brachte dann zu Tage: Die Brücke war stark sanierungsbedürftig, für den Straßenverkehr bereits gesperrt und Bauarbeiten sollten in diesem Sommer beginnen. Leider unter Vollsperrung, die just eine Woche vor dem Transcontinental-Start beginnen sollte… Donnerwetter, Komoot, bzw. Openstreetmap – topaktuell!

Also musste schon in der Planung ein Umweg her. Den Stausee weiträumig zu umfahren, hätte eine für mich viel ungünstigere Route bedeutet. Also plante ich ein gutes Stück Waldweg als Ausweichstrecke um die Stauwurzel des Stausees herum ein. Man höre und staune – als ich dort ankam, entpuppte sich diese Ausweichstrecke als perfekt asphaltierte Strecke. Die STRABAG hatte hier den Waldweg zur offiziellen Baustellenumleitung ausgestaltet. Asphaltiert, aber schmal und in Teilen mit ein paar netten Steigungsprozenten.

Umleitung Stausee
Baustellenumleitung am Stausee. Du weisst, es ist steil, wenn es sogar auf dem Foto steil aussieht.

In der Folge komme ich dann durch die Stadt Košice. Mittlerweile ist endlich die Sonne herausgekommen. Als etwas größere Stadt habe ich meine Strecke bei der Planung wohlweislich nicht direkt durch das Zentrum gelegt, um eine zügige Durchfahrt erwarten zu können. Als ich da aber am späten Nachmittag ankomme und endlich die Sonne herausgekommen ist, halte ich an einer Kirche an, die mich zu fotografieren reizt:

Griechisch-katholische Kirche der Jungfrau Maria
Griechisch-katholische Kirche der Jungfrau Maria in Košice

Kaum habe ich die Kamera wieder eingepackt, sehe ich über weitere Dächer hinweg ein sehr interessantes Turmdach. Ach komm – das will ich mir jetzt Näher ansehen. Es stellt sich heraus, dass es das Dach des Elisabeth-Doms ist:

Dom der Heiligen Elisabeth
Dom der Heiligen Elisabeth / Kaschauer Dom

Sehr interessant! Passanten gehen vorbei und es erklingt klassische Musik. Die kommt vom vis-a-vis zwischen Elisabeth-Dom und Staatstheater liegenden Musikbrunnen mit seinen Wasserspielen. Ich glaube es ist hier und jetzt wo ich final realisiere, dass ich den Kontrollpunkt 4 ohnehin nicht mehr innerhalb der Kontrollschlusszeit erreichen werde. Und wo ich mir sage: ok – ab jetzt ist es weniger Rennen, dafür aber noch mehr Reise und Erlebnis. Zwar habe ich mich bisher nicht abgehetzt und ich habe alle Stimmungen in mich aufgesogen. Ganz besonders genial war da ja der Monte Grappa (siehe Teil 3 meiner Tagebücher). Aber hier wechsle ich zum ersten Mal bewusst in den „Tourist mode“. Führe mein Rad an der Hand durch die Innenstadt, mache diverse Fotos und gönne mir dann zwei verschiedene und sehr leckere Cheesecakes und einen Cappuccino ganz international im winzigen „Cake & Coffee Viki’s“.

Frisch gestärkt und zufrieden fahre ich nun weiter. Die Ungarische Grenze liegt nun vor mir. Noch bin ich in der Slowakei und das frühe Abendlicht ist der Hammer. Die Orte werden kleiner, sind aber ganz interessant.

Valaliky
Auf dem Weg zur Grenze nach Ungarn südlich von Košice in Valaliky. Reizvolles Abendlicht und recht pittoreske, aber noch moderne Ortschaften. Aufgefallen sind mir auch die dicht verlaufenden Freileitungen.
Zdana EveningRoad
Direkt hinter Zdana, dem vorletzten Ort vor der slowakisch-ungarischen Grenze. Wunderbare Landschaft, sehr schöne Straße und ein tolles Abendlicht.

Da kann ich natürlich nicht anders und muss diverse Fotos machen. Hier nochmal ein guter Blick auf mein Cockpit. Wenn ihr solche Fotos von mir seht, sind das übrigens fast immer Panoramas. Ja – das sind immer mindestens zwei Aufnahmen, um den gewünschten Bildwinkel zu erreichen. Ich nenne das dann „Squaropan“ (Hier habe ich übrigens ein Album auf Flickr nur mit Squaropans. Also Mehrfachaufnahmen zwei bis x Fotos im quadratischen Format).

Zdana Cockpit
I like my life behind bars.

Der Grenzübergang liegt mitten im Wald und man kann einfach so durchfahren. Och denke ich – jetzt bin ich also in Ungarn. Land Nummer 8. Tolle Radwege gibt es dort. Das folgende Foto ist schon vom nächsten Tag:

Ungarn Radweg Cockpit
Ungarischer Radweg – übrigens auch wieder ein Squaropan.

Auch die Bushaltestellen, die ich mittlerweile immer auf Übernachtungspotenzial abprüfe (bietet sie Windschutz, ist eine ausreichend lange und breite Bank vorhanden, ist sie etwas abseits der Straße usw.) sind sehr interessant. Oft aus massivem Holz, teils mit Schnitzereien verziert. Leider fand ich keine, die mich zum Fotografieren wirklich zufrieden stellte. Zumal es jetzt auch zunehmend dämmerig wurde. Jetzt musste ich mir so langsam Gedanken machen, wo ich nun diese Nacht schlafen wollte. Ich erinnere mich noch, dass ich einem Hinweisschild auf eine Pension irgendwo außerhalb jedweder Ortschaft folgen wollte, auf dem Zufahrtsweg aber wieder kehrt machte, als ich ein paar 100 Meter voraus schemenhaft etwas rumstreunern sah, was mir zu klein für ein Pony aber auch viel zu groß als dass ich das aus der Nähe entdecken wollte, aussah. Nee, das war mir nicht geheuer. Lieber wieder auf die Straße zurück und doch lieber noch bis in den nächsten größeren Ort. Kaum buche ich mal nicht über Booking.com am frühen abend vor, schon merke ich, dass es manchmal halt nicht so einfach sein kann, irgendwo in der Pampa eine offene Pension oder Hotel zu finden. Drei Optionen noch vor dem Stadtzentrum stellen sich entweder doch nicht als Pension oder als geschlossen heraus. Im Stadtzentrum von Sátoraljaújhely, wo ich dann im Dunklen ankomme, hat ein weiteres Hotel auch geschlossen. Naja, Google.Maps zeigt mir noch eine Option und da war doch vorhin auch noch so ein Hinweisschild…

Um 21:15 war ich dann in einem Bed & Breakfast angekommen. Einfach, aber ausreichend. Das Rad kommt gut abschließbar und nicht allzu weit weg im Poolbereich unter (das hört sich jetzt mondäner an als es war).

Aber du weisst, dass du ein Transcontinental Teilnehmer bist, wenn du 160 km Tagesleistung als „Off-Day“ betrachtest. Und du kannst dir da ganz sicher sein, wenn dir das Strava noch damit bestätigt, indem es deine hochgeladene Tagesfahrt als „Lunchride“ tituliert.

Puh, nachmittags mit dem tollen Licht und der schönen Strecke doch noch ein versöhnlicher Tag. Aber du weisst, dass du ein Transcontinental Teilnehmer bist, wenn du 160 km Tagesleistung als „Off-Day“ betrachtest. Und du kannst dir da ganz sicher sein, wenn dir das Strava noch damit bestätigt, indem es deine hochgeladene Tagesfahrt als „Lunchride“ tituliert.

Das Frühstück musste man sich morgens übrigens aus einer Karte auswählen und extra bestellen. Für das bisschen Brot, etwas Aufschnitt, Tomate und Rührei braucht der Koch länger, als mir eigentlich lieb ist. Danach gehe ich zum Rad und entscheide, dass es erst mal etwas Service braucht. Mit den Hygienetüchern wird Kette und Ritzelpaket gesäubert und anschließend neu geölt. Ich glaube, dass war die einzige oder maximal eine von zwei Antriebswartungen, die ich während des TCR durchgeführt habe. Kurz noch über Gabel und Rahmen gewischt. Dann muss ich mich natürlich wieder mit Sonnencreme eincremen (glücklicherweise scheint wieder die Sonne), danach wieder die Pfoten saubermachen und schwupps – es sind wieder 09:53, als ich von dort in den Dienstag aufbreche…

 

Tag der weiten Horizonte

Weite Horizonte und flache Strecken konnte ich bei aller Kletterei und dem Hin- und Her Über- und Durchqueren von Alpen und Tatra ja schon in Niederösterreich und anfangs in der Slowakei genießen. Aber so weit wie es jetzt anstand, so weit bekommt man das in Europa sonst kaum hin. Bzw. vermeide ich es meist nach Kräften, mich dahin zu verirren. Etwa in die Marsch oder so. Nee – dann lieber Berge. Alpen und Dolomiten und solche Gegenden. Oder Mittelgebirge. Geh wech mit flach! ;-)

Aber dieses Flach hier, das hatte was. Ich war nun in der sogenannten Pannonischen Tiefebene, auch Karpatenbecken genannt. Das ist eine ausgedehnte Tiefebene, die größtenteils in Ungarn liegt, sich aber u.a. bis durch Rumänien erstreckt und vom Karpatenbogen umschlossen wird. Und der südliche Teil des Karpatenbogens ist mein Ziel. Das sind nämlich die Transyllvanischen Alpen und davon ist das Făgăraş-Gebirge ein Teil. Und über das Făgăraş-Gebirge führt die Transfăgărășan, die gleichzeitig den Parcours für CP4 darstellt. Da bin ich aber noch nicht und komme auch heute noch nicht hin.

RoadtoZalau-Pano
Weiter Horizont!

Erst mal geht es flach, aber interessant durch Ungarn. Wie flach, zeigt der Höhengewinn des heutigen Stints. Abends werde ich 216 km gefahren haben, dabei aber nur ganze 657 Höhenmeter gesammelt haben. Das bedeutet, so ein bisschen Struktur ist dann schon in der pannonischen Tiefebene. Gerade deswegen meine ich ja – sie ist auch interessant. Besser als Marsch und Topfeben. ;-)

Noch bin ich in Ungarn und komme auf den meist guten Radwegen auch gut voran. Auch die Straßen sind eigentlich ganz ok. Bis auf ein Stück, wo ich unvermittelt auf eine Sandpiste gerate. Ich habe richtig navigiert bzw. eigentlich richtig geplant. Dass sich hier die Straße zwischen den Miniörtchen Pusztadobos und Nyirparasznya mir nichts dir nichts in eine sehr trickreich zu fahrende Sandpiste verwandelt, hat sich anhand der Kartensignatur der Straße mit nichts angedeutet. Nun habe ich aber den Salat und muss mich da durchkämpfen.

Bald ist das aber geschafft und ich komme durch einen etwas größeren Ort. Zeit, mal wieder in einem Supermarkt einzufallen und Energie zu tanken. Es wird von der Zusammensetzung wieder das bekannte Thema. Hier und jetzt: Schokomilch, Birnenjoghurt, Schokoriegel, irgendeine Backware und eine Dose Fanta. Das hole ich aus dem Coop-Markt, setzte mich davor und esse erst mal:

coopSelfie
Supermarkt-Pause, die x-te.

Und wenn ich nach vorn blicke, dann habe ich diese Aussicht:

In Mateszalka. Panorama-Aussicht vor einem coop-Supermarkt.
In Mateszalka. Panorama-Aussicht vor einem Coop-Supermarkt.

In Rumänien

Wenig später verlasse ich dann Ungarn und fahre nach Rumänien hinein. Den Grenzübertritt habe ich wie alle anderen im Vorfeld nach allen Regeln der Kunst erkundet. Google Maps, Luftbild, Google Streetview – das hier sehr brauchbar zumindest von ungarischer Seite bis an die Grenzkontrolle heran reicht – ÖAMTC Länderinfo (viel übersichtlicher als mögliche entsprechende Infos des ADAC) und die jeweiligen Landesinformationen. Hier z.B. police.hu. Es ist immer wichtig zu wissen, ob da überhaupt eine Kontrolle ist und wenn dort eine ist, zu welchen Zeiten die Grenzkontrolle offen ist. Nichts wäre schlimmer, als vor einer kontrollpflichtigen Station kurz nach Schließung anzukommen und bis zum nächsten Morgen warten zu müssen. In diesem Fall ist es ist die Vállaj Borser Grenzstation, die allerdings 24 Stunden geöffnet ist. Das war mir im Vorfeld wichtig. Heute, wo ich diesen Bericht schreibe, weiss ich gar nicht mehr, ob ich meinen Personalausweis dort habe zeigen müssen. Unaufgeregt fahre ich über die Grenze und bin nun also in Rumänien.

Wilder als in Rumänien wird der Osten in diesem TCR nicht werden. Und dass, was ich hier alles erlebe, wird mir reichen. Jetzt habe ich für heute rund 120 Kilometer hinter mir und es ist halb vier. Oder eigentlich schon halb fünf. Das merke ich aber erst am Abend, als ich irgendwo eine öffentliche Uhr erspähe und mir dann meine Uhr auf dem iPhone näher anschaue. Rumänien ist in einer anderen Zeitzone. Uhrzeittechnisch… und auf dem Land auch fortschrittsmäßig. Irgendwo in Ungarn hatte ich mit dem Zählen von Storchennestern auf Häusern angefangen. Hier in Rumänien fange ich jetzt auch das Zählen von Pferdefuhrwerken auf den Straßen an (leider habe ich beide Endergebnisse vergessen bzw. irgendwann die Zählerei nicht mehr ernsthaft weitergeführt).

Die durchfahrenen kleineren Orte sind pittoresk und die sehr weit von der Hauptstraße zurückweichenden Häuser mit den mal mehr, mal weniger bewachsenen und durch Baumreihen beschatteten Seitenstreifen sind typisch für ganz Rumänien. Hier ist das noch recht reizvoll. Später sind das aber auch genau die Stellen, wo sich streunende Hundegruppen im Schatten rumtreiben…

Obgleich ich ja vorgestern noch aufgezählt habe, was so mittlerweile alles an meinem Körper muckt, hält sich das doch erstaunlicherweise alles sehr in Grenzen und, einmal auf dem Sattel, dann auch nicht störend. Ich komme sogar so gut voran, dass ich in einigen wenigen Strava-Segmenten, von denen es auch in Rumänien welche gibt, Top Ten Platzierungen einfahre. Ich schreibe scherzhaft in den Kommentar zur wie üblich jeden Abend auf Strava hochgeladenen Aktivität:

„Hey, ich hab ne Top Ten Segment-Zeit zeitgleich mit James Hayden, dem Sieger des TCR. Und eine andere mit einem Platz besser als Geoffrey Dassault. Jetzt muss ich das NUR NOCH alles mit nur 3 h Schlaf pro Tag machen und der Sieg ist mir gewiss im nächsten Jahr!“

Halten wir fest – ich komme ganz gut voran und eine ordentliche und regelmäßige Nachtruhe zahlt sich aus. Für ein nächstes Transcontinental muss ich aber tatsächlich an der Nacht-Pausen-Zeit arbeiten. Als nächstes führt mich meine Strecke durch Carei (deutsch: Groß-Karol). Hier sehe ich zum ersten Mal eine weitere typische Sache für Rumänien: silberne bzw. zinnfarbene Dächer (meist von Kirchen).

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Kirche in Carei / Großkarol

In Carei gönne ich mir ein Eis aus einem Kiosk, rolle davor und danach etwas über die sehr breit angelegten Flanier-Bürgersteige samt Radwegbereich.

Dann lasse ich die Stadt hinter mir und bin wieder im ländlichen Rumänien. Die Straßen sind ganz ok, die Aussicht weit und der Verkehr ist noch ganz annehmbar. Zunächst ist es sogar sehr ruhig. Noch ahne ich nicht, wie schlimm das noch werden wird und dass ich in den folgenden Tagen meistens über die absolut rücksichtslosen Rumänischen Auto- und Lkw-Fahrer fluchen werde. Ich kann nun rückblickend sagen, dass ich in keinem Land, dass ich je als Radfahrer befahren habe, üblere Verhältnisse herrschen als in Rumänien. Der Titel „Europas rücksichtsloseste Autofahrer“ geht nach meinem Dafürhalten ganz klar an Rumänien!

Aber ob mit, ob ohne Verkehr um mich herum – ich komme gut voran. Das übliche Ritual am späten Nachmittag: Ich prüfe über Google Maps auf dem iPhone, wo die nächste größere Ortschaft oder Stadt auf meiner Route liegt. Es ist Zalău. Das ist somit das Ziel des Tages und über Booking.com, das mir über das gesamte TCR hinweg immer Unterkünfte zeigen konnte, buche ich fix ein Hotelzimmer.

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Road to Zalău

Weiter geht‘s augenscheinlich durch komplett verlassenes Gebiet bis plötzlich ein Schild signalisiert: „Non Stop 24 Ore“ Supermarket! Sehr praktisch!

An der Brottheke mit Zeichensprache irgendetwas Brötchenmäßiges bestellend werde ich gefragt, wo ich herkomme. „Germany. Deutschland.“. Die Augen der Dame hinter der Theke leuchten Fröhlich. Das scheint ihr zu gefallen und sie wünscht mir gute Reise.

Etwas später setze ich zufrieden und satt meinen Weg fort und genieße bald die untergehende Sonne.

Sonnenuntergangspano
Blick zurück. Die Sonne geht hinter mir unter.

Es ist schon Dunkel, als ich in Zalău ankomme. Die eine Stunde Zeitunterschied in Rumänien macht sich bemerkbar.

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Nachts in Zalău

Iphone und Wahoo Elemnt überstehen beide jeweils einen langen Tag ganz ohne externe Stromversorgung. Das ist sehr praktisch. Keine Kabel, die irgendwo lang laufen, keine Anschlüsse, die eventuellen Witterungseinflüssen ausgesetzt werden müssen. Aufgeladen wird immer Nachts. Entweder im Hotel oder halt von der Powerbank, wenn ich mich anderweitig hinlege.

Je nach Nutzung für Twitter, Whats App, Facebook oder dem Checken der Dots der anderen Teilnehmer (was ich eigentlich nur morgens beim Frühstück oder abends vor dem Schlafen mache) kann es aber gerade auch mit Nutzung von Google Maps sein, dass es mit dem iPhone abends knapp wird. Denn letzteres nutze ich ab und an gerne, um mich direkt zum abendlichen Hotel routen zu lassen. Das ist super praktisch. So wie heute. Sollte es doch etwas knapp mit dem Strom werden – kein Problem. Eine Powerbank und die Kabel sind in der Oberrohrtasche. Allerdings zum Wetterschutz extra noch mal in einen Ziplock-Beutel verpackt. Und leider ist auch der Stecker meines iPhone-Ladekabels (von Anker) etwas zu dick, um durch die Öffnung meines IPhone-Halters zu passen.

Auch kein Beinbruch-  dann stecke ich das iPhone während des Ladens oder auftoppens einfach mit in die Oberrohrtasche. Kommt selten genug vor. Ist aber dann etwas blöd, wenn man mit den letzten Prozent Ladung und aktiver Navigation gerade im Dunkllen in eine Stadt kommt und hofft, dass es bis zum Hotel noch reicht. Tat es natürlich nicht. So kurz vor dem Ziel wollte ich jetzt aber nicht mit den Ladekabeln rumhampeln. Prompt fuhr ich zunächst ein gutes Stück zuweit, bevor ich meinen Irrtum bemerke. Seufz, also doch: IPhone an den Ladestrom, Google zeig mir, wo mein Hotel ist. Na bitte, geht ja dann doch.

Endlich hatte ich mal das gefunden, von dem früher immer erzählt wurde – ein gutes, dafür aber auch billiges Hotel. Bisher waren meine Unterkünfte alle im Rahmen. Bis durch Italien sowieso, später dann günstiger, aber auch einfacher werdend. Hier das war schon eher so ein Hotel alter Schule, mit großen Foyer, rotem Teppich, mit nettem Bad, breitem bequemen Bett, Fernseher und Minibar. Hotel Brilliant Meses. Trotzdem ist es für den Portier kein Problem, das ich mein Rad mit auf mein Zimmer nehme. Guter Mann!

Er gibt mir noch mit auf den Weg, das ich schnell Duschen sollte, denn es gäbe schon den ganzen Tag über Wassersperren und die nächste könne nicht lang auf sich warten lassen.

Die Aufforderung brauche ich nicht zweimal und nach dem Duschen und dem Waschen meiner Klamotten mache ich mich über die Minibar her. Alles, was nichtalkoholisch ist, wird vernichtet. Erdnüsse, Cola, Fanta, O-Saft, Mineralwasser. Danach überlege ich mir, womit ich mir die Knöchel einreiben könnte. Zur Wahl stehen: Balantines, Chivas Regal, Jameson or Dry Gin Beefeater…

So gut wie die Minibar war auch das Frühstücksbuffet ausgestattet. Ein guter Start in den Tag. Er bräuchte aber einfach nur mehr Tageslichtstunden nach meinem Frühstück! Hashtags #goodstartintheday und #clingingtoleisureness ;-)

 

Auf der Zeitmaschine durch Siebenbürgen

Es ist Mittwoch der 9.8. und ich bin jetzt in Siebenbürgen. Welches übrigens Deckungsgleich mit Transsylvanien ist. Dass das ein- und dasselbe Gebiet ist, war mir bisher nicht bewusst. So lernt und erfährt man (im Wortsinne) vieles über Europa, bei so einem Transcontinental. Klar – Rumänien und Transsylvanien… dass ist mir und auch den anderen Teilnehmern natürlich im Vorfeld nicht verborgen geblieben. Das war sicher mit eine Facette, die den diesjährigen Kurs so interessant gemacht hat. Von einem (Hallo Christopher) weiss ich sogar, dass er sich extra Bram Stokers Dracula als Hörbuch für den Zeitvertreib während des TCR mitgenommen hat…

Ich habe meine Route nicht nach weiteren Sehenswürdigkeiten geplant, sondern eher nach der kürzestmöglichen Verbindung zwischen den Kontrollpunkten. Ich war mir sicher – und wurde da auch nicht enttäuscht – das mir bei 4000 km quer durch Europa auch so mehr als genug interessante Dinge begegnen bzw. ich daran vorbeikomme. Meine Hoffnung auf etwas mehr Draculamäßigem bzw. vielleicht einem Schloss oder so etwas wurde allerdings nicht erfüllt. Irgendwann kam ich mal an einem Schild vorbei „Transsilvania Golf Club“ – mehr Dracula war leider nicht…

Irgendwann kam ich mal an einem Schild vorbei „Transsilvania Golf Club“ – mehr Dracula war leider nicht…

Rein geologisch befinde ich mich noch im Karpatenbecken, es gilt aber die eine oder andere Hügelkette zu überwinden. Mit etwas über 2300 Höhenmetern auf den 221 Kilometer, die es heute werden, bin ich damit wieder in mittelgebirgsähnlichen Kletterquotienten angelangt. Eine solche Steigung folgt direkt am, hüstel, Vormittag nach dem Aufbruch aus Zalau. Ich staune nicht schlecht, als ich da eine sehr rustikale „Pizzaria“ erspähe. Es ist ein alter Wohnwagen mit einem verwitterten Holzbrett oben drauf, auf dem tatsächlich „Pizza“ steht. Der zugehörige gemauerte Ofen steht auf einem Autoanhänger daneben. Und eine Ambulanz ebenfalls. Anscheinend tatsächlich, um dort eine Vormittagspizza zu verzehren anstelle vielleicht etwaige Lebensmittelopfer zu versorgen….

Pizzawohnwagen
Auf der Spur des Guide Michelin… Wahrscheinlich die beste Pizza im Karpatenbogen. Nein – ich habe sie nicht probiert…

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bietet sich mir ein interessantes Stilleben. Hier wird wohl auch das Wasser für den Pizzateig geholt. Übersetzt steht da: „“Wasser ist nicht trinkbar. Verbrauch ist auf eigene Gefahr“. Ich hab’s nicht ausprobiert. Frage mich aber, ob das tatsächlich gutes Wasser war und das Schild nur die Verantwortung für die Güte auf den „Kunden“ abwälzen sollte. Das ist bei vielen Brunnen ja z.B. auch in Deutschland so. Eigentlich sind sie durch Trinkwasser gespeist, es möchte nur niemand die Verantwortung und Verpflichtung für Hygienekontrollen übernehmen.

Trotz diverser Höhenmeter fahre wie üblich größtenteils im Auflieger in, wie ich finde, gutem Tempo (dennoch komplett im Grundlagenbereich) durch das Land. Die Straßenbedingungen werden schlechter und sind teilweise gerade im Schulterbereich abenteuerlich. Wenn überhaupt eine nennenswerte oder befahrbare Schulter oder gar ein Seitenstreifen existiert! Auch jetzt noch ist der Verkehr ok, aber der Bereich zwischen Verkehr links und Abgrund rechts ist schmal!

Strassengraben
Straßengraben auch als Steilkurve verwendbar.
LandschaftBlickNord
Ganz nette Landschaft hier südlich von Zalău.

Auf meinem modernen Titanrad mit neuester elektronischer Schaltung und in Funktionklamotten gekleidet fühle ich mich wie ein Zeitreisender auf seiner Titan-Carbon-Zeit(fahr)maschine.

Manchmal laufen spielende Kinder zum Straßenrand und stellen sich in Reihe auf, um mich abzuklatschen. Ab und an komme ich an einem Pferdefuhrwerk vorbei. Manchmal fühlen sich die Führer durch mein Überholen dazu angestachelt, kurz die Zügel für ein kurzes Minirennen schnalzen zu lassen. Manchmal sehe ich auch jemandem auf einem Rad. Eher klapprige Alltagsräder und nur innerhalb von Ortschaften. Irre, warum trotz solcher Umstände sich die rumänischen Autofahrer auf der Straße bewegen als gäbe es nur sie…

Trotzdem, wieder ein guter Tag. So wie kein Tag bisher vergangen ist, wo ich nicht den einen oder anderen Freudenjuchzer ausgestoßen hätte und such mal ein Liedchen vor mich hingeträllert oder -gesummt hätte. Und wie auch kein Tag vergangen ist, wo ich nicht erhebende Gefühle verspürt hätte ider dann auch wieder gestöhnt hätte. Und wie auch kein Tag vergangen ist, an dem ich nicht geflucht hätte. Über alles und jeden… Und in Rumänien – ihr ahnt es, vorrangig über die Auto- und Lkw-Fahrer. Zu 50 %. Die anderen 50 % betrafen streunende Hunde.

Es ist Mittags und ich fahre einen Anstieg hoch. Da, ich werde verfolgt! Glücklicherweise nur von irgendeinem fetten Fliegeviech, eine Bremse oder eine Art Moskito. Glücklicherweise erwischt es mich nicht. Kaum bin ich über den Scheitelpunkt und gehe in die folgende Abfahrt, sehe ich aus ddn Augenwinkeln, wie ein großer schwarzer Schäferhund von linken Rand startet und auf mich zurennen will. Glücklicherweise ist die Straße sehr breit und ich habe schon gut Fahrt aufgenommen. Dreck – das war sie also. Die erste Hundebegegnung in Rumänien. Gut, er hatte in der Abfahrt eh keine Chance, aber ein kurzer Aufreger war es schon.

Der kurze Aufreger war schnell hinter mir gelassen. Hunger! Ein gutes Zeichen, dass trotz der Hitze der Appetit immer noch da ist. Hier in Rumänien heissen die kleinen Lebensmittelläden „Magazin“. An einem solchen halte ich und tausche ein paar rumänische Lei gegen Kuchen, Fanta und Eis.

 

Boomtown Cluj-Napoca und der Beginn der Verkehrshölle auf E81 und E60

Später fahre ich durch Cluj-Napoca. Eine sehr große Stadt. Die zweitgrößte Stadt Rumäniens. Erst mal finde ich die Straßen und die Bebauung ganz interessant.

Trotzdem muss man verflucht aufpassen. Mehr noch wie über Land. Jeder Meter kann ein potenzielles Desaster für einen selbst oder das Vorderrad sein. Hier ein Schlagloch, da ein klaffender Abgrund zwischen Straße und Gulli. Man muss beweglich auf dem Rad bleiben und seine Linie halten können – wenn plötzlich so ein Loch sm Rand vor einem auftaucht, man aber gleichzeitig links knapp überholt wird.

Nahe der Innenstadt halte ich nach einer schnellen Einkehr Ausschau. Ein Fastfoodrestaurant, eine Bar oder ein Café. Ich finde eine Mischung aus letztern Beiden und lasse mir einen Milchshake, einen frischgepressten Orangensaft und einen Cappuccino machen. Dazu gibt es, glaube ich, Donuts.

Solcherart frisch den Magen (moderat) vollgeschlagen, geht es sofort in einen steilen Innenstadt-Anstieg. Vorbei an kleinen und verwinkelten, aber durchaus modernen Häusern (in denen ich durchaus wohnen könnte), folgen weitere Neubau-Wohnviertel und dann schließlich eine groß ausgebaute Straße, die mich aus dem weit ausgedehnten Talkessel der Stadt führt.

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Raus aus Cluj-Napoca.
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Mein J.Guillem Orient oberhalb von Cluj-Napoca.

Es ist brütend heiss. Cluj-Napoca war ganz interessant, aber meine Dosis Verkehr und Stadt hatte ich jetzt. Boh, nix wie weiter, hier! Leider fing das mit dem Verkehr jetzt erst so richtig an. Ich befand mich wieder auf der E81 und südlich von Cluj-Napoca ist der Verkehr auf dieser die Hölle!

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Lkw auf der E81. Höllenverkehr und Null Randstreifen.

Gute 70 km verbringe ich auf dieser fluchend. Aber es geht auch gut voran. Ich atme trotzdem erleichtert auf, als ich nördlich von Martinskirch endlich von der E60, auf die ich zwischenzeitlich von der E81 gewechselt bin, nach Süden abbiegen kann. Aber: vom Regen in die Traufe. Der Verkehr ist weg. Dafür sind jetzt die Straßenbedingungen extrem beschissen…

Noch auf der E60 hatte ich vorher eine sehr interessante Blüte rumänischer Architektur entdeckt. Ich glaube, dieses bizarre Gebäude in Campia Turzii hat jeder TCR-Teilnehmer fotografiert, der dort vorbeikam. Ich musste daheim recherchieren und stiess auf den Begriff „Roma Gypsy King House“.

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Gypsy Castle oder Roma Gypsy King House

Aber jetzt war ich wieder im ländlichsten Rumänien angelangt. Das heisst anscheinend leider auch wieder: streunende Hunde. Dog Chase Number 2. Der hier war auch wieder einzeln. In einer kleinen Ortschaft, er kam von links. Ich hab’ den einfach volle Kanne angebrüllt, während ich beschleunigt weiterfuhr. Das hat ihn tatsächlich eingeschüchtert und vertrieben.

Ich komme trotz allem bald wieder gut voran, weil langsam auch die Straßenverhältnisse wieder besser werden. Es wird wieder Zeit zu überlegen, wo denn der heutige Stop für die Nacht sein soll. Boah, Mediasch ist noch zu nah, danach ist aber erst mal Lücke… Agnetheln wäre ok, da schien es auch Unterkünfte zu geben. Puh, das wären nochmal 40 km weiter als Mediasch und würde meine Tageskilometer in die Region 250 km heben. Hmm – einerseits muss es ja auch mal wieder so richtig Distanz gemacht werden. Andererseits bin ich zwar nach Ortszeit 08:40 gestartet, nach Mitteleuropäischer Zeit aber um 09:40. D.h. das würde mit dem Tageslicht auch knapp werden. Egal – wer nichts wagt, der nicht gewinnt, sagte ich mir. Es lief auch super und hat echt Spaß gemacht, bei einigen Hügeln richtig Watt zu drücken. So kamen wieder ein paar Top Ten Segmentplatzierungen heraus und durchschnittliche rd. 250 Watt für 15 Minuten-Anstiege. Ich bewegte mich da problemlos im Leistungsbereich zwischen Zone 3 bis 5.

 

Eine Nacht im Kloster

Leider wurden die Straßen wieder schlechter. Und das Tageslicht schwand schnell dahin. Egal – ich hatte ja gutes Licht in Form meiner Lupine Neo dabei, die mir eigentlich die Straße gut vor mir ausgeleuchtet hatte. Mediasch lag schon längst hinter mir und eigentlich hatte ich nur noch so 20 km bis zu meiner gebuchten Pension zurückzulegen. Da passierte es in einer Abfahrt! Krawummms! Einen so derben Schlag hatte ich seltenst bis noch nie auf dem Rad erlebt. Ich muss mit dem Vorderrad durch ein Schlagloch oder so gefahren sein. Und was für eines… Ich bleibe aber auf dem Rad und in Kontrolle. Trotzdem bremse ich danach erst mal, um nach den Rechten zu sehen. Eigentlich mache ich mir nur Sorgen um meine Satteltasche von Ortlieb, mit der ich ja so meine liebe Not hatte und die ich trotz erheblicher Entladung vor vielen Tagen noch in Kempten immer wieder kontrollieren musste (siehe meine ausführliche Kritik hier: The good, the bad and the ugly). Ich wollte also kontrollieren, ob sie durch den Schlag wieder gefährlich nahe mit ihrem Hintern auf das Hinterrad gesackt war. Nee – ging noch. Der Rest des Rades schien auch ok und es rollte ja noch ok. Also wieder drauf und weitergerollt.

Ich merkte dann aber, wie das Vorderrad soft wurde und hielt wieder an. Shit! Das wurde zunehmend platter. Hmm, da musste ich also ran. Mittlerweile war es stockdunkel und der Straßenrand genau hier ungeeignet für eine Reparatur. Im Lampenkegel sehe ich etwas weiter vorne einen Baum neben der Straße. Da kann ich das Rad anlehnen und mir den Schaden weiter beschauen…. Als ich da bin und meine zweite Leuchte aus der Fronttasche geholt habe, inspiziere ich das Vorderrad. Shit, shit, shit! Die Frontfelge sieht gar nicht gesund aus. Die war gebrochen!

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Felge gebrochen

Mist. In grober Form ist sie ja noch… Ob da mit Dichtmilch was zu machen ist? Natürlich nicht – aber was wollte ich nachts machen, das war eine Verzweiflungstat, die natürlich von keinerlei Erfolg gekrönt war. Ich kann von Glück sagen, dass ich ein Tubeless-Setup gefahren bin. Bei einem normalen Faltreifen (Clincher) wäre bei dem Schlagloch sofort der Schlauch explodiert und ich hätte vermutlich das Rad nicht mehr kontrollieren können.

So oder so stand ich da aber jetzt. Bis vor wenigen Minuten noch der König der Welt, der Bezwinger der Straßen Europas, der gemeinsam mit seinem treuen Rad den Kontinent durchquert. Und jetzt gestrandet im Nirgendwo, im Dunklen und zu Fuß Stunden von der Zivilisation entfernt…

Über Bären und Wölfe hatten wir Transcontinental Fahrer uns im Vorfeld schon unterhalten. Diese sind in Rumänien sehr real. Noch realer und von mir ja schon zweimal selbst erfahren waren die streunenden Hunde. Und Hundegrollen und andere Geräusche hörte ich jetzt auch im Dunklen. Na Prost Mahlzeit. Agnetheln war bestimmt noch 20 km vor mir. Mediasch vielleicht etwas kürzer hinter mir. Alles keine wirklich tolle Option, das ein Rad schiebend und mit Rennradschuhen zu Fuß zurückzulegen.

Aber da war doch vorhin so ein komisches Haus mit einem Kreuz aus neonblauen Neonröhren obendrauf… Da wollte ich schauen, ob ich da irgendwo Hilfe oder Unterkunft finden konnte… Das war auch nur so ein paar 100 Meter zurück. Ich hoffte nur inbrünstig, dass die dort auf dem Grundstück keine Hunde hatten, die nachts frei herum liefen und das Gelände bewachten…

Glücklicherweise war das nicht der Fall. Was ich vorfand, war in der Tat ein Kloster. Das Kloster Schitul Sfântul Proroc Ilie Tezviteanul bzw. das „Einödkloster“ oder die Eremitengemeinschaft des heiligen Propheten Ilie Tezviteanul. Wusste ich dort aber noch nicht. Aber dass es in der Tat etwas klösterliches sein sollte, verdeutlichte das blaue Neonkreuz auf einem Haus und eine Art Freiluft-Altar, wo ein Altar und ein Weihwasserbecken von einer Art hölzernem Windschutz und Bedachung umgeben war. Ich überlegte kurz, ob ich mich da für die Nacht hinlegen sollte, das kam mir jetzt aber nicht sonderlich pietätvoll vor. So wie ein klassisches Kloster sah das auch alles nicht aus. Das war eher ein Ensemble von einem normalen Mehrfamilienhaus oder Hof, einer Scheune und einem weiteren Rohbau. Klingeln oder auf mich aufmerksam machen wollte ich nachts um 11 nun auch nicht. Lieber erst mal weiter die Lage sondieren und mir über meine eigene Lage klar werden. Das Hundegebell aus der nicht allzu weiten Ferne… äh, nein, eher viel zu nahen Nähe war mir auch nicht geheuer. Draußen wollte ich da nicht übernachten. Während ich noch bezüglich des Rohbaus grübelte, fiel mir auf der Rückseite des Haupthauses eine halb offen stehende Tür auf. Bingo! Draußen davor lag eine alte Matraze und es stand ein Betonmischer herum. Drinnen fand ich eine Art Kellerraum mit weiteren Baumaterialien, einem Heizungskessel und Beuler vor. An den Wänden trotz allem lotterlichen Baustaub und Gerümpellager diverse Kruzifixe und Heiligenbildchen. Und auf dem Boden lag noch eine alte Polstersteppmatte. Hmm – Trampstyle deluxe! Das wird meine Unterkunft für die Nacht! :)

Erstmal mich und das Rad darein bugsiert und dann das Smartphone gecheckt. Oha – gerade mal ein Balken Netzabdeckung und E-Netz… Aber: Online! Uff. Wenigstens das. So konnte ich als erstes Statusmeldungen über Twitter geben. Zum einen, um den Dotwatchern bescheid zu geben, zum anderen aber auch, um mein Abenteuer direkt zu teilen. Als nächstes suchte ich online direkt nach dem nächsten Radladen. Glücklicherweise wurde ich auch sofort fündig. Sydy Bike in Mediasch war der einzige, der weit und Breit existierte. Glücklicherweise schien das aber ein Laden zu sein, bei dem berechtigte Hoffnung bestand, dass er bei einem modernen Rad weiterhelfen konnte. Er hatte sogar eine facebook-Seite, so dass ich in der Nacht noch eine Anfrage mit meinem Problem an ihn richten konnte – die mir auch am nächsten Morgen früh direkt beantwortet würde. Er würde sogar noch vor 9 extra für mich aufmachen, wenn ich so früh bei ihm sein könnte.

So weit war ich aber noch nicht. Noch diverse Chats per Twitter und facebook führend (ich fand und finde es immer noch großartig, wie groß das Interesse und die Aufmerksamkeit und Interaktion von Freunden und Kollegen und Social-Media-Kontakten im Rahmen des TCR war! Auch hier nochmal – vielen Dank dafür, das war wirklich toll!), knabberte ich an meiner Tüte Nüsse, die ich als Notration irgendwann gestern gekauft hatte. Und teilte mir meine letzten Schlucke in meiner Trinkflasche ein.

Währenddessen hatte ich es mir schon auf der Steppdecke gemütlich gemacht. Irgendwas raschelte und flitzte aber ab und an durch die dunklen Ecken im Raum. Unter all dem Gerümpel konnte ich allerdings nichts entdecken und hoffte nur, dass das, was ich da hörte, eine Maus oder Mäuse und nicht etwa Ratten waren… Süße Träume…

Frühmorgens weckt mich die aufgehende und in das Fenster hineinstrahlende Sonne. Im Hellen sieht meine Nachtunterkunft sogar ganz annehmlich aus:

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Meine Tramp-Unterkunft im Kloster am nächsten Morgen.

Großartig herrichten muss ich mich nicht – ich habe ja in voller Montur geschlafen. Aber die Satteltasche muss ich wieder packen und die Akkus und Ladekabel wieder verstauen. Wie komme ich nun von hier weg und zurück in’s knappe 20 km entfernte Mediasch? Da höre ich von draußen Motorgeräusche und immer mal wieder rhythmisches Hupen, das dann wieder aufhört… Bastelt da einer an seiner Autoalarmanlage? Tatsächlich, das sind zwei Männer. Einer davon in einer schwarzen Mönchskutte. Sie beugen sich unter die geöffnete Motorhaube eines alten VW Passat. Was die wohl sagen, wenn am frühen Morgen jemand ein Rad hinter ihrem Haus hervorschiebt und sie anquatscht? Sie nehmen meinen Morgengruß und die Frage, wie ich denn von hier am Besten nach Mediasch komme, erstaunlich gelassen und freundlich entgegen. Beide gemeinsam genommen konnten so viel Englisch, dass eine brauchbare Kommunikation zustande kam. Eigentlich hatte ich gefragt, ob sie mir irgendwie ein Taxi hier hin bestellen konnten. Supertoll – der Mönch bot sofort an, dass er mich mitsamt Fahrrad mit seinem anderen Kombi nach Mediasch fährt. Er müsse nur noch mit seinem Kollegen noch diesen Passat hier zum fahren bekommen… Wenige Minuten später sitze ich dann auf dem Beifahrersitz des Wagens und wir fahren nach Mediasch. Auf dem Weg dorthin sehe ich wieder das Bruderpaar Dani und Guillermo aus Spanien. Zuletzt hatte ich sie am CP3 getroffen. Mit dem Mönch unterhalte ich mich über das TCR und bekomme die richtige Aussprache des Fagaras-Gebirges und der Transfagarasan gelehrt.

Bald sind wir in Mediasch und der Radladen ist auch bald gefunden. Dort werde ich abgesetzt und mit besten Wünschen vom Mönch verabschiedet. Tolle Sache. Jetzt zum Radladen. Wird er mir weiterhelfen können? Und wie, wie sich schnell heraus stellt.

Der Inhaber nimmt sich meiner sofort an. Schnell wird klar – er hat keine passende 24-Lochfelge. Das heisst aber nur – dann muss halt ein passendes Laufrad komplett neu aufgebaut werden. Alles, was an meinem Vorderrad noch heile ist, ist jetzt leider wertlos geworden. Nabe, Centerlock-Bremsscheibe von Sram, Speichen. Glücklicherweise hat mein Orient auch vorne trotz Scheibenbremsen eine Schnellspanner-Nabe. So welche hat er auch da. Und als Bremsscheibe tut’s eine 6-Loch-Bremsscheibe aus dem Regal. Alles Paletti. Schnell noch die Reifenfreiheit und maximalen Flankenabstände gemessen und es ist klar – das wird passen. Eifrig macht er sich an die Arbeit.

Natürlich reden wir darüber, wie mir das passiert ist, wo ich gerade herkomme, was ich mache usw. Wie es mir in der Nacht ergangen ist. Auf englisch und ein wenig auf Deutsch sogar. Zwischenzeitlich ist auch seine Frau heraus gekommen und stellt mir weitere Fragen. Ihr Deutsch ist noch etwas besser als das ihres Mannes. Es stellt sich heraus, dass beide keine Rumänen sind, sondern aus Ungarn stammen. Aber deutsche Wurzeln haben und dass es in Mediasch sogar eine deutsche Schule gibt. Klar – ich bin ja mitten in Siebenbürgen. Die beiden kümmern sich rührend um mich und wir sind alle gut gelaunt. Ob ich einen Kaffee haben will? Ja, sehr gerne. Und ich hätte doch bestimmt Hunger? Bestimmt gab’s kein Frühstück? Ja, in der Tat, ich würde mich über etwas zu Essen sehr freuen. Schwupps – wenige Minuten später hatte ich ein tolles Frühstück mit Käse-Schinken-Brot, fetten Tomaten und Paprika vor mir stehen. Super!

Sydy Bike in Mediasch
Bombenservice mit Herz bei Sydy Bike in Mediasch!

Um viertel nach 10 steckte das neue Vorderrad in meinem Orient und ich war für die Weiterfahrt gerüstet! Ich war gerettet – nun konnte ich doch noch zur Transfagarasan weiter fahren und mein Transcontinental Race fortsetzen! Mir wurden noch die Flaschen gefüllt, ich habe die supertolle Leistung und das neue Vorderrad glaube ich mit 60 Euro beglichen und war wieder ready to go!

Das war eine großartige Geschichte und dann im nachhinein mit das beste Erlebnis meiner Transcontinental-Teilnahme. Jetzt war ich zwar spitzenmäßig versorgt, aber so ein bisschen Kalorien-Aufladung konnte ich trotz des Frühstückes noch vertragen. Ich musste auch mal auf Toillette und deswegen machte ich am Rand der Altstadt von Mediasch bei einem Café halt und bestellte mir einen Cappuccino und einen Milchshake um danach deren super saubere und moderne Toillette nutzen zu können. U.a. auch für Zähneputzen und co.

Nun war es doch Mittag geworden und die Sonne brannte so, wie sie es fast jeden Tag tat, erbarmungslos und ohne jede Wolke gehindert. Endlich konnte ich mich auf die Weiterfahrt machen. Erst mal galt es, wieder dorthin zurück zu kommen, wo ich gestern die Panne erlitt. Bei Tageslicht konnte ich auch das Schlagloch identifizieren, dass mich gestern Nacht mein Vorderrad kostete. Junge Junge, nicht von schlechten Eltern:

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Das Schlagloch

13:00 Uhr ist es, als ich das Foto mache. Gestern wollte ich ja eigentlich noch 20 km weiter gekommen sein. D.h. nochmal eine knappe Stunde drauf bedeutet: Die ganze Geschichte hat mich einen guten halben Tag gekostet. Geht sogar eigentlich…

 

Zur Transfăgărășan mit Hindernissen

Rund 40 km stehen auf dem Tageskonto und ich bin in Agnita / Agnetheln. Zeit, mal wieder Futter zu fassen. Der nächste Supermarkt ist – ein Penny. Ich wundere mich – 10 Autos stehen auf dem Parkplatz davor. Davon gleich 3 mit deutschem Kennzeichen. M, PAN und HN. Zweimal Bayern und einmal Heilbronn. Sachsen hätte ich fast noch eher verstehen können. Augenscheinlich ist Siebenbürgen durchaus ein Reiseziel für Deutsche. Oder die waren tatsächlich auch im Rahmen des Sachsentreffens 2017 in Hermannstadt vor Ort. Darüber habe ich nämlich einen Tag später am Vidraru-Stausee von einem Sachsen erfahren. Kein Deutscher, sondern ein Rumäne fragt mich vor dem Supermarkt, wo ich herkomme, was ich mache und darauf dann, wie ich Rumäniens Straßen und Autofahrer finde. Offensichtlich ist er stolz über sein Land und sein Auto. Ich befürchte schon schlimmste diplomatische Verwicklungen. Meine ungeschönte wahrheitsgemäße Antwort trägt er aber mit Fassung… Wir wünschen uns trotzdem jeweils eine tolle Weiterfahrt und ich schaue mal, was ein rumänischer Penny so alles bietet. Unter anderem meine erste Packung Baclava dieses TCR. Purer Raketentreibstoff, dieses süsse Zeug!

Hinter Agnetheln gilt es, einen kleinen Hügelkamm zu überwinden. Auf den Scheitelpunkt folgt eine langgezogene Rechtskurve und dann stockt mir der Atem. Wow! Blassblau in der Ferne kommt zum ersten Mal das Făgăraș-Gebirge in den Blick. Wie ein einziges geschlossenes Bollwerk ragt es unvermittelt aus der grünen Ebene. Auf deutsch auch Fogaroscher Gebirge genannt, ist es der Zentralteil der zu den Südkarpaten gehörenden Transsilvanischen Alpen. Dahin und darüber will ich heute noch. Zur Transfogarascher Hochstraße, zur Transfăgărășan!

Pano-Karpatensicht
Der erste Blick auf das Făgărăș-Gebirge!

Wenn ich mich nicht schon bisher im ländlichen Rumänien wie in der Zeit zurück gereist wähnte – hier wäre es spätestens der Fall! Also, wenn es mal Rumänien als Urlaub oder Radreiseziel sein sollte – dann nur hier im Kerngebiet Siebenbürgens. Die kleinen Ortschaften, durch die ich komme, scheinen – nein sind wohl buchstäblich – in den 50er / 60er Jahren stehengeblieben. Wenn eine Straße asphaltiert ist, dann nur die Hauptstraße durch das Dorf. Der Rest ist unbefestigt. Manche Häuser verfallen und sind renovierungsbedürftig, aber sehr viele sind auch richtig hübsch herausgeputzt und schmücken sich mit frischen und kräftigen Farben und Sgraffito-Verzierungen, wie die folgenden Fotos aus Bürgisch und Kirchberg zeigen.

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Die Ortsdurchfahrt von Bürgisch.
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Abseits der Hauptstraße: unbefestigte Straße und 50er Jahre Dorf-Idyll

Sehr oft wurde ich hier dazu animiert, doch mal wieder kurz anzuhalten und den Fotoapparat herauszuholen. Obwohl ich am heutigen Tag gar nicht darüber nicht getweetet habe (gleichermaßen die Möglichkeit im TCR Bekannte und die Welt bzw. einfach nur irgendjemanden über meine Erlebnisse Mitteilungen machen zu können als auch im Nachgang noch eine sehr wertvolle Kette von Mini-Notizen) müssen es auch heute bestimmt wieder so ein bis zwei Hundeverfolgungen gewesen sein. Sonst wäre ich am Ende gar nicht auf insgesamt 7 Stück davon gekommen…

Ich komme aber gut voran. Die Straße ist weitestgehend gut. Und der Ausblick erzeugt Gänsehaut bei mir.

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Road to Făgărăș

Ein mir zu langes Stück bin ich aber auch auf Schotter unterwegs. Aber immer ist das Fogaroscher Gebirge im Blick. Schließlich fahre ich durch das Dorf Noul Român bzw. Wallachisch-Neudorf. Na, die Wallachei ist ja erst morgen dran. Das ist nämlich der Landstrich südlich der Transsilvanischen Alpen. Wer hätte gedacht, dass ich mal im wahrsten Sinne des Wortes durch die Wallachei fahren würde? :)

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In Wallachisch-Neudorf

Aber man soll ja nicht auf morgen verschieben, was man heute besorgen kann – nicht wahr? Also mache ich mich ungewollt daran, mich schon mal im übertragenen Sinne durch die Wallachei zu fahren. Mein Track führt mich nämlich auf zunehmend kleinere Wege bis ich auf einem Wiesenpfad Ende. Öh – dass sieht nicht gut aus. Weiter vor mir ist ein Fluss. Und zwar kein ganz kleiner. Wenn die Wegesignatur auf dem Elemnt nicht Recht behält und da kein Weg und vor allem keine Brücke ist, dann sehe ich Alt aus bzw. muss einen anderen Weg suchen. Ich bin aber ganz sicher auf meiner mit Komoot geplanten Route… Und ich stehe jetzt auch ganz sicher vor zwei großen Hunden. Die glücklicherweise und ausnahmsweise angekettet sind, wie ich gleich nach meiner Schrecksekunde erkenne bevor mich hier an Ort und Stelle noch der Schlag treffen kann… Noch besser ist: der Wiesenpfad zwischen zwei Maisfeldern ist ein winziges bisschen breiter wie die Ketten lang sind…

Der Wiesenpfad hört dann ganz auf und ich fahre über ein Feld – immer schön meinem virtuellen Pfad auf dem Radcomputer nach. Bis sich der Pfad auch wieder als realer Pfad manifestiert:

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Pfad zwischen Feldern.

Der Ausblick ist immer toll:

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Hinter dem Feld liegt der Fluss Alt. Den muss ich überqueren, will ich zum Făgărăș-Gebirge.

Also Pfad ist wieder da. Gut, dann muss es ja hoffentlich auch die Brücke geben. Gibt es. Aber in eher rustikaler Form:

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„Indiana-Jones-Brücke“

Donnerwetter. Das ist ja fast wie bei Indiana Jones! Eine super-pittoreske Brücke. Ganz tolles Fotomotiv. Live und vor Ort machte sie jetzt aber einen eher nicht so vertrauenerweckenden Eindruck. Das war mir eine Bewegtbildaufnahme wert! Trotz dass ich mit der einen Hand mein Rad führe und mit der anderen filme, scheine ich einen halbwegs passablen Job bezüglich ruhiger Kameraführung gemacht zu haben. Der schwankende und unsicherer Flickwerk-Eindruck aus Bewehrungsmatten und Co kommt im Videoclip gar nicht so extrem rüber, wie es mir vor Ort erschien:

 

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Erfolgreich den Fluss Alt überquert.

Aber: damit hatte ich den Fluss Alt überquert und nur noch 4 Kilometer bis zur Hauptverkehrsstraße DN1 = E68 und auf dieser dann 2 Kilometer bis zum Abzweig nach Süden auf die DN7C, die Transfăgărășan, zurückzulegen. Geschafft! Ich bin am Beginn der Transfăgărășan! Gleichzeitig am Beginn des Parcours für den vierten und letzten Kontrollpunkt des Transcontinental Race 2017. Das war das Ziel, was ich mir insgeheim von Anfang an gesetzt hatte: die Transfăgărășan. Egal was kommt – bis dahin wollte ich es auf jeden Fall schaffen. Alle Kontrollpunkte. Und diese Passstraße der Südkarpaten selbst befahren. Gestern nacht noch hätte es heißen können – Game Over. Und jetzt stand ich davor. Wow!

Die Kreuzung ist mit einer Tankstelle hier, einem Motel dort und noch einer weiteren Pension drüber sehr gut ausgestattet. D.h. hier versorge ich mich in der Tankstelle nochmal ausgiebig und stecke mir auch Kram für den Aufstieg über die Transfăgărășan ein, denn es ist schon 16:15 Uhr (MESZ) und ich weiss nicht, ob sich mir vor der Ankunft bei CP 4 noch eine Gelegenheit zur Versorgung bieten wird. Vor der Tankstelle unterhalte ich mich mit zwei italienischen Motorradfahrern, die sich ebenfalls für die Transfăgărășan-Überquerung eindecken. Sie werden wohl ein wenig schneller sein wie ich.

Dann geht es auf die Transfăgărășan!

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Am Anfang der Transfăgărășan!

Allein die Anfahrt auf den Anstiegsbeginn ist beeindruckend. Hier merkt man im Weiteren, dass das schon auch eine relative Fremdenverkehrsregion, gewiss auch innerhalb Rumäniens, ist. Ich komme an nicht wenigen Campingarealen und der einen oder anderen „Lodge“ vorbei. Dann schlängelt sich der Anstieg mit gut zu fahrenden und moderaten Steigungsprozenten langsam und bewaldet nach oben. Es dauert eine Weile, aber dann bieten sich umso beeindruckendere weite Ausblicke auf die pannonische Tiefebene.

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Was für ein Horizont-Ausblick!

Es folgen ein paar kleinere Galerien und dann beginnt der obere Teil, der nochmals viele Serpentinen bereit hält. Die Sonne ist schon sehr tief am Himmel und ich liefere mir ein Rennen mit ihr. Werde ich im oberen Bereich nochmal besonnte Straßenabschnitte genießen können oder bleibe ich ab jetzt bis zum Scheitelpunkt im Schatten? Es wurde sehr knapp – hat leider aber nicht ganz gereicht. Machte aber nichts. Im oberen Bereich saßen noch viele Rumänen im Gras neben der Straße und hatten den späten Nachmittag dort genossen, picknickten, machten Fotos usw.

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Hier noch im besonnten Teil der Transfăgărășan. Titanrad und Meilenstein. Bis zur Scheitelhöhe sind es noch 9 Kilometer.

Oben an der Passhöhe angekommen, fühlte ich mich ein kleines bisschen wie auf dem Stilfser Joch. Was dort die Kioske mit Ansichtskarten, Touri-Krimskrams, T-Shirts und Trikots sowie Würsl-Stände sind, gibt es hier in ähnlicher Form. Andenken und vor allem lokale Produkte wie Honig, Marmelade, Würste oder gegrillten Mais bzw. irgendwelche Backwaren.

Puh – Passhöhe erklommen! Ein Hors Categorie Anstieg mit 1.457 Höhenmetern auf 25,8 km Länge und durchschnittlichen 6 Prozent Steigung. Sehr gut und angenehm zu fahren und mit gutem Asphalt. Trotzdem ist gerade bei Abfahrten immer Wachsamkeit erforderlich – wie ich gleich und weiterhin morgen sehen werde. Es kann unvermittelt in der Kurve mal Sand liegen oder trotz eigentlich guter Straße trotzdem Mal ein Schlagloch der Güte, wie das in dem ich mein Vorderrad zerbröselt habe, auftauchen. Prost Mahlzeit!

Wenn ich mich fragt: „Muss ich die Transfăgărășan mal gefahren sein?“ dann sage ich: ja, einmal sollte man. Und wenn, dann den Anstieg so wie jetzt von Norden kommend. Einmal reicht dann aber auch, wenn man nicht gerade in Siebenbürgen wohnt. ;-) In meine Top Ten kommt sie nicht. Die ist für Stilfser Joch, Schweizer und Dolomitenpässe sowie Sa Calobra vorbehalten…

Mittags waren es in der Spitze 46 Grad Celsius, die mein Wahoo aufgezeichnet hatte. Am Beginn des Anstiegs der Transfăgărășan waren es dann wieder 41 Grad Celsius. In Bewegung! Mit zunehmender Höhe und dann nochmal deutlich, als ich in den schattigen Bereich fuhr, nahm die Temperatur ab. Hier oben waren es jetzt 14 Grad. Ganz schön schattig. Einfach mal die Ziffern herumgetauscht. Krasse 27 Grad Differenz! Nicht nur für die folgende Abfahrt ziehe ich mir meine Primaloft-Windweste und darüber die ActiveX-Jacke über. So angeschwitzt muss man sich gut vor Wind schützen, wenn man herumsteht und das eine oder andere Foto macht.

Der Kontrollpunkt ist im sogenannten Chalet Bear Manor (Conacul Ursului) untergebracht. Das ist eine Alpenlodge mit angeschlossenem Campingplatz und befindet sich 12 km unterhalb der Passhöhe auf der Südseite der Transfăgărășan. Hier oben könnte ich gegebenenfalls auch noch eine Unterkunft finden. Da es aber nur noch bergab geht, will ich schon sehr gerne direkt im Kontrollpunkt Unterkunft finden. Ein kurzer Anruf – erstmal wird jemand gerufen, der etwas besser Englisch kann – bestätigt: Ja, ich kann dort ein Zimmer für die Nacht bekommen. Bingo! Jetzt muss ich also nur noch ein bisschen Bergab kullern und bin beim vierten und letzten Kontrollpunkt.

Vorher muss ich aber noch durch den Gipfeltunnel… Urgs. Tunnel allein geht ja. Rumänische Straßen – geht so. Rumänische Autofahrer: Hölle. Alles zusammen… Äh, stoßgebetswürdig. Glücklicherweise waren es dann doch ganz wenige Autofahrer da oben, so dass ich da auch gut durchgekommen bin.

Auf der anderen Seite wurde das Wetter leicht ungemütlicher, dafür erstmal um so stimmungsvoller.

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Ein Kreuz oberhalb der Straße.
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Blick aus dem Gipfeltunnel auf die Südseite der Transfăgărășan

Und wenig später erreiche ich Bear Manor! Der CP ist offiziell schon zu, aber in dem Fall kann man sich den Stempel für die Brevetkarte von den Angestellten geben lassen. Dafür wurde er zurückgelassen. Mit gestempelter Brevetkarte und meinem Rad gehe ich auf mein Zimmer. Durch den späten Start waren es heute nur 115 km, dafür aber 2190 Höhenmeter. Und wieder mal richtig Heiss. Entsprechend platt bin ich. Das ist doch mal ein Selbstportrait im Spiegel wert:

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Verschwitzt, salzverkrustet und platt, aber zufrieden.

Wenig später kann ich auf Twitter vermelden:

„Fagaras summit conquered, CP 4 reached, Brevet card stamped, showered, meal ordered, beer in hand. #Prost“

 

All Downhill from here

Die Nachtruhe war gut, das Abendessen hätte gerne üppiger Ausfallen dürfen. Ich war zwar nicht allzuspät abends angekommen, aber etwas Leckeres mit ordentlich Nudeln oder Kohlehydraten gab es nicht mehr. Man schien viel von der eigenen Küche zu halten – die paar Pommes, das bisschen Gemüse und die vier oder fünf nicht allzugroßen Hackfleischdinger in Cevapcici-Art waren aber weder ein besonderer Hochgenuss noch besonders reichlich. Seufz – da hat man schon mal Zeit…

Das Frühstück war da schon versöhnlicher. Die Küche aber auch noch nicht so furchtbar organisiert. Auf einer großen Tafel im Gastraum scheint schonmal eine Art Buffet versammelt, als ich als Erster in den Frühstücksraum komme. Doch fehlen diverse wesentliche Bestandteile. Z.B. Brot. Oder Besteck. Und Kaffee. Tee gibt’s aber. Bis jemand von der Crew auftaucht, esse ich dann halt schon mal Wurst und Tomaten und so Kram. Irgendwann kann man aber auch Besteck, Brot und Kaffee herzaubern. Solcherart gestärkt kann ich mich an den Aufbruch machen. Gerade, als ich losfahren will, kommt ein Fahrer-Duo an. Es sind Vytenis und Mindaugas, Cap Number 271a und 271b. Mit beiden hatte ich ja am Abend des ersten vollen Renntages bei McDonalds gegessen und dann das selbe Hotel genommen. Wir tauschen uns kurz aus und ich rolle los.

CP 4 im Chalet Bear Manor / Conacul Ursului am nächsten Morgen
CP 4 im Chalet Bear Manor / Conacul Ursului am nächsten Morgen.

Es ist ein angenehmer Start downhill der Transfăgărășan in schattiger Waldeskühle. Dafür hatte ich mir zunächst die Knielinge, meine Endura-Weste und Gore-Jacke angezogen. Die ersten Gegenanstiege und Flachstücke, von denen es auf der Südseite einige gibt, waren in der Sonne aber fix schweisstreibend. Bald komme ich an den Stausee Vidraru an. Der ist schon etwas größer.

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Blick auf den Vidraru-Stausee

Errichtet 1961 bis 1966 staut seine 167 m hohe Bogenstaumauer ein Volumen von 465 Millionen m3 ein. Das ist etwas mehr als doppelt so viel wie die größte deutsche Talsperre, die Bleilochtalsperre. Ihr Zweck ist vorrangig die Wasserkrafterzeugung.

Natürlich habe ich diverse Fotos gemacht. Natürlich auch – klar – auf der Staumauer. Dort treffe ich eine deutsche Familie. Von wo ich denn gerade komme. Ja. Eigentlich komme ich ja jetzt gerade von Belgien… Da kriegen sie sich ja gar nicht mehr ein. ;-) Von ihnen erfuhr ich dann auch, dass gerade eines der größten Siebenbürgen-Sachsentreffen im Gange sei. Der Mann, selbst Sachse, erzählt dann noch von seinen früheren Motorradtouren durch Siebenbürgen und so. Und macht dann auch ein Foto von mir. :)

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Yours truly gut gelaunt auf der Staumauer des Vidraru-Stausees

Genau hier – bzw. am anderen Ende der Staumauer – ist auch der Parcours zum CP 4 zu Ende. Der bis dato längste Parcours aller TCR gesamt. Vom Start vom CP 4 habe ich bis hier 40 km zurückgelegt. Jetzt geht’s weiter bergab. Wie eigentlich den ganzen Tag. Ein einziger, langer Downhill. Wenn auch immer flacher auslaufend. Hinter Curtea de Argeș (Argisch) folgt ein einziger kleiner Anstieg, als ich vom Tal der Argeș Richtung Alt-Einzugsgebiet herüberwechsle. Die Straßenzustände sind wieder gemischt, gegen Ende aber richtig gut. Ich kann das Fahren in den Aufliegern richtig genießen. Die 222,5 Tageskilometer lege ich mit einem Schnitt in Bewegung von 28,14 km/h zurück. Der schnellste Tagesschnitt aller meiner Abschnitte. Bei dem Höhenprofil aber kein Wunder – schließlich steuere ich aus den Transsilvanischen Alpen auf die Donau zu und habe heute nur 831 Höhenmeter zu überwinden.

Auch die heutige Route war wieder anstrengend. Die Transfăgărășan hat eigentlich eine gute Oberfläche, aber auch hier kann es passieren, dass einfach mal so ein übles Schlagloch in der Straße ist oder in einer Kurve Kies liegt. Im weiteren Verlauf hatte ich mal ein längeres Stück Dirt Road und ansonsten die übliche Rüttelpiste. Echt hut ab vor meinem Bike, da ist nichts lose gegangen (außer die Topeak-Iphone-Halterung, das war aber beherrschbar). Erst die letzten 2 Stunden oder so hatte ich endlich eine geile Straße mit glattem Untergrund, wo es super lief und man das Fahren im Auflieger genießen konnte. Die Temperatur ist wieder deutlich im Bereich 40 Grad angelangt. Oben an der Staumauer war sie bei 36 Grad Celsius. Kühlte dann durch meine Abfahrt wieder auf bis 28 Grad ab um danach wieder auf 32 Grad im Schatten und im Verlauf des weiteren Tages in der Spitze auf 41 Grad in der Sonne und in der Bewegung zu klettern. Puh.

Das erfordert die übliche Taktik: Bei Supermarkt-Aufenthalten viel Kram aus der Kühltheke besorgen. Dazu mit weicher bis cremiger Konsistenz und natürlich Getränke. Stilles Wasser als Nachfüllung für die Bidons. Cola, Fanta und der eine oder andere Saft oder Eiskaffee oder so Zeugs für das Konsumieren an Ort und Stelle. Z.B. in Argisch. Ein richtig großer Supermarkt. Draußen, wo ich mein Rad wie üblich mit dem kleinen Kabelschloss neben den Einkaufswagen angeschlossen habe, stehen auch ein paar Stehtische. Dort löffelt bereits ein Pärchen in einer Familienpackung Eis. Sie sind Radwanderer mit klassischem 6-Pack-Setup (also Seitentaschen vorne und hinten plus Toploader) und kommen aus Südafrika. Beide sind auf einer Alpenrunde. Über die Transfăgărășan nach Süden und wieder zurück nach Norden über einen weiteren Pass. Wir unterhalten uns, während ich systematisch und zügig meinen Einkauf in mich hineinstopfe. Natürlich auch über das Transcontinental. Und was man da so alles essen muss. Sie hatten natürlich sofort mein Rad gesehen und teilten mir mit, dass sie untereinander überlegt hatten, mit was für Kram ich wohl alles wieder aus dem Supermarkt herauskommen würde… :)

Ansonsten kam ich wie gesagt super vorwärts. Konnte Hundeverfolgung Nummer 5 und 6 vermelden. Meine Fresse, in diesem Teil Rumäniens ist die Streunerdichte noch mal höher. Und selbst in der Stadt Caracal waren die an allen Ecken und Enden. Eine echte Plage!

Caracal war auch mein Tagesziel. So gelegen, dass ich von dort aus am nächsten Morgen die Donaufähre um 11:00 Uhr erreichen konnte und ich heute im Dunklen auf jeden Fall eine Hotelbleibe erreiche. Ich weiss aber, dass ich dafür früh raus muss und besorge mir daher in einem Laden nahe meiner Unterkunft für die Nacht Verpflegung. Mache meine Musette mit Cola, Fanta, Chips, Nüssen und Pasteten voll und rolle dann weiter. Wie bisher immer gut erprobt meinem iPhone folgend, dass mich die letzten Kilometer direkt zur Adresse der heute Nachmittag gebuchten Unterkunft lotsen soll. Es ist diesmal ein Appartment. Allein – an der Adresse in der Innenstadt stehend, finde ich um’s Verrecken kein Gebäude, keinen Eingang kein Nichts, was darauf hindeuten könnte. Paarmal um den Block wandern bringt nichts. Ein paar Passanten fragen – hilft nichts. Die Nummer anrufen, die auf Booking.com angegeben wurde. Da nahm niemand ab… Arghs. Dann muss es doch das Hotel Edinburgh sein. Ein zwielichtiger Bunker, der nur von außen hui und wie ein schottisches Schloss aufgemacht ist. Aber eher so die effekthaschende Disney-Pappmachee-Variante. Da war ich während des Suchens nach meinem Appartment schon zweimal dran vorbeigekommen. Und auch schon in bester Koberer-Manier vom draußen rauchenden jungen Portier angesprochen. Na gut – dass andere Ding finde ich halt nicht, sei’s drum. Dann halt hier. Jetzt ist der junge Portier ganz höflicher Geschäftsmann und versucht dem Kreditkartenterminal Herr zu werden, damit ich die Nacht im voraus zahlen kann. Währenddessen kommt ein weiterer TCR-Teilnehmer herein. Leider habe ich mir weder seinen Namen noch seine Teilnehmernummer gemerkt. Er merkt an, dass er völlig erschöpft und müde sei und deswegen jetzt ausnahmsweise mal ein Hotel für die Nacht buchen will…

Mittlerweile hat der Portier die Terminalprobleme gelöst und lässt es sich nicht nehmen, mir mein Rad die enge Stiege bis in den ersten Stock hochzutragen. Was ihm sichtlich nicht sehr einfach fällt. Der Raum hat seine besten Zeiten schon lange hinter sich. Einen Satz, den man ihm schon vor 10 Jahren hätte andienen können. Das Bett ist brauchbar. Es gibt eine Minibar, wo ich meinen Kram Kühl stellen kann. Das ist gut, denn ich hatte mir ja auch was für’s Frühstück eingekauft. Die Dusche – auweia. Das war mal so ein Multifunktionsding, wo man diverse Strahlen einstellen konnte. Von oben und von der Seite und so. Davon funktionierte aber nichts mehr – allein das Bedienpanel hing schon halb heraus. Warm war das Wasser aber wenigstens. Durch den durchlöcherten und an allen Anschlüssen undichten Schlauch kam aber mehr Wasser als aus dem Duschkopf. Naja – es reichte für normales Duschen. Das Appartment wäre bestimmt besser gewesen…

 

Über die Donau nach Bulgarien

Heute ist Samstag, der 12. August. Der Tag der Finisher Party. James Mark Hayden ist schon seit dem 6. August im Ziel. Er hat für seine 4071 Kilometer bis nach Griechenland 8 Tage, 23 Stunden und 14 Minuten gebraucht und damit das TCR No 5 gewonnen. Klar – zur Finisher Party würde ich es nicht schaffen. Das war schon früher klar. Aber schon seit meiner Nacht im Kloster aufgrund des gebrochenen Vorderrades bin ich am Rechnen: eingeplant hatte ich Urlaub vom Donnerstag vor dem Rennstart (zur Anreise nach Belgien) bis zum Montag nach der Finisher-Party. Mit dem Dienstag noch als möglichen Extrapuffertag. Die Woche drauf hatte ich zwar extra von Terminen freigehalten, wollte und musste aber trotzdem spätestens am Dienstag die Heimreise antreten. Leider kommt man von Meteora bzw. Kalambaka auch nicht direkt international weiter. Sondern muss entweder nach Athen oder z.B. Thessaloniki, um zu einem Flughafen zu gelangen. Das wären nochmals 230 Kilometer oder einen halben Tag mit beschränkter Bahnverbindung. Stand heute würde das bedeuten: Wenn ich gleich an der Donau bin, wären es von dort noch genau 784 Kilometer auf meiner Route nach Meteora. Den heutigen Samstag, den Sonntag und den Montag. In diesen drei Tagen müsste ich das zurücklegen. Dann hätte ich noch den Dienstag für die Rückreise. 784 / 3 = 261 km pro Tag. Hart, aber machbar. Problem nur: Ich habe nur an zwei „normalen“ Tagen jeweils 243 und 248 km geschafft. In einer Monster-Anstrengung aber auch einmal 350 Kilometer und dann direkt 186 km dran gehängt. Sind über zwei Tage aber auch nur 268 km. Aber immerhin. Machbar, aber hart. Nicht zu vergessen noch die Kleinigkeit der zusätzlichen 60 Kilometer, die mich hier und jetzt vor dem Hotel Edinburgh in Caracal stehend noch vom Erreichen des Donau-Fährhafens Bechet trennen. Örks. In meinem Kopf wälze ich daher seit ein paar Tagen auch die Option „Durchfahren bis nach Thessaloniki und direkt von dort zurückfliegen“ umher. Was aber auch deswegen unschön ist, weil mich meine Route normalerweise gar nicht über Thessaloniki führt. Denn eine ansonsten sehr verkehrsgünstige Route durch den Süden Bulgariens ist anscheinend noch gefährlicher als die E81 / E60 in Rumänien und daher offiziell durch die Rennorganisation für uns Teilnehmer gesperrt.

Seufz – immer noch unklar verfolge ich meine beste Option: Fahren und möglichst viele Kilometer bis zum Ziel zurücklegen. Also – go! Das mache ich auch früh um 08:39. So früh bin ich aus einem Hotel im TCR noch nie los gekommen.

Die Straße ist zunächst flach. Ich weiss aus meiner Planung, dass die Fähre alle zwei Stunden beginnend ab Morgens 05:00 Uhr bis abends 23:00 Uhr übersetzt. 11 Uhr ist also meine angepeilte Zeit. Da muss ich auf der Fähre sein. Bequem machbar. Sogar mit etwas Puffer, sollten die Straßen richtig mies sein. Es lief auch prima. Ich fuhr mit gutem Speed über für rumänische Verhältnisse halbwegs gute Straßen zügig nach Bechet zum Fährhafen an der Donau. Und brauchte dafür nicht mal richtig Gas zu geben. Ganz im Gegenteil. Ich fuhr schonend mit im Schnitt 124 Watt für die knapp zwei Stunden. Denn ich merkte heute meine linke Wade wieder sehr. Ich musste mir gestern bei einem letzten Hundesprint oder irgendwo beim Antreten in einer Stadt doch etwas final gezerrt haben. Noch ging das aber halbwegs passabel. Ich fuhr eher aus Effizienzgründen nur so schnell, wie es die rechtzeitige Ankunft für das Übersetzen erforderte. In Bechet angekommen, fuhr ich sofort eine Petrolstation an, da ich mir für die Überfahrt ein zweites Frühstück zulegen wollte. Kaufe mir eine Fanta, zwei 7Day Croissants (meine ersten! Die 7Day Croissants sind berühmt-berüchtigt in der TCR facebook-Gruppe), Eiskaffee, Mineralwasser und ein Magnum-Eis. Alles in eine Einkaufstüte hinein und an den Lenker damit. Solcherart bepackt muss ich ja nur noch zum Fähranleger rollen.

Oh – der ist ja nicht nur die Straße links herunter, das ist ja noch mal ein gutes Stück von Bechet zu Bechet-„Hafen“. Uppsa. Jetzt aber doch etwas Tempo. Ich muss ja auch noch ein Ticket kaufen und so. Das Stück zieht sich, doch um viertel vor 11 war ich dann am Anleger. Oh, Polizei- und Passkontrolle steht auch noch an. Danach dann erst weiter zum Ticketkauf. Danach dann nochmal weiter, um schließlich zur Fähre zu gelangen. Das hätte auch daneben gehen können! Oder nicht. Als die Fähre endlich losfährt, ist es schon viertel nach 11.

Auf der Fähre habe ich dann noch vor dem losfahren Olivier aus Kanada getroffen. Wir haben die ganze Zeit gequatscht. Er hatte schon vor drei Tagen aufgrund des Verkehrs in Rumänien gescratcht. Muss aber irgendwie nach Athen und hatte schon eine kleine Zug- und Buss-Odyssee hinter sich. Es stellte sich für ihn heraus: Mit Bike kommt man von dort am Besten nach Griechenland… Oha.

Vor lauter Erfahrungsaustausch und Proviantverzehren mache ich nicht mal ein Foto vom Übersetzen. Auch gestern schon stand der Tag nach dem Stausee Vidraru ganz auf Distanz machen. Am anderen Ufer liegt Oryahovo. Ich bin jetzt in Bulgarien. D.h. auch, erstmal muss man zur Passkontrolle. Da steht schon eine lange Schlange. Also erst mal in den Schatten. Zeit die Sonnencreme zu applizieren. Alles in allem hat das Übersetzen samt Grenzübertritt rund 70 Minuten gedauert. Eine Stunde auf der Fähre (15 Minuten stand sie ja erst mal nur rum) und 10 Minuten auf Bulgarischer Seite vor der Ausweiskontrolle.

Es gilt, das südliche Steilufer der Donau zu erklettern. Gleichzeitig klettert die Quecksilbersäule mit. Als ich oben bin, sind bereits wieder 43 Grad erreicht. Prost Mahlzeit!

Auch heute herrschte wieder Bombenwetter und Affenhitze. In Bechet waren es noch beschauliche 30 Grad. Auf der Donau und schön im Schatten auf der Fähre geradezu frische 27 Grad. Nach der Ausweiskontrolle steigt meine Strecke erst mal steil um 170 Meter an. Es gilt, das südliche Steilufer der Donau zu erklettern. Gleichzeitig klettert die Quecksilbersäule mit. Als ich oben bin, sind bereits wieder 43 Grad erreicht. Prost Mahlzeit!

Entsprechend langsam krabble ich übertragen gesagt die steile Straße hoch. Nicht nur ist es verdammt heiss – wie üblich. Nein, auch die Wade macht mir zu schaffen. Nicht gut für geringe Kadenzen und hohes Drehmoment. Als ich oben bin folgt erst mal ein paar Kilometer eine moderat wellige Strecke. Ich komme in den nächsten größeren Ort, es ist Mizia. Hier halte ich an der nächsten Bank, die ich finde um an einem Geldautomat bulgarische Lew zu ziehen. Nach Mizia folgt erst mal wieder eine kurze Abfahrt, die mich etwa wieder auf Donau-Niveau bringt. Und ab da war die Straße nur noch eine einzige demotivierend lange Gerade die im Grunde immer nur ständig nach oben führte. Was mir sofort positiv auffiel: die bulgarischen Autofahrer überholten mit Abstand! Ein Konzept, das Rumänen vollkommen fremd ist.

Aber es zog sich. Ich kam nicht über 100 Watt hinaus. Schob es der Hitze zu; natürlich auch meiner Wade. Machte eine sehr lange Pause an einer Tankstelle vor Bórovan. Ganz für mich ungewohnt, hatte ich das Bedürfnis, Helm und Kappe abzunehmen. Lehnte ermattet auf einer Bank vor der Tankstelle mit dem Kopf an der Wand, bis ich dann irgendwann weiter fuhr. Bei der Analyse im Nachgang erschrecke ich fast. Ganze 1 Stunde und 30 Minuten habe ich da verbracht. Anderthalb Stunden später und 26 Kilometer weiter dann vor der Stadt Wratza der nächste Halt an einer Tankstelle. Vorhin hatte ich ja wenigstens noch was gegessen und das übliche verzehrt. Hier hatte ich jetzt überhaupt keinen Hunger. Statt dessen kaufe ich nur eine 1,5 l Flasche Wasser. Hatte nicht mal Lust auf eine Cola oder ähnliches. Sehr bedenklich. Erst sitze ich draußen unentschlossen vor meiner Wasserflasche. Dann muss ich plötzlich sehr schnell die Toilette der Tankstelle besuchen und blieb dort seeehr lange… Wirklich seeehr lange. Darin war schon klar, dass ich heute kaum Weiter kommen würde. Weiss der Geier, welche Sache ich mir da eingefangen hatte. Lebensmittelvergiftung? Einfach nur etwas schlechtes gegessen? Nur was? Vom Wasser (Dusche oder Zähneputzen in dem Hotel Edinburgh in Caracal? Oder nach Tagen doch irgendwie der Hitze Tribut zollen?

Glücklicherweise waren es nur noch so 10 km bis Wratza. Die müssen irgendwie drin sein. Auf der Toilette noch nutze ich mein iPhone um in bewährter Manier eine Unterkunft ausfindig zu machen und zu buchen. Dann endlich raus aus der Toillete und vor der Tanke noch mal Kraft zum Losfahren gesammelt. Nach dem Einklicken in die Pedale rolle ich keine 5 m weit und muss mich übergeben. Erst im Fahren nach rechts und dann beim Stoppen direkt nach links: Mich selbst und das Rad dabei sauber halten: check! Ok, das muss man auch mal hinkriegen.

Danach ging’s erst mal besser und ich kann mit rund 70 Watt nach Wratza hinein schleichen. Was für eine hässliche 70er-Jahre-Plattenbau-Ostblock-Stadt! Sie ist dreckig und riecht richtiggehend nach Öl und Diesel. Mein Hotel ist aber ganz nett. Es stellt sich heraus: ich habe die Suite des Hotels. Für ganze 50 Euro die Nacht. Zwei Toilletten, großes Bad, Riesen-Appartment. Groß genug, um alle noch auf dem Kurs befindlichen TCR-Teilnehmer unterzubringen…

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Meine Suite im Hotel in Wratza.

So furchtbar viel habe ich davon aber nicht. Um Viertel nach 8 bin ich dort angekommen und gehe erst mal wieder auf Toillette und hänge dann ermattet im Sessel von dem ich mich dann irgendwann ins Bett bewege. Lohn der heutigen Mühen waren bei 11,5 Stunden Fahrtzeit nur 6,4 Stunden in Bewegung und 139 Kilometer. Fernab von den rechnerischen 260 Kilomtern pro Tag plus 60, also 280 Kilometern pro Tag, die ich am Beginn dieses Abschnittes aufzeigte…

Trotzdem ist es mir sehr schwer gefallen, dann am heutigen Sonntag, den 13.8., offiziell der Renn-Orga per Mail mitzuteilen, das Cap Number 52 scratched.

Leider war mein Zustand am nächsten Morgen immer noch nicht gut. Zum Frühstück nehme ich ein bisschen Tee, bisschen Haferflocken und etwas Pfirsich. Dann entschließe ich mich, mein Zimmer für eine weitere Nacht zu buchen und Döse in den Tag. Schon gestern wusste ich, wenn es heute nichts wird, ist dass das Ende meiner Finishing-Hoffnung. Naja, eigentlich war es gestern ja schon so weit. Trotzdem ist es mir sehr schwer gefallen, dann am heutigen Sonntag, den 13.8., offiziell der Renn-Orga per Mail mitzuteilen, das Cap Number 52 scratched.

Sofia wird mein nächstes Ziel. Das sind rund 120 Kilometer. Ein Pappenstiel. Selbst mit meiner Wade. Ich buche also einen Flug von Sofia nach Deutschland für den Dienstag. So werde ich den ganzen morgigen Tag für das Erreichen von Sofia und die Vorbereitungen für den Radtransport im Flieger haben. Es wird mein Scenic Ride to Sofia.

 

The Scenic Road to Sofia – der Abschluss meines TCRNo5

Am Montag geht es so langsam wieder. Beim Frühstück habe ich zwar immer noch nicht den Riesenappetit und bleibe auch eher vorsichtig mit der Auswahl des Essens. Aber ansonsten fühle ich mich wieder straßentauglich. Auf gut ausgebauter Straße komme ich gut und schnell aus Wratza hinaus. In Rumänien wäre eine solche Hauptausfallstraße sicher die Hölle gewesen, hier in Bulgarien geht das vom Verkehr und von den Verkehrsteilnehmern her sehr angenehm. Wenige Kilometer später bei Mezdra würde es aber trickreich werden. Ich werde bis in den Norden Sofias auf meiner ohnehin geplanten TCR-Strecke fahren. Von daher wusste ich aus der Planung schon, dass ich von Mezdra bis Rebarkovo nicht auf der als 1 markierten E79 bleiben konnte. Sie war entweder für Fahrräder verboten bzw. auf jeden Fall nach Google Streetview-Recherche viel zu stark ausgebaut und befahren.

Das dumme und ein grundlegendes Problem, auf das ich schon in der Slowakei und auch in Rumänien gestoßen bin: Oftmals ist eine solche Straße die einzige Straße, die irgendwo entlang führt. Hier in Deutschland oder auch in Westeuropa kennen wir es ja eigentlich so: Wenn irgendwo eine Kraftfahrstraße oder Autobahn entlangführt, dann ist die fast immer zusätzlich zu bestehenden Straßen errichtet worden. Im Osten scheint man da schmerzfreier. Hängt vielleicht mit Fortschrittsplan zusammen. Über Land wird eh nur mit Auto gefahren oder so. Pferdefuhrwerke können auch durch den Wald fahren. Keine Ahnung – ich übertreibe wahrscheinlich. Jedenfalls – es war gerade hier bei der Planung schwierig, eine gang-, äh, fahrbare Alternative zu finden. Nach Luftbildern und Wegesignaturen war klar, dass ich hier etwas Gegurke, auch über unbefestigte Wege in Kauf nehmen musste, wollte ich auf die Straße gelangen, die hinter Rebarkovo begann und mich durch die Iskar-Schlucht durch das Balkan-Gebirge führen sollte.

Und so fuhr ich erst mal über richtig schlechte Nebenstraßen bis ich fast in irgendwelchen Hinterhöfen samt glücklicherweise angeketteten Hunden landete. Dann ging es auf einen Feldweg, der hohen Lehmanteil aufwies. Vorgestern gab es in der Gegend ein heftiges Gewitter, dass ich in meiner Suite in Wratza von drinnen betrachten konnte. Heute glühte wieder der Stern. Es war aber nicht mehr so furchtbar heiss wie die vergangenen Tage. In Bewegung nur noch so 30 bis 35 Grad. Nicht mehr furchtbar heiss – nur noch 30 bis 35 Grad. Wie oft schreibt man wohl so etwas in Bezug auf diese Gradzahlen? ;-)

Das bedeutete aber, dass mehr und mehr tiefe Schlammpfützen auf meinem Weg lagen. Bis hier her war ich zwar über jede Menge Untergründe bis hin zu Sand gefahren. Aber so richtigen Matsch hatte ich noch nicht. Das hatte ich mir anscheinend für heute aufgespart. Der Kram hat sich wirklich überall herum gelegt. Gabel, Kettenstreben und Sitzstreben – war alles zugekleistert. Irgendwann kam ich an einem Punkt, wo der Weg nur noch aus Schlammpfütze bestand. Ein Blick auf die Karte und über ein Feld bestätigte mir – da hinten würde ich wieder auf normale Straßen kommen, dort war der Rand einer kleinen Ortschaft. Also bin ich eine Böschung herunter gekrabbelt und dann die letzten 700 Meter über ein Feld gefahren. An dessen Rand angekommen, musste ich erstmal mit Stöckchen notdürftig den Lehm aus Gabel und Co kratzen, damit die Räder wieder richtig gangbar wurden.

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Auf bulgarischen Straßen durch das Balkan-Gebirge.

Aber da hatte ich es geschafft. Ich war jetzt auf der Straße, die über rund 70 km dem Fluss Iskar folgend durch das Balkangebirge führt. Und wow, die Iskar-Schlucht war wirklich eines der landschaftlichen Highlights des Transcontinental. Wikipedia weiss zu berichten, dass es sich um eine der schönsten Naturlandschaften Bulgariens handelt. Das glaube ich sofort. Man kommt an vielen Kalksteinformationen vorbei und hat immer tolle Aussichten auf Karsthöhlen und solche Dinge.

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Die Iskar-Schlucht

Die Straße ist auch toll und gut zu fahren. Wenn es auch meist leicht bergauf geht. Mit nur 120 Kilometer auf dem Tagesplan hatte ich auch endlich die Musse, Fotos von mir selbst im Fahren zu machen. So eines wollte ich ja auf jeden Fall haben. Und da ich leider nicht zum Spitzenfeld des Transcontinental zähle und der einzige Fotograf des TCR, Camille, damit beschäftigt war, diese Spitze bzw. immer so die ersten Phasen pro Kontrollpunkt zu dokumentieren, konnte ich auf ihn schon mal nicht zählen. Selbst ist also der Mann und ich mache solche Fotos ja sehr gerne und recht oft. Sie benötigen aber auch Zeit. An passender Stelle (Landschaftlich, Straßentechnisch und auch: Kamerabefestigungsmöglichkeit an passender Stelle für gewünschten Ausschnitt und Perspektive) wird angehalten, die Kamera auf das kleine Gorillapod-Mini geschraubt und mit diesem meist auf einen Leitpfahl, eine Leitplanke oder ähnliches befestigt und ausgerichtet. Die Kamera stelle ich dann entweder auf Selbstauslöser (der macht nach 10 Sekunden 5 Bilder in schneller Folge) oder auf Timelapse und fahre dann ein paar Mal an der Kamera vorbei, bis ich davon ausgehen kann, dass ich wenigstens zwei, drei mal beim Auslösen an der richtigen, previsualisierten Position im Bild war.

Das ist natürlich Aufwand, den man trotz aller anderen Fotografiererei nicht im Rennen macht. Hier und heute war das aber ganz toll und entspannend. :)

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Fahren im Auflieger.

Nach der Iskar-Schlucht sind es noch so 20 Kilometer bis nach Sofia. Das ist natürlich eine sehr große Stadt. Entsprechend zieht sich die Anfahrt bis zum Zentrum. Aber es lässt sich gut fahren. Mein Hotel hatte ich schon vorgebucht und ich hatte den gestrigen Tag auch genutzt um mir zu überlegen, wie ich mein Rad flugfertig machen wollte. Die Position eines Baumarktes war ausgeguckt und ich hatte mir zwei mögliche Radläden ausgesucht, wo ich schauen wollte, ob ich von einem einen Radkarton bekommen könnte. Das galt es also vor dem Hotel abzuklappern: Baumarkt und Bikeladen.

 

Nach dem Bike-Packing kommt das Bike packing

Wie verpackt man ein Fahrrad in einem Radkarton? Man braucht noch etwas Polstermaterial, man braucht vielleicht ein paar Kabelbinder und man braucht Klebeband (Powerband bzw. Ducttape) um das Polstermaterial um das Rad zu befestigen und um den Karton zu zu kleben. Dann müssen auch noch die Pedale ab und das geht mit einem Mutitool meist nicht. Aber so ein Imbuss-Schlüssel ist ja auch schnell gekauft. Es hat ein bisschen gebraucht, bis ich das alles im Bauhaus-Baumarkt gefunden hatte. Ich dachte erst, ich finde da Luftpolsterfolie (Bubblewrap). Gab’s aber nicht. Aber die Rolle Polsterschaumfolie war genauso gut.

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Ergebnis meines Baumarkt-Besuches in Sofia.

Vorher war ich noch bei einem Radladen gewesen. Es stellt sich heraus, dass die Mountainbike-Rahmen herstellen und Verkaufen. Kartons hat man daher nur Neue. Die will man mir nicht für Lau überlassen. Aber für 12 Euro. Das finde ich fair, weil es sich um gute und sehr stabile Kartons handelt, die nochmal extra verstärkt und getackert sind. Heisst aber auch: Zusammenfalten und irgendwie unter dem Arm klemmen und auf dem Rad mitnehmen ist nicht. Kein Problem – ich verabrede, den Karton morgen mit dem Taxi auf dem Weg zum Flughafen abzuholen. Ich muss mir also jetzt vom Baumarkt aus weiterfahrend nur die Polsterfolienrolle unter den Arm klemmen. Das geht erstaunlich gut.

Weiter geht’s durch das Zentrum von Sofia. Schon interessant. Noch interessanter wird es, als ich plötzlich an einer Kreuzung nach Rechts sehe und eine ganz tolle Kirche erspähe. Es ist die Alexander-Newski-Kathedrale. Na, die möchte ich mir genauer ansehen:

Alexander-Newski-Kathedrale
Die Alexander-Newski-Kathedrale
Alexander-Newski-Kathedrale
Sightseeing in Sofia

Beeindruckend. Aber weiter, teils durch Fußgängerunterführungen, teils entlang einer Hauptstraße und dann durch einige Nebenstraßen und ich komme in meinem Hotel an. Nicht ohne noch ein Denkmal vor dem Abendhimmel abzulichten.

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Sightseeing Sofia on the go

Ok – finale Entspannung vor dem Rückflugtag. Schon mal überlegen, was morgen in die Musette muss und wie ich dann das Rad verpacken werde. Hier ist es in meinem Zimmer:

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Mein Untersatz für 3394 Kilometer durch Europa: Das J.Guillem Orient.

Bei der Rezeption mache ich für morgen früh ein Taxi klar. Es soll auf jeden Fall Platz für mich und mein Fahrrad haben, betone ich. Was kommt am nächsten Morgen? Natürlich so eine kleine Ostblock-Limousine. Nix mit Platz für ein Rad. Der wird direkt wieder weggeschickt und die Rezeption telefoniert wieder. Glücklicherweise dauert es nur einen Espresso lang, bis das nächste Taxi in Form eines kleinen Lieferwagens (so ähnlich wie ein Renault Kangoo oder so) ankommt.

Das bringt mich erst zum Radladen, dort hole ich den Karton ab, der so gerade in das Taxi passt. Puh! Dann geht es weiter zum Flughafen. Dort habe ich Zeit genug um noch draußen direkt vor dem Terminaleingang zu beginnen, mein Rad in den Karton zu packen. Das ist der übelste Teil am Bike-Packing. Das Bike packing… Wenn ich das richtig erinnere, war mein Karton dann so 21 kg beim einchecken schwer. Ich bin mit Lufthansa geflogen und der Karton war mein einziges Gepäckstück. Alles andere (meine Powerbanks, Geldbeutel, zwei Smartphones, zwei Radcomputer) hatte ich in meine Musette gesteckt, die mein Handgepäck war. Kaum mit meinem Karton durch den Terminaleingang getreten, sehe ich übrigens dieses Ding samt Herren daneben:

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Wrapping Service Flughafen Sofia

Wer näher schaut: da finden sich auch Fahrräder auf dem Preiskatalog auf der Maschine. 22 bulgarische Lew sind 11 Euro. Hmm. Hätte ich mir da viel Aufwand sparen können? Kein Bauhausbesuch, keinen Karton ausfindig machen, damit auch keine Taxi-Erfordernis und Zeit und Geld gespart? Sehr gut möglich! Ich habe hinterher von zwei Leuten erfahren, die so etwas schonmal genutzt haben. Mit unterschiedlichen Erfahrungen. Was da passieren kann ist: zu große Spannung auf Gabel und auf Schaltwerk etc. Man muss auch schauen, ob man Laufräder drinnlassen kann oder rausnehmen muss. Wenn letzteres, dann muss auf jeden Fall ein Abstandshalter vorne in die Gabel. Und das Schaltwerk sollte man besser abschrauben und an die Kettenstrebe binden. Und auch aufpassen (und abpolstern) wie die Laufräder an den Rahmen gelegt werden. Auch muss man dann sehen, wo man Kram wie Radschuhe, Helm etc. unterbringt. Ich hatte sie einfach im Radkarton unterbringen können. Naja – Trotzdem eine interessante Option zum im Hinterkopf behalten.

 

The End

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Terminal 2 Flughafen Sofia

Tja, aber dann. Der Radkarton war aufgegeben, ich war eingecheckt. Zeit, auf das Boarding zu warten und vorher noch etwas zu essen. So furchtbar viel Auswahl gibt’s da in Sofia nicht. Aber zwei ordentliche Cappuccini und eine Pizza waren drin. Und dann. Boarding. Abflug. Wieder eintauchen nach Deutschland. In ein graues, regnerisches Frankfurt. Seufzen.

Was für Erinnerungen und Eindrücke ich während dieser 17 Tage gesammelt habe! Welche eigentlich irrsinnige Strecke ich in dieser doch recht kurzen Zeit zurücklegte: 3394 Kilometer waren es insgesamt. Wie kurz ich eigentlich vor dem Ziel stand. Und wie ich es doch für mich selbst erreichen konnte. Zwar nicht Meteora, aber #ImgoingtoseeEurope und die Erkenntnisse, die ich gewinnen konnte. Grandiose Erlebnisse, die ich noch lange nach der Rückkehr nach Deutschland verarbeite.

Mit Wehmut verfolge ich noch zwei Wochen nach meinem Rennabbruch die Dot-Trackerseiten. Ich sitze schon längst wieder im Büro, als die letzten Teilnehmer nach Meteora kommen und ihr persönliches Ziel erreichen. Zwar ist das Rennen schon längst offiziell vorbei und bei solcher Gesamtreisezeit der dann noch ins Ziel kommenden muss man tatsächlich eher von Radwandern sprechen – aber das ist egal. Sie sind Finisher und ich bin es nicht. Das wurmt schon nicht wenig. Gut – ich kann mich ab jetzt Veteran nennen – ist ja auch schon mal etwas.

Ich war während des Rennens absolut überwältigt von den vielen Kommentaren, Kudos und Nachrichten, die ich über Twitter, über facebook oder WhatsApp und auch zu meinen Instragram-Posts und Strava-Uploads bekommen hatte. Das war echt toll und hat beizeiten unterwegs auch super geholfen. Ihr seid Spitze, Leute!

Viele Monate später lerne ich von Maik beim Erzählabend über das Transcontinental ein Wort für das Gefühl, was ich seit diesem Tag lange Wochen habe: Erfüllungsmelancholie.

Seit dem 12. Januar 2018 ist die Bewerbung für die Teilnahme des TCRNo6 freigeschaltet. Meine Application ist schon eingereicht…

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11 Kommentare zu „Mein Transcontinental Race 2017 – Teil 5: Der noch wildere Osten

  1. Grandioses Abenteuer und mit dem langen Warten auf den letzten Teil hast Du ja auch den Spannungsbogen hoch gehalten. Aber das Warten hat sich gelohnt, obwohl ich bei Deinem Vortrag ja schon gehört hatte, dass Du abbrechen musstest. (Ich hatte Dich aber auch schon in der Finisherliste auf der TCR Seite gesucht). Und dann Erfüllungsmelancholie – was für ein tolles Wort!
    Dann mal viel Erfolg für Deine Bewerbung und die Durchführung der TCRNo6. Ich freu mich schon auf die Berichte…
    Viele Grüße aus Duisburg,
    Markus

  2. Konnte bis jetzt nur ein viertel lesen, wenn überhaupt. Werde mich aber die Tage immer wieder einklinken. Klasse Bericht, ganz tolle Bilder !

    Und Rumänien, ja da war ich auch schon mal. Wann war das noch ? Das dürften so gute 34 Jahre her sein – damals.

  3. Hallo Torsten,

    großartige Nummer, ich hatte seinerzeit vor Allem George (Bennett) und Dich verfolgt – inkl. versuchtem Abpassen vor CP1, aber das war praktisch hoffnungslos… ;-)

    Du hattest irgendwann (während des TCR?) etwas von gesundheitlichen Statistiken wie Schlaf, Gewicht, etc. pp. angedeutet. Das würde mich noch kolossal interessieren.

    Und, übrigens: Meine Application wird irgendwann mal kommen, aber nicht dieses Jahr und dann nicht alleine…

    Grüße und vielen Dank für die interessanten Einblicke
    M

    1. Hallo Friedhelm,
      ja, ich erinnere mich. Vielen Dank für die Unterstützung! :)

      Über Gewicht kann ich nichts sagen. Aber ich bastele an einer Tabelle mit ein paar Statistiken, ja. Mal schauen, wann ich dazu noch was schreiben kann.

      viele Grüße,
      Torsten

  4. Habe im letzten Jahr durch Ankündigung in Deinem Blog Deine Transcontinental über Strava/Instagram/Twitter/Dotwatch verfolgt und auch ein wenig mitgefiebert ;-). Deine tollen Berichte und Fotos haben jetzt im Nachhinein die ganze Reise nochmal richtig schön anschaulich und nachvollziehbar gemacht. Vielen Dank, dass Du uns auf diese Weise an Deinem Erlebnis teilhaben lässt – die Lektüre war spannend und inspirierend zugleich!

  5. Sehr schöne Berichte!! Meine Hochachtung vor allen, die das mitmachen … egal, ob durch oder nicht ganz … Es war bei dir ja nur ganz knapp vor dem finish …Mit welchen Gedanken im Hinterkopf gehst du an die erneute Inangriffnahme heran??

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