Mein Transcontinental Race 2017 – Teil 2 (Stint 3 bis CP1)

Der zweite Tag des Transcontinental Race beginnt. Der zweite Tag? Wie zählt man die Tage bei einem Ultradistanz-Rennen eigentlich? Gerade, wenn der Start abends um 22:00 war? Wegen den zwei Stunden einen Tag anrechnen? Am nächsten Morgen also schon von Tag zwei sprechen? Oder schon ab 0:00 Uhr in der Nacht? Also zwei Stunden nach Rennstart?

Für die Eintragungen auf der Brevet-Karte und die Gesamtzeit ist es einfach: Da werden einfach die Stunden seit Start gezählt. Aus 24 vergangenen Stunden wird ein Tag. Ich werde am Sonntag um 21:06 Uhr am ersten Kontrollpunkt sein. Bis dahin sind es 2 Stunden am Freitag, die 24 h des Samstag und die 21 Stunden und 6 Minuten des Sonntag. Auf meiner Brevetkarte wird dann 1 Tag, 23 Stunden und 6 Minuten notiert werden.

Im Rennen selbst ist mir das egal – die Tage folgen aufeinander. Einer auf den anderen. Ich zähle sie nicht. Ich denke nur in Kilometern oder groben Tageszielen. „Morgen CP 1 erreichen“ oder: „Heute noch über den Fernpass“ etc. Hätte ich nicht meine Einzeletappen jeweils per Autoupload nach Strava hochgeladen und dort durchnummeriert – Stint 1, Stint 2 usw. – hätte ich wohl mittendrin überhaupt nicht sagen können, wieviele Tage ich jeweils schon unterwegs gewesen bin. Irgendwo in Rumänien werde ich gefragt, wieviele Tage ich schon unterwegs bin. Ich weiss es nicht. Oder nur ungenau.

Gerade, wenn man bis tief in die Nacht fährt und dann nur kurz die Augen schließt – vielleicht für ein bis drei Stunden – sind das dann zwei unterschiedliche Tage oder auch zwei unterschiedliche Rides? Akademische Ordnungsfrage, die eigentlich nur für die Chronisten-Freude wichtig ist. Ich habe es aber so gehalten. Es sind zwei unterschiedliche Rides. Alleine schon, damit ich irgendwann auch mal auf dem Radcomputer „Stopp“ drücken und die bis dahin gefahrene Strecke sicher abspeichere und hochlade.

Aber – so „schlimm“ war es ja meist gar nicht bei mir. Ich habe doch relativ regelmäßig abends ein Hotel gefunden bzw. durch die Freuden der modernen Technik am frühen Abend über HRS bzw. meistens Booking.com vorausgebucht. Das ging selbst in Rumänien und Bulgarien super. Das führte dann ganz automatisch zu sinnvollen Tagesetappen. Sowohl für das Fahren als auch für das Abspeichern. Schließlich – if it isn’t on Strava it didn’t happen, right? ;-) Und für die Spaßbremsen, die das uncool finden, weil so richtig frei und cool ist man ja nur, wenn man auf solche Dinge keinen Wert legt (No Garmin, no Rules und so): Man kann beides: den Zauber des Augenblicks und des Abenteuers erliegen und Spaß daran haben, auch lange im Nachgang in Google Maps zu stöbern, wo genau man denn lang gefahren ist. Seine Fotos zu georeferenzieren und zu staunen, wieviel tausende von Kilojoule man ganz exakt verbraucht hat, weil man es schwarz auf weiss aus den Nummern seines Wattmessers ablesen kann.

Aber ich weiche ab und greife vor.

Die Frühstücksversuchung. Oder: Frühstück ist wichtig

Sagen wir, wir sind am Morgen des zweiten Tages. Am Sonntag morgen. Das TCRNo5 ist gerade 35,5 Stunden alt. Das bringt uns zu… 9:30 Uhr. 9:28 Uhr um exakt zu sein. Da drücke ich auf meinem Wahoo Elemnt auf Start und rolle los.

09:28 Uhr ist jetzt keine furchtbar frühe Zeit, um eine Tagestour zu beginnen. Geschweige denn einen Abschnitt in einem Brevet. Noch weniger in einem Rennen. Aber das Transcontinental Race ist ja auch kein gewöhnliches Rennen und für mich ist das alles sowieso noch furchtbar neu. Und ich habe großen Respekt. Und fand (und werde durch fast das gesamte TCR finden), dass ein gutes Frühstück genau wie eine gute Nachtruhe die halbe Miete für die Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit ist.

Hier in Saargemünd hatte ich also meine erste Hotelübernachtung des Transcontinental verbracht. Beim Einchecken auch im Brustton der Überzeugung gesagt: „Nur Übernachtung, ohne Frühstück“. Was soll ich sagen. Nach dem Aufstehen und fertig machen stelle ich fest, dass die Frühstückszeit ja schon begonnen hat. Warum also erst etwas Anderes suchen und dort dann extra wieder anhalten und Extra-Zeit verschwenden? Also buche ich da noch ein Frühstück nach (war sogar richtig günstig, nur 3 Euro, wegen irgendwelchen Rabatten…). Ich trödele nicht, Schlinge das Essen aber auch nicht hastig hinunter. Vollschlagen tue ich mich auch nicht, ich will ja ohne Verdauungspause direkt losfahren. Aber sorge für ausreichend Energie und schmiere mir auch noch ein Brötchen für unterwegs. Tja – und dann wieder schnell auf’s Zimmer. Arme und Beine mit Sonnencreme einreiben, Hände waschen, Taschen am Rad schließen, Rad vom 1. Stock heruntertragen… Bis ich losfahre, ist es halb zehn.

Eine Zeit, von der ich auch in den kommenden Tagen (wenn ich nicht gerade durchfahre oder irgendwo biwakiere) nicht großartig herunter komme. Wenn ich etwas früher mit Frühstück und Co durch bin, dann wird die Zeit für Antriebsservice oder irgend etwas anderes genutzt. Ja – es ist so – Hotels kosten einfach Zeit. Und sie führen in Versuchung! Eine Versuchung, der ich als Bikepacking- und Transcontinental-Neuling schwer widerstehen konnte.

Aber – so schlecht war das auch wiederum nicht. Wie ich im Nachgang feststelle, war meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem Rad sehr wettbewerbsfähig. In der Tat, wie mir einige Vergleiche zeigten, war sie genau so hoch wie z.B. die des am Ende siebtplatzierten Finisher. Auch habe ich unterwegs, wenn ich einmal andere Teilnehmer auf der Strecke traf, diese ein- und nach kurzem Plausch überholt. D.h. die Taktik, eher etwas besser zu regenerieren und dann die Einzelstints zügig zu fahren, ging auf. Nur – ich muss meinen Tagen für eine Wiederholung dann noch irgendwie 2 Stunden mehr Fahrtzeit verpassen. Dann sollte es auch mit einer potenziellen Ankunftszeit zur Finisher-Party funktionieren.

Solche Überlegungen waren mir am Morgen dieses Sonntages aber komplett fern. Ich ärgerte mich etwas, dass es doch schon so spät war, freute mich aber, gut ausgeruht und ordentlich verpflegt in diesen tollen sonnigen Tag zu radeln.

Durch die Nordvogesen

Erst mal geht es rauf. Ich muss die Nordvogesen überqueren. Die Landschaft ist ganz reizvoll und nicht zu dicht besiedelt. So mag ich das. Es gibt immer mal wieder False Flats, die zwar leichten Anstieg haben, sich aber doch sehr gut im Auflieger fahren lassen.

Direkt hinter dem Örtchen Lemberg beginnt dann eine super geniale Abfahrt durch einen Wald bis nach Vielle Fonderie und dann immer ganz leicht abfallend über 20 Kilometer entlang von Bächen, Weihern und Wäldern. Vorbei an Mutterhausen und Baerenthal. Hat mir super gefallen, lässt sich auch super angenehm fahren. Die reinste Freude.

Die wurde glücklicherweise nur kurz (aber mehrmals) getrübt, wenn ich nach meiner Ortlieb Seatpack schauen musste. Heute am zweiten Tag gab ich der Tasche noch ein paar Chancen. Hatte nochmals eine leicht andere Umarangierung des Inhaltes versucht (obgleich ich da mittlerweile alles ausgeschöpft hatte und es nur noch leichte Variationen gab).

Ich twittere schnell:

„Still bad at packing my #Ortlieb Seat-Pack. Rearanged everything. Hope this helps. Either this or I’m officially pissed with it. #TCRNo5“

Aber später gefolgt von folgendem Tweet:

Tweet_Day2_Vosges

Nachdem mich die Vogesen ausgepuckt hatten, ging es nämlich durch die Rheinebene weiter. Ein paar kleine Gegenanstiege, aber ansonsten immer weiter eben bis sanft abfallend zum Rhein hin. Das elsässische Örtchen Betschdorf auf halber Strecke zwischen Vogesenrand und Rhein ist mir noch in Erinnerung geblieben. Absolut reizvoll mit besonders vielen alten und gut erhaltenen bzw. restaurierten Fachwerkhäuschen. Echt allein schon eine Reise wert.

Der Ortlieb-Zwischenfall

Fotos habe ich bis dahin aber keine gemacht. Es ging um’s Strecke machen. Auch zum Essen keine Stops. Statt dessen habe ich mal wieder was Neues versucht: Kartoffel-Chips als Unterwegs-Verpflegung. Die hatte ich mir samt einem alkoholfreien Bier als „Schmankerl“ und Extrakalorien schon gestern am Abend bei einem Tankstellenstop vor Saargemünd gekauft. Hatte auf die Chips nach dem McDonalds-Abendessen keinen Hunger mehr gehabt und sie deswegen noch in der Musette, die ich deswegen umhängen hatte. Tüte auf, Tüte in der Musette am Rücken. Ab und an mal reingegriffen. Geht, kann man machen. Gibt aber fettige Finger, ist mal Abwechslung auf dem Speiseplan, aber dann doch nicht so das ideale „Auf dem Bike“ Futter.

Es fährt sich auch echt gut mit einer solchen Musette, muss ich sagen. Das konnte ich dann auch noch weiter testen, denn ich musste die Beladung der Musette etwas steigern…

Warum? Tja, warum hatte ich auch bisher immer mal wieder angehalten? Nicht wegen essen, nicht wegen Fotos. Nein, wegen der (hier Schimpftirade einfügen) Ortlieb Seat-Pack. Trotz nachstopfen und sorgfältigem nachkomprimieren an einigen Stops war es irgendwann soweit. Ich fuhr (ganz normal) über einen Speedbump und dahinter blockierte auf einmal das Hinterrad. Glücklicherweise kam ich sofort zum stehen. Währenddessen schossen in Millisekunden Gedanken durch den Kopf… „WTF!?“ „Was blockiert hier gerade?“ „Bremse?“ Und dann stand ich auch schon, blickte nach hinten und sah den Salat. Bzw. die fest auf dem Rad sitzende und das vom Reifen ein weiteres Stück geknickt und nach vorn gezogene Hinterteil der Seat-Pack…

Was ein Scheiss! Viel mehr dazu und eine ausführliche Produktkritik könnt ihr auf meinem Extra-Beitrag „Transcontinental Race Kit: The Good, the Bad and the Ugly“ finden.

Ihr seht da auch Fotos der nun mit Löchern versehenen Tasche, die ich jetzt so bis zum Ende des TCR benutzen musste. Glücklicherweise hatte es den Hinterreifen nicht in Mitleidenschaft gezogen!

Von da an hatte ich die Faxen dick. Ich hatte die Tasche bei weitem noch nicht mit ihren nominellen 16,5 l befüllt! Sah mich aber genötigt, die Tasche nochmals weniger zu befüllen und wenigstens den sehr kleinen und nur zwei Fäuste großen Helium-Solo-Schlafsack aus dem Seat-Pack zu nehmen und ihn statt dessen in meiner Pedal Ed Musette zu transportieren. Die hatte ich ja praktischerweise eh schon um.

Und trotz dass die Tasche jetzt noch geringer befüllt war, musste ich immer mal wieder an ihr herumzupfen bzw. das Zupfen bestand im Öffnen, Inhalt nochmal nachstopfen, Tasche erneut zurollen und komprimieren. Nicht schön. Spätestens bei jedem normalen Halt für eine Rast über die nächsten Tage war das erforderlich.

Naja, das hat zwar meinen Schnitt durch die Vogesen und die Rheinebene versaut, aber nicht nachhaltig meine Laune.

Das Wetter war toll, ich kam voran und war alsbald am Rhein. Jetzt endlich nicht mehr ständig rein/raus/rein/raus mit den Grenzen sondern: final in Deutschland und das erst mal eine ganze Weile. Das war dann doch einen ersten Fotostop des Tages wert:

Deutschland voraus. Brücke über den Rhein vor Rastatt.
Deutschland voraus. Brücke über den Rhein vor Rastatt.

Hurra, Deutschland, Heimatland

Nach der Rheinüberquerung folgt Rastatt und danach dann Ettlingen. Und dort endete dann die bisher so lange währende sanft abfallende Straßen-Glückseligkeit. Ein paar erste kleine Höhenstufen Richtung Nordschwarzwald mussten überwunden werden. Es fuhr sich sehr schön und ich wartete immer „jetzt bald muss doch Pforzheim irgendwann mal kommen“. Tat es dann auch und von dort ging es dann wiedermals sehr reizvoll und sehr schön zu fahren über den Nagold-Radweg entlang des Flusses. 20 Kilometer absolut verkehrsruhig, schön zu fahren, leichter anstieg, schöner Fluss nebenan – so ging es bis Calw.

Ich hatte auch eine gedeckte Brücke entdeckt, in der mir nebst einigen anderen Fotos auch die Zeit für ein erstes Selbstportrait nahm.

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Gut gelaunt an der Nagold. Mein erstes Selbstportrait im Transcontinental.

Noch in Nagold-Nähe finde ich ein offenes Café in einem Ort – viel ist hier in den Orten nicht los, was mich etwas erstaunt. Ich bin daher froh, dass ich überhaupt ein Café finde. Der Apfelkuchen, den ich mir dort vornehme, ist eigentlich lecker und hat gute, wenn auch nicht sehr weiche Konsistenz. Normalerweise wäre er genial, aber hier und jetzt muss ich mir ihn reinzwingen. Trotz Cappuccino und Cola ist der Mund trocken. Egal – Kalorien müssen irgendwie rein. Beschließe, beim nächsten Kuchenstopp auf Sahnekuchen umzusteigen (wenn es nochmal Kuchen werden sollte).

Tübingen wird erreicht. Macht was her. Hier würde ich gerne mal einen Stadtbummel machen. Geht aber nicht. Befinde mich ja in einem Rennen. Wie von mir erwartet, sehe ich viele Radfahrer. Wie gar nicht von mir erwartet, fahren die überwiegend einen ziemlichen Schmarrn zusammen. Auf der verkehrten Straßenseite. Schauen nicht nach hinten. Halten unvermittelt an usw… Letzten Endes bin ich allein deswegen froh, wieder aus Tübingen draußen zu sein. Sehr komisch, die Tübinger Radfahrer.

Irgendwo zwischen Tübingen und Reuttlingen finde ich in einem kleinen Örtchen einen Brunnen vor einem Haus. Ahhhhh! Trinkwasser brauche ich zwar keines. Aber einfach mal etwas Abkühlung für die Hände. Und mich hat schon die ganze Zeit etwas Schmier auf den Bremshebel-Hoodies genervt… Ob das noch von den Chips mit verursacht war? Egal, das Wasche ich erst mal ab. Und das Lenkerband. Und meine Handschuhe – super, das kühlt nochmal extra. Und die Arme, die von einer Mischung aus Sonnencreme, Schweis, Straßenstaub und was sonst so aus der Luft aufgesammelt wurde, bedeckt waren. Ach – und dann kann ich ja die Beine auch saubermachen und Kühlen… Da war von einer nassen Straße schon am Vormittag ziemlicher Dreck drauf… Sagen wir mal so – ich war hocherfreut über das kühle Nass und konnte mich kaum davon lösen… Hätte ich gewusst, wie die Temperaturen in den kommenden Tagen so werden würden… Da war das heute nur ein kleiner Vorgeschmack!

Zum Kontrollpunkt 1 mit Hindernissen

In Reutlingen bewundere ich dann noch die Ausstattung der Radverkehrsinfrastruktur. So ein praktischer Handgriff an Rad- bzw. Fußweg-Überwegen war mir bis dato noch nicht begegnet. Nette Sache:

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Praktischer Handgriff an einer Radweg-Ampel in Reutlingen.

Und damit befinde ich mich auch schon in unmittelbarer Nähe zum Kontrollpunkt 1 in Honau. Dem ersten Meilenstein des Transcontinental Race! Den Schwarzwald habe ich schon wieder hinter mir gelassen und bin in der Neckar-Alb. Noch rund 12 Kilometer sind es von hier, überwiegend auch wieder auf guten Radwegen. Ich muss sagen – meine ausführliche Planung und die Nutzung von komoot, Strava, Google und Google-Streetview (jeweils zu unterschiedlichen Anteilen) – hatte mir nicht nur heute sondern überwiegend über mein gesamtes TCR sehr gute Dienste geleistet. Es gab viele Tage, wo ich kaum einen Meter von meiner Route abgewichen bin oder die Erfordernis gehabt hätte, meine Route zu finden. Etwa bei einem Abzweig zu suchen, welcher denn nun mein Weg ist. Klar, manchmal fährt man kurz in einen Weg hinein, um dann vom Wahoo geweckt zu werden, dass es doch der andere gewesen wäre. Aber: Ich bin auch im Nachhinein sehr zufrieden. Auch über die Wegeführung hier und heute. Der Radweg brachte mich so von Reuttlingen aus gut und schnell und verkehrsarm nach Honau hinein.

Was er nicht gewährleisten konnte, war, dass es von oben trocken blieb. Den ganzen Tag hindurch hatte ich super Wetter. Nur am Vormittag bei Schloss Lichtenstein war es etwas  zugezogen. Jetzt, auf dem Radweg mit Blick nach Süden sehe ich den Salat! Rasend schnell wird es dort hinten in Richtung Honau und Bergen dunkel. Schiebt sich eine Wolkenfront immer näher heran und wird dunkler und dunkler.

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Da braut sich was zusammen (Handyphoto aus dem ToPeak Ridecase).

Öha – Wetterleuchten beginnt. Schaffe ich es noch, bevor das Unwetter losgeht, zum Kontrollpunkt? Noch sind es mindestens 10 Kilometer. Meine Pace nimmt zu. Das Wetterleuchten aber auch. Blitze beginnen zu zucken. In so hoher Frequenz, dass ich dass doch irgendwie auf einen kleinen Videoclip bannen will und sicher auch kann. Meine iPhone-Halterung gestattet ein Hochschwenken, so dass ich mit dem auf dem Lenker vertikalgestellten Handy aus der Halterung filmen kann. Die Blitze sind schon echt nicht von schlechten Eltern:

Kurz nach meiner Aufnahme, etwa noch 5 Kilometer bis zum Kontrollpunkt offnen sich die Himmelsschleusen. Mit solch einer Vehemenz und Brachialität, dass ich sofort von der Straße herunter und in einen Geschäftseingang auf der gegenüberliegenden Straßenseite flüchte! Ein Brautmoden-Geschäft, wie mir später einer der Dotwatcher sagt.

Hier an dieser Stelle auch noch mal meinen Respekt und tiefen Dank für das Interesse und die Sorge, das Mitfühlen und -fiebern und das Anfeuern, dass mir von so vielen Seiten über Twitter, Facebook-Messenger, Whats-App, Instagram und Strava zu Teil wurde! Und zwar nicht nur von Leuten, die mich ohnehin kennen. Das hätte ich im Vorfeld ja nie so erwartet. Vielen, vielen Dank!

Und weil ich da jetzt ja erst mal gestrandet war, hatte ich auch etwas Zeit und wollte die sinnvoll verbringen. Schön geschützt und im Trockenen stehend konnte ich das Schauspiel unmittelbar vor mir auf der Straße auch richtig genießen. ;-) Da blies es erst heftigsten Regen, dann Hagel quer über die Straße. Kurze Zeit später heulten die ersten Sirenen los. Ich steckte während dessen erst mal mein iPhone per Ladekabel an meine Powerbank, holte etwas zu Essen heraus und nutzte die Zeit auch, um Twitter und Co zu checken. Und um direkt erste Instagrams zu posten. Ja nun, man will ja auch was bieten. ;-)

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Heftigster Regen und Wind in Honau. Rund 5 km vor CP1.

Gut – es waren schon volle 33 Minuten, die ich da so kurz vor CP 1 gestanden habe. Aber: Ich hatte was gegessen, hatte die sozialen Medien versorgt und dem iPhone wieder Saft verschafft. Und: Ich und meine Ausrüstung war komplett trocken geblieben. Nach diesen 33 Minuten konnte ich meine Fahrt also genau so weiter fortsetzten. Immer noch nur mit Bibshorts und Trikot bekleidet, ging es bei zunehmender Dunkelheit über nasse Straßen die verbleibenden Kilometerchen bis zum Hotel Forellenhof Rossele in Honau, wo der Kontrollpunkt 1 eingerichtet war. Auf der Wiese hinter dem Hotel in einem kleinen Gartenpavillon direkt an der Echaz. Die führt schon fast bordvollen Abfluss, was mich zu der Warnung an die Volunteers veranlasst, über Nacht ein waches Auge auf den Wasserstand zu halten. Wenn es wieder in ähnlicher Intensität zu regnen begönne, ist da nicht mehr viel Luft…

Aber: Geschafft! Am Sonntag abend um 21:06 Uhr stehe ich an CP 1 und blicke in viele freundliche Gesichter und auf eine ausgestreckte Hand, in die ich meine Brevet-Karte drücke. :) Ich zücke auch meine Kamera und erkläre mit ein klein wenig Ironie, dass ich dieses epische Achievment natürlich gebührend auf den Chip bannen und für die Nachwelt festhalten will. Tadaa: :)

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Yes! Der erste Meilenstein ist geschafft! Meine Brevetkarte wird am Kontrollpunkt 1 ausgefüllt.

Natürlich komme ich sofort mit den Volunteers in’s Gespräch. Auch mit einem zwei drei anderen Teilnehmern, die entweder schon da sind oder während meines Aufenthalts ankommen. Sehr komisch – warum sind die Pudelnass und in voller Regenmontur? ;-))

Draußen vor dem Pavillon steht noch ein CP1-Banner, dass natürlich der ideale Hintergrund für ein Foto ist:

Tja – Dunkelheit hat eingesetzt, weiterer Regen ist zu erwarten und jetzt noch den als Pflicht zu fahrenden Parcours hoch zu Schloss Lichtenstein absolvieren? Und dann wieder runter und in ein Hotel? Hmm. Doof. Meine ursprüngliche Vorplanung (und optimistische Hoffnung) hätte mich hier viel früher am Tag gesehen. Dann wäre auf den CP1 direkt der Parcours gefolgt, darauf die Abfahrt auf einer anderen Seite und so direkt die Weiterfahrt. Unterkunft und Nachtruhe dann viel weiter auf der Strecke.

Jetzt im dunklen hoch nach Schloss Lichtenstein und da gar nichts von haben? Also so touristisch und Sightseeing-mäßig. Und mit hoher Chance auf Regen? Und dann doch wieder zurück und hinunter nach Honau? Das mache ich doch morgen lieber direkt nach dem Frühstück und nach regengeschützter Unterkunft in einem Hotel…

So meine dann doch auch von gehörigem Maß an „Erlebnis mit Komfort“ (soweit der geneigte Leser tägliche 200 und mehr Kilometer mit minimalem Gepäck mit Komfort in Verbindung bringen mag… ;-)) anstelle von kompromisslosem „Vorwärts, vorwärts, es ist ein Rennen“ geprägten Gedanken.

Leider war das Hotel Forellenhof komplett ausgebucht. Hätte ich mal gecheckt, dass direkt daneben ein weiteres Hotel war, dass zu dem Zeitpunkt vielleicht noch ein Zimmer gehabt hätte… So zeigt mir HRS und Booking.com leider nichts an. Das nächste freie Hotel ist unten in Pfullingen. Mist – doch noch etwas weiter zurück, als ich es für den Einstieg in den Parcours ohnehin fahren müsste. Aber doch nicht so viel, oder? Letzten Endes sind es aber doch wieder 10 Kilometer, die ich von Honau bergab und zurück fahre. Im großen Maßstab des TCRs nichts, im Vergleich zu meinen übrigen immer sehr passend gefundenen und gewählten Unterkünften aber doch unschön.

Auf dem Weg hinab treffe ich noch „unseren“ Fixie-Fahrer und fahre für eine kurze Plauderer neben ihm. Fixie-Fahrer? Ja, kein Event ist irr genug, als dass man es durch die Wahl seiner Ausrüstung nicht noch irrer machen könnte. Ein Teilnehmer ist das Transcontinental mit einem Starrgang-Rad gefahren. Gut – er hatte kein Singlespeed, sondern immerhin 4 verschiedene Ritzel. Ganz interessant – an jeder Seite zwei fest installierte Ritzel mit unterschiedlicher Zahnzahl, aus denen er wählen konnte. Aber dafür muss er immer anhalten, Rad lösen, Kette um legen und Kette mit Rad wieder spannen… Und hier auf der Abfahrt immer schön mitpedalieren, so schnell, wie es seine Übersetzung und die Fahrgeschwindigkeit vorgibt.

In Pfullingen, kurz vor meinem Hotel, treffe ich an einem Straßenüberweg wieder Christopher. Er hat wie nicht wenige andere Teilnehmer die lange, aber sehr flache nördliche Route entlang des Rheins gewählt. Ihn hat der Tod von Frank Simons in der ersten Nacht des Rennens sehr bewegt. Wir unterhalten uns länger über das Thema und über Rennmotivation etc. Er ist sich noch gänzlich unschlüssig. Will aber noch überlegen und erstmal zum CP 1.

Ich fahre zu meinem Hotel. Oh Mann – ein ganz nettes Hotel, aber in’s Zimmer darf ich mein Rad nicht nehmen. Da ist die Dame und Chefin an der Rezeption beinhart. Der Abstellort ist ja ganz ok. Aber erst mal aus den diversen Taschen alles das heraussuchen, was ich für die Nachtruhe brauche… puh… Zahnbürste und diverse Cremes (für die Zähne und für den Hintern – nur nicht verwechseln… ;-) hier, Ladekabel dort, T-Shirt und Slipper da usw.

Auf dem Zimmer angekommen werden erst mal die Kalorien nachgefüllt! Auf dem Weg von CP 1 herab bin ich an einem Döner-Laden vorbeigekommen. Da habe ich mir einen schönen Döner Kebap im Fladenbrot geholt. Und hab so ziemlich von jedem Teil im Kühlregal eine Probe mitgenommen. Eine Cola, einen türkischen, sauer-salzigen Trinkjoghurt und dann lachte mich da noch eine Dose „original türkische Limonade“ an. Was kann da schon schief gehen? Im Zweifelsfall war da extra viel Zucker und damit extra Treibstoff drin…

Der Döner war lecker und der Trinkjoghurt überraschend gut und bestimmt auch für den Mineralienhaushalt sehr hilfreich. Aber die türkische Limonade… meine Herren, das war so ein Red Bull Energy Drink Verschnitt. Aber wahrscheinlich eher für Pferde als für Menschen gemixt… Jedenfalls habe ich stundenlang kein Auge zu machen können. Habe dann mitten in der Nacht versucht, den Effekt durch Bier aus der Minibar zu kontern… Naja, so ein Rothaus Tannenzäpfle in Ehren… Ob das jetzt geholfen hat? Jedenfalls konnte ich dann irgendwann doch etwas schlafen.

Fazit bis zum Cp1

Zwar bin ich bewusst nicht mehr den Parcours zum CP1 gefahren, aber bin mit der Tagesstrecke dennoch zufrieden.

Zu jedem Kontrollpunkt gehört ein mehr oder weniger langer Parcours, der exakt wie vorgegeben zu befahren ist. So soll an jedem Kontrollpunkt wirklich jeder immer eine ganz besondere Strecke fahren – meist ein Anstieg oder ein besonders anspruchsvoller Streckenabschnitt. Dieser ist für alle gleich. Er kann mal kurz sein – z.B. rund 7 km – er kann aber auch mal, wie bei CP 4, aus der gesamten Transfagarasan-Hochstraße bestehen.

Vom Start heute morgen über den CP1 bis zum Hotel hatte ich mit 243 km und 2100 Höhenmetern sowohl für die Strecke als auch für den Anstieg fast exakt die gleichen Zahlen wie am Vortag. Vom ersten Start der Aufzeichnung am Morgen um halb Zehn bis zur Ankunft um 20 vor 11 im Hotel war ich mit allen Stopps 13,2 Stunden unterwegs. Damit war meine Reisegeschwindigkeit bei 18,4 km/h. In Bewegung – das ist der Wert, den auch Strava immer angibt – war mein Schnitt knappe 26 km/h. Das finde ich für so einen Tag und so ein Unterfangen sehr gut. Aber letzten Endes: Die Uhr stoppt nie – es zählt der Schnitt über alles. Inklusive Schlaf.

Seit dem Start habe ich bis hierhin 607,7 km zurückgelegt und 5416 Höhenmeter überwunden.

Strava_Screenie_Stint03
Stint 03 meines Transcontinental Race 2017: Von Saargemünd nach Honau (CP1) und Pfullingen

Der nächste Berichts-Teil wird wieder deutlich Foto-lastiger. Sehr deutlich! Er wird von CP1 bis CP 2 berichten…

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