Mein Transcontinental Race 2017 – Der Anfang

Ahh, das Transcontinental Race! Was für ein Rennen! Was für ein Erlebnis! Was für Erfahrungen!

Ich kann es noch gar nicht in Worte fassen. Noch in Gänze begreifen. Oder gar eine Zusammenfassung geben. Dazu ist es noch viel zu früh. Dazu ist zu viel passiert. Mir und anderen. Mir glücklicherweise meist nur Gutes. Bzw. nichts Schlimmes. Knappe zweieinhalb Wochen, die ich aber schon jetzt nicht mehr missen möchte und schon jetzt brenne ich darauf, ein nächstes Mal dieses Rennen zu bestreiten, sofern es mir nur irgend möglich ist.

Auch zum jetzigen Zeitpunkt, wo ich schon längst wieder im Büro sitze, kommen noch Fahrer ins Ziel nach Meteora und beenden Ihre persönliche Reise. Die Geschichte des Rennens wird also auch jetzt noch geschrieben und seine Facetten werden – wie auch schon während des Rennens – nach und nach durch die Teilnehmer selbst in den verschiedenen sozialen Medien über Mitteilungen, Kommentare, Fotos, Videos und Erfahrungsberichte offenbar. Und ich kriege jedesmal Gänsehaut, wenn ich Bilder sehe und weiss – ja, ich war ein Teil davon…

Wo und wie also beginnen? Am Besten am Anfang. Am Besten bei der Anreise zum Start in Belgien.

Die Anreise

Sie beginnt am Donnerstag, den 27.07. vor dem Rennen. Mit dem Zug nach Brüssel, das wäre ja eine gute Option. Auch, wenn es oft gar nicht so einfach sein soll, mit dem Rad per Bahn zu reisen. Einer von vielen Gründen, warum ich Bahnreisen generell skeptisch gegenüber stehe (sie können wohl ganz praktisch sein, fährt man von einem Hauptbahnhof zu einem anderen und braucht kein einziges Mal umsteigen. Bonuspunkte, wenn man direkt neben dem Hauptbahnhof wohnt, kein Gepäck dabei hat und am Ziel direkt neben dem Hauptbahnhof zu tun hat….)

Aber: Bahn ist ohnehin keine Option, Wuppertal ist mal wieder bahntechnisch komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Und mit dem vollgepackten Transcontinental-Rad in den Schienenersatzverkehr und sich dann auf eine Umsteigelotterie einlassen? Nein Danke – Südosteuropa kommt früh genug…

Ich wähle eine für mich sehr bequeme, aber sicherlich nicht sonderlich preisgünstige Variante: einen Mietwagen One-Way Wuppertal nach Brüssel. Mit meinem Crosser morgens rein nach Elberfeld, den Mietwagen abgeholt. Mit dem Crosser im Kofferraum zurück zur Wohnung. Nochmal final mein TCR-Rad gepackt, denn das komplette zusammenlegen und erste einpacken meiner Ausrüstung fand erst letzte Nacht um 1 Uhr statt und war noch nicht wirklich tauglich…

Dann das Rad in den Mietwagen und ab damit direkt in das Zentrum von Brüssel, wo ich den Wagen sehr praktisch direkt neben dem Hauptbahnhof abstellen und von dort meine Anreise mit dem Rad fortsetzen konnte.

Entgegen meiner ursprünglichen Idee habe ich keine Lust, in Brüssel selbst noch etwas Sightseeing zu machen. Ich will so schnell wie möglich nach Geraardsbergen. 42 Kilometer sind es vom Zentrum Brüssels aus bis dahin.

Von Brüssel nach Geraardsbergen

Ich bin einer Track-Empfehlung aus der TCR-Facebook-Gruppe gefolgt, um von Brüssel nach Geraardsbergen zu fahren. Die Empfehlung war auch gut, war aber trotzdem in weiten Teilen landschaftlich wenig reizvoll und öde. Und in Brüssel und Vororten geradezu hässlich. Ich mag Städte meist nicht. Der Verkehr ist grottig. Die Straßenoberflächen ebenso. Es gibt jede Menge Fallen (Sinkkästen, abgesackte Kanaldeckel, Bordsteine etc.) und wenn irgendwo Glasscherben rumliegen, dann auch vorrangig in Städten. Asoziales Pack. Brr. Reizvoll wurde die Strecke erst am Kanal entlang, der bis nach Geraardsbergen hinein führte.

Ich bin locker gefahren, um keine Energie im vorhinein zu verpulvern. Hatte auch Gegenwind. Der wäre ja für morgen ideal als Rückenwind… (hatte da dann natürlich gedreht).

Auf dem Rad bzw. viel mehr auf dem Sattel (mein Brooks Cambium C15 Carved) wurde ich überhaupt nicht glücklich. Ich drehte und wand mich quasi. Fand ihn total unbequem. Dachte nur stets, oh Gott, was soll das denn hier nur auf dem TCR werden!? Und wieso fühlt das sich so schlimm und nicht durchhaltbar an? Du hast den Sattel doch auch genau mit der Hose schon mal über 300 km getestet und für gut befunden (so gut, wie’s halt nur geht. Meine Sattelsuche war bis zum Schluss immer noch unvollendet – und wird es wohl auch immer bleiben, egal wie viele Sättel ich probiere. Das ist wohl das Schicksal eines jeden Radfahrers etwas längerer Strecken…)

Wieso hab ich doch nur diese eine Hose (Assos) dabei? Wieso nicht doch noch die Rapha Classic II Bibshorts (die hatte ich neu getestet und war sehr positiv überrascht) als Wechselhose? Jetzt hast du den Salat und musst damit klar kommen – das waren im großen und ganzen meine Gedanken im Hinblick auf Vorfreude während der Hinfahrt…

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Die Dender vor Geraardsbergen.

Am Kanal angekommen besserte sich das. Die Gegend war reizvoll, ich holte das iPhone für ein paar erste Fotos und Selfies heraus und freute mich schon auf das  erste Treffen einiger anderer Teilnehmer, die ich sicher in Geraardsbergen heute schon treffen würde. Mein Ziel war das Fast-Food Restaurant „Pasta al Dente“ welches die TCR-Teilnehmer eingeladen hatte, sich dort bei Live-Musik zu treffen.

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Kohlehydrat-Anlaufstelle Nummer 1 am Anreise- und auch am Start-Tag. Al Dente in Geraardsbergen hiess die TCR-Teilnehmer mit Live-Musik willkommen.

Direkt am Kanal gelegen und nur wenige 100 Meter vom Ort der Registrierung für den Start entfernt, war Pasta al Dente nicht nur am heutigen Tag eine Hauptanlaufstelle und Quelle leckerer pastaförmiger Kohlenhydrate.

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Pasta Al Dente – Willkommenstreff mit Livemusik.

Als ich ankam, spielte schon die Band (und die zwei waren richtig Klasse! Wenn auch meist etwas zu laut, um sich wirklich gut unterhalten zu können). Und so rund 20 Teilnehmer waren unter anderen Gästen auch schon da und unschwer zu erkennen. Dazu brauchte es nicht mal die Bikes, die sich fast schon stapelten… :)

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Ein Reihe Transcontinental-Bikes. Mein J.Guillem Orient zu Vorderst.

Ich grüßte, setzte mich hinzu, schüttelte Hände und versuchte mir, wenigstens ein paar der Namen und Länder zu merken. Ein paar Gesichter kannte ich schon im Vorfeld, z.B. aus der TCR-Facebook Gruppe. Rad Rishi war sofort zu erkennen. Björn Lenhard war auch schon da. René Bonn hab’ ich da kennengelernt und auch Walter aus Österreich.

Später kam noch Christopher Jobmann (aka Lieblingstourer) vorbei. Ich sah ihn mit Freundin auf der anderen Straßenseite und dachte – na, dass muss er doch sein und ging rüber, um ihn anzusprechen. Das war schon mal ein guter Start mit leckerer Pasta.

Abends so gegen halb Neun bin ich dann zu meinem gebuchten AirBnB gefahren (etwa 8 km außerhalb von Geraardsbergen). Dort habe ich noch einen schwedischen Fahrer getroffen.

Beim Losfahren hatte ich mein Rücklicht vergessen. Glücklicherweise lag es am nächsten Morgen noch dort auf dem Fenstersims, wo ich es am Vorabend liegen lies.

Am Morgen des Renn-Starts

In meiner Unterkunft hatte ich auf Frühstück verzichtet. Versuchte aber, auszuschlafen und den Morgen geruhsam angehen zu lassen. Mit einem Kaffee wurden die sozialen Medien nochmal gecheckt und ich packte mein Rad.

Gerade mit der Ortlieb Seat-Pack und ihrer Formhaltigkeit bzw. ihrer Befüllung war ich noch gar nicht zufrieden. Schob es vorrangig meiner Unerfahrenheit in der optimalen Befüllung bzw. im optimalen Packen einer solchen Tasche zu. Da mag auch etwas dran gewesen sein. Aber, um es vorwegzunehmen: ich wurde dann sehr schnell besser und erfahrener im Packen und in der Handhabung dieser Tasche, die Tasche wurde aber nicht furchtbar viel besser in ihrem Vermögen, mit der Befüllung bzw. den Anforderungen des Bikepacking umzugehen. Ich werde dazu an anderer Stelle noch ausführlicher Schreiben. Hier an dieser Stelle nur soviel: schon hier deutete sich an, dass ich der Ortlieb Seat-Pack keine Empfehlung mehr würde aussprechen können. In der Tat, ich werde mich nach einem anderen Produkt umsehen. In meinen Augen ist die Ortlieb Seat-Pack nicht Transcontinental tauglich. D.h., nicht mal für Bike-Packing auf der Straße (wenn auch auf teilweise sehr schlechten). Für Bike-Packing über Trails… da kann ich mir sie überhaupt nicht vorstellen. Bzw. nur im sehr deutlich unter ihrer angegebenen Kapazität befülltem Zustand.

Naja – diese Gedanken hatte ich in der Form da noch nicht, sondern ich freute mich, komplett ausgerüstet und startfertig angezogen (aber noch ohne Sitzcreme) um 11 Uhr Richtung Geraardsbergen zu rollen, um dort ein ausgiebiges Frühstück einzunehmen, dass auch Mattentarts beinhalten sollte (When in Rome… ;-))

Mein erster Weg führte mich zu Pasta al Dente. Uff, glücklicherweise lag dort mein erstes Rücklicht (für die Laschen der Ortlieb Seat-Pack) noch auf dem Fenster-Sims. Dann stöberte ich Richtung Marktplatz. Im Vorfeld wurde mir Olavs Mattentartenhuis empfohlen. Davor traf ich weitere Rennteilnehmer bzw. Begleiter. U.a.
Kajsa Tylen (www.ayearinthesaddle.com). Innendrin traf ich Olav, der mir ein leckeres Frühstück mit Kaffee, Brot, Rührei mit Speck und dann als Dessert eine kleine Mattentart mit noch einem Kaffee machte. Frisch gestärkt und ausgeruht ging’s dann zur Registrierung.

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Wenn ich’s schon nicht in Brüssel besucht habe… Originelles Waschbecken in der Toilette von Olavs Mattentarthuis.

Die Registrierung

Die Registrierung war von 10:00 bis 16:00 Uhr im Jeugdcentrum De Spiraal angesetzt. Ich bin etwa um halb eins oder so dort angekommen. Geschäftiges Treiben in der großen Halle. Am Eingang, im hinteren Teil innen und dahinter in weiteren Fluren: überall Teilnehmer-Räder. Das alleine war schon ein Highlight, das stöbern und ansehen der verschiedenen Räder und der verschiedenen Set-Ups. Von Hacks bis Bodges alles dabei. Richtig coole Räder. Richtig durchdachte Räder. Und auch eher zweifelhafte Konstruktionen. Dazwischen und an den Seiten nicht wenige Teilnehmer, die versuchten, noch etwas Vorausschlaf zu bunkern. Und ansonsten das geschäftige Treiben der Volunteers, die von den jeweiligen Stationen aus immer die aktuell nächsten „Laufnummern“ ausriefen. Kam mir teilweise wie in einer Auktionshalle vor. ;-)

Registrierung und Briefing
In der Halle des Jeugdcentrum „De Spiraal“. Registrierung.

Am ersten Tisch bekam jeder einen Laufzettel und eine Laufnummer und wurde mit dieser zu den jeweiligen Stationen gerufen. Laufzettel ausfüllen. Startdokumente prüfen. Persönliche Teilnehmerkappe mit Startnummer in Empfang nehmen. Tracker-Übergabe und Erläuterung. Bike-Check.

Registrierung und Briefing
Mit dem Laufzettel bei der Kappen-, Musette- und Tracker-Ausgabe.

Der Bikecheck wurde ernst genommen und war echt hilfreich. Helme und Sicherheitswesten wurden nicht nur auf Vorhandensein, sondern auch auf tauglichen Sitz geprüft. Lichter mussten eingeschaltet werden. Am Rad wurden Lagerspiele, Schalt- und Bremsfunktion geprüft. Sehr gut.

Brauchte aber alles seine Zeit. Ich war mit allem so gerade um 16:30 Uhr durch.

Langweilig war es aber nie. Es gab ja so viel zu schauen. So viel zu fachsimpeln bzw. einfach auch zu fragen. Ich habe kurz mit Stéphane Ouaja gesprochen, weil ich sein neues Specialized Venge Vias bewunderte. In dem Setup eine wirklich heisse Maschine. Seine Worte zum Thema Ultraendurance-Cycling bzw. TCR. „It’s just so simple – just go out and pedal“ :)

Registrierung und Briefing
Bikes, Bikes, Bikes in der Registrierungshalle. Hier das sehr coole Specialized Venge Vias Disc von Stéphane.
Registrierung und Briefing
Ein Foto meines Rades während der Registrierung darf natürlich nicht fehlen. Glastürspiegelungs-Selfie eingeschlossen. :)
Registrierung und Briefing
Sicherlich eine im Reigen der übrigen Räder ungewöhnliche Taschenkonfiguration. Aber auch ein außergewöhnlich schickes Rad!

Meist zusammengesessen hatte ich dann mit Walter aus Österreich – nach seinen Worten vom letzten TCR als „Lederhosen-Racer“ bekannt – und mit Arron aus Deutschland. Auch für Arron war es das erste Transcontinental. Er hat entgegen zu mir aber schon Brevet- und Übernacht-Erfahrung. Blut geleckt habe er beim letzten Paris-Brest-Paris, so sagt er.

Zwischendurch – aus den Ausrufen der Laufnummern kann ich erkennen, es ist noch jede Menge Zeit – hole ich Walter und mir aus dem nahegelegenen Pasta al Dente zwei ordentliche Becher Nudeln. Das Carboloading darf ja nicht zu kurz kommen. :)

Die gesamte Registrierung war dann vielleicht erst so gegen 17:30 komplett durch – so dass sich das Fahrerbriefing, welches dann bis rd. 19:00 dauerte, nahtlos anschloss.

Registrierung und Briefing
Die Stuhlreihen füllen sich, das Briefing steht unmittelbar bevor!

Juliana Buhring übernahm in ihrer Rolle als TCRNo5 Race Coordinator den Hauptanteil des Briefings, aber auch Anna sprach zu uns und auch Mike Hall in einer Reihe von vor seinem Tod aufgenommenen Briefing-Videos. Offensichtlich emotionale Momente. Aber auch nochmals mehr Einsicht in die Gedanken und die Weitsicht von Mike und in den Spirit von Selbstversorger-Rennen und des Transcontinental!

Nach dem Briefing erhielt jeder Teilnehmer noch das wichtigste: seine Brevet-Karte!

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Von hier an: Mein Schatzzzzzz! Cap Nummer 52 und TCRNo5 Brevet-Karte

Nun noch die Zeit rum bringen nach dem Briefing bis zum Start. Endlich raus aus der Halle und an’s Tageslicht. Leider ist das jetzt eher trüb. Es beginnt zu tröpfeln und ab und an gibt’s einen leichten Schauer. Bis zum Start wird das aber aufhören. Die Gore Jacke wird trotzdem angezogen, es ist ein klein wenig zu kühl für’s Trikot alleine. Und der Start geht eh‘ in die Nacht.

Endlich mal was anderes als Nudeln? Rund um den Marktplatz sind die Cafés eher Bars und ich bin nicht so der Typ, der sich da mit einem Bier oder Aperol Spritz hinsetzt. Draußen war’s auch eher nicht so gemütlich. Gab aber viel zu sehen. Aber ich wollte ja was ordentliches Essen. Das einfachste war: wieder nach Pasta al Dente, den nächsten „Nudeleimer“ besorgen. Dort war man fast schon komplett ausverkauft. Es gab nur noch eine Sorte und die letzten Nudeln waren im Wasser. Jemand von den Volunteers lies mich extra vor. Sagte: er nimmt, was dann noch übrig ist. Die Racer gingen vor. Es stellte sich heraus, dass Cap-Number 52 seine Startnummer des Vorjahres war, meinte er. Klasse.

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#TCRNo5cap052 bereit zum Start auf dem Marktplatz von Geraardsbergen.

Noch ein paar Gespräche mit Teilnehmern aus Serbien und Südkorea. Dann etwa eine halbe Stunde vor 10 langsam zum Marktplatz. Vorher noch die ganze Zeit nervös auf Trackleaders.com geschaut… wann erscheint meine Race-Nummer 52 in der Teilnehmer-Liste und der Tracker als Dot und Aktiv? Bis zum Start war da immer noch nichts. Es hatte wirklich bis zur letzten Sekunde gedauert, bis sich auch mein Tracker aktiv eingebucht hatte bzw. auftauchte.

Der Start

Aber der Start! Gänsehaut. Anna sagte ein paar kurze Worte, Patrica, die Mutter von Mike Hall auch. Sehr bewegend. Eine Schweigeminute für Mike. Dann, weil Mike es sich so gewünscht hätte: Make some Noise…! Gejohle, Jubeln! Start in die Ehrenrunde!

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Start des Transcontinental Race 2017.

Es folgt: die Kapelmuur! Links und rechts anfeuernde Geraardsberger, Familienangehörige, Freunde und Startbegleiter. Mit Fackeln in der Dunkelheit und den Lichtern der Rennteilnehmer. Wow! Ganz starke Sache. Ganz starke Gefühle. Die Kapelmuur: steil natürlich. Meine Sorgen über Stau oder Stopper und ausklicken müssen wegen Fails vor mir sind unbegründet. Wer sich für ein Transcontinental anmeldet, scheint aber nun wirklich zu wissen, wie man ein Rad über jeden Untergrund bewegt. Auch wenn es vollgepackt ist und der Weg mit Kopfsteinpflasteruntergund in den Himmel strebt (oder aber ich hatte einfach nur Glück. In einem anderen Bericht habe ich gelesen, das vor ihm einfach ausgeklickt und zu gehen begonnen wurde…).

Und dann, oben: Race frei. Ein langer Strom aus rot leuchtenden und rot blinkenden Rücklichtern ergießt sich auf die Straßen Belgiens. Zunächst ergibt sich scheinbar keine Aufteilung. Mal überhole ich, mal werde ich überholt. Dann, irgendwann, biegt an einer Kreuzung mal einer, mal zwei drei, mal ein Pulk ab. Der Rest bleibt auf meiner Route. So geht das lange weiter und noch bis bestimmt km 60 sind wir ein kleines, wenn auch jetzt brav außer Windschattenreichweite auseinandergezogenes Grüppchen.

Irgendwann überhole ich mal und bin dann nach einer Kreuzung das erste Mal wirklich alleine in der Nacht. Wow, denke ich. Der erste gedankliche, der erste emotionale Meilenstein. „Heiße“ Startphase ist jetzt um, nun weiter alleine durch die Nacht, alleine durch Europa.

Weit gefehlt. In Charleroi, das sich ab km 70 scheinbar endlos zieht, sind wir, durch Ampelphasen zusammengeführt, plötzlich wieder zu dritt. Und erst etwas hinter Charleroi, wo einige Anstiege folgen, bin ich dann wieder allein.

So folge ich meiner Route bis nach Agimont. Hier hatte ich im Vorfeld auf der Suche nach guten Biwakplätzen entlang meiner Route einen Schulhof samt überdachtem Aufenthaltsbereich entdeckt. Es stellte sich als ein idealer Platz für mich heraus. Nach 115 km und knapp 5 h Fahrtzeit mit einer xPower (155 Watt) im unteren Bereich meines Ausdauerbereichs (Zone 2: 146 – 199 Watt) und einer relativen Intensität von 0,59 beendete ich also um 3:00 Uhr in der Nacht meinen ersten Stint des Transcontinental Race.

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Stint Nummer 1 meines Transcontinental Race. Vom Start in Geraardsbergen durch die Nacht bis nach Agimont.

Jetzt konnte ich 3,5 h schlafen (von 3:30 bis knapp 7:00) schlafen und war dann um 7:30 Uhr doch sehr ausgeruht in dem von mir gesuchten Tag-Nacht-Rythmus (tagsüber fahren und nachts schlafen) am Start für Stint 2.

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Mein Tweet dazu: „My 5 star bivy for the night. Managed to get 3.5 hrs sleep #TCRNo5 #TCRNo5cap052“
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Mein erstes Nachtlager am folgenden Morgen. Das war auch das einzige Mal, dass ich die Isomatte und den Schlafsack benutzt hatte.

TCRNo5 Stint 2: Von Agimont bis Saargemünd

Der erste „Tag“ des Transcontinental. Er beginnt mit dem Einpacken des Schlafsacks und der Schlafmatte (schnell gemacht) und dem wieder anlegen der Radmontur. Ganz ordentlich und im Sinne bester Hygiene hatte ich mich vor dem Schlafen aus den Radklamotten geschält, sie zum Lüften über eine Bank gelegt und per Hygiene-Feuchttüchern meinen Hintern von der Sitzcreme befreit. Luft zum Atmen und frischer Popo – die „Main-Assets“ eines Ultraendurance-Events. :)

D.h. jetzt musste natürlich vor dem Losfahren auch wieder frische Schutzcreme auf den Poppes bzw. in den Schritt. Auch hier taten die Feuchttücher, bzw. eines davon, wieder ihre Dienste: Hand wieder von dem Schmierzeug befreien.

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Der Tag ist längst erwacht, tolles Wetter wartet. Aber mein überhaupt aller erstes Bike-Packing Biwak muss noch fotografiert werden. :)

7:30 Uhr, bestes Wetter, Start in den Tag.

Meine Route führt mehr oder weniger Luftlinie Richtung Control Point 1. D.h. ich befinde mich mal links mal rechts der Grenze. Mal in Frankreich, dann wieder Belgien, dann Luxemburg, dann Frankreich, Deutschland und wieder Frankreich. Die Route ist mit verschiedenen National- und Naturparks (u.a. die Ardennen am Start) recht reizvoll und teilweise ruhig und verkehrsarm. Das erste Örtchen, Givet, wacht gerade auf. Der MacDonalds am Ortsausgang leider noch nicht. Ihn umkurvt bereits ein anderer TCR-Fahrer. Doch das Schild an der Tür sagt: Geöffnet erst ab 10:00 Uhr. Soviel zur Vorab-Planung über Google-Maps… :)

Weiter geht’s also, erst mal wieder in Belgien. Der nächste Ort und damit eine Snack-Bar mit frischen Baguettes ist schnell erreicht. Da gibt es meine erste Renn-Mahlzeit. :) Ein Baguette-Sandwich mit Käse, Ei und gekochtem Schinken, ein Café au Lait und eine Fanta zum Direktverzehr und ein Thunfisch-Creme-Baguette-Sandwich zum mitnehmen. Das kommt in meine Foodpouch.

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Mein erstes Transcontinental Race Frühstück: Café au Lait, Käse-Schinken-Ei-Majo-Sandwich, Orangina und Mineralwasser.
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The orange is strong in this one! „Road is the way of life“ das Motto.

Jetzt geht es über die Tiennes de Redu erst mal rund 200 Höhenmeter nach oben und mit ein paar weiteren Wellen in die Nordvogesen. Das lässt sich danach aber sehr gut fahren. Im Grunde geht es danach dann auch erst mal prinzipiell bergab.

Später suche ich mir eine schöne Stelle zum Rasten. Natürlich wäre es optimal, mein Baguette-Sandwich im Fahren zu verzehren, aber ich will/muss mehrere Dinge machen. A) austreten. B) Sonnencreme auftragen. C) Wahoo Elemnt und das iPhone an die Powerbank anschließen, da diese ja schon die Nacht hinter sich hatten. Und dann konnte ich auch D) den Kontaktpunkten (also Hintern, Händen und Füßen) etwas Pause gönnen und auf einer Bank das Sandwich essen.

Insgesamt wird der heutige Stint knapp 250 km lang. Und weisst 2295 Höhenmeter auf. Das ist knapp unter Bergfaktor 10. Nach meinen Standards also fast flach. Aber – Junge, die haben heute echt gebremst. Da wird anfangs der Gegenwind beigetragen haben. Und die Kilometer der Nacht auch. Auch wenn ich nach Randonneursstandards mit 3,5 h ja wohl fast schon luxuriös auskömmlich genächtigt habe. ;-)

Am frühen Nachmittag hatte ich hinter Luxemburg ein Tief. Der Motor wollte irgendwie nicht mehr als 150 Watt hergeben und Auflieger wollte ich auch nicht so wirklich fahren. Der Kraftfluss durch den unteren Rücken war nicht da – der tat lieber weh. Der Falafel-Burger bzw. die Falafel-Tasche aus Luxemburg hatte überhaupt nicht gezündet. Ich frage mich jetzt: Kopfsache, temporäres Tief oder Zuckermangel? Erst als mich in einer Steigung ein TCR-Pärchen überholte, sich über Messenger just auch Boris (von Unterlenker.com) meldete, der sah, dass ich durch sein Revier kam und mich anfeuerte und ich mir ein Gel reinpfiff hatte ich wieder Druck. Und richtig Druck hatte ich dann nach Siersburg, wo es ein Spagettieis ‚Tutti Frutti‘, einen Cappu Doppio und eine Cola gab. Dreifach-Brenner! :)

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Spaghetti-Eis in Siersburg.

Hier waren also schon erste Ansätze der Hitzeauswirkung und der kommenden Hitzewelle zu spüren. Aber ich habe auch gelernt. Ich dachte, mit „etwas richtigem zwischen den Zähnen“, also einem bzw. zwei ordentlichen Baguettes, dann einem Burger bzw. einem Döner (in Luxemburg wählte ich die Falafel-Variante), gekoppelt mit einer Pause – so ist man für ein Ausdauer-Event gut und herzhaft versorgt. Nö –  ich bin im späteren Verlauf viel besser mit häufigeren und leichteren Stopps / Nahrungsaufnahmen klar gekommen. Die bestanden Versorgungs-, Wetter- und Appetitbedingt dann überwiegend aus Softdrinks, Eiskrem und Joghurts. Garniert mit Smoothies und Eiskaffee-Variationen aus dem Kühlregal.

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Zum ersten Mal kurz in Deutschland. Im Saarland, hier an der Nied bei Siersburg.

Direkt am Ende meiner Eispause mache ich noch um 17:00 Uhr die E-Mails auf. Da hatte ich dann auch vom Tod Frank Simons erfahren. So eine furchtbare Sache auf so vielen Ebenen. Unfassbar. Viele Gedanken. Klar: selbstsüchtige: das schöne Rennen, das tolle Event. Nicht schon wieder! Nicht kaputt machen. Wird es weitergehen? Ein halbes Jahr dafür gefiebert, gelebt, trainiert, erprobt, ohne Ende Kohle ausgegeben. Empathie für die Rennorganisation. Allen voran Anna. Mit so vielen tragischen Ereignissen im Vorfeld und der Energie und den Gefühlen, die notwendig gewesen sein müssen, dieses Rennen wahr werden zu lassen. Und dann das! In der ersten Nacht direkt! Oh mein Gott!. Gedanken an die Angehörigen von Frank Simons, die ich, wie Frank selber, überhaupt nicht kannte. Darüber habe ich mich dann mit mehreren Teilnehmern ausgetauscht, die ich danach getroffen habe. Unter anderem länger mit zwei Briten am Saarufer in Saarbrücken. Einer davon langjähriger Organizer des Ride London. Die waren der Meinung, dass es wahrscheinlich zum einem Abbruch kommen würde. Alleine schon aus Race-Liability Issues. Ach – alles Schlimm. So was von gemischten Gefühlen. Denn der Tag war super, das Wetter Klasse und die Landschaft toll! Und gerade auch das Fahren an der Saar entlang war sehr reizvoll. Später am Abend dann die zweite offizielle Race-Mail: Das Rennen geht weiter, dem Wunsch von Frank und seiner Frau entsprechend. Ich glaube, ich finde das Gut. Mal sehen, was eine Nacht Schlaf bringt.

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Die Saar bei Saarlouis.

Nicht wenige Teilnehmer werden aufgrund dieses tragischen Ereignisses das Rennen beenden. Einigen weiteren wird es so im Hinterkopf bleiben, dass sie bei dem kleinsten (oder auch ernsthafteren) Verkehrserlebnis (dicht überholt werden oder gefühlte Unsicherheit auf der Straße) sich darauf besinnen und noch im späteren Verlauf das Rennen beenden.

Ich schaue nach dem Gespräch am Saarufer noch, ob es ein ordentliches Café im Zentrum Saarbrückens an der Saar gibt… nein, gibt es nicht, dafür drei Eiscafés hintereinander… argh. Und fahre dann weiter. In sinnvoller Reichweite erscheint mir Saargemünd bzw. Bitche direkt hinter der französischen Grenze, um dort per HRS-App über das iPhone ein Hotel für die Nacht zu buchen. Brit Hotel ist der Ort der Begierde. Einfach, aber überhaupt erstmal vorhanden. Und vis-a-vis eines McDonalds. Bingo! :)

Im McDonalds treffe ich Vytenis und Mindaugas, Cap Number 271a und 271b. Beide kommen aus Littauen beide werde ich ab und an im Rennen nochmal sehen. Zuletzt am CP4. Sie wollen auch im selben Hotel übernachten. Genau solche Begegnungen haben mich während des Rennens immer wieder gefreut und fasziniert. Wir alle sind selbstversorgt solo oder als Duo quer durch Europa unterwegs und suchen unsere eigenen Routen und machen eigene Erfahrungen auf die eigene Art. Aber wir alle sind vereint im Geiste des Rennens und in der Gesamtheit der Erfahrungen, die wir unterwegs machen. Und über die wir uns austauschen, wenn wir uns über den Weg laufen. Ob an den typischen „Futterstellen“ wie Tankstellen, Supermarkt-Parkplätzen oder Fast-Food-Restaurants entlang naheliegender Streckenauswahl oder an den Kontrollpunkten bzw. um sie herum.

Großartig.

to be continued…

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Stint 02 meines Transcontinental Race 2017: Von Agimont nach Saargemünd/Bitche

 

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6 Kommentare zu „Mein Transcontinental Race 2017 – Der Anfang

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